abseits

es gibt diesen punkt, da ist sie nicht mehr zu ertragen, diese gleichförmige masse der gesichtslosen mit immer dem selben stumpfen ausdruck in den augen. die stadt verblödet uns, weil sie uns mehr empfindung abverlangt, als wir überhaupt geben können. also geben wir einfach gar keine mehr. wir haben das dosieren verlernt. dann stellen wir uns gegenseitig nur noch die blöden fragen nach dem wetter und der arbeit und in unseren lungen hängt der dreck der welt. dabei ist es so einfach zu erklären: in der gegnerischen hälfte der gegnerischen torlinie mit füßen, rumpf und kopf näher als der ball und der gegnerischen torlinie näher als der vorletzte gegenspieler. abseits.

da stehen wir und könnten ja mal ein nichts tun und warten, ob uns die decke dann endlich auf die hübsch frisierten köpfe fällt, statt dessen pilgern wir zu den bäckereien im ehemaligen osten der stadt, weil es da ehrliches brot und ehrliche schnittchen gibt, dicke scheiben brot, bestrichen mit butter und mit schnittlauch bestreut. unsere neue religion ist das butterbrot. aber ehrlich muss es sein.

und dann der schmerz. auch ehrlich, wie wahre ehrlichkeit eben immer brutal ist. die wunde, die wieder aufriss, bisweilen eitert. in diesen momenten wäre es schöner, wenn die dinge ein bisschen mehr meta wären und weniger körperlich. der schmerz pocht, einen neuen rhythmus gibt es nicht. am ende, nachts im schlaf, ist jeder ganz für sich allein.

mich zieht es zu den kleinbuchstaben auf den kleinen papierfetzen, ich weiß, was das heißt, ich kenne die zeichen. die nebelmaschine läuft, die zeichen sind keine leuchtraketen, und schon ist eine diskokugel interessanter als die papierschnipsel auf dem fußboden. so ist das eben mit uns nachtfaltern. wäre ich papier, dann wäre ich gerne ein kranich.

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Statt Karten

“Schreib doch mal ne Karte, oder ruf mal wieder an”, hast du gesagt und mich dabei so angeschaut. Ich hatte immer gedacht, wir könnten mal anfangen, das sein zu lassen, dieses Verpacken von Wünschen und Wollen in glitzernde Blicke und das Drumherumschlingen von Formulierungen.

Ich werde die Karte vergessen und anrufen werde ich auch nicht. Mir ist das nämlich alles zu blöde. Was mir lieber ist als dieses Auspacken tausendfacher Lagen von Verpackungen, sogar viel lieber ist, ist, mir einen Moment zu teilen mit niemandem sonst, am liebsten am Abend, und beim Blick in den gar nicht so wolkenlosen Himmel noch eine Zigarette zu rauchen und einfach gar nichts zu denken und schon gar nicht an diese Blicke wie zugelaufene Welpen. Blicke, zugelaufene Welpen und Postkarten, das sind so Sachen, dafür werde ich nach meiner Rückkehr eine Sprechstunde einrichten, die aber leider nie stattfindet. Und ob ich zurückkomme, weiß ich leider auch nicht.

Ich sitze im Zug. Vor der Abfahrt kommt der Schaffner vorbei und erkundigt sich, ob ich wirklich in dieses hässliche Ortschaft am westlichen Rand der Insel fahren will. Ich empfinde diese kleine Geste in diesem Moment als große Zärtlichkeit, gebe ihm als Zeichen meiner Dankbarkeit meine Fahrkarte, er beißt zwei Löcher hinein und geht weg. Bleiben noch wir, R. und ich, und machen Selbstportraits. Er sagt, ich müsse melancholisch aus dem Fenster schauen, schließlich säßen wir jetzt in einem Zug, da mache man das so. Ich schaue also melancholisch. Andere sagen, ich sähe einfach nur fertig aus.

Denn es gibt nichts mehr zu werden, nicht einmal mehr Astronaut. Liebe hingegen kann noch etwas werden und schaut nie melancholisch aus dem Fenster. Aber schwierig wird es für sie dann, wenn sie keine Fenster kennt.

Polizisten in dunkelblauen Uniformen treten die Abteiltür ein, sie tragen Pistolen und Schlagstöcke an weißen Gürteln, durchs offene Zugfenster strömt der Rauch der Diesellok herein und füllt alles mit Nebel, Dagobert singt “Ich will dir alle meine Liebe schenken” und im Hintergrund trötet eine sehr laute Alarmanlage. Es ist eine menschenfeindliche Gesellschaft.

