wunder

schoen aber selten. very much alive.

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Zweihundert Millionen Jahre

panorama

Das Auto um die Kurven gewickelt. Gefühlt wie auf einer zu groß geratenen Carrera-Bahn. Der Katze hallo gesagt. Mit den Bauarbeitern geredet. 1.600 Meter über dem Meer. Mandelkuchen geschenkt bekommen. Gefragt worden, ob ich hier lebe. Der Radioempfang hält immer nur genau bis zur nächsten Serpentine (also ca. 20 Meter (heute meist weniger)). Den Raben ziehen lassen. Niemanden mitgenommen. Die Fenster aufgemacht und den Wald eingeatmet. Eine Aprikose geschenkt bekommen. Einen Kern in den Wald geworfen. Den Berg hinuntergestiegen. An einem Dornbusch das Gesicht zerkratzt. Am See entlang gewandert. Wieder nach oben gewandert. (Wandern in der Mittagssonne: nicht nochmal.) Wieder den bunten Sandstein gesehen. Auf der Motorhaube gesessen und geraucht. Ans Ende der Landkarte gefahren. Am Strand entlang gelaufen. Die obligatorische Möwe fotografiert. Die lokale Alternative zur Klowandbeschriftung.

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Wieder Avicii gehört. Zitronenbäume gesehen. Bananenstauden gestreichelt. In die Wolke gefahren. Ein Partyschiff gehört. Eine Gegend wiedererkannt. Hibiskus gerochen. Im Kreisverkehr zweimal mehr herumgefahren. 16 Bahnen geschwommen. Gelegen, die Füße direkt über dem Tal. Ein Foto gemacht und doch nicht verschickt. Über Lichtverschmutzung nachgedacht (ich sollte wieder dahin, wo es nachts ganz dunkel ist).

Die Dinge fühlen sich an wie an dieser Stelle am Meer zu sitzen: zweihundert Millionen Jahre bis Sandstrand.

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(Wenigstens ist die Aussicht gut.

(Unklar, ob das hilft.))

Heute

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Aufgebrochen. Ans Lenken gewöhnt. Vor den Kurven gehupt. Auf der Serpentine rückwärts gefahren. Auf der Leitplanke gesessen. Am Ende der Straße gestanden. Über ein Navigationssystem gewundert. Halt gemacht. Karten gelesen. Ananassaft getrunken. Die Serpentinen wieder runtergefahren. Dem Fahrer vom Milchlaster zurückgewunken. Die Berge hochgefahren. Das Autoradio eingeschaltet. Es ist kein Zufall, dass immer Avicii läuft, wenn ich Radio höre – es liegt daran, dass immer Avicii läuft. Keine Palmen gezähllt. Auf Anweisung gegen einen Automaten getreten. Unter einem blauen Sonnenschirm gesessen. Den See gesucht. Die Berge weiter hochgefahren. Gegrüßt. Sonnenbrand auf dem linken Arm bekommen. Das Fenster hochgekurbelt. Die Berge runtergefahren. In den Wald hineingeschaut. Das Meer unter den Wolken gesehen. Erdbeeren mit Schlagobers gegessen. In der warmen Mittagsluft den Duft von Kräutern, Nadelbäumen, Sonne gerochen. Dem Navigationsgerät zugerufen, dass es froh sein kann, dass es fest eingebaut ist. Kuchen gegessen. Auf der Motorhaube gelegen. Nachgedacht. Mich wieder aufgeregt, geärgert, wütend geworden. Mich wieder gefragt, ob und wann es je aufhört, dass ich mich aufrege, ärgere, wütend werde. Lange nachgedacht über einen Tweet vom 13.06., 13:24 Uhr. Kaktusfeigen probiert. Dornen aus den Fingerspitzen gezogen. Aufs Wasser zugefahren. An den Straßenrand gefahren und angehalten. Den Motor ausgemacht. Die Sonnenbrille abgesetzt.

A long and winding road.

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A long, long way to go.
(Und die Frage, wer mitgeht.)

Die Könige der Nacht tragen Augenringe

Das Bett: zu groß, zu klein, zu hart, zu weich. Die Vorhänge: zu auf, zu zu. Die Decke: zu leicht, schwer, warm, dünn. Linke Seite, rechte Seite, auf dem Bauch. Hin- und herdrehen und zurück. Kissen aufschütteln. Kissen plattliegen. Aufgeben, aufstehen, die Decke hinter einem her-, aufs Sofa umziehen. Hin- und herdrehen und zurück. Aufgeben, aufstehen, die Decke hinter einem herziehen, ein Glas vom Tisch reißen. Es krachen und liegen lassen. Zurück ins Bett. Fallen lassen. Umdrehen. Zwanzig Minuten später aufstehen, ein Glas Wasser trinken. In die Küche setzen. Umherlaufen. Ins Bett fallen. Nein sagen aus bloßer Verzweiflung. Nichts sagen aus Mangel an Alternativen. Ein Körper, der spricht, in einer Sprache, an der nichts zu deuten ist. Ein Gesicht, das nicht einmal mehr die Augenbrauen hochzieht. Es wird Zeit, spätestens an der Stelle, wo die Musik wieder einsetzt. Warten darauf, dass es einfach nur noch vorbeigeht.

