Heute

Wir sitzen auf der obersten der drei Stufen rund um den Mariannenplatz und trinken Bier. Es ist Astra, weil ich keine Antwort wusste auf die Frage, was ich trinken wolle, und Astra das einzige Bier war, das ich von draußen im Getränkekühlschrank des Spätis hatte erkennen können. Er mag kein Astra und trinkt trotzdem welches. Es war ein langer Tag, einer dieser Tage, an denen plötzlich Unterschriften auf Computerausdrucken stehen und an denen man Hände schüttelt, aus verschiedenen Gründen: um sich zu verabschieden, weil etwas aufhört, und um sich einander vorzustellen, da man gemeinsam etwas Neues beginnt. Zwischen den Händen lagen zwei Stunden, drei Telefonate, vierzehn Facebook-Nachrichten, acht Lieder und sechskommadrei Kilometer. Nach ihnen kam das Bier und kurz darauf ein Hund, der über den Platz rennt. Dass es sich um einen Hund handelt, ist in der Dämmerung zunächst kaum zu erkennen, denn er besteht aus langen grauen und braunen Haaren, die entgegen seiner Rennrichtung wehen, irgendwo am Ende der Haare sind vier Beine, wären sie nur zwei Zentimeter kürzer, er wäre ein Wollknäuel und ich hätte gerne einen Pullover aus ihm (endlich ist es zu warm für Pullover). Er rennt immer weiter, an uns vorbei, beschnuppert eines dieser Tiere, die aussehen wie Ratten in Katzengröße, aber Hunde sein sollen. Desinteressiert läuft er weiter, würdigt uns eines Blickes, beschnuppert uns aber nicht (wir sind keine Ratten in Katzengröße), läuft weiter, hebt eins der kurzen Beine auf Grashalmhöhe. Und pinkelt auf drei Grashalme. Derweil geht hinter dem Bethanien-Haus die Sonne unter und es ist immer noch warm. Ein Vogel zwitschert. Es ist kein Vogelzwitschern, wie es ein beliebiger Soundentwickler kreieren und dann als Klingelton für sein Handy verwenden würde, es ist mehr das Geräusch eines Vogels, der sich stark erschrickt und vor Schreck vom Baum fällt. Dabei gibt es keinen Grund, sich zu erschrecken und vom Baum zu fallen, schon gar nicht uns, wir sind friedlich, wir trinken Bier. Und wir wollen nur froh sein (und nichts von den Vögeln).

Nichts, was Bedeutung suggeriert

Er sagt nicht träumen. Ich denke darüber nach, doch einmal täglich etwas ins Internet zu schreiben, und denke mir schon einen hübschen Namen dafür aus. Vielleicht

Sieb | Was blieb (zu gereimt, zu senkrecht)
Aus der Zeit gefallen. (zu meta)
Tagebuch (zu jugendlich).

Dann will ich, noch ohne Titel, mit dem heutigen Tage anfangen. Da fällt mir ein, dass:

a) die meisten Dinge, die mir passieren, nicht von Interesse,
b) die meisten Gedanken, die ich denke, nur kleine Gedanken, dass
c) die meisten Ereignisse, die ich verursache, nicht weltbewegend,
c) die meisten Sachen, die ich tue, nicht öffentlichkeitskompatibel, oder, und das ist wohl der größte Anteil aller Sachen,
d) geheim, und
e) die meisten Sätze, die ich sage, nicht von Belang

sind.

Kurz darauf, es ist kurz vor zwei, schickt er ein Lied, das mich weit in den Süden schickt,  mir fällt auf, dass ich, wenn ich vor 10 Jahren über mich in meinem jetzigen Alter nachdachte, ein weit seriöseres Bild von mir im Kopf hatte. Da fühle ich mich kindisch, finde das überaus angenehm, gähne den Basilikum an, muss dabei lachen und verschlucke mich am Gähnen, klappe den Rechner zu, lege die Füße auf den Tisch, meine Füße sind ganz braun, nur die Zehen sind weiß, ich drehe die Musik auf und lasse alles sein.

Und hoffe, dass es mich sein lässt.

Man muss gar nicht Gitarre spielen können, es reicht schon, wenn man den Moment kennt, ab dem die Musik ganz laut sein muss

Er gießt Wodka in ein Glas und stellt es vor mir hin. Es ist Freitag Abend, irgendwann nach Mitternacht. Die Straßen sind voller Menschen. Auf dem Weg hierher habe ich den Kragen meines Trenchcoats hochgeklappt und meinen Hut tief in die Stirn gezogen. Ich trinke einen Schluck.

