Was ich liebe: Marc Chagalls Bilder

(“Frau mit grünem Esel”, um 1961)

Das ist die wahre Liebe:
Gemeinsam in den tiefblauen Himmel schweben.

Aber nur mit einer Ziege, die Geige spielt,
ist es das vollkommene Glück.

 

 

(Julia Roberts in “Notting Hill”
über Marc Chagalls “Les mariés dans le ciel bleu du village”)

 

 

All summer long

Es war Mitte August. Es regnete. Ihre Haut hatte schon wieder die porzellanfarbene, kalte Blässe des Winters.
Fünf Stunden dieses Sommers hatte sie bisher beim Baden verbracht. Einmal, an einem sehr heißen Tag, war sie im Fluss beim Kloster schwimmen gegangen, von der Kühle des Wassers hatte sie am ganzen Körper eine Gänsehaut bekommen.

Und jetzt lag sie auf ihrem Bett und träumte vom letzten Sommer, während der Regen vom Himmel rann. Der vergangene Sommer war ihr Sommer gewesen.
Alles war so leicht gewesen, so unbeschwert. Abends waren sie zum Schwimmen gegangen, wer gerade Zeit hatte, ging mit, oft waren sie auch nur zu zweit. Sie lagen am Waldrand in der Sonne, schwammen eine Runde und spielten “wer-bleibt-länger” im eiskalten Wasser, ließen sich danach von der Wärme trocknen.

Sie redeten über Vergangenheit, Zukunft, Gegenwart, worüber man so sprach, wenn man jung war und alle Türen aufredete. Nach dem Baden aßen sie Mousse au chocolat mit Obstsalat, wuschelten sich mit rauen Handtüchern durch die Haare und fuhren mit offenen Fenstern durch die Felder nach Hause. Der Fahrtwind wehte ihre Haare trocken.

Sie hatte sich zum ersten Mal richtig wohl gefühlt in ihrer Haut.

Eines Abends trafen sie sich zum Grillen. Es wurde einer der Abende, die man nie wieder so erlebt, deren Stimmung, Atmosphäre, Spannung nicht konserviert werden können. Sie saßen am Hang, diskutierten über Gott und die Welt. Gingen um den See spazieren, es waren vielleicht 300 Schritte, sammelten Glühwürmchen und gaben ihnen Namen.

Sie hatte nicht viel nachgedacht damals. Getan, wonach ihr der Sinn stand, gefahren, so weit ihre Tankfüllung reichte, immer die Nase im Wind, hatte gesagt, was ihr in den Kopf kam. Hatte sich frei gefühlt von Bindungen, Verpflichtungen, eine ungekannte Leichtigkeit in sich verspürt.

Vieles hatte sich verändert seitdem.
Entscheidungen waren gefallen, die während des Sommers noch in der Schwebe gewesen waren und alles unverfänglicher gemacht hatten. Mehr Schwere in ihrem Leben nahm dem Schwimmring der Freiheit inzwischen die Luft.

Und das erste Mal in ihrem Leben dachte sie mit einer Schwermut an ein paar Augenblicke zurück, die ihr einen Kloß in die Kehle trieb.

Evening / something about poetry. Zweite Szene.

Sie saß in der linken Ecke des riesigen schwarzen Sofas und drückte ein kleines weißes Kissen an sich, den Kopf auf die angezogenen Knie gestützt. Die Sonne schien durch das geöffnete Fenster.

Plötzlich tauchte er vor ihren geschlossenen Augen auf. Irritiert blinzelte sie, doch sein Bild verschwand nicht. Gott, hatte sie lange nicht mehr an ihn gedacht. Wie es ihm wohl ging? Lange, seit Ewigkeiten, nichts mehr von ihm gehört. Leise lachte sie in sich hinein.

