we could have been lovers

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Und als der Regen fiel, hätten wir uns küssen können zwischen den Pfützen, an den grünen Ampeln, auf den Zebrastreifen und unter den Brücken.

Weil unsere Mäntel mit dem Grau des Tages verschwommen wären, hätten nur ein paar Leute uns gesehen, wie wir da stehen, wie ich meine Hände vergrabe in deinen hellen Locken, wie deine Arme um mich geschlungen sind, wie nass unsere Haare schon sind vom Dastehen und Küssen und dass deine Füße in den schönen grünen Sneakers auf einem Gullydeckel stehen und ein kleiner Bach an ihnen vorbeifließt, der schlingernd eine Handvoll Blätter, drei Kippen und ein Kaugummi in die Tiefe trägt. Es wäre gewesen wie damals, an jenem Regentag vor dreieinhalb Jahren, als wir an einem anderen Bahnhof in einer anderen Stadt standen, aneinandergelehnt, uns in die Augen sahen und der alte Mann uns sah, stehenblieb, lächelte und ganz leise sagte so muss die wahre Liebe sein und weiterging. Hätten wir uns geküsst, wäre das Leben weitergegangen wie er, zur Bahn, zum Bäcker, den Bach runter oder ziellos die Straße entlang.

Es gibt nur dieses eine Foto von uns. Im impulsiven Moment eines Gefühls von Kulturmangel hatte ich mir eine Eintrittskarte gekauft, und dann war ich tatsächlich auch hingegangen, ins Theater, ganz alleine, und ich war viel zu früh da. Auf dem Foto läufst du links durchs Bild, lachend und eine Geste in die Luft malend, inmitten einer Gruppe Menschen, die ich davor und danach nie wieder gesehen habe, ich stehe rechts im Bild, ganz hinten an einer Säule, und betrachte den Boden, das war, weil auf dem Boden ein Fleck zu sehen war, von dem ich überlegte, ob es ein festgetretenes Kaugummi sein könnte, ein Fleck, den ich mir in Wahrheit nur ausgedacht hatte, weil ich nicht gewusst hatte, wohin mit meinen Augen. Nach der Aufführung war ich schnell nach draußen gegangen, vor dem Theatereingang stehengeblieben, weil ich erst da die Sinnlosigkeit dieses schnellen Aufbruchs bemerkt hatte, sinnlos, wo ich doch eh nicht wusste, wohin mit mir und dem Rest des Abends. Ich lief am Theater entlang, landete vor dem Bühneneingang, setzte mich auf eine Mauer und steckte mir eine Zigarette an, Da ging die Tür auf, du kamst heraus, fragtest nach Feuer und setztest dich neben mir auf die Mauer, und dann saßen wir da so. Bis du sagtest ich bin müde, morgen ist schon die nächste Aufführung, die Knie unter dein Kinn zogst und ich nicht wusste, was ich dich fragen oder sagen sollte, alle Worte, die ich mir im Kopf zurechtlegte, sahen bei näherer Betrachtung falsch und unangemessen aus, also sagte ich nicht viel. Du auch nicht. Du wolltest noch ein wenig spazieren, zum Runterkommen, und dann nach Hause gehen, ich dachte dann, so ein Spaziergang, das wäre doch ok, und dann liefen wir einfach, die Isar entlang, über das Eis, durch einen Park und leere Straßen zurück zum Fluss, es war furchtbar kalt und dunkel, nur im Schein der Straßenlaternen sahen wir noch die Atemluft in den Nachthimmel steigen. Das nächste Mal sagten wir etwas, als wir auf diese Brücke zugingen, und alles anfing.

Deinetwegen habe ich. Ach. Ich bin Dichter, das weißt du, hast es immer gewusst, noch bevor wir auf dieser Brücke über der Isar standen und die Sonne aufging. Wir Dichter haben es mehr mit der Sehnsucht als mit der Erfüllung, das ist Schrott, aber wenigstens systemimmanent. Du bist Tänzerin, du hast es mehr mit der Bewegung als mit dem Stillstand, das ist auch Schrott, aber wenigstens sieht es schön aus. Ich mag es, wenn du tanzt.

Und dann, vor ein paar Wochen, hast du mir auf die Mailbox gesprochen, an meinem Geburtstag. Nur deinetwegen hatte ich die Mailbox wieder aktiviert. Ich hatte schon geahnt, was passieren würde, wenn du anrufst, dabei hatte ich nicht einmal gewusst, ob du es tun würdest. Dann blinkte dein Name auf dem Display und ich tat so, als sähe ich es nicht, als hörte ich das Klingeln nicht. Dabei habe ich doch nur darauf gewartet, dass es endlich aufhört, wie ich seit drei Jahren jede Stunde darauf warte, dass es endlich aufhört. Die ganze Zeit seit meinem Geburtstag habe ich deine Stimme in meiner Jackentasche herumgetragen, ja, in der Jackentasche, nicht in der Hosentasche, weit genug weg, kein direkter Körperkontakt; und doch ausreichend nah, nur wenige Sekunden und fünf Zentimeter weit entfernt; alles genau so, wie es immer war. Ich habe mir diesen Moment aufgespart, für einen Augenblick, in dem es passt, in dem alles soweit gut ist, dass ich dir wieder begegnen kann, ich habe gewartet, mich verzehrt und mich dafür gehasst, doch der Augenblick kam nicht, und dann habe ich es nicht mehr ausgehalten, ich habe die Mailbox abgerufen, Sie haben eine neue Nachricht, ein Knacken und dann der Moment, in dem die Luft im Raum in sich zusammenfällt. Danach ging ich einkaufen, das Spülmittel war leer.

Wir waren nie so viel, wie wir hätten sein können, und noch heute trete ich beim Gedanken daran trotzig gegen kleine Steine.

Dann sahen wir uns das letzte Mal, von dem wir wussten, dass es das letzte Mal sein würde. Und wir haben uns nicht geküsst. Wir haben nur dagestanden, voreinander, und uns an den Händen gehalten. Wir haben uns nicht mehr angesehen, und nun weiß ich nicht einmal mehr, wie hell deine Locken sind. Es gibt doch nur dieses eine Foto von uns. Ich weiß nur noch, dass beim Kiosk nebenan zehn verschiedene Schlagzeilen auslagen, Päckchen von roten Gummischlangen und das neueste Lustige Taschenbuch; dass da vierzehn Backsteinplatten an der Wand schwarz bemalt waren, fünf Punks in einer Ecke saßen und sieben Hunde an uns vorbeiliefen in all der Zeit. Und als ich danach aus Versehen wieder in dein Gesicht sah, da weintest du, ich weinte auch, und es war nicht wie in diesem scheiß Lied, weil nämlich jeder genau weiß, was Regen ist und was nicht.

Und ich glaube, der alte Mann hatte Recht.

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Segelboot, trotz allem (Szenen)

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In der Küche liegen noch einige Zettel, kleine Grüße in fremder Handschrift aus den drei Minuten vor Verlassen des Hauses. Sorgsam schichte ich sie auf einen Stapel und stelle das nutella-Glas darauf.

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Es ist Montag, ich gehe in den Waschsalon. Als ich die Waschmaschine einschalten will, merke ich, dass ich meine Mütze noch trage, ziehe sie mir vom Kopf und werfe sie in die Trommel.

Viele Autos in Russland haben eine kleine Kamera eingebaut, die das Geschehen in der Umgebung filmt, 5 Minuten lang speichert und dann wieder überschreibt. Wird man in einen Unfall verwickelt, drückt man einen kleinen Knopf und alle Bilder der letzten 5 Minuten bleiben dauerhaft gespeichert. Letzteres ist der Stand der Dinge.

Ich habe eine Trocknerbenutzung gekauft, 15 Minuten, 60 Grad. Ich öffne die Tür mit dem schwarzen Griff, werfe nur die Mütze hinein, und dann setze ich mich davor und sehe zu, wie das kleine schwarze Bündel in der riesigen Trommel herumwirbelt.

