Zelten (Folge 1 / 6)

Dieser Text stammt aus der Reihe “Mein schönstes Ferienerlebnis” und er heißt: “Zelten”.

Ich will in den Urlaub fahren. Das ist ja so etwas, das man sich viel häufiger sagt, als man es dann tatsächlich tut, genauso, wie man über eine gesamte Lebensdauer gerechnet viel häufiger “ich schmeiße den Scheiß-Job hin!” sagt, als man dann tatsächlich kündigt. Die Malediven wären doch mal schön, da gibt es tolle Strände und es ist ungefähr hundert Mal wärmer als hier, oder ich fahre in die USA und in einem Mietwagen die Ostküste entlang, ich in einem uralten Mustang, der auf hundert Kilometer mehr Benzin verbraucht als in Berliner Kneipen jede Nacht Bier ausgeschenkt wird. Ja, das wäre was.

zelten, sardinien, 2013

Wie ich da so sitze und mich in Gedanken schon einen Highway herunterfahren sehe, fiept mein Handy. Es ist der SMS-Ton. Seit einigen Wochen ist der SMS-Ton mein Feind. Damals habe ich bei meiner Bank aus Versehen etwas unterschrieben. Bei einer Bank etwas aus Versehen unterschreiben ist ungefähr so gut wie aus Versehen zu einem Heiratsantrag ja sagen, obwohl man eigentlich nein! meint: man kommt selten aus der Nummer wieder raus, ohne dass jemand heult. In dem Fall bin die, die heult: ich. Meine Bank schickt mir seitdem nämlich täglich um 16:04 Uhr meinen aktuellen Kontostand. Per SMS. Seitdem suche ich einen Weg, die SMS-Funktion aus meinem Handy zu löschen.

Ich sitze also da, denke an Malediven, Strände, USA, Mustang, als es fiept. Ich schaue sofort auf mein Handy (der zeitliche Abstand zwischen “das Handy fiept” und “ich schaue drauf”, das ist ungefähr der selbe Reflex, wie wenn jemand mir einen Keks hinhält und ich schon direkt reingebissen habe, noch bevor ich den Keks mit meinen kaputten Augen überhaupt richtig als solchen erkennen kann, an dieser Stelle übrigens sorry an alle, die seitdem auf der Hand einen Gebissabdruck von mir haben), ich schaue also aufs Handy und sehe: die SMS ist da. Und in der SMS steht:

“VERLASSEN SIE SOFORT DAS LAND.”

Gut, das steht da vielleicht nicht ganz wörtlich, aber die Zahlen, die ich da sehe, lassen keinen anderen Rückschluss zu als möglichst schnell möglichst unauffällig zu fliehen. Mein Problem ist nur: ich würde das Land ja WIRKLICH GERNE verlassen, Malediven, Strand, USA, Mustang, ABER LEIDER HABE ICH KEIN GELD!

Da denke ich an Tante Gertrud. Zu meiner Einschulung hatten meine Eltern eine kleine Feier veranstaltet und dazu die gesamte Verwandtschaft eingeladen, unter anderem auch die angeheiratete Großtante meiner Mutter: Tante Gertrud. Ich war sechs Jahre alt, ich hatte meine langen blonden Haare zu einem Zopf geflochten, ich trug ein blaues Kleid mit Spitzenkragen und eine Brille in lila mit gelben Sternchen, kurz: ich sah schon aus wie ein Streber, bevor ich überhaupt jemals eine Schule von innen gesehen hatte. Das Fest war ein voller Erfolg, und mit “voller Erfolg” meine ich: ich bekam Geschenke. Das Geschenk von Tante Gertrud war das größte von allen. Ich hatte mir ziemlich Vieles gewünscht, darunter ein Pferd (Ponys sind für kleine Mädchen, und ich war ja schon groß), eine Schaukel, ein ferngesteuertes Auto und ein Fahrrad, ich war gespannt, was davon ich jetzt bekam. Ich wollte nicht mehr abwarten, riss das Geschenkpapier auf, und hervor kam: ein riesiges lilafarbenes Bonbon.