Wie läuft’s bei dir?, frage ich ihn, und ich kenne die Antwort. Er lächelt und macht diese Handbewegung mit diesem Schulterzucken. Eine Erklärung dieser Handbewegung und dieses Schulterzuckens könnte sein: David ist Barkeeper in der besten Bar der Stadt. Er sieht aus wie Anfang zwanzig, ist Mitte dreißig und hat genug Erfahrung für zwei Männer Mitte vierzig. Und irgendjemand muss ja dieses Klischee erfüllen vom Barkeeper, der für die einsamen Frauen dieser Stadt einen Drink, ein bisschen Trost und manchmal auch einen Schlafplatz hat. Also macht er es. Und wie ich hörte, macht er das gut.

Das alles sage ich nicht. Und er sagt es natürlich erst recht nicht. David ist ein Gentleman, und David kann schweigen, vermutlich ist allein das auch der Grund dafür, dass all dies bei ihm so ohne Aufhebens funktioniert. Läuft?, frage ich (zur Sicherheit). Er lächelt und nickt. Und bei dir? Ich kann keine Drinks machen, ich kann nur Rotweinflaschen entkorken. Er weiß das. Ich zucke die Schultern und wiege den Kopf. Soll ich dir jemanden vorstellen? Er versteht, ich grinse. Mal sehen. – Sag Bescheid. Du weißt: jederzeit.

Er lächelt dieses Lächeln, bei dem seine Augen einen Moment mit zu lächeln scheinen, und geht Gläser polieren. Ich zünde mir eine Zigarette an, trinke einen Schluck und sehe mir die Gäste des Abends an. Am ersten Tisch nahe der Tür sitzen ein Mann und eine Frau, ihre Körper einander halb zu-, halb abgewandt, sie beugt sich nach vorne und flüstert ihm etwas ins Ohr, er versucht so halb, ihr nicht in den sich öffnenden Ausschnitt zu sehen. Schräg gegenüber, auf der anderen Seite der Bar, ein Typ Mitte dreißig, die Haare fallen ihm ins Gesicht, er schweigt sein Bier an, sein Bier schweigt ihn an. Er ist häufiger hier, manchmal habe ich ihn gegrüßt, mit einem Nicken nur, seit ich älter bin, grüße ich niemanden mehr. David sammelt Bierflaschen von den Tischen und stellt sie neben mich auf die Bar und ich weiß, ich liebe ihn. Nicht wegen dieses Lächelns, bei dem seine Augen mit zu lächeln scheinen. Einfach, weil ich ihn liebe. Grundlos. Und weil ich ihn liebe, würde ich auch nie etwas mit ihm anfangen. Ich fange nur noch etwas an mit jemandem, den ich nach einer Nacht vergessen kann, mit jemandem, dessen Nummer ich nicht habe und dessen Nummer ich nicht will, den ich einmal sehen, küssen, verabschieden und vergessen kann. Über den Tischen tanzen Rauchschwaden im Kerzenschein. In einer Ecke ein knutschendes Paar, nebenan eine Gruppe Jungs, vermutlich Franzosen auf Klassenfahrt, vermutlich auf Beutezug, und vermutlich nicht ganz volljährig, ich trinke noch einen Schluck und drücke die Zigarette aus, sie glimmt noch kurz nach.

Hast du mitbekommen, dass Paul gestorben ist? David steht plötzlich vor mir, die Hände auf die Theke gestützt, und sieht mich an. In meinem Kopf spule ich zehn Sekunden zurück, sehe die erlöschende Zigarette und höre Davids Satz noch einmal. Ich habe ihn nicht falsch verstanden. Trotzdem wäre jetzt der Moment, in dem ich ihn fragen sollte, ob das sein Ernst ist, oder sagen, dass das ja wohl ein schlechter Scherz ist.

Ich sehe seinen Blick und weiß, es ist ernst. Und ich schweige.

David bleibt stehen, ich bleibe schweigen. Paul. Paul. Paul.