Alles auf Anfang, alles auf Repeat.

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Und dann diese scheiß Sehnsucht, wie von Zigarettenqualm vergilbte Raufasertapete. Blättert in leeren Räumen von den Wänden, fällt langsam zu Boden und zerbricht. In Stücke, klein, aber immer noch groß genug, dass man sie wieder zusammensetzen könnte. Konjunktiv. Aber am Ende lesen sowieso immer die Falschen.

Und wir; wir sollten wieder mehr auf Wände schreiben.

Mein erster Talk auf einer Tech-Konferenz

Ende März, ein sonniger Dienstagvormittag. Ich sitze entspannt in meiner Küche, trinke Kaffee, arbeite und sehe eben meine Twitter-Timeline durch, als eine Nachricht auf meinem Rechner aufploppt: “Ich habe eben eine Anfrage für eine Konferenz bekommen. Frag doch mal, ob du dort auch einen Talk halten kannst!” Meine Arbeitskollegin und gute Freundin, eine erfahrene Software-Entwicklerin, schreibt. In eben diesem Moment sehe ich einen Tweet der Speakerinnen: die selbe Konferenz sei auf der Suche nach weiblichen Vortragenden.

Und dann geht plötzlich alles ganz schnell. …

Ich arbeite, wie Sie vielleicht wissen, seit ein paar Jahren als Nicht-Programmiererin im Technologie-Bereich. Letzte Woche habe ich das erste Mal einen Vortrag auf einer Konferenz für Programmierer_innen gehalten und das war ziemlich aufregend. Drüben bei Kleinerdrei habe ich einmal aufgeschrieben, wie es dazu kam und wie das so war.

Wir waren da, wo die Luft am heißesten und der Tag am dunkelsten war, so dunkel, dass die Motten längst gegangen waren. Wo die Menschen aussahen wie große, dunkle Laternen mit Augen oder lange, schmale Bäume, und wo sich die Füchse hinter Holzverschlägen trafen. Wir haben den Rausch mitgemacht, den Exzess ganz oben mitgenommen, uns drei Mal im Karussell und fünf Mal im Kreis gedreht. Wir sind mit den Drachen gestiegen und mit den Nordwinden gefallen. Die Stunden sind gegangen, wir sind geblieben. Wir haben gelacht, gerufen und getanzt, wir haben einander und allen anderen in die Ohren geflüstert und keiner und alle haben dazugehört; zu uns. Wir haben das Klirren der Gläser gehört, den Rauch in den Himmel steigen sehen und wir mussten überhaupt nicht mehr fliegen können. Dann haben wir uns an einen der Holzverschläge gesetzt und zugeschaut, abgewartet, während aus den Plänen Papierflieger und Asche wurde, bis die Putzkolonnen kamen und die Kippen, Flaschen und Kronkorken in die Ecken kehrten, dann haben wir den Dreck von unseren Hosen geklopft und sind weitergefahren. Und gewollt haben wir, nicht das größte Stück vom Kuchen, aber einen Teller Suppe schon. Und irgendwie auch uns.

Siebenundzwanzig Treppenstufen bis zu deiner Tür. Nebeneinander gelegen, Kopf an Schulter, Hand auf Bauch. Blicke getauscht wie damals Sticker fürs Album; der Kopf ein Raum mit Bäumen vor den Fenstern. Im höchsten Ast ein verlassenes Vogelnest und die Musik war aus.

Wir haben nur die wichtigsten Dinge eingepackt: zwei Tischtennisschläger, einen Ball, unsere Fahrräder, die Winkekatze. Wir sind zum Horizont gefahren, da haben wir die Katze abgestellt, mit dem Gesicht zur Stadt. Dann haben wir alles liegen gelassen, tief Luft geholt, sind in den See gesprungen, ins Wasser eingetaucht, am Grund entlanggeschwommen, drei Mal abgebogen und für immer verschwunden. Die Katze hat uns nicht zugesehen. Nur gewunken hat sie, aber nicht für uns.

Das Gegenteil von Schatten ist nicht Licht. Das Gegenteil von Leben ist nicht Tod, das Gegenteil von Leben ist Sterben. Es ist so leicht zu verwechseln.

Du erinnerst mich an all das,
an Vergessen und Fallen,
an Vermissen und Lallen
und Schmerzen,
in jedem Fall an Tanzen.

(Frittenbude – Innere Altmark)