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Da war, vor einer nicht näher bezeichneten Anzahl von Tagen, dieser eine, kurze, halb von der Seite streifende Blick. Und seitdem.

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Ich habe mich aus der Wohnung ausgesperrt. Alles, was ich dabei habe, sind mein Personalausweis, ein Päckchen Kaugummi, ein Sack nasse Wäsche, eine trockene Mütze und 27 Cent. Das Geld drücke ich an der nächsten Straßenecke jemandem in die Hand. Geht, so.

In der U-Bahn, ein Kind mit einem Cello steigt ein und die Frau mit den kurzen braunen Haaren und den riesigen Augen sieht mich an. Lächelt.

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Er sitzt mir gegenüber, breitbeinig wie immer, eine Hand in den Haaren vergraben, mit der anderen fährt er sich übers Gesicht. Es sind diese kleinen, vertrauten Gesten, die bleiben. Immer. Trotz allem.

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Dienstag, in der Bar hockt ein Mann, mehr ein Junge, an einem Zweiertisch, er sitzt alleine mit seinem Buch, manchmal streicht er sich die blonden Haare aus dem Gesicht. Auf seinen rechten Oberarm, halb verdeckt vom T-Shirt-Ärmel, ist ein Segelschiff tätowiert. Es ist ein Dreimaster.

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Ich sitze in einem Bus, es ist angenehm warm hier drin, die Menschen sind leise, ich höre gute Musik, wir fahren durch die Nacht und es wäre völlig in Ordnung, jetzt einfach so weiterzufahren, und gerne auch für immer.

Man sollte eh häufiger einfach mal behaupten, dass es für immer ist. Mal nur noch das machen, wovon man das wollen würde, dann zur Eingewöhnung so tun als ob und schließlich einfach daran glauben, dass es für immer sein kann. Für immer ist. Oder wenigstens fast.

Große Lust, einfach falsch umzusteigen und durch die Nacht zu fahren. Für immer.

Vielleicht auch im Taxi.

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Ich steige aus der Bahn aus und gehe die Treppen hoch, auf der letzten Stufe zünde ich mir eine Zigarette an, ich laufe geradeaus, über das Lüftungsgitter, vorbei am Theater, namenlosen Sträuchern, Bäumen, Gewächshäusern, unter der Kastanie durch.

Es ist finster, ich sehe, spüre, sage nichts, da bricht die Zigarette ab, zwischen meinen Fingern nur noch der Filter, und ich merke, dass es seit einem halben Kilometer in Strömen regnet.

Ich gehe in der selben Geschwindigkeit weiter, der Regen wird stärker, meine Jeans kleben an meinen Beinen. Als ich in die Wohnung komme, tropft das Wasser aus meinen Haaren, fällt zu Boden, dann liegt es da und ich hole einen Putzlappen.

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Meide keine Pfützen.

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Cela

Und dann die Rituale. Den Schlüsselbund herausziehen, den Schlüssel finden, die erste Tür aufstoßen. Den Briefkasten öffnen, die Post noch im Treppenhaus durchsehen, die Stufen zählen, die Wohnungstür aufschließen, vorbeigehen am Fahrrad, das immer noch im Flur steht. Gepäck in eine Ecke werfen, die Fenster öffnen, in den Sessel fallen und eine Zigarette rauchen. Das Wasser aufdrehen, den Boiler einschalten, die Stecker wieder in die Steckdosen stecken (die Sicherungen klemmen). Wieder auf dem Sofa schlafen, weil das Bett so groß geworden ist, über all die Zeit. Am nächsten Tag aufwachen. Alles ausziehen, auf einen Haufen werfen, Schals und Mützen dazu, dann die Steppe aus dem Bauchnabel pulen, das Kleingeld abzählen, dreifünfzig pro Maschine, in den Waschsalon laufen, sechzig Grad normal, fünfunddreißig Minuten warten. Vor dem Waschsalon auf der Fensterbank sitzen, rauchen, eine Nummer wählen, reden, Fragen stellen, nicken, nichts beantworten können, auflegen. Die Wäsche aus der Maschine ziehen, zwei Euro und ein blaues Feuerzeug wiederfinden, in die Wohnung zurückgehen, alles aufhängen, das Geschirr spülen, im Abflussstrudeln einem Lebensgefühl hinterherblicken. Niemals winken, wenn es geht. Mit nassen Händen durch die Wohnung gehen, hin und her, die Hände an den Jeans abstreifen, Dinge in die Hand nehmen, abtasten, nichts dabei fühlen, weitergehen, an einem Tischbein hängenbleiben, noch ein Fenster öffnen, hinaussehen, sich umdrehen, in den Raum blicken

und sich wundern, wie man es so lange hier ausgehalten hat.

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Tschüss!

Ich mache das jetzt mal kurz hier.

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Vor zwei Monaten fing es an, und zwar damit, dass ich mich auf eine Reise begab, das Fürchten zu lernen biometrische Passfotos zu machen. Bei einer traumatischen Begegnung mit einem Passbildautomaten verlor ich hinter einem blau karierten Vorhang erst 10 Euro, weil das Ding zwar Geld schluckte, aber dann nicht lieferte, und dann auch noch meine letzte Würde. Danach hatte ich zwar keine Würde mehr, aber wenigstens vier Bilder, bei denen weiterhin unklar ist, ob ich gerade eine entsicherte Kalaschnikow oder eine Puppe auf dem Schoß habe.

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Kurz darauf habe ich noch drölfzig Behörden besucht und dabei meinen Fingerabdruck abgegeben, einen Reisepass, einen internationalen Führerschein und ein Visum beantragt. Ab Montag bin ich nämlich dann mal unterwegs: ich fahre in einem Auto die ehemalige Seidenstraße entlang von Berlin nach Astrakhan.

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Astrakhan, das ist am Kaspischen Meer und ungefähr so weit weg, wie wenn man 40 Mal quer durchs Saarland fährt, 1,5 Mal von Berlin nach Reykjavik oder einmal von Berlin nach Sagres (Sagres ist links unten, wo Portugal aufhört). Aber weil niemand (ich betone: niemand) 40 Mal quer durchs Saarland fahren möchte, man für Berlin-Reykjavik mindestens ein Amphibien-Auto braucht und man in Sagres aufpassen muss, dass man nicht aus Versehen einfach weiterfährt und ins Meer fällt — fahren wir lieber nach Astrakhan. Leider führt unsere Route nicht so weit gen Osten, dass ich den Fluss besuchen könnte, der extra nach mir benannt wurde. Das machen wir dann beim nächsten Mal. Ist auch ganz gut, dass wir nicht so weit fahren, das passt ja so schon kaum ordentlich auf eine Karte drauf.


Größere Kartenansicht

Jetzt ist es Sonntag, weit nach Mitterncht, und ich habe noch nicht gepackt. Womöglich packe ich also gleich noch, und dabei auch direkt den passenden Reisestecker und die wichtigsten drölfzigtausend Ladekabel ein. Ach ja, und vielleicht werfe ich auch noch ein, zwei Kleidungsstücke dazu in die Reisetasche. Wenn alles gut läuft, werde ich also unterwegs nicht nur manchmal Strom, sondern sogar etwas an haben (die Prioritäten der Digital Natives. Man kennt das). A propos Prioritäten: der ganz große Plan ist nämlich, dass ich dank Satellitenschüssel auf dem Autodach und vielleicht mal ein paar Bytes Wlan in einer Hotellobby für die famosen Menschen von Motor-Talk etwas Lustiges über Alkohol twittere und ein paar Wodkaflaschen Autos Sonnenuntergänge Landschaften fotografiere (den Alkoholcontent gibt es dann auf meinem eigenen Twitter-Account).

Ich glaube, das wird aufregend. Auf jeden Fall ist es eine Zeit voller Premieren: nicht nur werde ich zum ersten Mal in meinem Leben Europa verlassen, sondern besitze jetzt auch erstmalig ein vollständiges Set Kleidungsstücke, die mit meinem Namen bestickt sind (Unterwäsche ausgenommen). Fast ein Grund, sie einzupacken.

