wunder

schoen aber selten. Sometimes I do.

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Wir waren da, wo die Luft am heißesten und der Tag am dunkelsten war, so dunkel, dass die Motten längst gegangen waren. Wo die Menschen aussahen wie große, dunkle Laternen mit Augen oder lange, schmale Bäume, und wo sich die Füchse hinter Holzverschlägen trafen. Wir haben den Rausch mitgemacht, den Exzess ganz oben mitgenommen, uns drei Mal im Karussell und fünf Mal im Kreis gedreht. Wir sind mit den Drachen gestiegen und mit den Nordwinden gefallen. Die Stunden sind gegangen, wir sind geblieben. Wir haben gelacht, gerufen und getanzt, wir haben einander und allen anderen in die Ohren geflüstert und keiner und alle haben dazugehört; zu uns. Wir haben das Klirren der Gläser gehört, den Rauch in den Himmel steigen sehen und wir mussten überhaupt nicht mehr fliegen können. Dann haben wir uns an einen der Holzverschläge gesetzt und zugeschaut, abgewartet, während aus den Plänen Papierflieger und Asche wurde, bis die Putzkolonnen kamen und die Kippen, Flaschen und Kronkorken in die Ecken kehrten, dann haben wir den Dreck von unseren Hosen geklopft und sind weitergefahren. Und gewollt haben wir, nicht das größte Stück vom Kuchen, aber einen Teller Suppe schon. Und irgendwie auch uns.

Siebenundzwanzig Treppenstufen bis zu deiner Tür. Nebeneinander gelegen, Kopf an Schulter, Hand auf Bauch. Blicke getauscht wie damals Sticker fürs Album; der Kopf ein Raum mit Bäumen vor den Fenstern. Im höchsten Ast ein verlassenes Vogelnest und die Musik war aus.

Wir haben nur die wichtigsten Dinge eingepackt: zwei Tischtennisschläger, einen Ball, unsere Fahrräder, die Winkekatze. Wir sind zum Horizont gefahren, da haben wir die Katze abgestellt, mit dem Gesicht zur Stadt. Dann haben wir alles liegen gelassen, tief Luft geholt, sind in den See gesprungen, ins Wasser eingetaucht, am Grund entlanggeschwommen, drei Mal abgebogen und für immer verschwunden. Die Katze hat uns nicht zugesehen. Nur gewunken hat sie, aber nicht für uns.

Das Gegenteil von Schatten ist nicht Licht. Das Gegenteil von Leben ist nicht Tod, das Gegenteil von Leben ist Sterben. Es ist so leicht zu verwechseln.

Du erinnerst mich an all das,
an Vergessen und Fallen,
an Vermissen und Lallen
und Schmerzen,
in jedem Fall an Tanzen.

(Frittenbude – Innere Altmark)

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Explizit ist das neue implizit

Nichts mehr sagen. Und stattdesssen:

mit G. im Wohnzimmer sitzen, Beat Loops anhören und ihm eine große Karriere im Eurodance-Business versprechen. Eine Choreographie einstudieren und vor Lachen fast vom Sofa fallen. Zu viel Kaffee trinken. Die Katze beneiden, die sich zu einem wollenen Ball zusammengerollt hat. Ein Interview führen. Nach Amerika telefonieren. Singen. Eine Postkarte schreiben. Schöne Menschen sehen. Das richtige T-Shirt tragen. Daran denken, was N. über Rock’n’Roll gesagt hat. Bilder bearbeiten. In der Küche sitzen und trinken. Nicht schlafen. Überfällige Nachrichten beantworten. Vanillesoße löffeln. Einen Lidstrich versuchen. Zeichensetzung üben. Die Wahrheit denken. Auf eine Party gehen und nach einer halben Stunde wieder nach Hause fahren. Einen Hund streicheln. Zusagen. Ein Gedicht abhängen. Englisches Frühstück machen. Einen Text schreiben. Knutschen. Eine Glühbirne wechseln. Ein Cabrio mieten, das Verdeck aufmachen, die Sonnenbrille aufsetzen, das Radio aufdrehen und durch die Stadt fahren. Eine Nacht in einer Bar verbringen. Achtunddreißig Mal hintereinander das selbe Lied hören. Einen Bürobesuch machen. Ein Hotelzimmer buchen. Dünne Wände verwünschen. Am Wochenende wegfahren.

