Paulo Coelho sagt zu einer Zeitung kluge Dinge über das Internet und die Zeitung begreift es nicht. Dafür hat die Zeitung bald ein Leistungsschutzrecht, weshalb ich über all das fast nicht geschrieben hätte.

Jeden Sonntag gehe ich morgens in einen Kiosk um die Ecke und kaufe zwei Zeitungen, die zusammen 6,50 € kosten, die Zeitungen klemme ich mir unter den Arm, meist lese ich schon im Gehen, auf dem Weg in ein Café. Da sitze ich dann immer, so lange, bis ich alle Artikel gelesen habe. Der erste Artikel, den ich heute schon unterwegs las, obwohl die Zeit wirklich ein unhandliches Werk ist, das “Netzthema der Woche”, trug die Überschrift “Twittern ist Kunst” und war ein Interview mit Paulo Coelho.

Und auch wenn ich kein Fan seiner Bücher bin, was Herr Coelho da sagt, sind einige sehr kluge Dinge. Also wollte ich ihn gerne zitieren, natürlich nur wenige, kurze Auszüge und mit Quellennennung. Ich hatte sogar schon die Seitenzahl herausgesucht, hatte gerade auf “add new post” geklickt und mir eine Überschrift ausgedacht, – als ich innehielt.

Darf ich das überhaupt noch? Eine Zeitung zitieren, einfach so? Ist das nicht schon verboten, selbst wenn ich die Quelle nenne? Ärgernis, dein Name ist Leistungsschutzrecht (und noch nicht einmal die Rechtschreibkorrektur will dieses Wort akzeptieren). Ich entscheide mich, diesen Artikel doch zu schreiben, da das Interview die Perfidität dieses Themas so hübsch illustriert. Diesen Text hier nicht zu schreiben, wäre ein Eingeständnis an etwas, das ich immer noch nicht nicht verstehen und begreifen kann.

Der Teaser zum Text (Die Zeit Nr. 27/2012, S. 45) kündigt an, Coelho feiere die “digitale Revolution – mitsamt ihren Folgen für den Buchmarkt”. Er sagt:

“Jede technische Revolution schafft eine Plattform für eine kulturelle Revolution”.

Das klingt sehr schön; liest sich im Laufe des Interviews allerdings mit zunehmendem Befremden. Da ist einerseits Coelho, der die Zukunft erklärt und mit Leidenschaft den Nutzen des Fortschritts propagiert. Andererseits sind da die beiden Interviewer, die immer wieder versuchen, ihn in ihre “das macht alles kaputt”-Schiene zu ziehen. Natürlich auch anhand des Klassikers, des roten Tuchs derer, die ihre Felle davonschwimmen sehen: Piraterie. Leider erläutert Coelho dann, dass Piraterie nicht erst mit dem Internet erfunden wurde, wie sie sich durch kluge Strategien sogar vermeiden lässt und behauptet noch obendrein, Piraterie sei nicht schlecht.

Er negiert noch nicht einmal, dass es auch Verlage braucht (auch – nicht ausschließlich). Doch vor allem hat er die Macht und die Mechanismen von Internet und insbesondere sozialen Netzwerken begriffen. Er begreift sie als Bereicherung, als Erweiterung seiner Publikationsmöglichkeiten, sieht sogar seine Blogeinträge (und seine Tweets!) als Teil von Literatur und als Kunst und fordert gar, der Wandel müsse weitergehen. Der Mann muss doch völlig verrückt sein.

Es ist ein ganz einfacher Mechanismus: Coelho hat begriffen – und nimmt ernst, was dort passiert, zieht für sich Konsequenzen daraus, versucht gar nicht erst, die Erfindung des Buchdrucks diese “kulturelle Revolution” zu verhindern, sondern nimmt ernst, was online passiert und zieht für sich Konsequenzen daraus. Produktive Konsequenzen.

Ich habe jetzt gar keine Lust, die Kommode der Gegenargumente mit Schubladen wie “der Coelho kann sich das auch leisten, der hat ja Geld” aufzumachen. Nee. Die Gegenargumente sind eh stets die selben, dazu haben viele andere schon viel Besseres geschrieben. Mein Job hier ist vor allem, mich zu wundern.

Die beiden Journalisten, Maximilian Probst und Kilian Trotier, sind übrigens mit ihren 33 und 28 Jahren noch nicht einmal zusammengenommen so alt wie der 64-jährige Coelho. Und er ist es, der den beiden das Internet und die Zukunft anpreist. Das ist tragisch.