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krieg und frieden

die löffel schmecken nach honig, die sonne scheint nicht. was bleibt, sind das nichtlicht, die leute im haus, die mauern einreißen, und immer zwei handbreit abstand zwischen unseren träumen. wir haben die subtilitätsstufe eines faustschlags erreicht. was steht, sind der rauch von 29 zigaretten in der luft und ein storch im leeren tümpel. die welt erreicht mich nicht mehr, sie ruft auch nicht an, ich liege quer und kreuz auf fischgrätparkett und zähle die schnörkel an den stuckdecken und ich würde gerne die stelle kennen, an der es aufhört. wo es anfängt, ist: gustav geht mit sarah, jule geht mit anna, luise geht mit björn und anna und kris, der geht auch mit konrad und gustav. nina geht nirgendwo mehr hin und auf dem großen teich hinterm ende des parks schwimmt ein erpel alleine. in meinen gedanken mache ich hoch auflösende bilder mit goldstich und pinne sie auf schrankinnenwände. ein kleiner überbrückungskredit für unsere emotionalen differenzen. ein kleiner krieg im frieden. da bist du, immer noch, eingenickt, deine finger auf dem kissen, wie auf der suche nach staub in der luft, und immer noch dieses verlangen, dir einen text auf die hirnwand zu schreiben. während du schläfst. ich lösche das feuer, rolle den schlafsack zusammen, sattle das pferd und reite los.

egal was man tut, man sollte auf keinen fall fingerabdrücke hinterlassen.

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Der Text heißt

Der Text heißt als ich fliegen konnte, er besteht nur aus diesem Satz und dann hört er auch schon auf.

Deshalb schreibe ich jetzt keine Texte mehr, dafür kicke ich mit Schwung Kronkorken unters Sofa, während ich vermeide, auf meine Hände zu sehen, ich habe lang aufgehört, an meinen Nägeln zu kauen, jetzt lackiere ich sie rot und sehe jeden Tag zu, wie der Lack wieder abblättert, es sind Gebrauchshände, mit Ölflecken und Brandspuren und Schnittwunden, das wächst alles wieder raus und zu und schon bevor es sich ganz verwachsen hat, vergesse ich, woher es kam, so einfach geht das, wenn nur ausreichend passiert, wenn man nur dafür sorgt, dass ausreichend viel passiert, wenn man nur Schubladen aufreißt und Neues hineinstopft und das Alte drinnen nach hinten und ganz weit unten schiebt, bis hinten an der Kommode die Verkleidung abreißt und alles hinten runterfällt. Die Gebrauchshände gehören zu einem Gebrauchskörper, einem mit noch mehr Ölflecken und Brandspuren und Schnittwunden und Haaren, die wirr abstehen und schräg stehenden Augen und einem Kopf, in dem manchmal Der King singt und tanzt, ja, es ist nicht immer schön mit diesem Körper. (Mit Dubstep im Kopf wird auch nicht alles besser.) Ich bin jetzt so in alles einfach Hals über Kopf. Hals über Kopf, das ist ein Rad, und wenn es länger halten soll, auch ein Handstand, und der hält so lange, wie nicht die Hand, sondern der Arm hält. Nur dass man beim Handstand erst dann an den Arm denkt, wenn die Hand taub geworden ist. Könnten meine Hände hören, dann hörten sie Sinfonien aus Hauttönen und Haarfarben und streicheln wäre Musik unter meinen Fingern.

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Himmelweit

Sechs, sieben, acht, neun, zehn. Die Straßenlaternen stehen zehn Schritte weit auseinander, wenn sie kaputtgehen, ist nur mehr ein leises Knacken zu hören, bevor sie ein letztes Mal aufflackern und in der Dunkelheit verschwinden. Es ist vier Uhr morgens an einem Donnerstag. Der Wind treibt Nebelschwaden durch die Straßen. Die Bäume nur noch Gerippe, schwarz vor dem Licht der Straßen, Nachtlicht, Nichtlicht, sie tragen keine Blätter mehr, das Jahr hat sie ihrer Haut beraubt, sie sind nackt wie wir, zwei Monate sind erst vorbei und wir haben nichts mehr, das uns schützt, wenn der Winter noch einmal zurückkommt.

Die Stadt ist zur Kulisse verkommen, vor der das Leben spielt. Alle wollen auf die Bühne, und jeder spielt sein eigenes Stück. Manchmal wird jemand von der Bühne getragen, selten geht einer freiwillig. Die Hauptsache ist, dass jeder seinen Auftritt hat, man muss an jedem Tag sein können, wo man sein will, am besten immer ganz weit oben, man muss auch sein können, wer man sein will, der Bettler und der König, die Prinzessin und die Gänsemagd, der Casanova und die gestiefelte Katze, und die Kulisse ist egal geworden, die Hauptsache ist nur, dass das Stück weitergeht.

Es gibt keine Märchen mehr. Was wir haben, das sind die Kolumnen im Tagesspiegel, geschrieben von den alten Männern, die britische Anzüge und wirres Haar und alte Ansichten tragen. Die Anzüge bringen sie gelegentlich in die Reinigung. Die Ansichten sollten sie besser den Motten überlassen, doch auch eine Motte frisst nicht alles, nur weil es halbseiden ist.

Ich kann nur noch glauben, was ich mit Händen greifen kann, und kann nur noch fassen, was aus wenigstens zehn Prozent Baumwolle besteht.