Seltsam, dass die Leute immer noch glaubten, das Leben sei nichts als eine Sammlung von Geraden, die einander irgendwann kurz kreuzten, weil das Geraden eben in der Mathematik spätestens in der Unendlichkeit tun. Weil es sich nicht vermeiden ließ. Und danach weiter ihres Weges gingen.
Am Ende blieb es doch nie bei einer Straßenkreuzung – für eine gewisse Zeit bildeten die beiden Geraden immer Parallelen. Drifteten zwar irgendwann auseinander, ihre Wege verliefen aber länger in der Nähe des anderen als die meisten Leute dachten. Denn war man nicht auch dann jemandem nahe, wenn man ihn nicht berührte (was Parallelen bekanntermaßen nie tun)? Reichte es nicht, an denjenigen zu denken?

Irgendwann war sie in die andere Richtung weitergegangen, damals hatte sie gedacht, wie man so schön sagt, “unsere Wege haben sich getrennt”.
Ein leises, höhnisches Lachen. Es war nicht so gewesen. Stundenlang hatte sie anfangs … an ihn gedacht, ihn gehasst, von ihm geträumt. Und je mehr sie versucht hatte, zu vergessen, umso mehr hatte sie an das gedacht, woran sie nicht mehr hatte denken wollen. Dieses Denken, Hassen, Träumen ging länger als ihr lieb war.

Und nun war er hier auf ihrem Sofa.

Sie lächelte ihren rechten Handrücken an. Das alles war schon Ewigkeiten, scheinbar Lichtjahre her. Es verwunderte sie ihre eigene Sehnsucht nach etwas, das sie noch nicht einmal mit den Fingerspitzen greifen konnte und für das sie keine Worte hatte.

Soundtrack:

Filmkritik "Die Welle"

“Die Welle” basiert auf der Kurzgeschichte “The Wave” von Morton Rhue (Pseudonym des Schriftstellers Todd Strasser) sowie dem Bericht “The Third Wave” von Ron Jones. Regie führte Dennis Gansel und ist nach einer amerikanischen Verfilmung aus dem Jahr 1981 nun die zweite filmische Umsetzung der literarischen Vorbilder.

Im April 1967 führte der Geschichtslehrer Ron Jones an der Cubberley High School in Palo Alto, California, ein Experiment mit dem Namen “The third Wave” durch. Ursprünglich für die Dauer eines Tages gesplant, wurde es auf fünf Tage verlängert, seine Auswirkungen waren schließlich an der ganzen Schule spürbar. Am fünften Tag brach Jones das Experiment ab. In einer Schülerversammlung konfrontierte er seine Schüler mit dem VorwurfYou are no better or worse than the German Nazis we have been studying. You thought that you were the elect. That you were better than those outside this room. You bargained your freedom for the comfort of discipline and superiority. You chose to accept that group’s will and the big lie over your own conviction.” Jones spricht im Nachhinein davon, dass dieses Experiment für alle Beteiligten ein Ereignis war, das sie so schnell wie möglich vergessen wollten.