Es könnte in jedem Fall heiter werden.

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Wenn ich groß bin

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Ich komme gerade von einer dreitägigen Brachialtour an der Mosel (und das ist wohl das erste Mal in der Menschheitsgeschichte, dass jemand “brachial” und “Mosel” in einem zusammenhängenden Satz verwendet hat). An der Mosel habe ich Autos gesehen, Autos fotografiert, über Autos geschrieben, von Autos geträumt, bin Autos gefahren und habe Autos halluziniert, was aber viel wichtiger ist: ich bin eineinhalb Stunden Hubschrauber geflogen. Und:

Ich habe Hubschrauberpiloten gesehen.

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Hubschrauberpiloten sind nämlich die koolsten Typen im ganzen Universum. Echt. Dagegen sind James Bond, Superman, die Blues Brothers und all diese anderen Pseudo-Action- und Superhelden reine Witzfiguren. Die wahren Helden dieser Zeit sind Hubschrauberpiloten. Hubschrauberpiloten sind grundsätzlich braungebrannt, haben entweder gar keine oder lockige Haare und einen koolen Gesichtsausdruck, sie tragen superkoole verspiegelte Sonnenbrillen und koole riesige Kopfhörer, über die sie koole Funksprüche und Rockmusik hören. Das Mikrofon, das an den Kopfhörern dranhängt, wird von Hubschrauberpiloten niemals benutzt, Hubschrauberpiloten sprechen nämlich nicht. Vor sich haben sie einen Kompass und ein riesiges Armaturenbrett mit koolen, leuchtenden Knöpfen, und zwei Schalthebel (einer vorne, einer links), mit denen sie dieses Ding durch die Luft jagen, als wären die Schalthebel Joysticks und sie würden gerade Counterstrike zocken.

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Wirklich navigieren tun sie aber mit Hilfe eines iPads, auf dem eine bunte, permanent aktualisierte Karte der gesamten Umgebung zu sehen ist. Das iPad balancieren sie kool auf dem Oberschenkel, auch wenn draußen ein Orkan losgeht oder sich der Hubschrauber gerade im 180°-Winkel neigt. Ganz in Wahrheit navigieren sie aber nie, weil sie den gesamten Luft- und Bodenraum der Erde auswendig können, in ihrem Hubschrauberpilotenkopf. Hubschrauberpiloten sehen außerdem die Welt immer von oben und den ganzen Tag koole Sachen, weil sie nunmal berufsbedingt über den Dingen stehen, aber nichts von diesen koolen Sachen ist so kool wie sie. Außerdem fliegen Hubschrauberpiloten Linksverkehr. Linksverkehr ist auch kool.

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Während des Fluges müssen sie sich außerdem mindestens einmal nach den hinten sitzenden Passagieren umdrehen,  sie tragen natürlich immer noch die Sonnenbrille, dann müssen sie einmal in die Runde blicken (natürlich tun sie nur so. Wohin sie hinter ihrer Brille wirklich gucken, wird für immer ein Hubschrauberpilotengeheimnis bleiben). Sie zeigen kurz Sunnyboy-Lächeln (das ist auch der einzige Moment im Jahr, in dem Hubschrauberpiloten lächeln), sie zeigen das internationale Zeichen für “Daumen hoch”, und, sofern da hinten keiner kotzt, nicken sie und und fliegen weiter (natürlich sind sie auch während des Umdrehens und so weitergeflogen, Hubschrauberpiloten wissen nämlich schon Monate im Voraus, wann es gefährlich wird). Und während sie das “Daumen hoch”-Zeichen zeigen, müssen sie den Schalthebel mit den Knien festhalten. Hubschrauberpiloten schlafen auch niemals, höchstens einmal im Jahr in dem kurzen Moment, während der Hubschrauber wieder betankt wird.

Inzwischen bin ich mir auch ziemlich sicher, dass es die ganze Welt nur deshalb gibt, damit Hubschrauberpiloten darüberfliegen könne.

Wenn ich groß bin, werde ich auch Hubschrauberpilot.

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Es gibt da im Moment eigentlich nur zwei größere Hindernisse: 1. Wer nicht kool ist, wird erst gar nicht zur ersten Theoriestunde zugelassen. 2. Ein echter Hubschrauberpilot sagt niemals in seinem ganzen Leben “Hubschrauber”. Echte Hubschrauberpiloten sagen “Helikopter”.

Aber, wie gesagt, ich lerne ja noch.

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Einem Freund

Lieber Freund,

tl;dr: du musst da jetzt durch.

Es gibt diese Art von Briefen, die man Leuten meist dann schreibt, wenn sie aus dem eigenen Leben verschwunden oder tot sind. Genau deshalb gibt es da ein paar Sachen, die ich dir einfach sagen will, jetzt, wo du da bist und sie lesen kannst. Ich weiß, dass du diese Seite mal in deinem Feedreader hattest. (Dass du statt meiner Texte trotzdem lieber Hacker News liest, weiß ich auch.)

Letzten Dienstag am frühen Abend hast du angerufen, du warst gerade auf dem Weg nach Hause. Es war nichts passiert, auch sonst nichts Besonderes, wir haben uns den Tag erzählt, dann aufgelegt, du wolltest noch einen Film sehen und irgendetwas programmieren, es war also alles wie immer. Ein paar Stunden später haben wir uns doch noch einmal Nachrichten geschrieben, und erst da begriff ich, wie es dir eigentlich ging. Genauer: dass es uns beiden aus praktisch identischen Gründen beschissen ging. Das war der Abend, an dem ich anfing, diesen Brief zu schreiben.

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Wir kennen uns jetzt seit siebeneinhalb Jahren. Weißt du noch, damals™, als wir uns noch in ICQ schrieben, und uns in dem Restaurant trafen, bei dem ich erst viel später kapiert habe, dass sein Name übersetzt Einbahnstraße heißt? Unsere Spaziergänge oberhalb des Dorfs, in dem du damals noch wohntest, und unser Urlaub 2008, als wir mit meinem Auto über die Alpen ans Meer geheizt sind und uns durch Italiens Weinregionen getrunken haben? Unsere WG-Zeiten, als wir zusammen Twitter ausprobiert und uns fast ausschließlich von Nudelauflauf und Eis aus der Eisdiele gegenüber ernährt haben, die Nutellabartgeschichte, in der du der wichtigste Protagonist überhaupt warst, und der Abend, als ich in mühevoller Kleinarbeit gefüllte Champignons erst zubereitet und dann mit Schwung gegen die Wand geklatscht habe? Oder später, als du mein Klavier nach Berlin transportiert hast und wir zusammen an die Ostsee gefahren sind, wo es einen Pub mit deinem Namen und auf der Speisekarte des griechischen Restaurants eine eigene Seite für “Gerichte mit Ananas” gab?

Es ist viel passiert seitdem, und man kann ganz ohne Drama oder Übertreibung sagen: wir haben in all den Jahren verdammt viel verdammt große Scheiße zusammen durchgestanden (ich erspare dir hier eine Aufzählung, du weißt genauso gut wie ich, was ich alles meine). Und es war nicht immer alles leicht zwischen uns. Im Gegenteil. Wir hatten unsere Kämpfe, miteinander, umeinander, und obendrein hatte jeder von uns für sich manchmal Mühe, sich selbst irgendwie über Wasser zu halten.

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Was ich an unserer Freundschaft besonders mag, ist, dass wir einfach wissen, dass wir füreinander da sind, egal was passiert. Ohne uns dessen ständig versichern zu müssen. 98% unserer Freundschaft kommen ohne Geschwafel aus, ohne permanente Zuneigungsversicherungen, und die restlichen zwei Prozent, die sind dann auch ok. Aber was ich noch viel mehr mag, und was ich erst vor gar nicht allzu langer Zeit begriffen habe: dass wir so verschieden und einander doch so ähnlich sind.