Nichts mehr sagen.

Weil doch immer die Frage ist, ob wir uns überhaupt etwas zu sagen haben, du und ich. Oder ob wir uns besser verstehen, wenn wir beide den Mund halten. Wie das Wetter bei dir ist und wann die Gewitter in deinem Kopf aufhören. Wo du anfängst (nicht wo du aufhörst, das weißt du selber (und ich weiß es auch, aber es ist mir egal)). Wie du dir das vorstellst, und was überhaupt genau. Ob wir diese ganzen Diskussionen nicht einfach sein lassen und uns einfach nie wieder sehen sollten und

Nichts mehr sagen.

Erst recht nicht dazu, was das alles eigentlich soll: dass die Zeit der Verklausulierungen vorbei ist. Dass wir einander längst durchschaut haben mit unseren Taschenspielertricks und wir uns nur noch gegenseitig rumkriegen können. Dass du niemand bist, der anderen unnötig viel Wahrheit aufzwingt, die er auch für sich behalten kann. Dass ich niemand bin, der eine emotionale Bindung zu einem T-Shirt entwickelt, dass nach jemandem riecht. Und schließlich, dass ich jetzt so viele Selbstgespräche mit dir geführt habe, dass ich dir nichts mehr zu sagen habe. Ich hab mich gehen lassen und dich mit.

Alles was bleibt sind drei Gewissheiten:

ich setze immer zu viele Kommata. Egal was passiert, da ist immer Musik. Und auf dem Boden der Tatsachen ist es nicht zu kalt für guten Sex.

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Radio, Radio

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Ich bin seit noch nicht einmal 24 Stunden von einer Reise nach Lanzarote zurück, ich habe drei Pullover an und ich versuche, den Temperatursturz um 30 Grad zu verarbeiten. Jedenfalls, machen wir es kurz: am Montag, also morgen, bin ich ab 22 Uhr bei Radio Fritz zu Gast. Wir reden übers Alleinereisen und diesen Text und ich versuche, möglichst selten “äh” zu sagen. Ach ja: für alle ohne Rundfunkempfangsgeräte gibt es hier auch einen Livestream.

Machen Sie sich einen schönen Abend. Ich gehe mich jetzt mal auftauen.

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Der Mond, der Arsch

Es ist ein Wochenende, es ist schon spät am Abend, ich bin schon wieder auf einer Party, obwohl ich sonst nie auf Parties gehe, und ich komme ins Wundern. Ich wundere mich, dass es nichts Neues gibt, nur die selben Klamotten wie in der letzten Woche, die selben Tricks, die selben Sprüche wie in den letzten Monaten, es ist nichts Besonderes mehr dabei. Und genau genommen wundere ich mich noch nicht einmal, höchstens genau so viel, wie sich jemand wundern kann, der in ein altes Brot beißt, das wie altes Brot schmeckt und weich wird, je länger man darauf herumkaut. Fad. Hunde, die beißen, bellen nicht, denke ich mir, trinke mein letztes Getränk nicht aus, stelle mich an die Straße, winke und nehme ein Taxi in die Gegenrichtung. Der Taxifahrer spricht nicht, ich spreche auch nicht, ich kurbele das Taxifenster herunter, strecke den Kopf hinaus und versuche, den Mond zu sehen. Aber es ist Neumond und da hat der Mond frei. Der Arsch.

