Ich reise allein

Alleine zu reisen bedeutet für mich daher auch, dass ich mir immer wieder bewusst mache, dass ich bisweilen den sozialen Stecker ziehen muss, damit es mir gut geht, und dann irgendwo hinfahre, wo es schön ist und ich wieder Kräfte sammeln kann. Das Tolle ist: egal was vorher alles los war – spätestens nach drei Tagen verliere ich mein Zeitgefühl und mein Kopf ist so frei, dass ich wieder alles neu sortieren kann. Für mich ist diese Zeit eine, in der mir mühelos gelingt, was mich sonst sehr viel Kraft kostet: mich auf das Wesentliche konzentrieren. Mich um mich selbst kümmern. Der Abschaltfaktor eines solchen Urlaubs ist für mich durch nichts zu ersetzen.

“Ich reise allein” – warum das so ist, habe ich einmal für kleinerdrei aufgeschrieben.

Ich reise allein

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Alleine zu reisen bedeutet für mich daher auch, dass ich mir immer wieder bewusst mache, dass ich bisweilen den sozialen Stecker ziehen muss, damit es mir gut geht, und dann irgendwo hinfahre, wo es schön ist und ich wieder Kräfte sammeln kann. Das Tolle ist: egal was vorher alles los war – spätestens nach drei Tagen verliere ich mein Zeitgefühl und mein Kopf ist so frei, dass ich wieder alles neu sortieren kann. Für mich ist diese Zeit eine, in der mir mühelos gelingt, was mich sonst sehr viel Kraft kostet: mich auf das Wesentliche konzentrieren. Mich um mich selbst kümmern. Der Abschaltfaktor eines solchen Urlaubs ist für mich durch nichts zu ersetzen.

“Ich reise allein” – warum das so ist, habe ich einmal für kleinerdrei aufgeschrieben.

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Bücher für den Sommerurlaub – Kurzrezensionen mit Bild // Tino Hanekamp, Helmut Krausser, Rose Ausländer, Wolfgang Herrndorf, Rafael Horzon, Rainald Goetz, Finn-Ole Heinrich

Darf man maximal 23 Kilogramm irgendwohin mitnehmen, klingt das erst einmal nach wahnsinnig viel. Da sitzt man dann, vor sich die Internetseite mit den Transportbedingungen der Fluggesellschaft, und träumt vor sich hin, von einem Bett, der gesamten Kameraausrüstung, einem Laptop und, natürlich, einem riesigen Stapel Bücher. Als man fünf Minuten später den Trekkingrucksack aus der Abstellkammer ausgräbt und bei Tageslicht betrachtet, fallen sämtliche Phantasien in sich zusammen wie die bei jedem Umzug zerstörte Hoffnung, diesmal möge alles ganz einfach werden: alles ist zu groß, zu sperrig, zu schwer, auf jeden Fall nicht transportabel. Und irgendwie finde ich E-Books ja … naja, wie weiße Tennissocken: ich habe nichts gegen Menschen, die sie haben, fühle mich zu ihnen aber auch nicht unbedingt erotisch hingezogen. Schließlich nehme ich doch neun Bücher mit, die erstbesten vom sehr hohen Stapel der ungelesenen.

Und weil man bei diesem Herumwandern mit schwerem Gepäck froh ist, sobald sich ein bisschen Gewicht erübrigt, habe ich alle gelesenen Bücher unterwegs ausgesetzt. An der Stelle, an der ich ein Buch zu Ende gelesen habe, habe ich manchmal ein Foto gemacht und aufgeschrieben, wie ich es so fand. Und das sieht dann so aus:

Timo Hanekamp: So was von da

Tino Hanekamp – So was von da

Inhalt: Eine Silvesternacht auf St. Pauli, die letzte große Sause in einem ab Neujahr geschlossenen Club. Alle Typen, die man sich so unter Protagonisten für ein Buch auf St. Pauli vorstellen kann, kommen vor, und spielen ein Stück zwischen Party, Beziehungsdramen, Volltrunkenheit, Sex, Tod und der ganz großen Liebe. Komisch, traurig, wie permanent leicht angetrunken erzählt. Das Lied zum Buch: Tom Waits – Waltzing Matilda. Wertung: Ein schönes, ein gutes Buch. Im Nachgang völlig ineffizient, das Buch mitzunehmen – ich habe es binnen 10 Stunden in einem Rutsch durchgelesen, weil ich unbedingt wissen wollte, wie es ausgeht. Das “ich bin durch!”-Foto entstand so gegen 4 Uhr nachts. Und: ich habe häufig laut gelacht beim Lesen. Leseempfehlung: unbedingt!

Helmut Krausser: Einsamkeit und Sex und Mitleid

Helmut Krausser – Einsamkeit und Sex und Mitleid (Zitronenkekse nicht im regulären Lieferumfang enthalten)

Inhalt: Paare, Singles, Familien in Berlin, aus allen sozialen Schichten und Ecken, aber alle immer auf der Suche, nur wonach, das wissen sie selbst nicht so genau, und immer am Rande der Zerstörung, im Zweifelsfall ihrer selbst. Krausser bringt am Ende Sachen zusammen, bei denen man sich vorher noch fragte, wie um alles in der Welt das gehen soll. Es geht. Wahnsinnig gut sogar. Das Lied zum Buch: Element of Crime – Finger weg von meiner Paranoia. Wertung: ein tolles Buch. Leseempfehlung: ja!

Wolfgang Herrndorf: Sand

Wolfgang Herrndorf – Sand

Inhalt: Nordafrika, 1972, seltsame Ereignisse in einer Hippie-Kommune, eine Polizei zwischen Bordellbesuchen und Verdächtigungen, die Vertreterin einer Kosemetikfirma: Herrndorf zeichnet Biografien, webt sie in eine große Geschichte ein und am Ende steht eine Düne.  Zitat: “Excuse me, can you tell me where to find the tourist information?” Wertung: Großes Kino. Leseempfehlung: Sicher! (Und wer “Tschick” von ihm noch nicht gelesen hat, möge das doch nachholen. Bitte. Danke.)

Finn-Ole Heinrich: Räuberhände

Finn-Ole Heinrich – Räuberhände
Inhalt:  Zwei Freunde kurz vor dem Abitur, eine Gartenlaube und eine Reise. Freundschaft, Liebe, Tod, die große Stadt und ein bisschen Poesie – der Autor fährt die großen Themen auf. Wertung: Ich hasse Coming-of-Age-Romane (erwähnte ich das?). Diesen hier fand ich trotzdem gut, der Autor hat einen schönen Blick auf die Dinge. Deshalb: Leseempfehlung: Och, schon.

Rainald Goetz: Rave

Rainald Goetz – Rave

Inhalt:  Kneipen, Clubs, Fincas mit Pool (viele). Alkohol (mehr). Drogen (am meisten). Dazwischen schwitzende Menschen. Zitat: “Excuse me, can you tell me where I can find the tourist information?” Wertung: Ehrlich, ich habe mich durch das Buch förmlich gequält. Vermutlich bin ich weder hip noch Bohème noch intelligent genug, um mit diesem Meisterwerk eine transzendentale Vereinigung einzugehen. Oder ich hatte nicht ausreichend Drogen konsumiert. Das ärgerlichste Buch auf der Reise – nach einer Woche war ich mit den anderen 8 durch. Dieses habe ich, immer noch unbeendet, wieder mit nach Hause getragen. Leseempfehlung: Nä.