Die Stadt ist das Meer, das unter meinem Bett schläft, in meinem Schrank wartet, bis es irgendwann herauskommt und meine Nächte mit Stränden füllt. Manchmal, wenn ich morgens aufwache, habe ich ein Rauschen im Kopf und Sand in den Augen. Ich will, dass das aufhört, dass die Stadt mich endlich in Ruhe, in Frieden lässt. Ich ertrage die Bilder nicht mehr. Die Litfaßsäulen und Plakatwände, die Häuser und Straßen, die Menschen und Hunde, die Bahnen und Busse. Ich fahre durch alle Bezirke, fahre bis an den Stadtrand, wo die Hochhäuser enden und die Felder beginnen, ich fahre sieben Mal um sie herum und nichts verändert sich. Ich gehe durch all ihre Straßen und zähle die Stunden, die es braucht, bis meine Füße schmerzen, ich atme so lange, wie lange es dauert, bis meine Beine und mein Kopf müde werden.

Ich will in einem Zug sitzen, der nach Norden fährt. Ich will Kekskrümel in einem Abteil verteilen, die Beine auf einen Sitz legen und den Kopf in den Nacken, will nach draußen sehen und sehen, wie die Enge der Stadt abnimmt und wo es anfängt, dass die Weite beginnt. Ich will den Gleisen nachsehen, dorthin, wo sie am Horizont verschwinden. Ich will das Zugfenster öffnen und wenn ich nach draußen sehe, soll da ein blauer Himmel sein. Und nichts weiter. Nichts weiter als dieser Himmel. Ich will sehen, wo die Felder sind, die kleinen Wege, die nur von Traktoren befahren werden, wo die Hecken an den Gleisen ganz hoch sind und wo Zuckerrüben wachsen. Und Klatschmohn. Ich habe Sehnsucht nach Klatschmohn und dabei meine ich den Sommer, wie die Leute, die Pornos gucken und kleine Filme über Sex mit einem Kino voller Liebe verwechseln.

Und irgendwann will ich wieder ankommen. Ich will an einer Endstation meine Tasche aus dem Gepäckfach nehmen und aus dem Zug aussteigen, über den Bahnsteig gehen, vor dem Bahnhof auf einer Treppe sitzen und einatmen. Es ist anstrengend, während einer Zugfahrt die ganze Zeit die Luft anzuhalten. Und dann will ich die Augen öffnen und die Stadt von außen brennen sehen.

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Fluchtplan

Hätten wir einen Plan, fänden wir einen Standpunkt und kennten unsere Koordinaten, vielleicht stünden wir bei A7, oder M8. Wir würden suchen, mit unseren Augen, mit unseren Fingern, leise auf eine Reise gehen, uns vorantasten und die Straßen sehen, die Sackgassen, die Gebirge und alle Meere. Hätten wir einen Plan, würden wir sehen, wo das Ziel ist, wir wüssten, wo die Reise hinführt. Und sähen das Ende, noch bevor alles angefangen hat. Wir wüssten, wohin wir gehen, was am Wegesrand ist, welche Häuser, welche Bäume, wo im Sommer süße Himbeeren wachsen, welche Aufkleber auf den Laternenmasten kleben, welche Hundehaufen darunter, wo es nach warmem Essen riecht, wo Musik aus geöffneten Fenstern dringt. Wir wüssten alles, noch bevor wir überhaupt daran gefühlt hätten, loszugehen.

Hätten wir einen Plan, würden wir eine Bank überfallen, ich würde den Ghettoblaster tragen und eine Hasenmaske und du trügst einen großen Namen und mein Herz in deinen Händen und auf unserem Fluchtplan stünden nur 4 Buchstaben: R-A-U-S.

Hätten wir einen Plan, würden wir ein Stück davon falten, einen Flieger mit schmalen oder breiten Flügeln, und dann würden wir dahin fliegen, wo wir mit nackten Füßen gehen können und wo die Thermik so gut ist, dass wir immer weiterfliegen, bis wir an einem Ort sind, wo wir landen wollen.

Hätten wir einen Plan, würden wir uns ein Boot bauen. Es wäre ein kleines Boot, mit einem weiten Deck und einem riesigen Segel, damit würden wir auf eine große Reise gehen. Wir würden die sieben Pfützen vor der Haustür erobern und bei den sieben Weltmeeren weitermachen und dein T-Shirt würden wir in bunte Dreiecke schneiden, sie an einer Schnur festknoten und über das Deck spannen und da, wo der Stoff vorher auf deiner Haut lag, wäre das Salz. Und in jedem Wind wäre ein Stück von dir.

Hätten wir einen Plan, würden wir ein Seil an unserem Boot festmachen und das andere Ende um einen Eisberg knoten, und wir hätten immer frisches Eis. Jeden Tag würden wir ein kleines Stück vom Eisberg mit in unsere Küche nehmen, wir würden es mit Schokoladenstücken und Sahne, mit Erdbeeren und Keksen mischen, dann würden wir es gut verpacken und in unseren Plan wickeln, damit es kühl bleibt, bis wir wollen, dass es langsam zerläuft.

Hätten wir einen Plan, nur ein Stück davon, nicht einmal besonders groß müsste es sein, und schon könnten wir es knicken. Und dann wären wir ein Kranich. Wir wären der Vogel des Glücks, der Wachsamkeit und Klugheit, die Menschen würden uns winken und Geschichten über uns schreiben, in Liedern würden sie von uns singen und eine Origamifigur für uns erfinden, wenn sie uns nur sehen könnten. Denn hoch fliegen würden wir, so hoch, dass wir aus ihrem Blick verschwänden. Und nicht zu fassen wären wir.