Die umstehenden Erwachsenen klatschten.

Ich drehte das Ding hin und her, es hatte schwarze Schlaufen an den Seiten und einen Reißverschluss. Ich zog ihn auf. Und hervor kamen: ein paar kleine Metallstäbe, eine lange Metallstange, ein riesiger Haufen abgrundtief hässliches lilafarbenes Plastik. Tante Gertruds Geschenk war ein Zwei-Personen-Iglu-Zelt. In stechendem Lila. Bis heute ist mir nicht ganz klar, was sie damit bezweckte, und ob sie vielleicht meinen Eltern ermöglichen wollte, mich mitsamt meinem zweijährigen Bruder einfach im Wald auszusetzen, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Meine Eltern zwangen mich, mich für das „schöne Geschenk“ artig zu bedanken. Zwanzig Jahre und dreißig Umzüge später hatte ich immer noch keinen Weg gefunden, dieses abgrundtief hässliche Ding möglichst elegant loszuwerden. Und damit war dann klar: tschüss, Malediven, adé, US-Ostküste. Ich gehe jetzt also das Fürchten lernen. Ich gehe: zelten.

Morgen gehen wir in einen Waffenladen, treffen den König von Mallorca und entgehen knapp einer Zwangsadoption. Schalten Sie also wieder ein, wenn es heißt: Zelten macht Spaß! – Zu Folge 2.

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Vorgang

Ich vermisse es, einfach so und ohne Anstrengung über der Stille das Brummen einer Hummel zu hören.

Die Nächte enden jeden Morgen um fünf, dann nochmal um sechs, sie sind voller Träume mit großen Bildern, die an den Tagen wiederkehren wie kleine Farbtupfer an unauffälligen Stellen. Seit sieben Wochen habe ich auf diesen Termin gewartet. Als ich aus der Bahn steige, kaufe ich im erstbesten Laden einen Becher überteuerten Kaffee zum Mitnehmen, eine Trotzreaktion für zwei Euro sechzig, den Kauf bereue ich schon kurz nach dem Bezahlen, der Deckel passt nicht, ich kippe mir Kaffee auf die Schuhe, ich trinke zwei Schluck, er ist ungenießbar, ich werfe den Rest weg. Dann sitze ich auf einem grau bezogenen Bürostuhl an einem kleinen Besuchertisch, der in einen großen Schreibtisch übergeht. Es ist einer von fünfzehn Tischen in einem mit grauem Teppichboden ausgelegten Raum, ein paar Pflanzen stehen herum. Verstauben für die Atmosphäre. Um diesen Schreibtisch hängen Fotos von Motorradrennen, Stunts auf braunen Erdhügeln, der freudlose Mann mir gegenüber ist jünger als ich und hat wahrscheinlich gerade seine Verbeamtung auf Lebenszeit hinter sich, er nimmt die Zettel entgegen, die ich ihm reiche, er sagt, er müsse den Vorgang jetzt noch erfassen, er tippt Zahlen ein, ich halte mich an mitgebrachten Papierstapeln fest, er drückt auf „Drucken“, nimmt einen gelben Leuchtmarker, leuchtet zwei Zahlen an und sagt, “ja also, das ist jetzt Ihr Wert“. Im Hinausgehen sehe ich den Ausdruck auf Recyclingpapier noch einmal an, auf dem Gang hallt sein Satz nach. Mein Wert, das ist jetzt ein mittlerer dreistelliger Eurobetrag.

Ich kann kaum mehr geradeaus klare Gedanken fassen, beim Versuch, um Ecken zu denken, fange ich innerlich an zu torkeln. In der Bahn schneide ich in Gedanken Leuten die Haare, da sehe ich ihn, Ende dreißig, lockiges blondes Haar, er unterhält sich mit Freunden auf Schwedisch, mir fallen meine Pläne wieder ein, einmal für wenigstens ein Jahr in Skandinavien zu leben. Zuhause räume ich die Küche auf, wo es doch gar nichts aufzuräumen gibt, ich entdecke seltsame neue Wesenszüge an mir. Und ich höre dieses Lied, bei dem ich mich immer fühle wie Teil einer Serien-Titelmelodie. Es fehlt nur noch, dass in der Mitte des Bildschirms Namen stehen und dann wieder eine neue Geschichte beginnt.