Ich meine, hey, du machst deine Nerdsachen, die ich großartig finde, von denen ich aber ungefähr nichts verstehe; ich mache meinen Textkram, von dem du gut findest, dass ich ihn mache, dem du aber so gar nichts abgewinnen kannst. Du liebst München, das ich nicht so recht mag, ich lebe in Berlin, das du nur auf Stundenbasis erträgst. Und das alles ist okay. Jeder von uns hat seins, und wir treffen uns irgendwo in der Mitte, da, wo wir uns einig sind. Zum Beispiel darin, dass wir unsere Rückzugsmöglichkeiten brauchen und Menschen nur eine begrenzte Zeit lang ertragen.

Weißt du eigentlich, was du mir bedeutest? Du hast mir ein paarmal echt den Arsch gerettet, was aber noch viel wichtiger ist: wie oft du da warst, wenn es mir richtig beschissen ging (und es gab Zeiten, da war das ziemlich oft). Du warst der, der mich noch mochte, wenn ich mich selbst nicht mehr ertragen konnte, der mich wieder aufgebaut hat, wenn alles zu viel war und der immer an mich geglaubt hat, wenn ich gar nicht mehr weiter wusste.

Bei allem, was war, und erst recht bei allem, was hätte sein sollen, aber nicht wurde: du warst immer der Erste, der davon erfuhr. Der mich in allen Aggregatzuständen, mit allen Sorgen, Nöten, Idiotien und Baustellen kennt. Jahrelang haben wir täglich telefoniert, wir hatten das nie geplant, irgendwann war es einfach so. Auf die selbe Weise hörte es auch irgendwann wieder auf. Aber als ich einen neuen Handyvertrag gemacht habe und einen Anbieter wählen durfte, zu dem ich kostenlos telefonieren kann, war trotzdem klar, dass es deiner sein würde. Seit wir nicht mehr zusammenwohnen, ist aus einem “lass dich mal drücken” eben eine virtuelle Umarmung geworden. Dass du einfach viel zu oft viel zu weit weg bist, kann ich trotzdem nicht gut finden. Aber da du nie hierher ziehen wirst und ich nie dahin, wo du wieder hin willst: wir könnten einfach auch in den nächsten Jahren mal eine Weile gemeinsam ins Ausland gehen, irgendwohin, wo keine Menschen sind. Oder irgendwo anders hin (nur München ist keine Option. Echt nicht).

Das alles klingt ganz schön egoistisch, jetzt, wo ich das so lese. Andererseits, vielleicht gehört es dazu, dass man eine Freundschaft auch darüber definiert, was man bekommt.

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Das alles hier schreibe ich dir, um dir mal wieder vor Augen zu führen, was für ein großartiger Mensch du bist. Weil ich weiß, dass du genau das manchmal nicht so recht glauben magst. Ich habe da dieses eine Foto, das du mir mal geschickt hast, und jedes Mal, wenn ich es sehe, könnte ich mich wegschmeißen vor Lachen. Und allein dafür (neben all den anderen Sachen, die du kannst und machst und denen, die du sein lässt, weil du sie gerade nicht kannst) bist du für mich einer der besten Menschen, die es auf diesem Planeten gibt. Und auch wenn das nicht viel ist: vergiss es nicht, über dem Zweifeln an dir.

Jetzt bist du schon seit einiger Zeit weit drüben im Westen und arbeitest jeden Tag mit vielen schlauen Leuten, die den ganzen Tag tolle Sachen machen. Das ist die Art von Leuten, die es so wirklich, wirklich drauf haben, und dann auch noch ständig mit ihren Erfolgen im Fernsehen, im Radio und in der Zeitung sind, weil sie auf einem Gebiet unterwegs sind, das keiner so richtig versteht, für das aber alle Lösungen brauchen (das ist übrigens das selbe Gebiet, auf dem du unterwegs bist, mein Lieber, und das sind Leute, die dich eingestellt haben, weil sie gut finden, was du machst. Das aber nur so am Rande). Das kann sehr inspirierend, anspornend, herausfordernd sein. Andererseits kann es einen ganz schön fertig machen, besonders, weil es einem auch ständig die eigenen Unzulänglichkeiten vor die Nase hält.

Du bist so viel besser, als du glaubst.

Trotzdem sage ich dir jetzt nicht, dass du an dich glauben sollst, wir wissen beide ziemlich gut, dass das worthülsener Blödsinn ist. Du bist gut. Nur denkst du viel zu selten daran. Und ich hoffe, dass du es zumindest teilweise und ganz langsam irgendwann begreifen kannst: dass es okay ist, dass du nicht immer sofort so schnell und so gut bist wie all die anderen zu sein scheinen. Ich wünsche dir, dass du herausfindest, was du für dich selbst willst, ohne dich mit ihnen zu vergleichen; dass dir klar wird, welcher Weg deiner sein soll, und dass du dann eine Möglichkeit findest, ihn zu gehen (wenn es dein Weg ist, wirst du sie finden).

Vor allem aber wünsche ich dir, dass du sein kannst: alleine, mit dir, und einfach so, wie du bist. Dass du dich nicht verstellen musst, um anderen zu gefallen, oder um eine Version von dir selbst zu sein, von der du glaubst, sie sein zu müssen. Dass du Zeit für dich und ohne andere Menschen hast, Zeit, in der du grumpy sein und programmieren oder gar nichts machen kannst. Ich wünsche dir, dass du zufrieden bist, vielleicht sogar glücklich, aber auf jeden Fall einverstanden bist, mit dir und dem, was du tust. Denn eigentlich ist das Beste, was mir passieren kann: dass es dir gut geht.

Letzten Dienstag hast du ganz zum Schluss, geschrieben, dass alles gut ist, so lange wir uns haben. Und das Tollste daran ist: wir haben uns.

Danke, dass es dich gibt.

xx

P.S.: Du hast echt kein Doppelkinn.

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M.

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Ich liege im Bett und denke an D. und E. aus M.. Die beiden traf ich am Flughafen LHR, es war der Tag, als ein Flugzeug brannte und wir nicht nach Hause konnten. Wir mussten noch eine Nacht bleiben, fanden uns spontan sympathisch, der Grund war wohl, dass wir in der selben Warteschlange standen, ich vor ihnen, sie hinter mir (andere Gründe hatten wir ja nicht). Dann: Spontanzusammenfindung zu einer Solidaritätsgruppe. Es folgten die gezielte Buchung des selben Hotels, ein Dinner bei spiritusbetriebenen Catering-Warmhalteplatten und Trümmern von zu warmem Käsekuchen, mit verdorbenem Wein, halluzinogenen Teppichböden und dem schnellen Konsens über den ebenfalls anwesenden Namenlosen aus S., der in seiner Unsinnsrederei allein sich selbst überzeugen konnte (dies dafür aber umso mehr). Letzterer verzog sich wenigstens recht zeitig. Der Teppichboden blieb. D. und E. hofften, ihre angesichts der Umstände eher missliche Lage dadurch aufzulockern, dass sie wenigstens mit einer Berühmtheit am Tisch säßen, womit sie hinterher gegenüber Freunden prahlen zu können hofften. Diese Frage zog sich zunächst über dem Essen hin und endete schließlich beim Nachtisch mit einer Google-Suche (Suchbegriffe: Vorname Nachname) recht enttäuschend.