Hätten wir einen Plan, würden wir uns darauf setzen, wenn die Seen gefrieren und Reif auf jedem Grashalm liegt. Wir würden ihn über uns halten, wenn der Regen kommt, würden Schneeflocken darauf sammeln oder Sternenstaub und im Herbst unter Bäumen sitzen, bis wir ein Dach aus Blättern tragen. Wenn der Wind kommt, würden wir uns darin einwickeln, um einander zu wärmen.

Hätten wir einen Plan, würden wir nachts den Himmel bemalen. Mit großen Eimern voll Farbe und langen Pinseln würden wir bunte Bilder malen, eine neue Welt über dem Horizont, und auf unseren Köpfen wären große Hüte aus Plänen, und manchmal würde von der Hutkrempe etwas Farbe auf deine Nase tropfen, und wenn wir fertig wären, würden wir auf einer Mauer sitzen, die Beine baumeln lassen und darauf warten, dass alles trocknet. Und wenn am nächsten Morgen die Sonne über dem Horizont auftauchte, ginge mit ihr eine neue Welt auf. Eine Welt, in der es keinen Montag gibt und die Zeitrechnung ein Herzschlag ist.

Hätten wir einen Plan, würden wir eine Schachtel bauen. Eine Box für unsere Träume. Wir würden die Reste zerknüllen und ihren Boden damit bedecken und sie abwechselnd hineinlegen, nebeneinander und übereinander, wir würden die Box vergrößern, bis das Ende aller Pläne erreicht ist, und dann würden wir immer weitermachen, und nie würden wir einen Deckel brauchen.

Hätten wir einen Plan, würden wir auf kleine Schnipsel eine öffentlich zu haltende Wutrede gegen die Gesellschaft und den Kapitalismus schreiben, wir würden sie mit Kleister anrühren und eine Liebe daraus bauen, wir würden Konfetti machen und uns damit bewerfen, bis wir nicht mehr monochrom sind. Wir würden eine Wand mit den Schnipseln tapezieren und sie in die Luft sprengen. Mit unserem Plan.

Hätten wir einen Plan.

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Übersommert

Wir haben das doch alles schonmal gehabt, alles schon gelesen, gesehen, gehört, und jetzt blicken wir darauf mit diesem Blick — ja, welchem Blick eigentlich. Wohl mit diesem Blick, der misst, taxiert, der wiegenden Kopfes vergleicht, abwägt und in Gedanken bereits aussortiert. Ein Gesichtserkennungsblick ist das, in dem, was mal Hirn war, sitzt jetzt ein Algorithmus, der nur nach dem sucht, was er schon kennt, das Muster, die Regelmäßigkeit, den Wiedererkennungswert, den Marktwert, den Preis. Es ist ein Blick, der sich entlangtastet an Gesichtsform und Position und Größe der Augen, der einen Haaransatz sucht, Nasenlöcher, Augenbrauen, Wangenknochen, einen Mund, den Übergang zum Hals. Ein Blick, der nur unterscheidet zwischen Hauttönen und den Stellen, an denen sie unterbrochen werden, von Schatten, neuen Farben, denn wo das Rot beginnt, da könnte ein Mund sein. Ein Algorithmus, der nur erkennen kann, was ihm beigebracht wurde, der nur das Bekannte sucht, der die Nuancen zwischen den Konstanten nicht kennt, und am Ende “Gesichtserkennung abgeschlossen” meldet und die Suche beendet. Noch irritieren uns Sonnenbrillen, Hüte und Grimassen, sie machen es uns schwerer, die einfachen Flächen zu erkennen, aber gebt uns nur ein paar Jahre und auch das macht uns nichts mehr aus. Wir sind lernende Algorithmen. Aber manchmal glaube ich, ich möchte auf die Suche gehen, eines Tages, nach einem neuen Gesicht, einem, in dem die Augen schief stehen, in dem ein Grübchen sitzt, aber nur auf einer Seite, nach einem Bart, mit einem Loch auf einer Seite, weil der Barthaarschneider kaputt war, der nach Ohren sucht, vielleicht nach abstehenden. Manchmal wünsche ich mir einen Blick, den Grimassen nicht stören.

Es ist Winter, da fallen keine Blätter mehr, da sind die Bäume kahl, da kräuselt sich an den Fenstern am Morgen der Raureif entlang, da könnten wir das erste Mal seit dem Sommer wieder Herzen auf Autoscheiben malen oder FUCK YOU VERY MUCH, ist ja manchmal auch das selbe, irgendwie. Wir könnten auch zu Karstadt gehen und unser Schlauchboot gegen zwei Paar Schlittschuhe eintauschen und am Fluss sitzen und warten, dass das Wasser endlich gefriert oder dass ein Papierschiff vorbeifährt mit einem Legomännchen als Kapitän und uns mitnimmt, oder dass jemand aus dem Gebüsch springt und sagt “SCHNITT! Alles auf Anfang!”. Im Treppenhaus hat jemand einen Raumduft aufgestellt. Dort, wo ich zur Welt kam, kennt man keine Treppenhäuser, schon gar keine, in denen es immer nach Zigarettenqualm riecht und in denen ein Hausmeister steht, ihm gegenüber der Mann aus dem Erdgeschoss, er lehnt im Türrahmen und beide kippen einen Schnaps. Ich komme aus einer Gegend, in der man Stiegenhaus sagt. Es ist 09:43 Uhr morgens, ich gehe durchs Stiegenhaus zur Wohnung hoch, dusche, wickle das Handtuch um meine Hüften, sehe in den Spiegel, selbst im Spiegel nichts Neues, doch, ich entdecke einen blauen Fleck, kreisrund, unterhalb meines rechten Ohrs.