Dass allein an deren Fragestellungen irgendetwas seltsam ist, fällt einem erst im Lauf des Interviews auf: wenn die Interviewer von Angst reden, von Furcht, Ramschpreisen, vom Überleben in dieser neuen Welt. Irgendwo hat man doch diese Vokabeln schon häufiger gehört. Man weiß auch bald, wo, und das ist das Traurigste an alledem: dass man sich hier geriert nach dem drei Affen-Prinzip, sich geriert, als ginge einen das alles nichts an, nicht einmal in Betracht zieht, geschweige denn zugibt, dass sich alles, was in diesem Interview gesagt wird, — 1:1 auf die Zeitungsverlage übertragen lässt. Der Artikel erscheint in der Rubrik “Netzthema der Woche”, und ich bin wahrlich viel in diesem Internet™ unterwegs: ich hatte den Eindruck, im “Netz” war die Buchbranche eher weniger “Thema”.

Und, mal ehrlich: diese Grabenkämpfe an einer Front, die längst viele Kilometer weiter ist, dieses pseudo-elitäre, bornierte, realitätsferne, ewiggestrige

Video killed the radio star-Denken –

ist doch kalkulierter Selbstmord auf Raten. Nein, vielmehr: es ist ein Kamikaze-Programm: wenn wir schon sterben, sollen wenigstens so viele wie möglich mit draufgehen. 

 

Erklären – kann man das alles nicht, dafür fehlt der Thematik mittlerweile auch die Rationalität, denken Sie nur an das rote Tuch und die davonschwimmenden Felle.

Ich erinnere mich, dass ich einmal über jammernde Verlage und Paid Content bloggte und für zwei Zeitungen schrieb – darüber, was die Zukunft des Journalismus sein kann.

Leider fällt mir dann auf, dass das inzwischen über zwei Jahre her ist und so viel nichts passiert ist seitdem.

Alles, was mir bleibt, ist: mich zu wundern.

So verwundert erinnere ich mich daran, was ich hier ursprünglich schreiben wollte. Was Paulo Coelho übers Schreiben sagt:

Wenn du anfängst zu schreiben oder zu tanzen, dann machst du das aus Überzeugung. Du machst das, weil du es machen musst. … Und wenn du Geld machst, dann deshalb, weil dein ganzes Herz in deinem Werk steckt. Und selbst wenn du kein Geld verdienst, … dann arbeitest du trotzdem weiter. 

Ja.

Update 11.06.: Das Interview ist mittlerweile auch online zu finden. Dass ich es jetzt nicht verlinke, liegt ja irgendwie auf der Hand.

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Wo sollen wir hin, was sollen wir tun, was soll das alles, und wer übernimmt die Verantwortung?

Um sieben Uhr gehe ich jeden Morgen aus dem Haus. Das Haus steht nördlich eines großen Parks, der Park liegt in einer Stadt, die seit Jahren Hauptstadt sein will. Sieben Tage die Woche bin ich in dieser Stadt unterwegs, meist zwölf, manchmal auch fünfzehn oder zwanzig Stunden.

Seit über fünfzehn Jahren warte ich.

In all der Zeit konnten weder YPS noch Armin aus der Sendung mit der Maus oder Daniel Düsentrieb ihrem Versprechen nachkommen, einen Anzug zu erfinden, der dessen Träger unsichtbar macht. Also ist man in dieser Stadt unterwegs, und es wäre ja noch zu ertragen, dass die anderen einen sehen können. Weit schlimmer:

man sieht die anderen.

Und was sieht man da? Ich erspare Ihnen die Details, ich will Sie nicht verstören, aber vertrauen Sie mir, wenn ich Ihnen sage: man sieht nichts Schönes. Gar nichts Schönes. Jetzt ist es Mai, da wird es zu allem Übel auch noch Sommer, ich bin sicher, Sie lasen davon in der Timeline Ihres Vertrauens, manche Twitterer behaupten derzeit, sie hätten das Haus verlassen und sogar die Sonne gesehen. Und diese Twitterer glauben, man glaubte ihnen das. Wie naiv! Und niedlich, nicht? Nicht. Aber auch der Wetterbericht sagt, es sei Sommer. Und wenn es Sommer wird, dann sehen die anderen nicht nur unschön aus, hinzu kommt eine nicht zu unterschätzende olfaktorische Komponente. Manchmal bin ich froh, kein Synästhetiker zu sein, ich würde vermutlich beginnen, zu halluzinieren.

Was tut man also?

1. Im Bett bleiben.

Eine sehr gute Sache, gerne auch einen ganzen Tag lang. Bleibt noch die Schwierigkeit, seine Vorgesetzten, Kollegen und Kunden dazu zu bringen, dass Meetings dann auch in diesem Bett stattfinden. Hat noch nicht funktioniert.

