Zwei null eins vier

31.12., 23:44 Uhr. Komm, wir bleiben im Bett und stoßen mit Kräutertee an.
23:58 Uhr. Ein Glas für die Dame, ein Glas für den Herrn. Das Sektglas in die Hand, loslaufen, noch zwei Minuten, durch den Raum mit den Ledersesseln, Terrassentür auf. Raus.
23:59 Uhr. Der See liegt still zwischen den Bäumen. Blick aufs iPhone, noch einmal und:
01.01., 00:00 Uhr.

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Ich wünsche Ihnen allen, dass 2014 ein gutes Jahr für Sie wird. Dass Sie feiern, die großen und die kleinen Ereignisse, dass Sie machen, was Sie schon immer mal tun wollten. Dass Sie weiter gehen, weiter sehen, als Sie es für möglich hielten. Dass Sie lachen, weinen, singen, tanzen, hassen, lieben. In jedem Fall: dass Sie es sich gutgehen lassen. Und dass Sie leben.

Es ist ein großes Geschenk für mich, zu wissen, dass Menschen das hier lesen. Schön, dass Sie hier sind. Auf Sie, auf uns, auf das Leben, auf dass es gut sei. Auch 2014.

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Das Herz der Stadt schlägt nur noch alle vier Stunden

Der Boiler tropft. Vor zehn Tagen fing es an, einfach so, als ich in der Küche saß, Kaffee trank und rauchte, da machte es plötzlich plopp. Plopp. Plopp. Plopp.

Dann ist es der 20. Dezember, die Letzten verlassen die Stadt, sie fahren zu ihren Familien, ich bleibe hier und winke ihnen nicht hinterher. Das ist die Zeit, in der es überall ruhiger wird, in der selbst der Nachbar nur noch für zwei Stunden am Tag sein Lieblingslied von Adele hört. In den restlichen zweiundzwanzig Stunden ist es so still, dass ich nichts höre als das Geräusch meiner Augen beim Blinzeln, das Tropfen des Boilers und das Tapern meiner Gedanken in der Stille.

Ich überlege, was ich gelernt habe in den letzten zwölf Monaten, und das Wichtigste ist wohl, dass ich jetzt überall sein könnte. Ich habe verstanden, dass ich nur noch hier bin, weil ich noch immer keine Antwort auf die Frage gefunden habe, wo sonst ich sein will. In der Zwischenzeit habe ich Alkohol getrunken, um mich abzulenken, ich habe Menschen geküsst, um mich abzulenken, ich wohne noch hier, um mich abzulenken. Und doch war alles nie genug, nie genug Rausch, nie genug Sex, und nie genug Zuhause. Und dann war da der Krieg. In den letzten Monaten gab es einen Teilsieg in einem Krieg, von dem ich nicht glaubte, dass er je zu gewinnen wäre. Und ich habe Frieden geschlossen: ich weiß, dass der Krieg nie ganz vorbei sein wird, aber ich weiß, dass ich jede Schlacht, die kommen mag, gewinnen kann. Zum Schluss lese ich noch einmal die Dinge, die ich im letzten Jahr aufgeschrieben habe, die Gedankenfetzen und die zusammenhängenden Texte, und nichts davon erscheint mir als von Dauer und von Wert. Nur einzelne Sätze sind darunter, die keinen Widerspruch dulden.

Manchmal habe ich den Eindruck, dass die Welt mich stärker verbraucht als ich sie.

Dann klappe ich das alles zu und mich wie ein Taschenmesser zusammen. Tagelang schlafe ich nur noch, mein Körper ist ausgelaugt, von den vielen Nächten ohne Schlaf, von der vielen Arbeit, den vielen Eindrücken. Ich habe aufgegeben, alles sortieren zu wollen, inzwischen kippe ich alle neuen Bilder, Gedanken, Ideen nur noch auf den großen Haufen hinterm Haus. Irgendwann, irgendwann, wird daraus vielleicht noch etwas wachsen. Aber nicht jetzt. Jetzt stehe ich nur noch auf, um das Licht ein- oder auszuschalten, um die Wasserflasche aufzufüllen oder aufs Klo zu gehen. Ansonsten liege ich, ich liege, liege. Liege, als gälte es, das Bett in all seinen Ecken neu zu durchmessen. Ich träume wilde Träume, wenn ich aufwache, schlägt mein Herz schneller, und mache ich die Vorhänge zur Seite, ist es nur noch selten hell.

Eines Morgens stehe ich einfach wieder auf. Als ich zum ersten Mal nach neun Tagen in den Spiegel schaue, entdecke ich etwas Glitzer auf meiner Wange. Am selben Tag verlasse ich die Wohnung zum ersten Mal wieder. Draußen scheint die Sonne, der Himmel ist blau, ich höre Musik, gehe die Straße entlang. Die Stadt ist ganz leer, strahlt im Licht wie aufgeräumt, auf den Gehwegen liegen die ersten Tannenbäume, alles wirkt ruhig und klar, langsamer als sonst, wie schockgefroren und langsam antauend, ich singe vor mich hin und plötzlich merke ich es: die Leichtigkeit ist zurück. Ich schließe die Tür zu meiner Wohnung auf, öffne alle Fenster und setze mich in die Küche.

Mein Herz schlägt siebenundfünfzig Mal pro Minute. Der Boiler in meiner Küche tropft nach jeweils drei Sekunden. Das Herz der Stadt schlägt nur noch alle vier Stunden.