D. und ich hatten uns ganz zu Beginn noch gesiezt, wie man sich eben so siezt, wenn man einander in der Businessklamotte des Tages gegenübersitzt, den Koffer zur Sitzgelegenheit umfunktioniert, den Rechner auf dem Schoß, das Telefon am Ohr, und wild herumgestikuliert, auf dass doch jemand einen aus dieser Warteschlange befreien möge. Tut aber keiner. Das Siezen hat E. irgendwann aufgelöst, dankenswerterweise, und hat auch später die spannenderen Dinge erzählt, aus den Anfangsjahren des Chaos Computer Clubs, während D. die interessanteren Fragen stellte und mir nachhaltiger im Gedächtnis geblieben war. Jetzt, über eine Woche später, liege ich im Bett und wundere mich über ihn, bis ich verstehe, warum: es ist wegen seiner Art, zu sprechen, und seiner Art, zu lachen. Beides erinnert mich an C.. An C., wie D. und E. ebenfalls aus M.. C., in den ich damals so wahnsinnig verliebt war, nicht nur wegen der vielen Tattoos auf seinem Körper (gut, schon auch sehr deswegen), aber eben auch wegen seines Lachens, seines federnden Gangs, ach, und wegen der Art, wie er sich die immer ein wenig zu langen Haare aus der Stirn strich. C., dessentwegen ich sogar M. gut fand. Seit drei Jahren ist das jetzt vorbei, und ich bin froh darüber. Nur wusste ich seitdem nie mehr recht, was ich von M. halten soll, also so als Stadt an sich, jetzt habe ich D. und E. getroffen und wieder eine grundsätzlich positive Haltung dazu entwickelt.

Es sind nie die Städte, es sind immer die Menschen.

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Zelten (letzte Folge)

Guten Tag zur letzten Folge von “wunder.schön aber zelten” aus der Reihe “Mein schönstes Ferienerlebnis”. Dies ist die Fortsetzung einer Odyssee mit dem Titel “Zelten”. – Zu Folge 1Folge 2Folge 3, Folge 4, Folge 5.

Tag 7

Nach den Gasflaschenzwischenfall wieder auf neutralem Boden angekommen, will ich einen Kaffee trinken und versuche die Sache mit dem Gaskocher noch einmal. Ich nehme den Kocher, die neue Gasflasche, die ich dann doch nicht verwendet habe, um damit das Zelt und die darin befindliche Mücke in die Luft zu jagen, und laufe damit quer über den Zeltplatz. Ich betrete den Strand, gehe dort noch einmal eine halbe Stunde entlang und stelle sicher, dass sich im Umkreis von zwei Kilometern kein menschliches Wesen befindet und ich somit im Falle der nächsten möglichen Gasexplosion wenigstens keine Augenzeugen habe. 20 Sekunden später habe ich die Gasflasche korrekt und unfallfrei angeschlossen. Ich gehe mitsamt Gaskocher und -flasche zum Zeltplatz zurück. Auf halbem Weg zum Zelt spricht mich ein Wohnwagenbesitzer an: was ich denn mit der Gasflasche am Strand gemacht hätte. Leider kann ich so schlecht lügen und erzähle ihm die Geschichte mit der Beinahe-Explosion vom zweiten Tag. Während ich so rede, weicht er immer weiter zurück und verabschiedet sich schnell, er habe noch zu tun. Kurz darauf sehe ich, wie er und seine Frau hastig ihre Sachen zusammenpacken und mit quietschenden Reifen den Zeltplatz verlassen.

Ich habe keine Ahnung, warum.

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Als ich mir eine Zigarette anzünden will, kommt Wind auf. Und plötzlich riecht es so verbrannt. Ich versuche, herauszufinden, woher der Gestank kommt. In dem Moment auch schon sehe ich direkt vor meinem rechten Auge die brennende Haarsträhne. Ich tue das Erstbeste, was mir einfällt: und stecke den Kopf in den Sand, drehe ihn hin und her, klopfe mir mit der Hand auf die Stirn, um das Feuer zu löschen. Dann gehe ich zum Waschhäuschen am Zeltplatz und sehe in den Spiegel:
Mein Kopf ist voller Sand. Meine langen Ponyhaare sind abgeraucht und in meiner Stirn stehen noch drei übriggebliebene Haare nach oben. Vielleicht kämme ich sie mir einfach in die Stirn und gehe als Emo, außerdem wollte ich ja eh schon länger eine neue Frisur. Mit dem Taschenmesser schneide ich die letzten angekokelten Haare ab und sehe jetzt aus wie ein trauriger asymmetrischer Vokuhila-Sandkopf. Als ich so mit dem Messer herumfuchtele, schneide ich mir nebenbei versehentlich noch ein Loch in die Hose. Es ist herzförmig. Ich bin ein Emo, mir ist alles so egal.

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Tag 8

Nun muss man sagen, dass Menschen auf Zeltplätzen meist sehr aufmerksam sind, nicht nur, wenn es darum geht, dass man unbedingt Augenzeugen bei Unfällen mit Gaskochern braucht. Bei meiner Anreise war ich am Aufbauen des Zeltes verzweifelt, da sich die Heringe nicht mehr in den steinharten Boden bohren ließen. Ein Nachbar, der das beobachtet hatte, war kurz darauf zur Stelle, um mir einen Hammer zu leihen, begeistert nahm ich an und klopfte die Heringe unter Anwendung einiger Gewalt in den Boden. Aber auch sonst waren die Nachbarn sehr freundlich: einen Tag nach meiner Anreise auf dem letzten Zeltplatz war ich bereits im Besitz eines Campingstuhls, eines Campingtischs (ausklappbar), hatte drei Einladungen zum Abendessen erhalten und jemanden gefunden, der mir jeden Morgen direkt nach dem Aufwachen frisch gekochten Kaffee ans Zelt brachte: kurz – ich war im Paradies und im Paradies gab es auch noch Zimmerservice.

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Nun muss man auch anmerken, dass insbesondere der Wohnmobilreisende an sich einfach mit ALLEM ausgestattet ist, was man sich so vorstellen kann. Wohnmobilbesitzer, die etwas auf sich halten, bringen nicht nur ihr eigenes Klo, ihre Dusche, ein Esszimmer mit Sitzgruppe und einen 35-Zoll-Flachbildfernseher mit, sondern verfügen auch über eine Wohnzimmerwand “Eiche massiv”, in der sie die unterwegs gekauften Weinfässer bruchsicher verstauen.
Dies war aber nun leider auch mein letzter Tag, ich muss also definitiv zusammenpacken. Ich räume alles so in den Rucksack ein, dass ich mit meiner Messersammlung problemlos durch den Zoll komme, dann baue ich mein Zelt ab. Nein: dann versuche ich, mein Zelt abzubauen. Die Heringe, die ich so sorgfältig mit dem Hammer in den Boden gerammt habe: ich bekomme sie nicht mehr heraus. Ich ziehe daran, lehne mich dagegen, ich bohre meine Schuhspitzen in den Boden: vergeblich. Wie erwähnt sind gerade Wohnmobilbesitzer mit allem ausgestattet, was man sich nur denken kann, und so begibt es sich, dass sich tatsächlich jemand findet, der einen Eispickel dabei hat.

Einen Eispickel.
Auf Sardinien.
Im Sommer.
Bei 30 Grad.
Wenn das Meer eher selten gefriert.
Ich nehme den Eispickel dankend an, ohne weitere Fragen zu stellen. Und zum Rest der Frage, was denn nun mit dem Zelt ist: sagen wir es so – ich habe das Zelt wieder. Und auf Sardinien eröffnet demnächst auf einem Zeltplatz das erste Besucherbergwerk mit Führungen, auch in deutscher Sprache.

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Zelten (Folge 5 / 6)

Dieser Text stammt aus der Reihe “Mein schönstes Ferienerlebnis” und trägt immer noch den Titel “Zelten”. – Zu Folge 1Folge 2Folge 3, Folge 4.

zelten, sardinien, 2013

Tag 5

Nach den Erlebnissen mit der Gasflasche habe ich Angst, wegen Unzurechnungsfähigkeit und Gemeingefährlichkeit in einem italienischen Gefängnis für immer eingesperrt zu werden und beschließe, der Gegend schnellstmöglich den Rücken zu kehren. Noch in der Morgendämmerung packe ich all meine Sachen zusammen und verlasse die Stadt. Ich stelle mich an eine Bushaltestelle und steige in den nächstbesten Bus ein, gehe geduckt zu einem Platz in der letzten Reihe (die italienischen Busse sind alle sehr niedrig) und wir fahren los. Ich schlage mein Buch auf und fange an zu lesen.