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Morgen (Brandenburg)

7 Uhr, irgendwo in Brandenburg. Die Sonne ist längst aufgegangen, das Feuer von gestern heruntergebrannt. Das Gras ist noch nass, es hat gewittert letzte Nacht. Die frühen Vögel fangen gar nichts, die frühen Vögel singen, als gäbe es nur noch diesen einen Morgen. Die ersten Bienen im Tiefflug. Und im ersten Wind des Tages schaukelt ganz langsam ein Badminton-Netz.

04 Minuten und 10 Sekunden Stille.

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Ok

Es ist Freitag, ein lauer Sommerabend. Es ist der Abend der Fête de la Musique, das ist das, wo alle hingehen. Die Stadt tanzt. Ich hatte einen anstrengenden Tag und bin auf dem Weg nach Hause, laufe durch eine Wolke aus Musik, fahre in der U-Bahn mit Menschen, die über Auftrittsplänen die Köpfe zusammenstecken, ich schließe die Wohnungstür auf, trinke ein Glas Wasser, höre das neue Daft Punk-Album und gehe früh ins Bett und es ist ok. Am Samstag ist eine Party bei Vollmond auf einem ehemaligen Brauereigelände. Ich trinke zwei Bier, freue mich über die beiden Liebsten, gehe noch einmal zwischen den Menschen durch, winke und grüße bisweilen, rede zwei Worte, dann sage ich tschüss, fahre nach Hause, betrachte den Mond, sehe noch einen Film und einer Mücke zu, die es durchs Moskitonetz ins Schlafzimmer schaffen will, und schlafe darüber ein und es ist ok.

Es war ein seltsam undenkbarer Augenblick an jenem Abend in einer Hängematte, mit Sonnenbrand auf der Haut, überhitztem Kopf und den ersten drei Schluck Rotwein intus, als ich eigentlich an gar nichts dachte und da plötzlich der Moment war, in dem ich begriff. Dass es zwar nicht weit ist von der Selbstgenügsam- zur Seltsamkeit. Aber was das heißt, zu wissen, dass es ein Genug gibt. Dass da ein Genug des Redens, der Umarmungen, der in ihrer scheinbaren Unauffälligkeit so aufdringlichen Zuneigungsbekundungen ist. Dass wirklich nichts muss, wenn es nicht muss. Der Moment, in dem ich meine Endlichkeit begriff: die Endlichkeit meiner Kraft, meiner Energie, meiner Kontaktfreude, meiner Lust auf Menschen, meiner Fähigkeit, Dinge auszuhalten und ihnen mit einem Lächeln zu begegnen. Mir ist klar geworden, dass ich nicht ständig mehr von mir verlangen sollte, als ich zu geben fähig bin. Dass ich nicht so sozialkompatibel bin, wie ich immer gern gewesen wäre. Dass mich das Zusammensein mit Menschen grundsätzlich anstrengt, selbst wenn ich diese Menschen sehr gern habe. Dass meine Fähigkeiten, Eindrücke zu filtern, aufgrund meiner Veranlagung meist gegen null gehen und ich deshalb viel Zeit brauche, um Geschehenes und Erlebtes verarbeiten. Und dass ich in Wahrheit eigentlich einen ganz guten Eremiten hergebe. Und es ist ok. Im Großteil der Fälle sind mir zwei Flaschen Wasser, ein wenig Essen für den Tag, ein Laptop mit Internetzugang und ich selbst mehr als genug. Der kleinere Teil der Fälle sind die Lieben. Mehr als diese Dinge brauche ich nicht, und alles, was mehr ist als das, schrammt immer am Zuviel, mit der Lautstärke eines Fingernagels auf einer Tafel.