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Ich reise allein

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Alleine zu reisen bedeutet für mich daher auch, dass ich mir immer wieder bewusst mache, dass ich bisweilen den sozialen Stecker ziehen muss, damit es mir gut geht, und dann irgendwo hinfahre, wo es schön ist und ich wieder Kräfte sammeln kann. Das Tolle ist: egal was vorher alles los war – spätestens nach drei Tagen verliere ich mein Zeitgefühl und mein Kopf ist so frei, dass ich wieder alles neu sortieren kann. Für mich ist diese Zeit eine, in der mir mühelos gelingt, was mich sonst sehr viel Kraft kostet: mich auf das Wesentliche konzentrieren. Mich um mich selbst kümmern. Der Abschaltfaktor eines solchen Urlaubs ist für mich durch nichts zu ersetzen.

“Ich reise allein” – warum das so ist, habe ich einmal für kleinerdrei aufgeschrieben.

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Spekulatius vom Wühltisch

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Zum ersten Mal seit vielen Jahren habe ich Spekulatius nicht selbst gebacken, sondern gekauft. Am Samstag, den 14. Dezember, war ich im Supermarkt, ich wollte Milch kaufen, fand aber plötzlich den Gedanken an Kekse sehr viel interessanter. Auf dem Weg zum Keksregal kam ich an den letzten Paletten mit den Weihnachtsartikeln vorbei. Genauer: an Paletten mit den Kartons, in denen einst die Weihnachtsartikel lagen: Schokonikoläuse, Lebkuchen (mit Füllung und ohne), Marzipankartoffeln – alles ausverkauft. Enttäuscht ging ich weiter, nahm versuchsweise eine Flasche Spülmittel vom Wühltisch in die Hand, einfach nur, weil ich die grüne Farbe so schön fand, und stellte sie wieder zurück. Doch da, neben dem Spülmittel, zwischen furchterregend großen Chipstonnen und sehr böse dreinblickenden Plüschtigern, da lag ganz versteckt noch eine Packung Spekulatius, wahrscheinlich einst mitgenommen von einem hungrigen Kind und außer Reich- und Sichtweite gebracht von einem Erwachsenen, nein, du hattest heute schon deinen Adventskalender, heute gibt es nichts Süßes mehr! Zum Glück bin ich erwachsen und darf mich so oft so schlecht ernähren wie ich will. Ich warf den Plüschtigern einen bösen Blick zu, nahm die Kekse, legte sie neben Karotten und Kaffee in meinen Einkaufswagen und bezahlte. Es war kein ganz billiger Spekulatius, es war welcher, bei dem die Packung gut über drei Euro kostet, entsprechend hoffte ich doch auf eine gewisse Qualität. Zuhause räumte ich die Einkäufe in den Kühlschrank und das Vorratsregal, kochte Suppe für einen Freund, war noch einmal unterwegs und kam wieder nach Hause. Dann, spät am Abend, holte ich die Spekulatius aus dem Regal, öffnete die Packung, nahm den ersten heraus, biss hinein, er schmeckte wirklich sehr gut. Erst als ich den zweiten herausnahm, da sah ich, dass die Spekulatius nicht einfach übereinander in die Schachtel vom Wühltisch geschichtet waren, sondern eng aneinander lagen, immer zwei, Bauch an Bauch, wie zwei einander sehr zugewandte Menschen. Ich empfand diesen Gedanken auf eine gewisse Art als sehr tröstlich.

Erst am Morgen darauf beim Kaffeetrinken fiel mir ein, dass ich ja eigentlich Milch kaufen wollte.

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Weit (weit weg)

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Ich sitze im Auto und fahre aus der Stadt hinaus. Eigentlich hatte ich das nicht geplant, eigentlich hatte ich mir überlegt, das reicht, wenn ich das nächstes Mal mache. Aber dann saß ich an einem Samstag Abend in der Bar, mit einem Isländer, einem Finnen und einem New Yorker, der eigentlich Venezolaner ist, wir tranken Bier, es gibt ein eigenes Weihnachtsbier hier, das ist ganz dunkel, fast schwarz, und schmeckt ein wenig nach Malz. Das mit der Bar, das war die Idee des Finnen, also saßen wir da und redeten, über das Alleinereisen und Wikileaks und Nazis. Und dann war es plötzlich Mitternacht und alles war klar: dass die Länder nie so sind wie ihre Hauptstädte. Dass ich endlich ein erstes Gefühl dafür bekommen will, was für ein Land das ist. Ich ging zur Rezeption, sagte, dass ich in der kommenden Nacht nicht da sein würde (ok), fragte, wo man denn hier ein Auto mieten könne (die Straße runter, da rechts), auf meinem Zimmer suchte ich ein Hotel, buchte und ging schlafen.

Am Sonntag Morgen um 09:40 Uhr breche ich auf. Ich will raus aus Reykjavik, die Westküste entlang, mein Ziel ist ein ein kleines Dorf auf einer Halbinsel. Es ist noch dunkel. Stockdunkel. Der Tag beginnt hier inzwischen gegen 11:30 Uhr, um 13 Uhr steht die Sonne am höchsten, also gerade so hoch, dass sie ganz über den Horizont schaut, und um 14:30 Uhr wird es auch schon wieder dunkel. Um 16 Uhr ist es Nacht.

