wunder

schoen aber selten. very much alive.

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Die Könige der Nacht tragen Augenringe

Das Bett: zu groß, zu klein, zu hart, zu weich. Die Vorhänge: zu auf, zu zu. Die Decke: zu leicht, schwer, warm, dünn. Linke Seite, rechte Seite, auf dem Bauch. Hin- und herdrehen und zurück. Kissen aufschütteln. Kissen plattliegen. Aufgeben, aufstehen, die Decke hinter einem her-, aufs Sofa umziehen. Hin- und herdrehen und zurück. Aufgeben, aufstehen, die Decke hinter einem herziehen, ein Glas vom Tisch reißen. Es krachen und liegen lassen. Zurück ins Bett. Fallen lassen. Umdrehen. Zwanzig Minuten später aufstehen, ein Glas Wasser trinken. In die Küche setzen. Umherlaufen. Ins Bett fallen. Nein sagen aus bloßer Verzweiflung. Nichts sagen aus Mangel an Alternativen. Ein Körper, der spricht, in einer Sprache, an der nichts zu deuten ist. Ein Gesicht, das nicht einmal mehr die Augenbrauen hochzieht. Es wird Zeit, spätestens an der Stelle, wo die Musik wieder einsetzt. Warten darauf, dass es einfach nur noch vorbeigeht.

Alles auf Anfang, alles auf Repeat.

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Und dann diese scheiß Sehnsucht, wie von Zigarettenqualm vergilbte Raufasertapete. Blättert in leeren Räumen von den Wänden, fällt langsam zu Boden und zerbricht. In Stücke, klein, aber immer noch groß genug, dass man sie wieder zusammensetzen könnte. Konjunktiv. Aber am Ende lesen sowieso immer die Falschen.

Und wir; wir sollten wieder mehr auf Wände schreiben.

Mein erster Talk auf einer Tech-Konferenz

Ende März, ein sonniger Dienstagvormittag. Ich sitze entspannt in meiner Küche, trinke Kaffee, arbeite und sehe eben meine Twitter-Timeline durch, als eine Nachricht auf meinem Rechner aufploppt: “Ich habe eben eine Anfrage für eine Konferenz bekommen. Frag doch mal, ob du dort auch einen Talk halten kannst!” Meine Arbeitskollegin und gute Freundin, eine erfahrene Software-Entwicklerin, schreibt. In eben diesem Moment sehe ich einen Tweet der Speakerinnen: die selbe Konferenz sei auf der Suche nach weiblichen Vortragenden.

Und dann geht plötzlich alles ganz schnell. …

Ich arbeite, wie Sie vielleicht wissen, seit ein paar Jahren als Nicht-Programmiererin im Technologie-Bereich. Letzte Woche habe ich das erste Mal einen Vortrag auf einer Konferenz für Programmierer_innen gehalten und das war ziemlich aufregend. Drüben bei Kleinerdrei habe ich einmal aufgeschrieben, wie es dazu kam und wie das so war.

Wir waren da, wo die Luft am heißesten und der Tag am dunkelsten war, so dunkel, dass die Motten längst gegangen waren. Wo die Menschen aussahen wie große, dunkle Laternen mit Augen oder lange, schmale Bäume, und wo sich die Füchse hinter Holzverschlägen trafen. Wir haben den Rausch mitgemacht, den Exzess ganz oben mitgenommen, uns drei Mal im Karussell und fünf Mal im Kreis gedreht. Wir sind mit den Drachen gestiegen und mit den Nordwinden gefallen. Die Stunden sind gegangen, wir sind geblieben. Wir haben gelacht, gerufen und getanzt, wir haben einander und allen anderen in die Ohren geflüstert und keiner und alle haben dazugehört; zu uns. Wir haben das Klirren der Gläser gehört, den Rauch in den Himmel steigen sehen und wir mussten überhaupt nicht mehr fliegen können. Dann haben wir uns an einen der Holzverschläge gesetzt und zugeschaut, abgewartet, während aus den Plänen Papierflieger und Asche wurde, bis die Putzkolonnen kamen und die Kippen, Flaschen und Kronkorken in die Ecken kehrten, dann haben wir den Dreck von unseren Hosen geklopft und sind weitergefahren. Und gewollt haben wir, nicht das größte Stück vom Kuchen, aber einen Teller Suppe schon. Und irgendwie auch uns.