Ich habe wieder klein angefangen: bei einer ersten Tasse Kaffee morgens, beim Beantworten ewig ungelesener E-Mails, beim Lesen ungeöffneter Briefe. Angefangen damit, nach drei Jahren die Wohnung wirklich neu einzurichten, ohne dafür Geld auszugeben. Ich habe sortiert, abgeheftet, ausgemistet, 3 Möbelstücke, die nicht mir gehören, acht rieige Säcke Altpapier, drei Kleider- und unzählige Müllsäcke weggetragen. Nach den neuen Räumen in der Wohnung folgen neue Räume in meinem Denken. Nicht zu verkaufen, nicht zu vermieten, neue Räume nur für mich.

Auf einem Paket, das ich nach langer Zeit wieder hervorhole, steht VORSICHT! Nicht zerbrechlich. Ich stelle es mitten in den Raum, greife hinein, nehme, so viel ich kann, und dann schmeiße ich das Konfetti in die Luft. Einfach so.

Ganz ok.

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In Ruhe hyperventilieren

Lange bevor ich meine analoge Kamera hatte, lange bevor ich mir meine erste Digitalkamera kaufte, lange bevor es dafür Brillen gab: vor sehr langer Zeit also, da war ich ein Kind, das sich wünschte, mit den Augen Fotos machen zu können.

Daran denke ich, als wieder alles zu schnell ging und ich die paar Meter krieche, bis ich mich fallen lasse und auf dem Bürgersteig liege. Jemand hat das kaputte Fahrrad von der Straße heruntergezogen, um mich herum stehen Menschen, sie fragen, ob es mir gut ginge, sagen mir, dass sie alles gesehen hätten und ich nicht schuld sei, ich bin völlig überfordert, ständig sackt mir der Kreislauf weg. Ich sage, ich wolle keinen Krankenwagen, mir tue nichts weh. Ich möchte auch keine Menschen anschreien und wegschicken müssen, die nichts gesehen haben und nur blöde Kommentare abgeben, und tue es trotzdem.

Ich möchte einfach nur unter diesem Parkverbotsschild liegen und in Ruhe vor mich hin hyperventilieren.

Der Krankenwagen kommt, mein Kopf fährt Karussell, beim fünften Versuch schaffe ich es, mich mit Hilfe der Sanitäter hinzusetzen, sie bugsieren mich in den Krankenwagen, endlich wieder liegen, den Kopf nach unten, von draußen Stimmengewirr und Gezeter, ich denke wenigstens weiß ich noch alles, sogar, wie ich heiße. Die Polizei kommt, sagt, sie nähmen mein Fahrrad jetzt mit, und dabei wollten wir uns doch niemals trennen (und schon gar nicht so).

Acht Stunden, Dutzende Röntgenbilder und Untersuchungen später die Gewissheit, dass man unter Schock keine Schmerzen spürt, dafür bei dessen Abklingen umso stärker. Dass es hätte schlimmer kommen können als die paar Schrammen, Prellungen und Kopfschmerzdn und dass dieser Körper noch mehr aushält, als ich dachte (und dabei dachte ich schon ziemlich viel). Und dass es dem Fahrrad besser geht als mir und der anderen beteiligten Person sogar sehr gut. Gelebter Altruismus.

Eine wache Nacht später entlasse ich mich selbst, ich halte keine Krankenhäuser aus. Was bleibt, sind Schmerzen und eine fahrradsattelförmige Prellung auf meinem Bauch. Ein Teil des Fahrrads immer bei mir. Wäre es nicht anders, könnte es fast poetisch sein.

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relativismus

Blutabnahmen, Tröpfcheninfusionen, Medikamente, Körperfunktionen an Maschinen, Organfotografie in Schichten, mit Schuhen im Bett liegen und zu schlafen versuchen, in Rollstühlen sitzen und eine Strahlenverseuchung des Körpers mit geschlossenen Augen hinnehmen; alles in allem zwar kein schöner, aber wenigstens irgendein Tag.