Rainer Wenger (dargestellt von Jürgen Vogel) soll während einer Projektwoche zum Thema “Staatsformen” mit seinen Schülern über das Thema “Autokratie” sprechen. Das Thema liegt ihm als ehemaligem Hausbesetzer und antiautoritärer Lehrer, der mit seinen Schülern per Du ist, leider überhaupt nicht. Bereits in den ersten Diskussionen machen ihm seine Schüler jedoch klar, dass sie keinerlei Bock haben, schon wieder über diesen ätzenden Nationalsozialismus zu diskutieren. Es mündet in der Aussage, dass Verhältnisse wie zu Zeiten des Nationalsozialismus ohnehin nicht wieder aufkommen könnten, wo wir doch alle so aufgeklärt seien, wir hätten doch alle den totalen Durchblick, und überhaupt, immerhin leben wir in einer Demokratie.
Rainer wird nachdenklich und beschließt am zweiten Projekttag gemeinsam mit seinen Schülern, eine Autokratie einzuführen. Er ist der neue Anführer der Bewegung “Die Welle”, lässt sich von den Schülern siezen, diszipliniert sie, und nach und nach bringt er ihnen auf scheinbar logische, für beinahe alle absolut nachvollziehbare Weise, die Slogans “Macht durch Disziplin! Macht durch Gemeinschaft! Macht durch Handeln!” näher.
“Welle”-Mitglieder sind ab sofort nicht nur durch den “Welle”-Gruß, sondern auch durch das Tragen eines weißen Hemds, zu erkennen.
Auswirkungen werden schnell spürbar – positive wie negative. Die Schüler halten endlich zusammen, unterstützen einander. Der bisherige Außenseiter wird von seinen Mitschülern unterstützt, die ihn bisher ignoriert oder höchstens aufgezogen haben, als er von zwei anderen angegriffen wird. Denn in der Klasse kommt wirklich alles vor, was an Stereotypen über Schüler greifbar ist: Der Türke, der Gelangweilte mit den reichen Eltern, die Ökotussi, die Mathestreberin, die Zicke, der Punk, der süße Supersportler, der Dicke, der Stille, Schüchterne. Aber irgendwie halten plötzlich alle zusammen.
Reiner setzt schwache neben starke Schüler, damit diese voneinander profitieren können. Auch die von Reiner trainierte Wasserballmannschaft mit einzeln starken, jedoch als Team schwachen Spielern, hält endlich zusammen. Die Gruppe druckt sogar Aufkleber mit dem “Welle”-Logo, die sie nachts überall in Berlin verteilt.

Kurzum: Alles super.

Wären da nicht ein paar unangenehme Details… Denn: Wer kein weißes Hemd trägt, gehört nicht dazu. Anfangs belächelt, wird jeder Außenseiter zuerst gebeten, sich der Gruppe anzuschließen, später bedrängt und am Ende werden einzelne “Welle”-Mitglieder gewalttätig gegen Andersdenkende. Plötzlich sind Waffen im Spiel.
Und Reiner scheint all das nicht zu bemerken. Er steigert sich in seine Begeisterung darüber hinein, dass endlich Zusammengehörigkeitsgefühl und eine Gruppendynamik vorhanden sind, dass auch Schwache und Außenseiter integriert sind. Zudem schmeichelt das Ganze auch seiner Eitelkeit – immerhin hören alle auf ihn, er ist der, dank dem das System funktioniert. Bemerkt jedoch nicht, vielleicht auch, weil er es nicht sehen will, wie stark er sich selbst in den Strudel der “Welle” ziehen lässt. Dass er der Einzige ist, der es noch stoppen könnte – wenn er denn wollte.
Und als er es erkennt, ist es zu spät. Die Identifikation der Schüler mit der “Welle” ist schon zu stark, als dass er einfach nur noch “aufhören!” sagen könnte.

Jeder der unterschiedlichen Charaktere hat seine eigenen Gründe, sich auf “die Welle” einzulassen – bis zur totalen Selbstaufgabe: “Die Welle ist mein Leben!”. Augenscheinlich profitieren alle davon, ihr Ego ein Stück weit zurückzustellen, zu Gunsten der “guten Sache”.