Siebenundzwanzig Treppenstufen bis zu deiner Tür. Nebeneinander gelegen, Kopf an Schulter, Hand auf Bauch. Blicke getauscht wie damals Sticker fürs Album; der Kopf ein Raum mit Bäumen vor den Fenstern. Im höchsten Ast ein verlassenes Vogelnest und die Musik war aus.

Wir haben nur die wichtigsten Dinge eingepackt: zwei Tischtennisschläger, einen Ball, unsere Fahrräder, die Winkekatze. Wir sind zum Horizont gefahren, da haben wir die Katze abgestellt, mit dem Gesicht zur Stadt. Dann haben wir alles liegen gelassen, tief Luft geholt, sind in den See gesprungen, ins Wasser eingetaucht, am Grund entlanggeschwommen, drei Mal abgebogen und für immer verschwunden. Die Katze hat uns nicht zugesehen. Nur gewunken hat sie, aber nicht für uns.

Das Gegenteil von Schatten ist nicht Licht. Das Gegenteil von Leben ist nicht Tod, das Gegenteil von Leben ist Sterben. Es ist so leicht zu verwechseln.

Du erinnerst mich an all das,
an Vergessen und Fallen,
an Vermissen und Lallen
und Schmerzen,
in jedem Fall an Tanzen.

(Frittenbude – Innere Altmark)

Kübel voll Eiswasser und kein Frühstück: der Februar

Gemacht
Keinen Bikini eingepackt
Im Schnee versunken

Am Lagerfeuer gesessen
Nackt durch den Wald gerannt
In der Sauna gesessen
Huskyschlitten gefahren

Im Hot Pot gesessen und Whisky getrunken
Ins Eisloch gehüpft
Zum ersten Mal nach 5 Jahren ein Konzert gespielt
Einen Husky gewonnen

Die Menschheit gehasst (und meinen Zahnarzt besonders)
In der Küche gesessen und nächtelang geredet
Einen Bürobesuch
“Kaffee getrunken”™
Ein Konzert verpasst

Gesehen
1,20m Schnee

Gehört
“Hello again, ich sag einfach hello again”
“Anziehn, anziehn!”
“You’re a totally crazy woman.”
“Da geht noch was!”
Leeeenaaa, du hast es oft nicht leicht.”

“I LOVE YOU BABY AND IF IT’S QUITE ALRIGHT …”
“So ein Lagerfeuer ist doch das schönste Fernsehprogramm überhaupt.”
“Warte, ich hole noch Kaugummi, falls wir heute doch noch knutschen.”

Gewesen
Berlin, Helsinki, Enontekiö (Lappland), Hamburg
Beim Zahnarzt
Im Café
Beim Steuerberater
Beim Anwalt

Gehabt
Schnee unter dem Pullover
Kübel Eiswasser im Rücken
Rentierfilet

Ein neues T-Shirt
Pizza
Einen geheimen Termin


(Bild: Alex Feyerke)

Geredet
“Ich bin zu alt für dich.” – “Als ich vier Jahre jünger war als heute, war ich schon mit Menschen zusammen, die älter waren als du jetzt.” – Und jetzt bin ich dir zu jung?” – “… .”

“Eigentlich fand ich meine Weisheitszähne gar nicht SO scheiße.”
“I hate you.” – “I hate you more.”
“Kannst du mal irgendeine Emotion zeigen?” – “Du zeigst doch schon so viele.”
“I don’t make plans. And I don’t make breakfast.”
“Tschüss.”

Gemerkt
Fließend Wasser ist schon, wenn man sich das Duschwasser mit einer Kelle über den Kopf schüttet.
Ich darf mir nicht immer die Haare schneiden, nur weil ich das Surren des Haartrimmers so mag.
Reden ist manchmal schon ganz gut.
Küche schlägt Party.