Ich habe ein ganz kleines Auto gemietet, das günstigste, das sie hatten, mein Gepäck habe ich auf der Rückbank und den Beifahrersitz verteilt. Es ist der erste Advent, es soll den ganzen Tag regnen, für den folgenden Tag ist Schnee angesagt. Auf den Straßen ist kaum ein Auto zu sehen, ich fahre um die Stadt herum, 60 km/h, aus der Stadt heraus auf die Ringautobahn, die einmal um die Insel führt, 90m/h. Sturm, der das Auto zur Seite drückt. Regen gegen das Dach und die Scheiben. Ich schalte das Radio ein und drehe die Musik auf. Auf Senderspeicherplatz eins laufen Weihnachtslieder, ich verstehe zwar den Text nicht, aber das Glöckchengeläut im Hintergrund. Auf Senderspeicherplatz zwei läuft R’n'B, auf der drei auch, auf der fünf etwas, das klingt wie Volksmusik. Auf der sechs läuft die isländische Version von “Hey Baby”. Und dann fahre ich, immer weiter geradeaus, durch einen Tunnel unter einer Bucht hindurch, 1000 Kronen die Durchfahrt, das sind etwas über sechs Euro. Weiter durch karges Land, alles hier ist karg und kahl, über endlose Straßen in die Berge.

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Es wird langsam heller, Schnee ist auf ihren Kuppen zu sehen, zwischendurch fällt immer wieder Regen. Irgendwann esse ich, eine Banane, einen Müsliriegel, eine Handvoll salziges Studentenfutter, und trinke eine halbe Flasche Leitungswasser, die ich heute früh noch aufgefüllt habe. Die Ortsnamen sind hier so lang, dass sie auf den Straßenschildern abgekürzt werden, dann steht da “Reykjav.” für Reykjavik und “Grundarfj.” für Grundarfjördur.

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Ich summe leise die Musik mit, dann singe ich laut alles, was ich kenne (vielleicht auch das, was ich nicht kenne). Immer geradeaus. Über Brücken, die über Buchten führen, zwischen Hügeln hindurch, bisweilen ein Haus, irgendwann ist es wirklich hell, ich halte an, steige aus und der Wind knallt die Autotüre hinter mir zu. Ich ziehe meinen Mantel zu und die Kapuze über meinen Kopf, darunter trage ich noch einen Pullover und zwei T-Shirts, unter der Jeans eine Strumpfhose, darüber noch dicke Wollsocken. Ich nehme meine Kamera vom Beifahrersitz, klettere einen Hügel hinauf und sehe nach unten.

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Und es ist genau so, wie ich es schon die letzten Tage geahnt hatte. Genau das, was ich gedacht hatte, als ich vor einigen Monaten den Flug hierher gebucht hatte. Es ist genau der Grund, warum ich schon wusste, dass ich nach meinem ersten Besuch hierher zurückkehren würde, ohne jemals hier gewesen zu sein:

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Es ist diese Weite. Die mich sprachlos macht. Und mich völlig fassungslos zurücklässt.

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Da ist nichts: kein Gebäude, keine Straßenlaterne, kein Verkehrsschild, kein Busch, kein Baum. Nur vereinzelt Pferde mitten in den Felswänden und riesige Lavabrocken am Straßenrand. Dann eine Pfütze, ein Bach, ein See, eine Insel, ein Wasserfall, und dann die Wolken, sie hängen tief über Bergen, die aussehen wie vor langer Zeit gestrandete Wale.

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Es sind diese Farben. Überall schwarze Lava, weißen Schaumkrone auf den Wellen, blaugrauer Himmel mit schwarz und weiß hingetupften Wolken. Brauner Schlamm, Moos in dunklem Grün, verblichene gelbe Gräser, weiße Möwen, alles wird eins mit der Landschaft.

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Es sind die Formen. Der Wind, der das Wasser auf der Meeresoberfläche entlangpeitscht und die Gischt der Wasserfälle nach oben jagt. Die Gräser, die sich seiner Richtung längst ergeben haben. Die Vögel, die in Scharen über die Felder ziehen. Die Wellen, in denen die Landschaft ins Meer abfällt. Die Kurven, in denen sich die Straßen in die Landschaft einfügen, und die endlos langen Geraden.

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Und es ist die Macht. Die Gewalt, mit der der Wind durch die Berge weht, dass ich mich anstrengen muss, nicht umgeworfen zu werden. Die Kraft des Hagels und Graupels, wenn er einem ins Gesicht schlägt, gegen den Körper prallt, durch dicke Schichten von Kleidung hindurch auf die Haut trifft. Die Wucht der Wellen, die immer und immer wieder gegen die Küste schlagen, bis sie sie ausgehölt haben. Die Größe der Berge, die Einsamkeit der Täler.

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Es ist die Ruhe. Dass nichts zu hören ist außer dem Sturm, der See, dem Regen, dem Rascheln der Gräser. Es ist, als läge eine Stille über allem. Als könnte man den Schnee auf den Boden fallen hören.

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Ich kann nicht aufhören, hinzusehen, hinzuhören, und ich weiß, der Tag ist kurz. In wenigen Stunden wird es wieder Nacht sein, der Sturm wird wieder an den Fenstern rütteln, der Regen wird gegen die Mauern peitschen und ich werde in einem kleinen Hotel an einem Fjord meine Nase in eine Decke stecken, die immer noch ein wenig nach Schaf riecht.

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Was bleibt, ist dieses Gefühl, schwächer, kleiner, verletzlicher zu sein als je zuvor. Und dabei die Gewissheit, keine Angst zu haben, nicht vor dem Sturm und dem Wasser, nicht vor der Nacht und nicht vor dem Alleinsein am Morgen. Und diese unendlich große Dankbarkeit, hier sein, und überhaupt, einfach sein zu dürfen.