OOOOOOH WON’T YOU TAKE ME HOME TONIGHT.

Vor Schreck springe ich auf, und schlage mir den Kopf an der Busdecke an. Der Busfahrer hat das Radio voll aufgedreht, mir würde ja das Trommelfell aus den Ohren fliegen, wenn es sich entscheiden könnte, zu welchem von beiden Seiten es nun raus soll. Meinen Plan, zu lesen, kann ich vergessen, wir rasen über die Serpentinen, als wären wir in Alarm für Cobra 11 der Bus, in dem die Bombe versteckt ist, wir heizen durch ein Dorf, auf den Straßen springen die Leute vor uns zur Seite, mit einer Achse bleiben wir an einem Marktstand hängen, wir rasen weiter, plötzlich direkt vor uns eine Baustelle! Der Busfahrer macht eine Vollbremsung, durch den Bus fliegt eine Tüte Kirschen, die eine Touristin nicht richtig festgehalten hatte, die Kirschen zerplatzen an der Windschutzscheibe, Kirschsaft trieft in die Frontlüftung, der Busfahrer dreht das Radio lauter, Queen singen „WEEEE ARE THE CHAMPIONS, MY FRIEEEND!“, der Busfahrer steht auf, offenbar kann er so besser sehen, er wendet auf dem handtuchgroßen Dorfplatz, rammt kurz eine Hausecke und rast in die andere Richtung weiter. Ich kralle mich mit beiden Händen am Sitz fest und überlege, mein Testament zu machen. Leider fahren wir so schnell, dass ich nicht schreiben kann.

Als wir endlich in der nächsten Stadt ankommen, renne ich aus dem Bus und gehe SOFORT auf zwei Kilometer Sicherheitsabstand zur gefährlichsten Menschenvernichtungsmaschine seit Erfindung der Zombieapokalypse.

Tag 6

Ich wache auf. Mich juckt es am ganzen Körper. ich mache die Augen auf und starre FRONTAL ins zufrieden vollgefressen dreinblickende Gesicht einer Mücke. Ihr Bauch hängt ihr bis zum Boden und sie rülpst mir einmal laut ins Gesicht. Ihre Flügel beginnen zu flattern, sie hebt ab, beachtlich, dass sie bei diesem Körpergewicht überhaupt noch fliegen kann. Sie nimmt Anlauf und peilt mein Gesicht an. Ich springe auf, habe aber leider vergessen, dass ich noch im Schlafsack liege, bleibe mit den Beinen hängen, verheddere mich, rutsche aus und falle mit Schwung zurück auf den Boden. Als ich wieder hochschaue, hockt die Mücke wieder da. Und lacht mich hämisch aus. Jetzt reicht es. Endgültig. Ich jage dieses Drecksvieh einfach mitsamt dem Zelt in die Luft! Zum Glück habe ich gestern noch eine neue Gasflasche gekauft und schon Erfahrung damit, diesmal lasse ich das einfach richtig explodieren. So! Ich nehme mein Feuerzeug und die Kartusche, der Plan ist, dass ich jetzt die Kartusche ansteche, das Feuerzeug dranhalte und dann sofort wegrenne. Vielleicht sollte ich aber wenigstens noch aus dem Schlafsack kriechen, BEVOR hier alles in die Luft fliegt. Die Mücke beobachtet mich mit erstaunlich großem Interesse, ich deute schon einmal an, die Gasflasche aufzudrehen, sie kichert leise, bereit zum Abflug. Dann trete ich auf sie drauf.

zelten, sardinien, 2013

Im nächsten und letzten Teil dieser wunderbaren kleinen Serie kommt es zu einer Konfrontation mit einem Wohnwagenbesitzer, einer Emofrisur und der neuesten Attraktion in sardischen Reiseführern, die noch nicht einmal als Marco Polo-Insidertipp vermerkt ist. Schalten Sie also auch morgen wieder ein, wenn es heißt: Zelten macht Spaß!

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Zelten (Folge 4 / 6)

Willkommen zurück in unserer beliebten Serie bei “wunder.schön aber zelten”. Dieser Text stammt aus der Reihe “Mein schönstes Ferienerlebnis” und trägt immer noch den Titel “Zelten”. – Zu Folge 1Folge 2Folge 3.

Tag 3

Heute gehe ich endlich zum ersten Mal baden. Das Wetter ist super, die Sonne scheint, es regnet endlich nicht mehr, der Reiseführer sagt, dass es auf Sardinien weder Seeigel noch sonstige gefährlichen Tiere gibt, ich ziehe also  meinen Bikini an, gehe zum Strand und laufe direkt ins Wasser. Nach den ersten fünf Metern ein stechender Schmerz an beiden Füßen. Ich ziehe meinen einen Fuß aus dem Wasser und sehe mir die Fußsohle an.

Ich bin in einen Seeigel getreten.

Fluchend laufe ich wieder aus dem Wasser, gehe zum Zelt, hole mein Taschenmesser. Die nächsten drei Stunden verbringe ich damit, mir in meiner Hängematte sitzend 100 Stacheln aus den Fußsohlen zu schneiden. Dann probiere ich, ein paar Schritte zu gehen. Mit letzter Kraft schleppe ich mich zu einem Mülleimer und werfe meinen Reiseführer weg.

reiseführer sardinien

Laufen funktioniert also nicht wirklich gut. Ich muss also eine andere Möglichkeit finden, mich fortzubewegen. Ich könnte auf den Händen laufen! Nun muss ich an dieser Stelle aber erwähnen, dass ich das das letzte Mal vor ungefähr 15 Jahren versucht habe. Meine damalige Sportlehrerin und Fußballtrainerin hieß Frau Hoffmann und hatte lange bei der Bundeswehr gedient, bevor sie Lehrerin wurde, mehr muss man über ihre Unterrichtsmethodik an sich auch nicht wissen. Es war in der siebten Klasse, da hatten wir, eine Ansammlung Mädchen mit pubertätsbedingt stark deformierten Körpern, als Schwerpunkt Boden- und Geräteturnen. Es war eine Zeit bitterer persönlicher Niederlagen, die ihren Tiefpunkt an dem Tag erreichte, an dem Frau Hoffmann mich auf einen Schwebebalken jagte und mir nach wenigen Sekunden, als ich noch nicht einmal da oben stand, sagte, ich sähe aus wie ein Elefant auf einem Drahtseil über den Niagarafällen. Ich riss mich zusammen und fragte sie nicht, wieso eigentlich ein Elefant auf ein Drahtseil über den Niagarafällen steigen sollte. Dem Thema Geräteturnen entrann ich erst, als die Notenvergabe anstand und ich während der Kür so vom Stufenbarren fiel, dass alle Umstehenden mich erst für tot und dann für querschnittsgelähmt hielten. Für diese Vorstellung gab Frau Hoffmann mir eine 2 bis 3, vermutlich auch nur, weil ich es geschafft hatte, zu überleben. Und dann kam die Bodenmatte. Dass ich mit meinen plötzlich gewachsenen Gliedmaßen auch an Handstand, Rad und dem Laufen auf den Händen scheiterte, muss ich an dieser Stelle vermutlich auch nicht mehr sagen.

zelten, sardinien, 2013

Kurz: auf den Händen laufen ist damit aber leider nicht einmal mehr im ENTFERNTESTEN etwas, worüber ich nachdenke. Bleibt also nur noch krabbeln. Wenigstens die Kinder auf dem Zeltplatz freuen sich wie irre darüber, dass es hier endlich einmal ein Tier auf dem Zeltplatz gibt, auf dem sie reiten und das sie mit kleinen Stöcken antreiben können. Ja, man kann sagen, ich habe Spaß.