Gehört (2)
“Ich habe das Gefühl, das ist alles grotesk überschätzt: Parkett und Stuck und Flügeltüren und Balkon und keine Raufaser, bloß keine Raufaser! Die Leute führen sich auf als ginge es um Leben und Tod, dabei geht es doch bloß um die Wohnung. Alle sitzen sie, untereinander und übereinander und nebeneinander und in ihren Altbauwohnungen und warten darauf, dass sie glücklich werden. Lauter Glücksanwärter mit abgezogenen Dielen und Flügeltüren, die sich einbilden, sie könnten nur glücklich werden, wenn keine Raufaser an der Wand klebt.”

Gefeiert
Hoodie-Geburtstag

Geschrieben
Im Hoodie-Blog:
Die wöchentlichen Linksammlungen
Here comes the sun, here comes the Hoodies: Hoodie Offsite #2 – Lanzarote

Sonst so:
“Die versteckte Lust der Frauen” – eine Rezension
“Explizit ist das neue implizit”

Musik
Silversun Pickups – Make Believe
Moderat – Slow Match

Status
Was? Es ist schon März?

Explizit ist das neue implizit

Nichts mehr sagen. Und stattdesssen:

mit G. im Wohnzimmer sitzen, Beat Loops anhören und ihm eine große Karriere im Eurodance-Business versprechen. Eine Choreographie einstudieren und vor Lachen fast vom Sofa fallen. Zu viel Kaffee trinken. Die Katze beneiden, die sich zu einem wollenen Ball zusammengerollt hat. Ein Interview führen. Nach Amerika telefonieren. Singen. Eine Postkarte schreiben. Schöne Menschen sehen. Das richtige T-Shirt tragen. Daran denken, was N. über Rock’n’Roll gesagt hat. Bilder bearbeiten. In der Küche sitzen und trinken. Nicht schlafen. Überfällige Nachrichten beantworten. Vanillesoße löffeln. Einen Lidstrich versuchen. Zeichensetzung üben. Die Wahrheit denken. Auf eine Party gehen und nach einer halben Stunde wieder nach Hause fahren. Einen Hund streicheln. Zusagen. Ein Gedicht abhängen. Englisches Frühstück machen. Einen Text schreiben. Knutschen. Eine Glühbirne wechseln. Ein Cabrio mieten, das Verdeck aufmachen, die Sonnenbrille aufsetzen, das Radio aufdrehen und durch die Stadt fahren. Eine Nacht in einer Bar verbringen. Achtunddreißig Mal hintereinander das selbe Lied hören. Einen Bürobesuch machen. Ein Hotelzimmer buchen. Dünne Wände verwünschen. Am Wochenende wegfahren.

Nichts mehr sagen.

Weil doch immer die Frage ist, ob wir uns überhaupt etwas zu sagen haben, du und ich. Oder ob wir uns besser verstehen, wenn wir beide den Mund halten. Wie das Wetter bei dir ist und wann die Gewitter in deinem Kopf aufhören. Wo du anfängst (nicht wo du aufhörst, das weißt du selber (und ich weiß es auch, aber es ist mir egal)). Wie du dir das vorstellst, und was überhaupt genau. Ob wir diese ganzen Diskussionen nicht einfach sein lassen und uns einfach nie wieder sehen sollten und

Nichts mehr sagen.

Erst recht nicht dazu, was das alles eigentlich soll: dass die Zeit der Verklausulierungen vorbei ist. Dass wir einander längst durchschaut haben mit unseren Taschenspielertricks und wir uns nur noch gegenseitig rumkriegen können. Dass du niemand bist, der anderen unnötig viel Wahrheit aufzwingt, die er auch für sich behalten kann. Dass ich niemand bin, der eine emotionale Bindung zu einem T-Shirt entwickelt, dass nach jemandem riecht. Und schließlich, dass ich jetzt so viele Selbstgespräche mit dir geführt habe, dass ich dir nichts mehr zu sagen habe. Ich hab mich gehen lassen und dich mit.

Alles was bleibt sind drei Gewissheiten:

ich setze immer zu viele Kommata. Egal was passiert, da ist immer Musik. Und auf dem Boden der Tatsachen ist es nicht zu kalt für guten Sex.

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