Dann liege ich wieder in einem Bett, Nummer zwei im Dreibettzimmer. Zwischen den Betten nur dünne, bodenlange gelbe Vorhänge, alles, was von der anderen Seite des Vorhangs zu hören ist, wird zu einem Film aus Krankenschwestern, Ärzten, EKGs, Bettpfannen und einer Frau. Die Frau schreit mit sehr hoher Stimme, nein, nein, nein, ich will nicht, ich kann nicht mehr! Das schreit sie lange und laut, irgendwann sagt ganz leise ihre Mutter ich auch nicht.

Als ich nach Hause gehen darf, ist es Mitternacht und ich falle aus dem neonbeleuchteten Gebäude in die Stadt. In der U-Bahn-Station treffe ich die Mutter noch einmal. Ich nicke ihr zu, wie man einander so zunickt, wenn man sich nicht kennt, aber viele Stunden nur durch einen Vorhang getrennt voneinander verbracht hat. Sie sagt, ihre Tochter sei jetzt im Krankenhaus behalten worden. Sie ist neununddreißig Jahre alt und sie will nicht mehr leben, sie will nur noch sterben. Sie sagt, es sei immer noch kein Bett auf einer Station für ihre Tochter gefunden worden, sie wolle morgen früh zu ihr, wisse aber nicht, wie sie ihre Tochter in dem großen Gebäude finden könne. Ich frage, ob sie wisse, dass sie das an der Information erfahren könne, sie schüttelt den Kopf, ich erkläre ihr den Weg dorthin. Für morgen. Sie wirkt erleichtert. Dann senkt sie den Kopf, stützt die Stirn auf ihre Hände und das letzte, was von ihr noch zu hören ist, ist: So viel Unglück. Mein Leben ist so kaputt.

In dem Moment fährt mit lautem Krachen die U-Bahn ein.

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Spuren von Muttern

An meinem Weg von der Wohnung zum U-Bahnhof liegt seit mindestens gestern Nachmittag ein Sofa. Genau genommen ist es kein Sofa, nur ein Sofateil, ein recht großes in Form eines großen L. Es ist ganz sicher ein Sofa, das einst bei Ikea gekauft wurde, nicht nur, weil viele Ikea-Möbel aus L-förmigen Teilen bestehen, sondern auch, weil die Bohrungen für die langen Schrauben noch da sind und an den Gegenseiten Spuren von Muttern. Weiß ist es, das Sofa, oder, besser, war es einmal, bevor es jemand auf die Gehsteigkante warf, nun hängt es mit seinem fleckigen Bezug und einer Hälfte auf dem Gehsteig, mit der anderem auf einem Parkplatz, direkt davor steht, nun erzwungenermaßen schräg, ein Auto.

Ich weiß, dass es seit höchstens fünfzig Stunden dort liegt. Montag Abend war ich noch einmal dort vorbeigegangen, da war der Gehsteig noch leer wie immer, Hundehaufen, Kippen und der übliche Kleinstunrat sind längst integraler Bestandteil meines Bildes von einem typischen Gehsteig. Dienstag und heute ging ich nochmals dort vorbei, für kleine Besorgungen, hier zur Apotheke, etwas fragen, dort zum türkischen Supermarkt, da gibt es bündelweise frische Minze. Als ich heute an der Stelle vorbeilief, saß auf dem Sofateil ein Mann. Er saß sehr bodennah. Erst nahm ich ihn nicht wahr, ich sah ihn erst, als er mich von da unten aus fragte, ob ich mit ihm eine Zigarette rauchen wolle.

Ich sagte nein, danke, er rief mir hinterher schönen Abend noch!, und da erst fiel mir auf, dass das die ersten beiden Wörter waren, die ich an diesem Tag gesagt hatte. An manchen Tagen braucht es einfach als Grundhaltung zur Welt gar nicht so besonders viel.