2. Chauffeur, Limousine, verdunkelte Scheiben.

Ja. Unbedingt. Sollten Sie mir dies finanzieren wollen, schicken Sie bitte eine kurze Nachricht an die hinterlegte E-Mail-Adresse.

3. Per Helikopter einfliegen.

Siehe Punkt 2, zusätzlich müssten Sie lediglich einen Hubschrauberlandeplatz subventionieren. Wenn Sie lieb sind, nehme ich Sie vielleicht auch mal mit.

Man könnte natürlich eine Sonnenbrille tragen, kann man aber dann doch nicht aufgrund des enormen nächtlichen Verletzungsrisikos.

Alteingesessene Berliner weichen der visuellen Konfrontation mit ihren Mitmenschen aus, indem sie gesenkten Hauptes durch die Stadt gehen, nein, die twittern nicht alle, die müssen aufpassen, dass sie nicht in Schlaglöcher treten und wollen niemanden sehen außer ihrer rechten, linken, rechten, linken, rechten Fußspitze. Mein Orthopäde allerdings sagt, Kopf runter und Schultern hängenlassen is nich, is schlecht fürn Rücken und fürn Nacken eh. Sie müssen wissen, ich habe Nacken, und ich habe keine Lösung.

Ich wollte das Unglück quantifizieren. Seine Dimensionen vermessen. Also zählte ich. Alle als Personen wahrnehmbaren Personen, die ich im Laufe eines sommerlichen Freitags sah. An jenem Tag ging ich aus dem Haus, fuhr U-Bahn und S-Bahn, ging einen Kilometer zu Fuß, setzte mich in ein kleines Café, ging ins Büro, war im Büro, verließ das Büro, ging drei Kilometer zu Fuß, holte die Liebste ab, ging mit ihr über die Oberbaumbrücke, wir aßen ein Eis, gingen in eine Bar, gingen zur U-Bahn, ich stieg ein, stieg um, lief die letzten 300 Meter und war zuhause. Ich wohne allein.

An diesem Tag zählte ich, all diese Menschen. Und als ich schließlich in meiner Alleinwohnwohnung ankam, waren es zweitausend. Nein, nicht Einhörnchen oder Eichhörner. Menschen. Das ist mehr, als mancher Ort in diesem Land Einwohner hat. Und ich sage Ihnen, schön war das nicht. (Bis auf zwei Ausnahmen, aber ein Promille, ich bitte Sie, das ist nicht der Rede wert.)

Wenn man das alles sieht, macht das ja was mit einem. Das hinterlässt Spuren, das macht einen fertig, das zerstört Illusionen, das ernährt ganze Heerscharen von Ärzten und Therapeuten.

Und das liefert die Daseinsberechtigung für dieses Blog. Natürlich könnte ich auch bloggen, weil ich es kann, aber, ich bitte Sie, das wussten Sie doch eh schon. Ich mache das, weil ich es will. Also setzen Sie sich, nehmen Sie sich einen Keks.

Keine Sorge, hier wird es schön.

Herzlich willkommen.

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Die Liebe in Zeiten der drohenden Nuklearkatastrophe

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Für dich habe ich letzten Monat die Sonntagszeitung abonniert.

Heute früh wurde ich wach, ich lag auf dem Bauch und die Sonne schien durch die Haarsträhne vor meinen Augen, ich machte die Augen gleich wieder zu, ich strich mit einer Hand über die Matratze, die Stelle neben mir war leer. Die Stelle gehörte vor zweiundzwanzig Tagen noch dir. Jetzt gehört sie dem neuen Mann. Ich tastete nach meinem Telefon, drückte auf die einzige Taste, die es hat, 12 Uhr 47, Sie haben keine neuen Nachrichten, ich legte das Telefon zurück, zog das Kissen des neuen Mannes zu mir, es roch nach Nacht und seinem Parfum und nach ihm, ich zog die Decke über meinen Kopf. Dann muss ich wieder eingeschlafen sein, denn als ich die Augen wieder aufmache, sehe ich zwei behaarte Beine und irgendwo weit oben der Kopf des neuen Mannes, der Kopf kommt näher und aus seinen Haaren tropft Wasser in mein Gesicht. Zwischen dem Wasser ist die Stimme des Mannes und sagt: aufstehen. Er sagt es nicht so, wie das jetzt hier steht, er sagt es auch nicht so, wie du es immer gesagt hast, er sagt es schöner, als ich das aufschreiben kann. Ich schlage die Decke zurück, schlinge meine Arme um seinen Nacken, er trägt mich über den Flur und setzt mich auf den Esstisch, gibt mir einen Kuss auf die Stirn, geht in den Flur, ich sehe ihm nach, und als er in seinen blauen Boxershorts um die Ecke biegt, ruft er noch über seine Schulter ich hole die Zeitung und zieht die Wohnungstür zu.