Wir haben diese Verabredung getroffen, es ist ein Deal, über den wir nie sprechen, von dem wir aber wissen, dass er existiert. Im Prinzip geht es darum, dass wir uns treffen, um Sex zu haben, und dass wir es so tun, dass wir keine Spuren hinterlassen. Wir kennen und wir haben uns, unsere Körper, für eine Stunde, einen Tag, eine Nacht, so lange halten wir uns fest, und sobald wir uns loslassen, können wir aufstehen, aufstehen, duschen, in den Spiegel sehen und so tun, als wäre nichts passiert. Wir lassen uns los und wir sind raus. Und können mit jemand anderem frühstücken gehen. Bisweilen nur nutzt sich das ab, greift sich ab, Haar um Haar, Hautschuppe um Hautschuppe, es verliert sich, und deshalb muss man manchmal etwas haben, das man halten kann, und wenn es nur für einen Tag ein Duft, für einen Moment eine Hand oder für eine Sekunde ein zwei Quadratzentimeter großes Stück eines Halses ist.

Wir haben übersommert, wir haben uns auf Eis gelegt.

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G.

Gelacht: beim Blick auf ein Display, über schlechte Witze, beim Anblick des Weinflecks auf der frisch gestrichenen Wand, beim Blick auf ein Desaster, beim Betrachten des verbrannten Kuchenbodens, beim Lesen einer Karte. Geweint: in der U-Bahn und im Taxi. Gekümmert, nur nicht um verschmierte Wimperntusche. Gekichert (Teenie-Style). Gegrübelt. Geflucht. Geworfen: Blicke und Papierflieger, Bälle, Sand, Blütenblätter, Dinge weg. Gegessen: unregelmäßig. Gegrinst: in U-Bahnen, in Bars. Geschmunzelt. Geflirtet (als ob ich das könnte). Gebacken: Käsekuchen, Bananenkuchen, Zimtschnecken, Kirschstreusel, Blaubeermuffins, Sauerteigbrot. Gekocht (sehr selten, mehr Vanillepudding als vor Wut). Geärgert, aber nie lange. Gegrummelt: über große Politik und kleine Diplomatie. Gesummt: immer die traurigsten Lieder, immer auf dem Heimweg, wenn die Sonne gerade aufging. Gestaunt: über Wunder, und über dieses eine Wunder, das Leben ist. Gesehnt, nach wem (und manchmal nach gar nichts mehr). Geschrieben: krakelige Notizen, Termine in Kalender, Listen, Entwürfe, die Entwürfe blieben, Entwürfe, die Texte wurden, keine Tagebucheinträge, Songtexte, Jahresrückblicke. Gezeichnet, ein Portrait mit Kohle. Gemalt. Getanzt. Gespielt: Karten, Verstecken, Fangen, Liebe. Geändert: nicht so viel. Gekauft: Notizbuch, Sofa, High Heels, Kohle Fahrkarten. Gesehen: einen Horizont ohne Häuser, das Meer. Gesagt: manchmal gar nichts. Geredet: manchmal zu viel. Geachtet: auf die leisen Töne. Gedacht: -. Gesucht: irgendwie ehrlicherweise nie. Gefunden: fast alles. Gegeben: alles. Genommen: hin (Vieles). Geschrieen: nie. Geflogen: nach Frankreich, und im Traum woanders hin. Gefahren: Fahrrad, Zug, U-Bahn, S-Bahn, U-Boot (in Gedanken), Straßenbahn, Ruderboot, Taxi. Geträumt. Gelegen: in Parks, in Betten, auf Sofas, auf Fußböden, in Hängematten, in Dünen, auf Stränden, auf Steinen, auf Lichtungen, in Armen. Gedacht: an Momente, ans Vergessene, ans Morgen, an Termine, an wen. Gewundert. Gestaunt. Geküsst. Geschlafen. Gesungen (zu wenig). Geatmet. Geliebt. Gelebt. Gemacht: habt ihr dieses Jahr zu dem, was es war. Gedankt: euch. Gewünscht: dass wir uns wiedersehen, im nächsten Jahr. Bis dahin: tschüss.