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Am Morgen stehe ich um 05:30 Uhr auf, ich soll meinen Mietwagen in knapp 4 Stunden zurückbringen. Vor mir liegen wieder 200 Kilometer durchs Hochland und an der Küste entlang, unter Einhaltung aller Verkehrsregeln dauert das zweieinhalb Stunden.

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Es soll schneien, heftig schneien, als ich um kurz vor sechs das Hotel verlasse, liegt schon Schnee auf der Straße, vom Wind in schräge Muster verweht. Ich rauche noch eine Zigarette, der Rauch steigt in den knallschwarzen Himmel. Ich schließe das Auto auf, fahre los, minus fünf Grad, ich drehe die Heizung auf.

Oberhalb des Fjords halte ich an. Der Sternenhimmel ist so klar, die Milchstraße zieht sich wie ein weißes Band über den Himmel, ich zünde noch eine Zigarette an und ich kann es doch nicht lassen. Ich hole die Kamera aus dem Auto. Weil ich nicht anders kann. Es schneit, es stürmt, nach zwei Minuten zittere ich vor Kälte. Ich bleibe noch zehn Minuten stehen, bis ich meine Hände in den Handschuhen nicht mehr spüre.

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Es gibt so Gegenden, da ist der Mensch an sich einfach überflüssig.

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Die Liebe geht, die Lieben aber bleiben

Es gibt da diese Kneipe, weiter unten in der Stadt. Man geht von hier aus links, dann rechts, dann sehr, sehr lange geradeaus, an der Kreuzung mit der Straßenbahnhaltestelle biegt man links ab, geht dann noch einmal geradeaus, und da ist sie dann irgendwann, auf der linken Seite. Ich bin gerne dort, das Bier ist gut, es gibt vor allem aber keine Lichterketten, Zimmerpflanzen, Polstermöbel, und wenn man essen will, liefert der Dönerladen gegenüber frei Haus. Die Telefonnummer steht auf der Getränkekarte.

Drei Mal war ich in den letzten drei Wochen dort. Jedes Mal gab es zu viel Bier und zu viele Zigaretten, außerdem kein Publikum, einen Wirt, der keine Fragen stellte, und sie beide. Beim ersten Mal hatten sie einander nichts mehr zu sagen, dafür redeten sie sehr viel, sie saßen nebeneinander, einer weinte, der andere weinte nicht und fühlte sich hilflos dabei, sie machten diese Gesten, die man so macht, wenn man in seiner Hilflosigkeit schon das Bier leergetrunken und den Bierdeckel  auf kleinstmögliche Größe gefaltet hat, und dann gingen beide wieder, der eine rechts, der andere links, sie sagten Auf Wiedersehen und waren sicher, dass sie es wirklich so meinten, ohne darüber nachzudenken, für welches Leben denn genau. Beim zweiten Mal saßen sie orthogonal zueinander, sie betrachteten die Knie des jeweils anderen und bisweilen auch den Fußboden, einer von beiden trank weniger als der andere, es zerbrach ein Glas, der Wirt brachte ein neues, als sie sich voneinander verabschiedeten, sagten sie Bis bald, ohne es zu meinen, und es fuhr keine einzige U-Bahn mehr, der eine lief, der andere nahm ein Taxi nach Hause. Beim dritten Mal gab es eine Umarmung zur Begrüßung und einen langen Kuss zum Abschied und zwei Hände, die sich ineinander verschlangen, ganz langsam auseinanderzogen, millimeterweise und ohne loszulassen, von Handgelenken aus die Hände entlangstreichend, über Handflächen, Handrücken, die Finger entlang, jedes Stück Haut lesend wie eine Spur, während sie im Versuch einer Zeitlupe in entgegengesetzte Richtungen losgingen, bis sich nur noch die Fingerspitzen berührten, für den Bruchteil einer Sekunde, sie einander ein letztes Mal ansahen, ihre Arme noch kurz in der Luft schwebten, nach unten sanken, und sie ihre Blicke losrissen, und keiner von beiden sagte dabei auch nur ein einziges Wort.

Danach waren jeweils die wichtigsten Dinge gesagt.

Wie das eben so ist, wenn die Liebe geht, die Lieben aber bleiben.

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Heute

Heute ist so einer dieser Tage, an denen man Bauch an Rücken oder Schulter an Hals oder Nase an Nase daliegen, und nicht in irgendeinem Auto sitzen und nur an roten Ampeln SMS schreiben, oder auf Sofas unter längs gestreifter Bettwäsche herumliegen sollte. Es ist kein Tag, an dem man Gedanken oder Sätze teilen sollte in Haupt- und Nebensätze, sondern einer dieser Tage, an denen man nur eines teilt, nämlich das Bett, das Sofa oder ein Stück Teppichboden, und zwar nur mit jemandem. So ein Tag ist das nämlich. Und deshalb weiß ich umso mehr noch, dass ich dich erkennen werde, wenn wir uns wiedersehen, und zwar vielleicht daran, wie du gehst oder stehst, daran, wie es aussieht, wenn du in die Sonne schaust und das Licht über deine Schultern fällt, wie deine Barthaare sich morgens kräuseln, wie dein blaues Hemd fällt, wenn es einen Knopf zu weit auf ist, wie du Kaffee kochst und wie du liegst, wenn du herumliegst, wie du eine Zigarette hältst, wie du atmest, wenn dein Herz schneller schlägt, wie du mich ansiehst, wenn du glaubst, dass ich es nicht sehe, wie du die Augen schließt, wenn du denkst, wie du deine dunkelgrüne Tasche trägst und deinen Pullover, wenn es schon viel zu kalt ist für nur einen Pullover, wie dir etwas einfällt, wie du in deinem Kopf die Pointen sortierst, wie du Gesten machst, wie du dich selbst unterbrichst, wie du Geschichten erzählst; für all das muss ich dich nicht einmal küssen, um das zu merken. Auch wenn küssen eine besonders gute Methode ist, um sicherzugehen: ich muss dich nicht küssen, um dich zu erkennen.