In meinem Kopf läuft dieser Film und ich kann nichts dagegen tun, ich sehe alles im Zeitraffer und es hört nicht auf: Paul, als wir uns kennenlernten, an der Schule, an der er arbeitete, als ich meine Patentochter abholte. Paul beim Schulfest, mit einer Ritterrüstung aus Blech, und wie man ihn schon von Weitem hören konnte, weil er bei jeder Bewegung so laut schepperte. Paul, bei unserem ersten Kaffeetrinken, als er irgendwann sagte, so wie aus dem Nichts: Es gibt keine Regeln mehr. Wenn du dich verabredest, heißt das nicht mehr, dass man sich wirklich trifft. Wenn man Sex hat, heißt das nicht mehr, dass man sich wiedersieht. Und eine Liebeserklärung kann zwei Wochen später schon nichts mehr bedeuten. Außer, dass es irgendeine Erklärung war, aber keine Liebe. So ist das jetzt, in dieser Stadt. Ich glaube, wir müssen etwas dagegen tun. Und etwas tun für mehr Wahrhaftigkeit. Paul, wie er mich dann ansah, und eindringlich fragte: Bist du dabei? Paul abends in der Kneipe, als er anderen Gästen erzählte, er könne aus ihren Aschenbechern ihre Zukunft lesen, Paul, morgens um halb sechs, mit Knoblauchsoße vom Döner im Bart. Paul, als er betrunken die Treppe hoch ging, bis in den achten Stock, als er, noch schwer atmend, die Dachluke öffnete und dann dieses Blitzen in seinen Augen, als wir oben auf dem Dach standen. Es war sein Lieblingsplatz, hierher kam er immer, wenn er sonst nirgendwo hin konnte. Paul und das letzte Bier morgens um sieben und der Sonnenaufgang über Berlin. Paul, der immer gehen musste und nie bleiben konnte, der suchte, und selbst nicht wusste, wonach, der immer auf Reisen war und nie ganz da, wo er war. Außer, wenn er auf diesem Dach stand und über die Stadt blickte. Paul, als er zum Frühstücken vorbei kam und einen riesigen Berg Croissants mitgebracht hatte und später vorschlug, mir einen Hamster zu kaufen, oder ein Huhn, das die Krümel auf dem Boden essen könnte. Paul mit Gitarre im Park, er war der schlechteste Gitarrenspieler, den ich kannte. Und der beste Sänger. Hätte er das mit der Gitarre sein gelassen, hätte er wohl ein großer Musiker werden können, lachte er immer. Paul in einer der Nächte, in denen er auflegte, mit seinen großen Kopfhörern, hinter den Plattentellern versunken in einer anderen Welt. Irgendwann kam immer der Moment, in dem er alle eingefangen hatte, der Moment, in dem sie ganz ihm gehörten. Das war der Moment, in dem er die Musik ganz aufdrehte und ab dem alles, was passierte, so schien, als könnte es für immer sein. Schnitt. Paul bei unserem letzten Treffen. Vorgestern. Als er sein Bier stehen ließ, vor der Bedienung auf die Knie sank und sie anflehte, ihm einen Block und einen Stift zu leihen, das Lächeln der Kellnerin dabei, und wie sie ihm später noch ihre Nummer auf den Block schrieb. Paul, als er Pizza bestellte und sich beim Essen die Zunge verbrannte, als er malte, die kleinen Figuren, mit denen er den Kindern an seiner Schule das Zeichnen beibrachte, und als er eine Skizze machte, vom Grundriss der Wohnung, von der er träumte, als er erzählte, von all seinen Plänen, schwärmte, von seiner großartigen Zukunft. Paul.

Ich blinzle. David steht immer noch vor mir. Ich weiß nicht, wie lange schon.

Ich hatte es nicht mitbekommen. Will ich sagen. Was passiert ist, will ich fragen. Da winkt der Typ am anderen Ende der Bar David zu sich, es ist der, der nie grüßt, er will bezahlen, ich will sagen tut mir leid, das geht jetzt nicht, David formt ein lautloses geh nicht weg mit seinem Mund, nimmt seinen Geldbeutel und geht. Ich zünde noch eine Zigarette an, ziehe daran, so sehr ich kann, der Rauch steigt mir in die Augen, sie tränen, das wäre ein guter Moment, um zu weinen.

Um sechs Uhr schließt David die Türen der Bar hinter uns zu. Schweigend gehen wir die Straße hinunter. Ich war lange nicht da, aber ich kenne den Weg. Und wir haben Zeit.

Um halb acht geht die Sonne auf.