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Es ist wie jeden Samstag: Die Leute rennen durch die Straßen, stoßen mit großen Einkaufstüten an andere Leute, stolpern in Geschäfte, fahren mit ihren Einkaufswägen über Füße und durch einen kleinen weißen See, den eine zerbrochene Milchflasche auf den Fliesen hinterlassen hat. Das Pling der Scannerkassen, das Stimmengewirr, das streitende Pärchen, das sich nicht auf eine passende Pralinensorte für seine Mutter einigen kann, und im Radio der Wetterbericht (12 Grad an Heiligabend und es wird viel Stau geben). An der Kasse die unangenehm laute Stimme der älteren Dame, die einen mittelalten Herrn beschimpft und dieses Gefühl des Fremdschämens, das Frösteln bei dem Gedanken, dass man mit ihr mindestens eines gemeinsam hat, und sei es nur eine in Ansätzen ähnliche Genstruktur. Die Überlegung, ob es nicht manchmal besser wäre, ein Hamster zu sein, oder ein Zwergkaninchen (in jedem Fall ein niedliches Tier).

Es ist wie jeden Samstag. Und es schneit wieder, als wollte es beweisen, dass es das kann, und dass das geht. Als bräuchte es ständig einen Beweis, für das, was ist. Einen Beweis für jemand anderen, oder für einen selbst, als müsste man sich ständig kneifen, um herauszufinden, ob man nicht doch träumt (dabei bekommt man vom Kneifen blaue Flecke). Als könnte man jemals so viel messen, protokollieren, festhalten, wie man fühlen kann. Als genügte es nicht manchmal einfach, sich sicher zu sein. Ohne einen Beweis zu haben.

Dicke Flocken stürzen vom Himmel, machen sich auf Rücken und Schultern breit, verirren sich zwischen Händen und Haaren. Man kann versuchen, sie zu sammeln. Jede von ihnen ein Beweisstück für — ja, wofür eigentlich. Für den Winter, für den Moment, dafür, dass man doch noch etwas fühlen kann. Und wenn es nur die Kälte ist. Oder dafür, dass man es kann, das Fangen, das Festhalten. Man kann die Hände nach dem Schnee ausstrecken, ihm hinterherlaufen. Als genügte es nicht einfach, an einer Stelle stehenzubleiben und abzuwarten, was geschieht. Oder weiterzugehen, ohne zu wissen, wie das Wetter in fünf Minuten ist. Ob dann nicht die Sonne kommt und alles taut und verschwindet. Wie viel man festhalten kann, ist mehr eine Frage des Glücks und des Wetters als der eigenen Fähigkeit, Schneeflocken zu fangen.

Alles, was noch zu sehen ist, ist eine weiße Wand. Gut ist dann, wenn man nach Hause findet, auch ohne besonders viel zu sehen. Eine Schneeflocke landet auf der Oberlippe. Sie ist kalt, sie schmilzt, und sie schmeckt ein bisschen salzig. Fünf Minuten später schneit es immer noch. Und das beweist gar nichts.

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Liebe ist ein mürber Keks (und umgekehrt)

Liebe ist der Schweizer Franken unter den Gefühlen. Und was kann selbst an Weihnachten nicht aufhören, an der Börse zu zocken? Das Spekulatius. Spekulatius reimt sich auf Kuss, aber Kuss ist nicht Liebe, Kuss kann Liebe sein, muss aber nicht, mathematisch ausgedrückt bedeutet das, dass eine Schnittmenge vorliegen kann, jedoch gleichzeitig eine stochastische Unabhängigkeit. Stochastisch abhängig wären sie, wenn Kuss auch Liebe bedeuten würde und Liebe Kuss, aber das tut es nicht. Nur in manchen, ganz seltenen Fällen, ist Kuss auch für Liebe zuständig, und deshalb sind Kuss und Liebe stochastisch unabhängig. Unabhängigkeit wird groß geschrieben, FreiheitLiebe und Zustand auch, aber, mal ehrlich: das mit der Liebe, das ist doch kein Zustand.

Zuständig für diese ganze verworrene emotionale Scheiße sind aber nicht, wie die Verschwörungstheoretiker unter Ihnen glauben mögen, die Freimaurer, Hitler, die Pharmalobby oder Walt Disney.

Walt Disney mag daran Schuld tragen, dass die meisten jungen Mädchen immer noch lieber Prinzessinnenkrönchen tragen als Laserschwerter. Nach der Übernahme von Star Wars durch Walt Disney sollten uns aber in Zukunft wenigstens häufiger kleine Prinzesschen in rosa Kleidchen mit goldenen Krönchen und pinkfarbenen Laserschwertchen begegnen. Laserschwerter sind jetzt zwar nicht gerade pazifistisch, aber Emanzipation kann ja nicht immer friedlich sein. Emotionen auch nicht.

Genauso wenig schuld am emotionalen Desaster der heutigen Gesellschaft sind die Romantiker. Wiiiiiie? Nicht die Romantiker?, werden Sie fragen, die sind es doch, die uns das alles eingebrockt haben. Ohne Romantiker kein Valentinstag, keine Fotos von roten Rosen mit Wassertropfen, keine “ohne dich ist alles doof”-Schafe, kein Bryan Adams und Friede auf Erden und unter den Völkern!

Ich aber sage Ihnen eines: die Romantiker verantwortlich zu machen, das wäre zu einfach.