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(vom Aufheben)

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Ich streune durch die Straßen dieser Stadt, ich gehe ziellos durch die Gassen, ich suche nichts mehr, ich brauche nichts mehr, ich warte einfach nur noch ab, und alles, was ich noch habe, ist ein brauner Schuhkarton in meiner Hand. Denn da sind diese Sätze, die ich lange nicht sagte, die mir so aus dem Mund fallen, langsam zu Boden sinken wie die Blätter der Bäume um uns herum, kleine Kreise ziehen in Atemwolken, tanzen in der kalten Luft, kurz schwerelos sind, wenn ein Windstoß kommt, sich noch einmal aufbäumen, bis sie mit einer Ecke und dann ganz den Boden berühren und liegenbleiben. Manche von ihnen hebe ich auf und packe sie in den Schuhkarton, lege sie vorsichtig zu all den anderen, die schon da sind und warten, und setze den Deckel wieder darauf. In den Deckel habe ich drei Reihen kleiner Luftlöcher gestanzt, denn manche Sätze brauchen Licht, und manche Sätze müssen atmen. Ich bin wachsam, denn in meinem Schuhkarton, darin ist auch etwas von dir. Es ist etwas, was du nicht vermisst, und wovon du noch nicht einmal weißt, dass ich es habe. Es ist etwas, das vor einigen Tagen aus Versehen aus meinem Mund fiel und mit Schwung auf der Straße in einem Laubhaufen landete. Da kniete ich mich hin und sah es eine Weile an, wie es da so lag, in seinem kleinen Krater aus Laub und Straßendreck. Es war viel mächtiger als alle anderen, viel rauher und bunter, und als ich es aufhob, war es das Leichteste und Schwerste, das Kleinste und Größte, was ich je in Händen gehalten hatte. Es roch nach Nacht und Tag, nach Hunger und Durst und es roch vor allem nach dir. Ich öffnete den Schuhkarton, räumte darin ein wenig um und machte Platz, damit es hineinpasst, ich besah es noch einmal und packte es hinein, ich musste es diagonal legen, damit der Deckel noch zuging, und seitdem ist es da, in meiner linken Hand, wie alle anderen und eben doch auch nicht.

Ich kann sie nicht alle aufheben, manchmal bin ich zu müde, mich um sie zu bemühen, und wenn der Karton am Ende des Tages so schwer geworden ist, dass ich ihn nicht mehr tragen kann, dann lasse ich sie auf dem Boden liegen, lege mich hinter den Straßenecken, in den letzten beblätterten Büschen auf die Lauer, ich warte, was passiert, und sehe den Menschen zu, die an ihnen vorbeilaufen, über sie hinweggehen, auf sie drauftreten, sehe den bunten Blättern zu, die sie bedecken, dem Regen, der auf sie fällt, und wenn es dunkel wird und sich die Nacht  in die Häuserschluchten drängt, dann hoffe ich, dass noch jemand kommt, der sie erkennt, sie vielleicht nur kurz betrachtet, oder gar einen von ihnen aufhebt und mitnimmt. Ich liege derweil in meinem Versteck, ich warte nicht und warte doch ab, ich beobachte die Menschen und sehe die Vögel, die die Stadt noch immer nicht verlassen haben. Manchmal nicke ich für einen Moment ein, dann liegt mein Kopf auf dem Karton wie auf einem eckigen Kissen, und manchmal kommt ein Hund vorbei, wundert sich kurz und geht dann weiter.

Und wenn es dann zu kalt wird, in meinem Versteck, dann nehme ich den Schuhkarton in meine linke Hand, die Taschenlampe in meine rechte, und gehe zurück in meine Wohnung, ganz dicht gehe ich an den Häusern entlang, im Schatten der Straßenlaternen, in der Hoffnung, dass niemand mich bemerkt, husche ich ins Warme zurück. Behutsam schließe ich die Türen der Wohnung auf , stelle meine schlammigen Schuhe in eine Ecke und räume den Boden frei. Dort breite ich sie nun alle aus: die langen Sätze, die halben Buchseiten, die Wörter, die kleinen, zusammenhanglosen, durchnässten Wortgruppen, oft viel zu früh an falscher Stelle abgerissen, beschädigt, mit Flecken vom Dreck der Straßen, viele mit Gebrauchsspuren, andere vom Zerdenken ganz mürbe, manche schon völlig zerfetzt. Nur einige wenige so schön, dass ich sie kaum mit meinen viel zu großen Händen anfassen mag, dass ich sie nur mit einer Pinzette berühre, nebeneinanderlege und betrachte. Aber wenn alles ganz leise ist, dann kann man hören, dass manche von ihnen Musik sind, wenn sie leise atmen und manche von ihnen singen. Und dann, wenn ich sie alle ausgebreitet habe, lege ich sie zum Trocknen ganz nah an die Heizung und warte ab. Warte, bis sie trocken sind, und bis ein neuer Tag beginnt. Eines Tages, da werde ich sie alle gefunden haben. Und eines Tages, da werde ich dir zeigen, was einst in einen Laubhaufen fiel und eigentlich nur dir gehört.