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(im Bild: Gehsteig, woanders, und Sofalosigkeit)

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when you travel under the stars

Palau, Sardinien

Berlin – Köln-Bonn – Olbia – San Teodoro – Olbia – Palau – Santa Teresa Gallura – Palau – Olbia – Sassari – Alghero – Sassari – Olbia – San Teodoro – Olbia – Köln-Bonn – Berlin.

La Maddalena, Sardinien

15 Tage, 12 Nächte mit Schlaf, 2 ohne. Im Zug, im Bus, im Flugzeug, in der Hängematte, am Strand, im Zelt. 38 neue Texte (alle gelöscht), 2.467 Fotos, 1 Sonnenbrand. Das war das, auf Sardinien.

Brücke La Maddalena - La Caprera, Sardinien

Alle Bilder & ein Text dazu drüben bei Dies ist keine Übung.

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Vierundzwanzig Stunden

In zwei Minuten werde ich am Flughafen ankommen. Eine Minute später werde ich den Rucksack abgesetzt und an die Wand gelehnt haben. Im selben Moment wird durch die Wucht des Aufpralls im untersten Rucksackfach mit einer Packung Kekse mein letzter Essensvorrat zerbröselt sein.
Fünf Minuten später werde ich noch eine Zigarette geraucht und den Rucksack wieder aufgesetzt haben. Fünf Minuten danach werde ich kurz mit der Flughafenpolizei sprechen (es ist ein sehr kleiner Flughafen hier). Eine Viertelstunde später werde ich eine Bank oder eine Ecke gefunden haben, wo ich die Nacht verbringen kann. Eine Stunde später werde ich drei Landungen und drei Abflüge und fünfhundert Urlauber beobachtet haben, die Hälfte davon voller Vorfreude, die andere Hälfte wenigstens mit vollen Koffern. Eine Viertelstunde später wird der letzte Flughafenshop schließen und drei Polizisten und ich werden uns die Nachtwache teilen. Ich werde in den darauf folgenden zehn Minuten versuchen, mir mit Hilfe von Isomatte und Schlafsack ein Lager zu bauen, was nur so mäßig gelingen wird, ebenso wie meine Einschlafversuche in den folgenden acht Stunden. Also werde ich wie in den letzten vier Nächten die gespeicherten Artikel auf meinem iPhone weiterlesen, weshalb mein Akku nach der Hälfte der Nacht leer sein wird und ich eine Steckdose suchen muss. Wahrscheinlich werde ich keine finden. Wenn doch, wird sie sich recht sicher hinter einer Hydrokultur befinden.

In jener Nacht werde ich des Weiteren:
– 1x sicherheitshalber den Wecker auf 06:40 Uhr stellen
– 1x per SMS eine Diskussion übers aktive und passive Abschleppen fortsetzen (keine Kraftfahrzeuge)
– 2x mit den Polizisten sprechen
– 1x ihren Hund streicheln
– 20x Venus von Shocking Blue hören, das hier in Dauerschleife läuft
– 3x Kamillentee mit Rosmarinhonig trinken, dann wird die Flasche leer sein
– 8x feststellen, dass ich immer noch Sand in der Kleidung habe
– 4x aufs Klo gehen
– 6x eigentlich zu müde sein, um weiter englischsprachige Essays zu lesen

Gegen 5 Uhr werde ich voraussichtlich aufstehen, den überflüssigerweise gestellten Wecker ausschalten, mir am Waschbecken drei Hände voll Wasser (no drinking water! kein Trinkwasser! Don’t drink! Nicht trinken!) ins Gesicht schütten und befinden, dass es reicht, dass ich mich scheiße fühle und dass ich da eher nicht noch die Gewissheit brauche, dass ich auch scheiße aussehe. Dann werde ich mir die Zähne putzen, ohne mein Spiegelbild eines Blickes zu würdigen.

Eine Stunde und vierzig Minuten später werde ich Isomatte und Schlafsack zusammenrollen, meine Messer und Feuerzeuge in meinen großen Rucksack werfen, mein Handgepäck noch einmal auf verbotene Gegenstände überprüfen und mitsamt des Tickets, das ich seit zwei Wochen mit mir herumtrage, zum Check-in-Schalter marschieren.