Rafael Horzon: Das weisse Buch

Rafael Horzon – Das weisse Buch

Inhalt: Der erfolgreiche Unternehmer, Universitätsgründer, Nichtkünstler und Erneuerer der Modeindustrie Rafael Horzon erzählt aus seinem großen Leben. Nicht mehr und nicht weniger. Aber mit Schwarzweißfotografien! Zitat: “Seine Wirkung auf Frauen war hypnotisch. Als wir an einer Tankstelle etwas zu essen kaufen wollten, ging er hinein. ‘Warte, du hast doch gar kein Geld!’, rief ich ihm hinterher. Durch die Fensterscheibe sah ich, wie er zwei große Einkaufstüten mit Süßigkeiten volllud und damit zur Kasse ging. Wortlos sah er die Kassiererin an. Die Kassiererin sah ihn an. Dann öffnete sie die Kasse, ohne den Blick von ihm zu wenden, griff blind hinein und gab ihm eine Handvoll Scheine. Als wir auch noch vollgetankt hatten und hupend und mit quietschenden Reifen losfuhren, kam sie aus ihrem Häuschen heraus und winkte uns mechanisch hinterher. Wertung: Hahahahahaha. Leseempfehlung: Total.

Rose Ausländer: Regenwörter

Rose Ausländer – Regenwörter (Foto: Spoiler)

Inhalt: Jaha: Lyrik. Wir sollten ja alle mehr Gedichte lesen. Diese sind ganz zart, manchmal fast durchsichtig, und mit der Wucht eines Vorschlaghammers. Zitat: “Meine Wege führen ins Wunder.” Wertung: Diese Texte lesen sich gut, einerseits, und doch schafft man nicht mehr als einige wenige davon am Stück, andererseits, weil sie hängenbleiben, auf der Strecke zwischen Augen und Kopf kleine Markierungen hinterlassen. Leseempfehlung: bitte!

Wegweh

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Meine Augen laufen die Schienen entlang, ich zähle die Schwellen, bis sie verschwimmen und verschwinden. Zu viele Bilder pro Sekunde, als der Zug schneller fährt, und die Bäume an der Strecke verschwimmen zu einem einzigen Grün. Strommasten, Felder, Hochspannungsleitungen, Feldwege, Häuser, Gleisbetten, Hochhäuser, Autobahnen, der Zug wird langsamer, bleibt stehen. Ich wuchte meine Tasche aus dem Gepäckfach, steige aus, atme ein. Wieder eine neue Stadt. Wieder ein Bahnhofsgebäude, das von innen genauso aussieht wie alle anderen, in Brandenburg, in Magdeburg, in Braunschweig, in Wolfsburg, die selbe beschissene Architektur, die keine ist, die selben beschissenen Läden, die selben beschissenen Raucherzonen ganz am Ende des Gebäudes. Ich lasse meine Tasche fallen, setze mich daneben auf den Boden und es ist mir egal, dass ich einen Minirock trage, wie mir alles egal ist.

Ich zünde eine Zigarette an und wundere mich, wie man anfangen kann, Menschen zu vermissen. Den Menschen an sich, als Gruppe eine verachtenswerte Spezies, als Individuum durchaus beachtens- und liebenswert. So passiert es manchmal doch, dass einem ein Mensch passiert. Einem frontal ans Schienbein kracht, in den Magen, in den Kopf, ins Herz, schon ist er da, und dort, wo er ist, ist ein Fleck, und der geht nicht so einfach weg.

Seit eineinhalb Jahren nun wohne ich in der selben Stadt. Es ist eine große Stadt, die, wie jede Stadt, in Wahrheit, ein einziges Dorf ist. Meist geschah es bisher nach spätestens einem Jahr am selben Ort: das Wegweh packte mich. Wegweh, die große Sehnsucht nach nichts. Wegweh weiß nicht wohin mit sich und seiner Sehnsucht, es weiß nur, dass es weg muss. Wegweh kann enden in einem Dorf im tiefsten Mecklenburg-Vorpommern, in Bielefeld, an einem norwegischen Fjord oder in einem Flieger nach Kalifornien, das Wegweh weiß nie, wo es endet, sobald es einmal angefangen hat.