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we could have been lovers

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Und als der Regen fiel, hätten wir uns küssen können zwischen den Pfützen, an den grünen Ampeln, auf den Zebrastreifen und unter den Brücken.

Weil unsere Mäntel mit dem Grau des Tages verschwommen wären, hätten nur ein paar Leute uns gesehen, wie wir da stehen, wie ich meine Hände vergrabe in deinen hellen Locken, wie deine Arme um mich geschlungen sind, wie nass unsere Haare schon sind vom Dastehen und Küssen und dass deine Füße in den schönen grünen Sneakers auf einem Gullydeckel stehen und ein kleiner Bach an ihnen vorbeifließt, der schlingernd eine Handvoll Blätter, drei Kippen und ein Kaugummi in die Tiefe trägt. Es wäre gewesen wie damals, an jenem Regentag vor dreieinhalb Jahren, als wir an einem anderen Bahnhof in einer anderen Stadt standen, aneinandergelehnt, uns in die Augen sahen und der alte Mann uns sah, stehenblieb, lächelte und ganz leise sagte so muss die wahre Liebe sein und weiterging. Hätten wir uns geküsst, wäre das Leben weitergegangen wie er, zur Bahn, zum Bäcker, den Bach runter oder ziellos die Straße entlang.

Es gibt nur dieses eine Foto von uns. Im impulsiven Moment eines Gefühls von Kulturmangel hatte ich mir eine Eintrittskarte gekauft, und dann war ich tatsächlich auch hingegangen, ins Theater, ganz alleine, und ich war viel zu früh da. Auf dem Foto läufst du links durchs Bild, lachend und eine Geste in die Luft malend, inmitten einer Gruppe Menschen, die ich davor und danach nie wieder gesehen habe, ich stehe rechts im Bild, ganz hinten an einer Säule, und betrachte den Boden, das war, weil auf dem Boden ein Fleck zu sehen war, von dem ich überlegte, ob es ein festgetretenes Kaugummi sein könnte, ein Fleck, den ich mir in Wahrheit nur ausgedacht hatte, weil ich nicht gewusst hatte, wohin mit meinen Augen. Nach der Aufführung war ich schnell nach draußen gegangen, vor dem Theatereingang stehengeblieben, weil ich erst da die Sinnlosigkeit dieses schnellen Aufbruchs bemerkt hatte, sinnlos, wo ich doch eh nicht wusste, wohin mit mir und dem Rest des Abends. Ich lief am Theater entlang, landete vor dem Bühneneingang, setzte mich auf eine Mauer und steckte mir eine Zigarette an, Da ging die Tür auf, du kamst heraus, fragtest nach Feuer und setztest dich neben mir auf die Mauer, und dann saßen wir da so. Bis du sagtest ich bin müde, morgen ist schon die nächste Aufführung, die Knie unter dein Kinn zogst und ich nicht wusste, was ich dich fragen oder sagen sollte, alle Worte, die ich mir im Kopf zurechtlegte, sahen bei näherer Betrachtung falsch und unangemessen aus, also sagte ich nicht viel. Du auch nicht. Du wolltest noch ein wenig spazieren, zum Runterkommen, und dann nach Hause gehen, ich dachte dann, so ein Spaziergang, das wäre doch ok, und dann liefen wir einfach, die Isar entlang, über das Eis, durch einen Park und leere Straßen zurück zum Fluss, es war furchtbar kalt und dunkel, nur im Schein der Straßenlaternen sahen wir noch die Atemluft in den Nachthimmel steigen. Das nächste Mal sagten wir etwas, als wir auf diese Brücke zugingen, und alles anfing.

Deinetwegen habe ich. Ach. Ich bin Dichter, das weißt du, hast es immer gewusst, noch bevor wir auf dieser Brücke über der Isar standen und die Sonne aufging. Wir Dichter haben es mehr mit der Sehnsucht als mit der Erfüllung, das ist Schrott, aber wenigstens systemimmanent. Du bist Tänzerin, du hast es mehr mit der Bewegung als mit dem Stillstand, das ist auch Schrott, aber wenigstens sieht es schön aus. Ich mag es, wenn du tanzt.

Und dann, vor ein paar Wochen, hast du mir auf die Mailbox gesprochen, an meinem Geburtstag. Nur deinetwegen hatte ich die Mailbox wieder aktiviert. Ich hatte schon geahnt, was passieren würde, wenn du anrufst, dabei hatte ich nicht einmal gewusst, ob du es tun würdest. Dann blinkte dein Name auf dem Display und ich tat so, als sähe ich es nicht, als hörte ich das Klingeln nicht. Dabei habe ich doch nur darauf gewartet, dass es endlich aufhört, wie ich seit drei Jahren jede Stunde darauf warte, dass es endlich aufhört. Die ganze Zeit seit meinem Geburtstag habe ich deine Stimme in meiner Jackentasche herumgetragen, ja, in der Jackentasche, nicht in der Hosentasche, weit genug weg, kein direkter Körperkontakt; und doch ausreichend nah, nur wenige Sekunden und fünf Zentimeter weit entfernt; alles genau so, wie es immer war. Ich habe mir diesen Moment aufgespart, für einen Augenblick, in dem es passt, in dem alles soweit gut ist, dass ich dir wieder begegnen kann, ich habe gewartet, mich verzehrt und mich dafür gehasst, doch der Augenblick kam nicht, und dann habe ich es nicht mehr ausgehalten, ich habe die Mailbox abgerufen, Sie haben eine neue Nachricht, ein Knacken und dann der Moment, in dem die Luft im Raum in sich zusammenfällt. Danach ging ich einkaufen, das Spülmittel war leer.