Das Flugzeug wird schließlich in zehneinhalb Stunden zurückfliegen, bevor ich die wichtigen Dinge zu Ende gedacht habe. Und in vierundzwanzig Stunden werde ich bis 86.400 gezählt haben. Vielleicht. Bevor überhaupt etwas klar, geschweige denn entschieden ist. Was bleibt, ist ein Gefühl wie ein abgebrochener Download.

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Lichtbrechung (and so are we)

Um die Mittagszeit wieder Brot, Schinken, Käse, Auberginen im Café. Die beiden Besitzerinnen haben außergewöhnlich tiefe Stimmen, ich mochte es, wenn ich sie auf die Ferne mit den Gästen plaudern hörte, obwohl oder weil ich sie kaum verstand, der Klang war angenehm, ich bezahlte und gab mehr Trinkgeld als der Reiseführer üblich nennt.

Danach war ich nur mal eben losgegangen und bin dann einfach weitergelaufen. Immer geradeaus, die Beine im Wasser, den Gurt der Kamera ums Handgelenk geschlungen, die Schnürsenkel der Turnschuhe zusammengeknotet und über die Schulter geworfen, in den Taschen ein zweites, kleineres Objektiv und eine halbe Hand voll Dreck.

An einer Sandbank blieb ich stehen. Da kamen die Wellen an, wirbelten den Sand auf und durcheinander, brachen, verliefen sich zum Ufer hin, verschwanden. Immer, immer, immer wieder. Waren die Wellen groß genug und tauchte die Sonne zwischen den Wolken auf, so färbten sie sich an einer bestimmten Stelle für den Bruchteil eines Augenblicks ganz türkisblau.

Ich weiß nicht, wie lange ich dort stand, die Wellen betrachtend, bis ich weiterging. Ich habe kein Foto davon gemacht.

Di niente. You’re welcome.

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abseits

es gibt diesen punkt, da ist sie nicht mehr zu ertragen, diese gleichförmige masse der gesichtslosen mit immer dem selben stumpfen ausdruck in den augen. die stadt verblödet uns, weil sie uns mehr empfindung abverlangt, als wir überhaupt geben können. also geben wir einfach gar keine mehr. wir haben das dosieren verlernt. dann stellen wir uns gegenseitig nur noch die blöden fragen nach dem wetter und der arbeit und in unseren lungen hängt der dreck der welt. dabei ist es so einfach zu erklären: in der gegnerischen hälfte der gegnerischen torlinie mit füßen, rumpf und kopf näher als der ball und der gegnerischen torlinie näher als der vorletzte gegenspieler. abseits.

da stehen wir und könnten ja mal ein nichts tun und warten, ob uns die decke dann endlich auf die hübsch frisierten köpfe fällt, statt dessen pilgern wir zu den bäckereien im ehemaligen osten der stadt, weil es da ehrliches brot und ehrliche schnittchen gibt, dicke scheiben brot, bestrichen mit butter und mit schnittlauch bestreut. unsere neue religion ist das butterbrot. aber ehrlich muss es sein.

und dann der schmerz. auch ehrlich, wie wahre ehrlichkeit eben immer brutal ist. die wunde, die wieder aufriss, bisweilen eitert. in diesen momenten wäre es schöner, wenn die dinge ein bisschen mehr meta wären und weniger körperlich. der schmerz pocht, einen neuen rhythmus gibt es nicht. am ende, nachts im schlaf, ist jeder ganz für sich allein.

mich zieht es zu den kleinbuchstaben auf den kleinen papierfetzen, ich weiß, was das heißt, ich kenne die zeichen. die nebelmaschine läuft, die zeichen sind keine leuchtraketen, und schon ist eine diskokugel interessanter als die papierschnipsel auf dem fußboden. so ist das eben mit uns nachtfaltern. wäre ich papier, dann wäre ich gerne ein kranich.

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