Der Romantiker an sich war nämlich wirklich in Ordnung. Er war wirklich dufte. Ein prima Typ. Wie ich darauf komme? Nun, der Romantiker, geboren im 19. Jahrhundert, war der Punk der Aufklärung. Ja, Sie lasen richtig: im Prinzip war er erstmal einfach nur dagegen. Man hatte ja nichts, damals, im 19. Jahrhundert: kein Internet, kein AngryBirds, kein Fast Food, keinen Atomausstieg, keinen Catcontent, keine Meinungsfreiheit, noch nicht einmal Megan Fox, unterm Strich also nichts, wo man wirklich aus Überzeugung hätte dafür sein können.

Das Einzige, was man überhaupt hatte, war die Aufklärung. Gerade die Elterngeneration jener Zeit war doch sehr dem kritisch denkenden Menschen zugeneigt, und, ja, auch damals waren die Leute mal jung, auch damals kamen sie in die Pubertät, auch damals mussten sie sich gegenüber ihren Eltern abgrenzen. Wenn die Eltern also fürs kritische Denken waren, was blieb einem zu Beginn der Pubertät? Man musste gegen das Denken sein.

Und alles, was einem blieb, war das Fühlen.

Gut, es blieb einem auch noch die Todessehnsucht. Beim Totsein denkt es sich ja bekanntermaßen auch recht schlecht, das heißt ungefähr so gut wie man denkt, während man fühlt. Deshalb schaffte man sich noch ein Bild von der gequälten Seele, schrieb Gedichte darüber und erfand so den Emo. Zu jener Zeit aber waren Kajalstifte nur schwerlich zu bekommen, schließlich war Kleopatra schon lange tot und die Händler auf den Schwarzmärkten waren mit dem Vertrieb billiger deutscher Kopien britischer Dampfmaschinen beschäftigt. Aber was ist ein Emo ohne seinen Kajalstift? Also beschloss man, den bekanntesten Emo mit einer Zeitreisedampfmaschine in die Zukunft zu schicken, damit er mit einer Wagenladung Kajalstifte zurückkäme, leider war die Zeitreisedampfmaschine noch nicht ganz ausgereift, beim Transport ging einiges schief und was übrig blieb, wurde 2008 als Justin Bieber bekannt.

Nachdem also die üblichen Verdächtigen, Walt Disney und auch die Romantiker nicht schuld an der Verrohung der Gefühle sind: wer ist es dann?

Es ist viel einfacher. Schuld an allem ist: das letzte Einhorn.  Ja, Sie lesen richtig, das letzte Einhorn. Um Ihnen das zu erklären, muss ich kurz mit Ihnen knappe 2000 Jahre Popgeschichte durchgehen.

Das war nämlich so: es begab sich eines beschissen kalten Tages …Wie? Sie haben keine Zeit für so einen Schwachsinn, und für 2000 Jahre Popgeschichte schon gar nicht? Und Sie glauben nicht, dass es dieses letzte Einhorn überhaupt je gegeben hat? Aber wenn es dieses Einhorn nicht gegeben hat, warum sollte es dann die Liebe geben?

Es gibt sogar Leute, die behaupten, sie hatten eine Erscheinung gehabt und hätten das letzte Einhorn gesehen, und, es gibt sogar Leute, die behaupten, sie hätten da etwas gespürt und dann sie die Liebe gesehen.

Und jetzt sagen Sie mir: was ist schlimmer? Und fühlen Sie noch was?

Denn: wenn es das letzte Einhorn nicht gegeben hat, dann ist der Schuldige an diesem ganzen Desaster ein Hirngespinst namens Emotion, verursacht durch wolkenbruchartige Hormonausschüttungen. Ein Hirngespinst, das in unseren Köpfen dafür sorgt, dass manche Herzen sich Liebe einbilden und das auf irgendein hilfloses Gegenüber projizieren, das sich ebenfalls ein Hirngespinnst namens Liebe einbildet, das es auf ein hilfloses Gegenüber — hä? Versteht keiner. Egal. Auf jeden Fall: zu viel Liebe, zu viel Projektion, zu viele Hirngespinste. Also:

Finger weg von der Liebe, Finger rauf auf die Play-Taste und tanzen.

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Schiach

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Alles, was ich hatte, war eine ungelesene Nachricht in meinem Postfach. Das warst Du, damals, 2010. So fing alles an.

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Die besten Ideen hat man manchmal spät in der Nacht. Wenn man Nachrichten schickt, hin und her, erst zögerlich, bis sich alles verdichtet, dann gespannt nur noch darauf wartend, dass das Display leuchtet, dieses “Pling” eine neue Nachricht ankündigt, irgendwann begreifend, dass da wieder etwas ist, was Jahre her ist, was vorbei schien, man will es fassen können und dann festhalten, umarmen, und sei es nur für eine Nacht, bis man zitternd auf “anrufen” tippt, die Sekunden zählt bis zu einem “Hallo.” am anderen Ende der Leitung, die ganze Nacht lang heiser lachend telefoniert. Und plötzlich begreift, dass es nicht nur ein Schein, sondern wirklich alles möglich ist. Noch bevor wir auflegen, packe ich, ein T-Shirt, einen Rock, die Zahnbürste, ein Notizbuch, alles in einen Seesack, finde eine leere Plastikflasche mit Deckel, fülle sie mit Leitungswasser, wir legen auf, ich renne zum Bus, Hauptbahnhof-tief.