Wegweh ist schwer zu diagnostizieren und noch schwieriger zu therapieren, denn wo soll man hinfahren, wenn man nicht weiß, wohin? Jedes Verkehrsmittel ist im Zweifelsfall das falsche, jeder Zug fährt in die falsche Richtung, jedes Flugzeug landet an einem falschen Flughafen, und dann steht man da und hat nichts, geschweige denn irgendeine Ahnung. Denn man könnte froh sein, weg zu sein, aber man ist nur überzeugt, im falschen Weg zu sein, am falschen Ort, und obwohl man weg ist von da, wo man herkommt, ist es doch alles nicht richtig.

Alles, was einem übrig bleibt gegen das Wegweh, ist der Versuch einer Distanz. Man könnte beginnen mit einer Distanz zu sich selbst, damit, zu hinterfragen, woher es kommt, das Wegweh, was sich änderte, wenn man weg ginge, sich aus allem zurückzoge, sich von allem entfernte. Aber am Ende wären das nur nervige Fragen an einen überforderten Kopf, Fragen, die doch eigentlich ohnehin nur ein Bauch beantworten kann. Doch der Bauch spricht nur selten, nur, wenn es ganz still ist um einen herum, wenn er Lust hat und in guter Stimmung zum Plaudern ist. Die Stadt ist zu laut, als dass man da noch den Bauch hören könnte, der Lärm übertönt ihn und meist bleibt einem so kaum etwas anderes übrig, als es einfach zu versuchen. Sich wegzubewegen. Selbst wenn man dann nicht weiß, ob man sich in die richtige Richtung bewegt.

Ich stehe auf, nehme meine Tasche, gehe zu einem anderen Gleis, der Zug fährt weiter, ich weiß nicht, wohin. Blaue Bagger, Industrieanlagen, Container, Betonbunker, verfallene Bahnhofshäuser, ein Mensch, man kann gar nicht so schnell schreiben, wie draußen alles vorüberzieht, man kann gar nicht so schnell bemerken, dass für einen halben Augenblick alles gut ist, bevor es schon wieder vorüber ist.

(August 2011)

Das Meer in dir

Du klapptest die Trittleiter auf, stelltest sie vors Regal und stiegst die beiden Stufen hoch. Es gibt nichts Schöneres, als Texte übers Meer zu lesen, sagtest du und strichst mit dem Zeigefinger die Rücken der Bücher im Regal entlang. Ich saß im großen grünen Ohrensessel, meine Beine über einer der Armlehnen, die Hände im Nacken verschränkt, und sah dir zu. Ab und an blieb dein Finger an einem der Buchrücken stehen, du zogst ein Buch heraus, schlugst es in der Mitte auf, blättertest einige Seiten durch, manchmal hieltest du kurz inne, um deine Brille zurechtzurücken, wenn sie wieder verrutscht war. Meist schütteltest du dann bald schon den Kopf und stelltest sie wieder zurück. Für einige wenige stiegst du von der Trittleiter herunter und legtest sie auf den Tisch, klettertest wieder hinauf, legtest deinen Kopf schräg und suchtest weiter. Als du den ersten Regalmeter durchgesehen hattest, stiegst du, vorsichtig hinter dich blickend, die beiden Stufen hinunter, versetztest die Leiter ein Stück und stiegst wieder hinauf, um weiterzusuchen.

Die große schwarze Wanduhr tickte. Nach einer Stunde warst du am Ende des Regals angelangt. Du setztest dich mir gegenüber auf das Sofa, ich sah dich immer noch an, während du die Bücher noch einmal durchblättertest und eines nach dem anderen verärgert auf die andere Seite des Sofas warfst. Es gibt niemanden mehr, der schöne Texte übers Meer schreibt, seufztest du, noch während das letzte Buch in die Ecke flog.

Weißt du noch, was ich dir damals sagte?  Continue reading “Das Meer in dir”