Wir waren nie so viel, wie wir hätten sein können, und noch heute trete ich beim Gedanken daran trotzig gegen kleine Steine.

Dann sahen wir uns das letzte Mal, von dem wir wussten, dass es das letzte Mal sein würde. Und wir haben uns nicht geküsst. Wir haben nur dagestanden, voreinander, und uns an den Händen gehalten. Wir haben uns nicht mehr angesehen, und nun weiß ich nicht einmal mehr, wie hell deine Locken sind. Es gibt doch nur dieses eine Foto von uns. Ich weiß nur noch, dass beim Kiosk nebenan zehn verschiedene Schlagzeilen auslagen, Päckchen von roten Gummischlangen und das neueste Lustige Taschenbuch; dass da vierzehn Backsteinplatten an der Wand schwarz bemalt waren, fünf Punks in einer Ecke saßen und sieben Hunde an uns vorbeiliefen in all der Zeit. Und als ich danach aus Versehen wieder in dein Gesicht sah, da weintest du, ich weinte auch, und es war nicht wie in diesem scheiß Lied, weil nämlich jeder genau weiß, was Regen ist und was nicht.

Und ich glaube, der alte Mann hatte Recht.

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Segelboot, trotz allem (Szenen)

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In der Küche liegen noch einige Zettel, kleine Grüße in fremder Handschrift aus den drei Minuten vor Verlassen des Hauses. Sorgsam schichte ich sie auf einen Stapel und stelle das nutella-Glas darauf.

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Es ist Montag, ich gehe in den Waschsalon. Als ich die Waschmaschine einschalten will, merke ich, dass ich meine Mütze noch trage, ziehe sie mir vom Kopf und werfe sie in die Trommel.

Viele Autos in Russland haben eine kleine Kamera eingebaut, die das Geschehen in der Umgebung filmt, 5 Minuten lang speichert und dann wieder überschreibt. Wird man in einen Unfall verwickelt, drückt man einen kleinen Knopf und alle Bilder der letzten 5 Minuten bleiben dauerhaft gespeichert. Letzteres ist der Stand der Dinge.

Ich habe eine Trocknerbenutzung gekauft, 15 Minuten, 60 Grad. Ich öffne die Tür mit dem schwarzen Griff, werfe nur die Mütze hinein, und dann setze ich mich davor und sehe zu, wie das kleine schwarze Bündel in der riesigen Trommel herumwirbelt.

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Da war, vor einer nicht näher bezeichneten Anzahl von Tagen, dieser eine, kurze, halb von der Seite streifende Blick. Und seitdem.

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Ich habe mich aus der Wohnung ausgesperrt. Alles, was ich dabei habe, sind mein Personalausweis, ein Päckchen Kaugummi, ein Sack nasse Wäsche, eine trockene Mütze und 27 Cent. Das Geld drücke ich an der nächsten Straßenecke jemandem in die Hand. Geht, so.

In der U-Bahn, ein Kind mit einem Cello steigt ein und die Frau mit den kurzen braunen Haaren und den riesigen Augen sieht mich an. Lächelt.

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Er sitzt mir gegenüber, breitbeinig wie immer, eine Hand in den Haaren vergraben, mit der anderen fährt er sich übers Gesicht. Es sind diese kleinen, vertrauten Gesten, die bleiben. Immer. Trotz allem.

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Dienstag, in der Bar hockt ein Mann, mehr ein Junge, an einem Zweiertisch, er sitzt alleine mit seinem Buch, manchmal streicht er sich die blonden Haare aus dem Gesicht. Auf seinen rechten Oberarm, halb verdeckt vom T-Shirt-Ärmel, ist ein Segelschiff tätowiert. Es ist ein Dreimaster.

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Ich sitze in einem Bus, es ist angenehm warm hier drin, die Menschen sind leise, ich höre gute Musik, wir fahren durch die Nacht und es wäre völlig in Ordnung, jetzt einfach so weiterzufahren, und gerne auch für immer.

Man sollte eh häufiger einfach mal behaupten, dass es für immer ist. Mal nur noch das machen, wovon man das wollen würde, dann zur Eingewöhnung so tun als ob und schließlich einfach daran glauben, dass es für immer sein kann. Für immer ist. Oder wenigstens fast.

Große Lust, einfach falsch umzusteigen und durch die Nacht zu fahren. Für immer.

Vielleicht auch im Taxi.

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Ich steige aus der Bahn aus und gehe die Treppen hoch, auf der letzten Stufe zünde ich mir eine Zigarette an, ich laufe geradeaus, über das Lüftungsgitter, vorbei am Theater, namenlosen Sträuchern, Bäumen, Gewächshäusern, unter der Kastanie durch.

Es ist finster, ich sehe, spüre, sage nichts, da bricht die Zigarette ab, zwischen meinen Fingern nur noch der Filter, und ich merke, dass es seit einem halben Kilometer in Strömen regnet.

Ich gehe in der selben Geschwindigkeit weiter, der Regen wird stärker, meine Jeans kleben an meinen Beinen. Als ich in die Wohnung komme, tropft das Wasser aus meinen Haaren, fällt zu Boden, dann liegt es da und ich hole einen Putzlappen.