Ich sitze im Zug.

Zehn Stunden sind es bis zu dir. Sobald wir aus der Stadt raus sind, habe ich kein Netz mehr, Mecklenburg-Vorpommern, und so, und weiter. Ich höre Musik, sehe aus dem Fenster, Notizbuch, schreiben, doch nicht, es ist warm, draußen zieht der Morgennebel durch die Landschaft, der Kaugummi zwischen der Erde und einem Himmel, der eine Schuhsohle ist, der Herbst klebt in der Landschaft, die Sonne geht nicht auf, ich bin müde, nicke ein, muss umsteigen, gläserne Bilder in Grau und Braun, eine neue Playlist, 67% Akku, das Display leuchtet. Neue Nachricht. Ich hol dich ab. 1522. D. Schreibst du.

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Tust du.

1532 kommt der Zug an und alles ist wieder da, die Stadt, die Leute, ich mittendrin, ich hatte vergessen, wie sich das anfühlt, hatte vergessen, wie es ist, dich zu sehen, wie du gehst, die Hände in den Hosentaschen, wie groß du bist, deine Augenfarbe, deine Augenbrauen, deinen Mund, es ist Jahre her, du bist dreißig Zentimeter weit weg und mir zieht es den Boden unter den Füßen weg, ich hatte vergessen, wie es ist, wenn du mich ansiehst. Wir fahren U-Bahn, lehnen seitlich neben der Tür, ich links, du rechts, fünf Stationen.

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Zwanzig Uhr.

Schiach, sage ich. Ich mag dieses Wort. Es zerläuft im Mund, es riecht nach diesen Sommernächten, in denen wir auf den Mauern vor dem Club da oben an der Hauptstraße saßen, als es die ganze Nacht nur warm war, es klingt wie das Tapsen nackter Füße auf dem Parkett in deiner Wohnung und schmeckt wie Wasser mit Himbeersirup, wie Tage am Fluss und Lichter, die in der Dämmerung auf Wasser tanzen. Höre ich das, klingt dieser Sommer in meinen Ohren.

Du lachst. Musste es ausgerechnet dieses Wort sein? 

Du liegst neben mir, deinen Kopf auf meinem Bauch. Weißt du, wie verliebt ich damals war? Mir war so schlecht, ich hätte dir einen ganzen Flughafen kotzen können, grinst du mich an, in deinen Augen spiegelt sich die Lampe, die in der Zimmerecke steht, sie ist neu, jedenfalls neuer als ich, sie wirft einen großen eckigen Schatten auf den Boden. Ich trinke noch einen letzten Schluck, dann ist das Bier leer, du gehst zum Kühlschrank.

Ich drehe mich auf den Bauch und sehe dir nach und denke mir so wenig wie möglich, reiße meinen Blick los, greife mir eines der Bücher, die neben deinem Bett liegen, James Joyce, ich rufe wolltest du Ulysses nicht damals schon lesen? Ich blättere die Seiten durch, suche die Stelle, an der ich in einem Anfall von Entmutigung ausgestiegen bin, höre nicht, dass du wieder zurückkommst, du hältst die Bierflasche kurz an meine nackte Schulter, ich erschrecke, ey!, werfe das Buch nach dir, sorry, das war keine Absicht, ich habe nur gute Reflexe. Du ziehst eine Augenbraue hoch. Ist das so? 

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Zehn Uhr. Neben dem Bett stehen zwei volle Bierflaschen, in der Zimmerecke liegt Ulysses, den Rücken nach oben, die Seiten zerknautscht.

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Dreizehn Uhr. Wir gehen aus dem Haus, händchenhaltend (händchenhaltend?!), die Straße entlang zum Fluss, wir reden nicht viel, trinken einen Kaffee und essen ein Stück Kuchen, da, wo wir uns zuletzt trafen, es ist wieder wie damals und wieder im Spätherbst, die Geschichte wiederholt sich, wir könnten sie neu schreiben, jetzt und ab heute unendlich. Unendlichkeit hat keinen Anfang. Wir tun es nicht.

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Siebzehn Uhr. Wir verabschieden uns, als würden wir uns morgen schon wiedersehen. Ich sitze im Zug und höre Musik. Die neue Playlist. Die Stadt, die Leute, wie du gehst, wie du aussiehst, wie es ist, wenn du mich ansiehst, und zehn Stunden, auf der Fahrt löst sich alles auf. Es gibt nicht einmal ein einziges Foto von uns, weder von damals, noch von heute. Wir haben nie eins gemacht, ich frage nicht, warum. Alles, was wir hatten, war immer unendlich. War immer wahrhaftig. Für dich, für mich, brauchte es keinen Beweis. Deshalb gibt es keinen. Keinen Beweis, dass alles, was war, wahr war.

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Ich trinke einen Schluck Leitungswasser aus der Flasche, die ich mitgebracht habe. Alles, was ich sonst habe, sind ein Kronkorken, die Schokoladentafeln vom Kaffee am Nachmittag und eine ungelesene Nachricht in meinem Postfach. Das bist du, heute, 2012. Und so hört alles auf.

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