Tag 4

Am Abend will ich mir endlich einen Tee kochen, ziehe meinen Gaskocher und eine Gasflasche aus dem Rucksack, stecke die Flasche in den Kocher, will sie weiter hineindrehen und PSCHHHHHHHT! Die Gasflasche fliegt mir entgegen. Genau in diesem Moment hört es auf zu regnen und eine riesige Flasche Butangas strömt in die süße Abendluft. Ich greife die Flasche, werfe sie drei Meter weiter, das Gas weht in mein Zelt, es stinkt wie kurz vor einer Gasexplosion. Ich sehe mich vorsichtshalber um: wenigstens ist noch keiner meiner Nachbarn wach, wenn hier schon gleich alles in die Luft fliegt, will ich wenigstens keine Augenzeugen. Und dann sitze ich da: vor meinem Zelt, in einer Pfütze, alles stinkt wie faule Eier, und leise zischt das Gas immer weiter aus der Flasche. Wäre es nicht so traurig, es könnte fast romantisch sein. So viel Aufregung noch vor dem ersten Kaffee vertrage ich nicht. Ich muss eine Zigarette rauchen. In dem Moment, als ich sie schon im Mundwinkel stecken habe und mit einem Feuerzeug anzünden will, denke ich mit der Langsamkeit eines Taschenrechner-Prozessors: Gas. Feuer. Gas. Feuer. Gas. Feuer. BUMM! Schnell werfe ich das Feuerzeug ins Eck.

Wie explosiv ist dieses Gas eigentlich wirklich? Kurz überlege ich, einen der Nachbarn in den umstehenden Wohnmobilen zu fragen, dann ist mir das alles aber doch ein bisschen peinlich, sobald einer von denen hier auftaucht, wird es eh nicht lange dauern, bis er entweder riecht, was los ist, oder aber irgendetwas in die Luft fliegt. Ich hatte mir ganz fest vorgenommen, während des Urlaubs nicht ins Internet zu gehen. Jetzt bin ich gerade einmal eine Nacht hier und mein Vorsatz löst sich in Gas auf. ich aktiviere mein Auslands-Datenpaket und google “Gas Flasche Explosion“. Kurz darauf wünsche ich mir, ich hätte es nicht getan. Und beschließe, zeitnah meine Sachen zu packen und von hier zu verschwinden.

zelten, sardinien, 2013

Im nächsten Teil fahren wir mit dem Bus in die Achtziger, begegnen der Zombieapokalypse und lassen nochmal was explodieren. Schalten Sie also auch morgen wieder ein, wenn es heißt: Zelten macht Spaß!

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Zelten (Folge 3 / 6)

Dieser Text stammt aus der Reihe “Mein schönstes Ferienerlebnis” und trägt immer noch den Titel “Zelten”. – Zu Folge 1, Folge 2

Tag 1

Ich hole meinen Rucksack vom Gepäckband und laufe aus dem Flughafen Olbia auf Sardinien, der ungefähr so groß ist wie mein Wohnzimmer. Irgendwo hier soll eine Bushaltestelle sein. Leider beschränken sich meine Italienischkenntnisse auf bitte, danke, ja und nein, damit kommt man in der Regel weit, immerhin haben sie mich gerade sogar über die Grenze gelassen. Ich traue mich nicht, jemanden zu fragen, und laufe einfach so hin und her.
Ich bin jetzt 30 Stunden wach.
Mein Rucksack wiegt inzwischen dreihunderttausend Kilo.
Ich habe Hunger.
Ich habe Durst.
Ich bin müde.
Ich will schlafen.

Da fährt ein Bus an mir vorbei. Ein Bus! Er hält. Ich steige ein, sage zum Busfahrer: “Centro?“, er hört SOFORT, dass ich kein Italienisch kann und sagt “ja, dieser Bus fährt ins Stadtzentrum“. Da fahre ich einmal weg aus Deutschland, und werde SOFORT als deutsche Touristin enttarnt. Ich fühle mich wie ein Versager. Ich setze mich hin, ich bin der einzige Fahrgast, der Motor läuft noch, endlich können wir losfahren. Und bald kann ich schlafen! Da steht der Busfahrer auf, steigt aus seinem Fahrerhäuschen, dreht sich zu mir um und sagt “Könne Sie kurz auf Bus aufpassen? Gleich wieder da.“ Ich nicke, warum auch nicht, ich habe schon auf Kleinkinder aufgepasst, da sind auch Busse mit fahrendem Motor überhaupt kein Problem für mich! Draußen rennt der Busfahrer vorbei, die Schöße seiner Uniform wehen hinter ihm her, er rennt zielstrebig in den Flughafen hinein. Entweder er muss WAHNSINNIG dringend aufs Klo oder er will spontan das Land verlassen, gleich geht der nächste Flieger zurück nach Deutschland.

Zwanzig Minuten später. Er ist immer noch nicht da. Darf man eigentlich mit einem deutschen Führerschein Klasse B auch einen italienischen Bus mit Anhänger steuern? Da kommt der Fahrer wieder, sagt “Sorry!“, schließt die Türen und wir beide fahren los. Kurz darauf stehe ich in der Touristeninformation. Hinter der Theke sitzt eine Deutsche, die mich ebenfalls sofort als Deutsche erkannt hat, ich sage zu ihr, dass ich jetzt sehr gerne wüsste, welcher der zehn Zeltplätze hier am schönsten ist und wie ich da hinkomme. Sie sieht mich sehr ernst an. Ich bekomme ein bisschen Angst. Und da sagt sie: “ja, also, die Zeltplätze hier haben alle nicht geöffnet.“ Ich bin jetzt seit 32 Stunden wach und meine Laune ist auf einem Tiefpunkt angelangt. “Die Zeltplätze haben alle noch geschlossen und machen erst nächsten Monat auf.“ NÄCHSTEN MONAT? So lange kann ich nicht mehr wachbleiben!

Ich überlege, mich aus Protest gegen das unzureichende Angebot an Zeltgelegenheiten einfach hier auf den Boden zu werfen und direkt einzuschlafen. Da redet sie weiter: “Und überhaupt, als Angestellte dieser Touristeninformation muss ich Ihnen ja sagen: hier ist es nicht schön.“ Bitte? Nicht schön? In meinem Reiseführer stand, dass es hier schön ist. Sehr schön sogar! “Ich würde Ihnen ja raten“, sie sieht mich jetzt über dne Rand ihrer Brille weg ganz offen feindselig an, “verlassen Sie besser sofort diese Stadt und fahren Sie weiter nach Süden.“ Bitte? Wo bin ich hier gelandet? Ich dachte, das wäre eine Touristeninformation? Ich meine, ich gebe ja zu, ich habe zwar seit gestern früh nicht in den Spiegel geschaut und nicht geduscht und sehe inzwischen vermutlich aus wie ein Zombie mit fettigen Haaren, einem sehr großen Rucksack und genauso großen Augenringen. Aber mich gleich der Stadt verweisen? Sie drückt mir noch einen Stapel Busfahrpläne in die Hand und sagt: “beeilen Sie sich, der nächste Bus fährt jetzt gleich!“, und ehe ich so richtig begreife, was hier passiert, sitze ich auch schon im Bus nach Süden. Als ich am Zeltplatz aussteige, gießt es wie aus Eimern.

Ich sehe mich um: die nächste Unterstellmöglichkeit ist 500 Meter weiter am anderen Ende des Zeltplatzes. Ich reiße meinen Rucksack auf und zerre das Zelt heraus. Ich habe 23 Einzelteile in der Hand und keine Ahnung, was ich damit machen soll. Vielleicht, jaaaaa, vielleicht hätte ich ja das Zelt einmal zuhause aufbauen sollen. Und selbst wenn nicht, vielleicht hätte es ja geholfen, die Aufbauanleitung NICHT zuhause liegenzulassen.
Ich bin jetzt seit 38 Stunden wach.
Ich bin sehr müde.
Und meine Laune ist sogar noch schlechter als das Wetter.