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Meide keine Pfützen.

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Cela

Und dann die Rituale. Den Schlüsselbund herausziehen, den Schlüssel finden, die erste Tür aufstoßen. Den Briefkasten öffnen, die Post noch im Treppenhaus durchsehen, die Stufen zählen, die Wohnungstür aufschließen, vorbeigehen am Fahrrad, das immer noch im Flur steht. Gepäck in eine Ecke werfen, die Fenster öffnen, in den Sessel fallen und eine Zigarette rauchen. Das Wasser aufdrehen, den Boiler einschalten, die Stecker wieder in die Steckdosen stecken (die Sicherungen klemmen). Wieder auf dem Sofa schlafen, weil das Bett so groß geworden ist, über all die Zeit. Am nächsten Tag aufwachen. Alles ausziehen, auf einen Haufen werfen, Schals und Mützen dazu, dann die Steppe aus dem Bauchnabel pulen, das Kleingeld abzählen, dreifünfzig pro Maschine, in den Waschsalon laufen, sechzig Grad normal, fünfunddreißig Minuten warten. Vor dem Waschsalon auf der Fensterbank sitzen, rauchen, eine Nummer wählen, reden, Fragen stellen, nicken, nichts beantworten können, auflegen. Die Wäsche aus der Maschine ziehen, zwei Euro und ein blaues Feuerzeug wiederfinden, in die Wohnung zurückgehen, alles aufhängen, das Geschirr spülen, im Abflussstrudeln einem Lebensgefühl hinterherblicken. Niemals winken, wenn es geht. Mit nassen Händen durch die Wohnung gehen, hin und her, die Hände an den Jeans abstreifen, Dinge in die Hand nehmen, abtasten, nichts dabei fühlen, weitergehen, an einem Tischbein hängenbleiben, noch ein Fenster öffnen, hinaussehen, sich umdrehen, in den Raum blicken

und sich wundern, wie man es so lange hier ausgehalten hat.

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Tschüss!

Ich mache das jetzt mal kurz hier.

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Vor zwei Monaten fing es an, und zwar damit, dass ich mich auf eine Reise begab, das Fürchten zu lernen biometrische Passfotos zu machen. Bei einer traumatischen Begegnung mit einem Passbildautomaten verlor ich hinter einem blau karierten Vorhang erst 10 Euro, weil das Ding zwar Geld schluckte, aber dann nicht lieferte, und dann auch noch meine letzte Würde. Danach hatte ich zwar keine Würde mehr, aber wenigstens vier Bilder, bei denen weiterhin unklar ist, ob ich gerade eine entsicherte Kalaschnikow oder eine Puppe auf dem Schoß habe.

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Kurz darauf habe ich noch drölfzig Behörden besucht und dabei meinen Fingerabdruck abgegeben, einen Reisepass, einen internationalen Führerschein und ein Visum beantragt. Ab Montag bin ich nämlich dann mal unterwegs: ich fahre in einem Auto die ehemalige Seidenstraße entlang von Berlin nach Astrakhan.

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Astrakhan, das ist am Kaspischen Meer und ungefähr so weit weg, wie wenn man 40 Mal quer durchs Saarland fährt, 1,5 Mal von Berlin nach Reykjavik oder einmal von Berlin nach Sagres (Sagres ist links unten, wo Portugal aufhört). Aber weil niemand (ich betone: niemand) 40 Mal quer durchs Saarland fahren möchte, man für Berlin-Reykjavik mindestens ein Amphibien-Auto braucht und man in Sagres aufpassen muss, dass man nicht aus Versehen einfach weiterfährt und ins Meer fällt — fahren wir lieber nach Astrakhan. Leider führt unsere Route nicht so weit gen Osten, dass ich den Fluss besuchen könnte, der extra nach mir benannt wurde. Das machen wir dann beim nächsten Mal. Ist auch ganz gut, dass wir nicht so weit fahren, das passt ja so schon kaum ordentlich auf eine Karte drauf.


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Jetzt ist es Sonntag, weit nach Mitterncht, und ich habe noch nicht gepackt. Womöglich packe ich also gleich noch, und dabei auch direkt den passenden Reisestecker und die wichtigsten drölfzigtausend Ladekabel ein. Ach ja, und vielleicht werfe ich auch noch ein, zwei Kleidungsstücke dazu in die Reisetasche. Wenn alles gut läuft, werde ich also unterwegs nicht nur manchmal Strom, sondern sogar etwas an haben (die Prioritäten der Digital Natives. Man kennt das). A propos Prioritäten: der ganz große Plan ist nämlich, dass ich dank Satellitenschüssel auf dem Autodach und vielleicht mal ein paar Bytes Wlan in einer Hotellobby für die famosen Menschen von Motor-Talk etwas Lustiges über Alkohol twittere und ein paar Wodkaflaschen Autos Sonnenuntergänge Landschaften fotografiere (den Alkoholcontent gibt es dann auf meinem eigenen Twitter-Account).

Ich glaube, das wird aufregend. Auf jeden Fall ist es eine Zeit voller Premieren: nicht nur werde ich zum ersten Mal in meinem Leben Europa verlassen, sondern besitze jetzt auch erstmalig ein vollständiges Set Kleidungsstücke, die mit meinem Namen bestickt sind (Unterwäsche ausgenommen). Fast ein Grund, sie einzupacken.

Es könnte in jedem Fall heiter werden.

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