Genussrechte

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Die Idee ist, dass uns die Person auf der Bühne unterhalten soll. Die Idee ist, dass wir für diese Unterhaltung Geld bezahlen. Die Idee ist, dass wir alle lachen und gut drauf sind, damit wir vergessen, wer wir sind, und dafür haben wir schließlich bezahlt.

Dann soll da der Mensch sein, mit dem wir unser Leben verbringen wollen, den ganzen langen Rest, weil wir denken, dass da ein Mensch sein muss, mit dem wir unser Leben verbringen wollen. Darum haben wir Verabredungen, die darin bestehen, dass wir einen Abend lang über zwei Glasränder hinweg eine Wetteranekdote nach der anderen bemühen, ohne je wirklich bei dem anzukommen, worum es einem eigentlich geht, das fällt uns zwischendurch kurz auf, als wüssten wir, worum es eigentlich geht, den Gedanken verwerfen wir gleich wieder, wir wissen doch eh nicht, worum es eigentlich geht, wir müssen es auch nicht wissen, wir sehen einander eh nie wieder, wozu auch, wir reden ja doch nur übers Wetter. Also nehmen wir jemanden mit nach Hause, knutschen im Hausflur, ein bisschen Wildheit muss dabei sein, wir beweisen uns, dass wir das noch können, Sex ist auch so eine Sache, die man rein technisch nicht verlernt, das Radfahren der Erwachsenen, wir finden geil, dass wir das noch können, dass da zwei Körper sind, die funktionieren, mehr ist da nicht, aber hey, wir sind jung, und wir können das, wir haben es einfach drauf, wie wir einfach alles drauf haben, dann noch ein bisschen aufeinander liegen, nassgeschwitzte Körper, und da vorne ist die Tür.

Dann die Leere, wenn jemand geht, mit dem man gerade noch Haut an Haut lag.

Die Leere wollen wir füllen, also suchen wir wieder jemanden für mehr als eine Nacht, vielleicht auch für mehr als zwei, es muss auf jeden Fall jemand sein, mit dem wir nicht übers Wetter reden, wir verlieben uns niemals wahllos, sondern so, dass wir immer die Falschen erwischen. Also spazieren wir am Fluss entlang, vertreiben uns die Tage und die Nächte, wir gehen in die Clubs und feiern die ganze Nacht, bis uns die Haare im Nacken kleben, bis es so heiß ist, dass Kondenswasser von der Decke tropft, und wir tanzen, bis der Moment kommt, in dem auch der Letzte das letzte Bier bestellt, bis wir nichts mehr rauchen und nichts mehr trinken können, und dann müssen wir uns fragen, was wir nun anfangen, mit unseren leeren Händen ohne Bierflasche und Zigarette, mit dem Mund ohne Alkohol und Nikotin und ohne Worte, die eines Gegenübers bedürften.

Dann die Frage, was wir anfangen, alleine mit uns.

Also ziehen wir die Schuhe aus und laufen barfuß zur U-Bahn und unsere nackten Füße hinterlassen kleine Spuren im Neuschnee. Alles, was bleibt, ist das bisschen Musik, das der Kopfhörer noch hergibt. Und nicht einmal die Musik weiß, was wir denn noch tun sollen, wenn niemand anders mehr da ist. Wir zögern die Heimfahrt hinaus, tingeln durch U-Bahn-Stationen, hören scheißtraurige Musik, wir wollen nicht mehr fluchen, wir wollen uns an eine gekachelte Wand lehnen, langsam zu Boden rutschen, am Bahnsteig sitzen und weinen. Das macht man nicht. Was wir machen, ist: wir steigen in die Bahn, zu all den anderen Helden der Nacht, wir blicken starr geradeaus und sehen den Fliesen an den Wänden im U-Bahnhof nach, wir steigen aus, wir steigen um, irgendwann ist es unausweichlich, Endstation, Fahrgäste bitte alle, aussteigen, müde die Treppen hochsteigen.

Dann das Morgenlicht.

Vögel zwitschern, es hat geregnet, wir wissen nicht, warum und wann, es interessiert uns nicht, wir wollen nur noch nach Hause. Wir wollen nur noch nicht nach Hause. Der Körper ruft nach einem Bett, der Kopf weiß, dass eine stille Wohnung ohne Geräusche das letzte ist. Das ist der Grund, warum so viele Menschen gut schlafen können, wenn der Fernseher läuft.