Man gewinnt jedoch den Eindruck, dass Reiner nichts davon mitbekommt, wie schnell sich aus der “Welle” tatsächlich ein Tsunami entwickelt. Er scheint sich keinerlei Gedanken über mögliche Konsequenzen zu machen. Auch die Tatsache, dass Schüler sich endlich engagieren, die zuvor nur lethargisch am Unterricht teilgenommen und durch maximal körperliche Anwesenheit geglänzt haben, ruft bei ihm natürlich Begeisterung hervor. Auf die Idee, dass das Ganze ernsthafte Probleme hervorrufen könnte, scheint er nicht zu kommen. Noch nicht einmal seine Frau schafft es, ihm die Augen zu öffnen, dies gelingt erst Marco. Der abends vor Reiners Türe steht, weil er sich selbst nicht mehr erkennt. Doch selbst da – einen Moment der Einsicht erkennt man als Zuschauer bei Reiner nicht.
Der Hauptgrund dafür: Der Film beginnt mit einer starken Fokussierung auf den Lehrer, seine Gedanken, seinen Hintergrund. Doch schon ab dem zweiten Tag der Projektwoche verschiebt sich dieser Fokus zu einem großen Teil auf die Schüler. Deren Entwicklung zu betrachten ist zweifellos spannend, jedoch scheint nun kein großer Freiraum mehr für den Lehrer, seinen Umgang mit der Geschichte, vorhanden zu sein. Spannend wäre gewesen, zu sehen, wie dieser sich damit auseinandersetzen muss, wie seine als pädagogische Einheit, am-eigenen-Körper-Experiment, gedachte Idee sich mehr und mehr zum Selbstläufer entwickelt und ihm immer schneller entgleitet, da die Schüler eigene Ideen und Wahnvorstellungen entwickeln.
Bis es schließlich brutal eskaliert.

Reiner beruft eine Versammlung aller “Welle”-Mitglieder und -Sympathisanten ein, in der er sie so lange provoziert, bis sie den “Verräter” Marco, der das Ganze beenden will, auf die Bühne holen. Dort konfrontiert er sie schließlich mit der Frage, was sie denn nun tun würden – sie haben Marco auf die Bühne gebracht. Weil Reiner es befohlen hat. Würden sie ihn nun auch töten, wenn er es ihnen befiehlt? Widerstrebend müssen sie eingestehen, wie wahnsinnig das ganze Unterfangen eigentlich ist. Das verstehen aber nicht alle – denn die
Pistole ist immer noch im Spiel… Und am Ende zerreißt ein Traum, was übrig bleibt, sind am Straßenrand entlang verstreute Menschen, die alle nicht begreifen können, was passiert ist.

Das Ende wirkt ein wenig konstruiert, doch abgesehen davon finde ich den Film sehr, sehr empfehlenswert. Gerade das Thema Nazideutschland ist inzwischen ziemlich abgedroschen, und gerade die These “sowas könnte mir /uns nicht passieren!” hört man sehr häufig. Zudem wird sehr anschaulich gezeigt, was Gruppendynamik und -zwang anrichten können. Dieser Film sollte in jeder Schulklasse zum Pflichtprogramm gehören, macht er doch klar, dass zu unserer Geschichte nicht nur das Auswendiglernen von Fakten gehört, sondern auch, sich in Situationen hineinzudenken. Denn nur auf diese Weise lässt sich eine Wiederholung einer schrecklichen Geschichte vermeiden.

Deshalb: *****

In der letzten Einstellung reißt Jürgen Vogel erstaunt Mund und Augen auf. Ich frage mich immer noch, was er in diesem Moment gedacht oder gesehen hat.

-> Mehr Informationen zu “The third Wave” hier: -> Link

Nachrichtenpriorisierung vs. Fußball

Irgendwie ist es krank. 5 Minuten, nachdem der FC Bayern München Deutscher Fußballmeister geworden ist, berichten die Nachrichten darüber in der ersten Meldung. Während 350 Tote in Birma (Myanmar) an vierter Stelle stehen.

Natürlich ist eine gute Reihenfolge wichtig (mehr über die Schwierigkeiten beim “Bauen” von Nachrichtensendungen ist auch hier zu finden (-> Link). Ich stelle mir nur die Frage, inwieweit das überhaupt der tatsächlichen Relevanz der Ereignisse gerecht wird. Natürlich warten tausende Fußballfans ungeduldig vor dem Radio auf die Ergebnisse des heutigen Spieltages. Andererseits – können die wirklich das Maß der Dinge sein?