Ich nehme das größte der Teile, das am wenigsten Löcher hat, werfe es auf die Wiese und krieche mitsamt meinem Rucksack darunter.

zelten, sardinien, 2013

Der Regen wird stärker. Um uns herum sammeln sich Pfützen. Ich hole meinen Reiseführer aus dem Rucksack, schlage die erste Seite auf und sehe sofort, dass dieser Reiseführer nichts taugt: auf der ersten Seite des Reiseführers steht:

willkommen im sonnigen Sardinien.

Tag 2

Irgendwann gegen Abend habe ich es gestern noch geschafft, das Zelt aufzubauen. Als ich aufwache, ist es 5 Uhr morgens und ich liege in einer Pfütze. Leide ich doch an ersten Anzeichen von Älterwerden, und müssen diese Anzeichen ausgerechnet Inkontinenz sein? Nein: Es regnet immer noch, und durch einen Reißverschluss tropft Wasser ins Zelt.
Mein Schlafsack ist nass und klebrig.
Mir ist arschkalt.
Ich möchte in mein Bett.
Ich möchte nach Hause.
Ich will aufn Arm!
Als ich das Zelt aufmache, kommt mir ein Schwall Wasser entgegen.

zelten, sardinien, 2013

Und dann sitze ich da: patschnass von oben bis unten, in einem nassen Zelt, mitten im strömenden Regen. Morgens um 5. Da muss ich an die Worte meines Vaters denken, der immer sagte: “Zelten bei gutem Wetter ist was für Anfänger!”

ICH MÖCHTE ABER MANCHMAL EINFACH NICHT PROFI SEIN!

Wenn schon alles doof ist, will ich jetzt wenigstens einen Kakao trinken. Ich habe von Zuhause Milch und Kakaopulver mitgebracht, beides befindet sich im Rucksack. Als ich das Lebensmittelfach im Rucksack öffne, kommt mir bereits eine Wolke Kakao entgegen. ich ahne Übles und öffne das Fach weiter. Die Tüte, in der ich den Kakao verpackt hatte, war offenbar irgendwann während der Fahrt gerissen, woraufhin sich der gesamte Inhalt einer riesigen Dose Kakao in meinen Rucksack ergossen hatte. Tja. Und irgendwie muss dann auch ein wenig Feuchtigkeit in das Fach gelangt sein. Das Ergebnis: all meine mitgebrachten Lebensmittel, das Geschirr, der Kochtopf, das Rucksackfach und jetzt auch meine Hände sind mit klebrigem Kakao eingesaut. Ich packe alles wieder ein und gehe erst einmal spülen.

Im nächsten Teil machen wir Bodenturnen und eine Gasexplosion. Schalten Sie also auch morgen wieder ein, wenn es heißt: Zelten macht Spaß! – Zu Folge 4.

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Zelten (Folge 2 / 6)

Dieser Text stammt aus der Reihe “Mein schönstes Ferienerlebnis” und trägt immer noch den Titel “Zelten”. – Zu Folge 1.

Ich gehe jetzt das Fürchten lernen. Ich gehe: zelten. Von meinem wirklich allerletzten Geld kaufe ich mir noch ein Flugticket nach Sardinien. Und dann fange ich an zu packen. Als ich das Zelt von Tante Gertrud aus dem Keller hole, sehe ich zum ersten Mal auch die Aufschrift auf der Verpackung. Da steht: „Wild Trekking“. Dabei will ich gar kein „Wild Trekking“, sondern nur einen Platz, wo ich trocken und sicher schlafen kann. – Beides wird sich bald darauf als absolute Fehleinschätzung der Gesamtsituation herausstellen. Das merke ich aber zum Glück erst sehr viel später.

Als ich meinen Freunden von dem Plan erzähle, sehen sie mich an, als wäre ich immer noch die Fünfjährige, die zu ihrer Einschulungsfeier ein Zelt geschenkt bekommen hat: “Wie, zelten? Alleine? Bist du verrückt geworden? Und nimmst du wenigstens Pfefferspray mit??” Ich sage “Ja, klar, hab ich schon eingepackt!“, was natürlich überhaupt nicht stimmt, ich war noch nicht einmal im Entferntesten auf die Idee gekommen, außer zwei Messern irgendetwas zu meiner Verteidigung einzupacken. Ich wohne nämlich seit einigen Jahren in einer Wohnung mit sehr hohen Decken, in der die Lichtschalter ungefähr auf meiner Kopfhöhe angebracht sind, und seitdem übe ich täglich Selbstverteidigung: der beste Weg, einen Lichtschalter an- und auszumachen, ist nämlich ein Roundhouse-Kick.

flughafen köln-bochum morgens

Kurz nachdem ich meine Freunde so angeschwindelt habe, packt mich dann doch das schlechte Gewissen, und ich gehe in den nächstgelegenen Ghettokiez. Ich spreche einen türkischen Mann an, der die Straße fegt, und frage ihn: “wo ist denn hier der Waffenladen?“. Er sieht mich an, als hielte ich ihm gerade eine AK-47 ins Gesicht, was in der Gegend sogar wahrscheinlicher ist als Frauen, die nach Waffenläden fragen, dann deutet er die Straße hinunter. Eine halbe Stunde später besitze ich Pfefferspray, das für den Transport im Flugzeug geeignet ist und deshalb 39,95 EUR kostet. Dass ich das Pfefferspray dann aus Versehen zuhause vergessen habe, habe ich meinen Freunden bis heute nicht erzählt.

Tag 0

Es ist 1 Uhr. Ich sitze gähnend neben einem 23 Kilogramm schweren Rucksack in einer Regionalbahn von Berlin nach Köln und ich bin jetzt 22 Stunden wach. Ich bin müde. Schlafen. Oh ja. Schlafen wäre jetzt total gut. Bis nach Köln sind es noch drei Stunden, also genug Zeit für ein ausgedehntes Nickerchen. Ich drehe meinen Rucksack, so dass ich mich daran anlehnen kann, decke mich mit meiner Jacke zu, mache die Augen zu und …

regionalbahn, köln, schlafen (jedenfalls fast)

“ICH BIN DER KÖNIG VON MALLORCA, ICH BIN DER PRINZ VON ARENAL!“

Ich schrecke hoch. Ins Abteil marschieren 8 Männer in kurzen Hosen und Sandalen und mit 4 Kästen Bier. Im Stechschritt. Sie tragen Schwimmflügel und T-Shirts mit dem Aufdruck “WUPPERTAL GOES BALLERMANN 2013“. Ich schließe die Augen und versuche zu schlafen. “EIN BETT IM KORNFELD, JA DAS IST IMMER FREI, DENN ES IST SOMMER, UND WAS IST SCHON DABEI!“ Ich versuche, sie mit einem Blick zu töten. Sie belegen die 8 Plätze um mich herum und öffnen Bierflaschen. Als wir um 4 Uhr morgens am Kölner Hauptbahnhof ankommen, haben sie alle 4 Bierkästen geleert und die besten Hits von Jürgen Drews gesungen.
Alle.
Jeweils acht Mal.
Ich möchte nach Hause.

fastschlaf

Endlich kommen wir am Flughafen an, ich checke ein und warte. Neben mir sitzt eine sehr sehr dicke Italienerin auf Verwandtschaftsbesuch, die wissen will, warum ich denn alleine in den Urlaub fahre. Ich sage: “ich habe keine Freunde. Und ich gehe zelten.“ Sie sieht mich sehr traurig an und setzt nach: “Und wie kochen Sie dann?“ – Ich sage: “Gar nicht.“ Ihr steht eine Träne im Augenwinkel. Bevor sie mich zwangsadoptieren kann, renne ich schnell ins Raucherzimmer. Und mit “rennen“ meine ich: ich schleppe mich mit letzter Kraft und ziehe meinen Rucksack auf dem Boden hinter mir her.

Ich bin jetzt 26 Stunden wach.

Morgen besuchen wir die hilfreichste Touristeninformation aller Zeiten, machen Babysitting in ganz groß und üben Zelten für Profis. Schalten Sie also wieder ein, wenn es heißt: Zelten macht Spaß! – Zu Folge 3.

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