Spät ist es, als ich ankomme, an der Adresse, die du beschrieben hast, durchs Dunkel gehe ich an einer Baustellenbeleuchtung vorbei. Jemand hat kleine Lampions an den Wegesrand gestellt, als ich die Tür öffne, tropft Kondenswasser von der Decke. Der Raum ist dunkel, niedrig, ich kenne niemanden hier, ich werfe meine Lederjacke in eine Ecke und stelle mich irgendwo dazu, n Bier n Euro, ich habe keine Lust auf Bier, die Musik ist nicht richtig laut, ich habe sehr große Lust auf sehr laute Musik. Du bist nicht da, du hast eine Verabredung. Komm doch mit, hast du gesagt, ich habe nur den Kopf geschüttelt. Niemand den ich kenne und ich, wir stehen in einer Ecke und rauchen, weil wir dann nicht reden müssen, wir trinken Gin aus der Flasche, weil das jetzt geht. Wir legen uns in einer Ecke auf das Sofa, weil alle anderen gegangen sind. Und dann liegen wir da, zu fünft oder sechst, so genau erkenne ich das nicht, quer und längs gestapelt, wie viele Leute man wohl braucht, um einen großen menschlichen Teppich zu weben?. Mein Kopf liegt an irgendeiner Brust (ein Teppich, der atmet, das wäre schön), irgendwer streichelt mir den Rücken, es ist mir egal, wenigstens ist es warm und der Zigarettenrauch steigt nach oben. Jemand deckt mich mit seinem Körper zu, irgendwann schlafe ich ein, an irgendeiner Brust.

Als ich wieder aufwache, will ich weiterschlafen, stattdessen suche ich meine Jacke in der Ecke, ziehe sie an, die anderen schlafen alle noch. Es ist ein Berg Mensch, der atmet. Ich gehe nach draußen. Die Lampions am Weg sind aus, es ist schon winterhell und ich gehe zu dir. Leise drehe ich den Schlüssel im Schloss herum, mache die Türe vorsichtig hinter mir zu. Durch die Vorhänge im Wohnzimmer leuchtet die Morgensonne, ich will nicht auf den knarzenden Dielen laufen und trete doch darauf. Ihr Geräusch durchdringt die Stille. Ich drehe die Heizung auf und putze mir nicht mehr die Zähne, weil das so laut ist. Ich hoffe, dass du noch schläfst, ich ziehe mich aus, werfe die Klamotten in eine Ecke, lege mich hin, die Knie ans Kinn gezogen. Als ich wieder aufwache, stehst du mit zwei Tassen Kaffee vor dem Sofa, du riechst geduscht, deine Haut ist nass, deine langen Haare kleben auf deinem Rücken, du trägst nur ein T-Shirt und siehst auf mich herunter, wie man auf einen Überrest der Nacht heruntersieht, der aus Versehen in den Tag gefallen ist. Dann reichst du mir eine Tasse, ich rutsche ein Stück zur Seite, du legst dich neben mich, wir trinken unsere Tassen leer und stellen einander keine Fragen.

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Zwei null eins vier

31.12., 23:44 Uhr. Komm, wir bleiben im Bett und stoßen mit Kräutertee an.
23:58 Uhr. Ein Glas für die Dame, ein Glas für den Herrn. Das Sektglas in die Hand, loslaufen, noch zwei Minuten, durch den Raum mit den Ledersesseln, Terrassentür auf. Raus.
23:59 Uhr. Der See liegt still zwischen den Bäumen. Blick aufs iPhone, noch einmal und:
01.01., 00:00 Uhr.

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Ich wünsche Ihnen allen, dass 2014 ein gutes Jahr für Sie wird. Dass Sie feiern, die großen und die kleinen Ereignisse, dass Sie machen, was Sie schon immer mal tun wollten. Dass Sie weiter gehen, weiter sehen, als Sie es für möglich hielten. Dass Sie lachen, weinen, singen, tanzen, hassen, lieben. In jedem Fall: dass Sie es sich gutgehen lassen. Und dass Sie leben.

Es ist ein großes Geschenk für mich, zu wissen, dass Menschen das hier lesen. Schön, dass Sie hier sind. Auf Sie, auf uns, auf das Leben, auf dass es gut sei. Auch 2014.

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