Ich strecke mich und versuche von meinem Platz auf dem Tisch aus, mit meinen Zehenspitzen bis zur Fensterbank zu kommen, wenn ich meine Beine ganz strecke, kann ich sie berühren. Ich reibe meine Augen, da fällt mir ein, dass ich mich heute morgen, als wir nach Hause kamen, nicht abgeschminkt habe, es fällt mir erst ein, als mir Wimperntusche und eine abgebrochene Wimper an den Fingern kleben. Ich sehe mich in der Küche um.

Der Mann hat das Fenster gekippt, draußen zwitschern Vögel, neben mir steht die Espressokanne und dampft, und er hat auch noch Brötchen geholt und Marmelade und Käse stehen daneben, ich kenne C. noch nicht so gut, aber entweder, erstens, er kann ezaubern oder, zweitens, er hat vorhin einen Spätkauf überfallen oder, drittens, er ist perfekt. Ich denke an das Gegenteil von Perfektion, an mich und meinen Kühlschrank, der bis auf drei Flaschen Wodka im Eisfach immer leer ist. Da erst höre ich ein lautes TUUUUUUUT vom Herd her und mir schwant Übles, das TUUUUUUUUT hört nicht mehr auf und da sehe ich den Eierkocher, in dem zwei Eier kochen. Scheiße. Drittens. Der Mann ist perfekt. Ich brauche einen Schnaps.

Der Schlüssel dreht sich in der Wohnungstür, der Mann tapst herein, legt die Zeitung auf den Tisch, ich setze mich auf einen Stuhl, der Mann schält ein Ei und setzt es in einen Eierbecher, ich wusste nicht, dass ich Eierbecher besitze, dann gießt er den Kaffee in zwei Becher, ich schütte so viel Milch in meinen, dass er gleich überschwappen wird, ich will einen Schnaps, der Mann ist da, ich kann jetzt keinen Schnaps trinken, ich puste kurz, der Mann fängt an, das Ei zu löffeln, ich trinke hastig in einem Zug die Kaffeetasse leer, ich stelle die Tasse ab, ich habe mir die Zunge verbrannt und mich verschluckt, ich huste, der Mann fragt besorgt, ob alles okay sei, ich nicke und deute auf seinen Löffel. Von seinem Löffel tropft Eidotter auf die Zeitung.

Ich ziehe die Zeitung zu mir, der Mann will den Feuilleton, ich die Politik. Eine Zeitung. Als ob irgendwo jemals etwas Neues passierte. Einen neuen Bundespräsidenten werden sie wählen, der alte ist erstmal im Urlaub, Menschen sterben in Bürgerkriegen, Hollywoodstars werden bei Protesten vor Botschaftsgebäuden festgenommen, Teenager klicken auf Videokampagnen gegen afrikanische Diktatoren, es gibt keine Notfallpläne für eine Nuklearkatastrophe in Deutschland. Nichts Neues. Im Westen und im Osten. Ich schenke mir Kaffee nach. Ich brauche einen Schnaps.

Der Mann beißt vor Wut über den Feuilleton so fest in sein Brötchen, dass die Krümel über den ganzen Tisch fliegen, sie werfen kleine Schatten auf das dunkle Holz. Man kann kein Buch mehr kaufen, das im Feuilleton empfohlen werde, schimpft er, die beste Strategie sei, die Bücher zu kaufen, die der Feuilleton in Grund und Boden zerreißt, der Mann schmeißt die Zeitung in die Ecke, gräbt seine Fingerspitzen in ein zweites Brötchen und zerteilt es in zwei Hälften, auf einer Hälfte lässt er ein Stück Butter zerlaufen. Die Sonne scheint durch die Fenster und lässt seine blonde Haarspitzen glitzern, er hat sogar Blumen auf den Tisch gestellt, ich brauche einen Schnaps.

Ich frage ihn, was er von der Wahl des neuen Bundespräsidenten hält, von dieser Wahl, die keine Wahl ist, es ist Sonntag, dreizehn Uhr dreißig, wir sind jung, wir sind in Berlin und wir reden über Politik, dabei müssen wir doch unpolitisch sein, weil alle sagen, wir, unsere Generation, sei unpolitisch. Dabei sind wir noch nicht einmal ein Wir. Uns gibt es nicht im Plural, uns gibt es nur im Singular. Jetzt liegt der Politikteil unter Brötchenkrümeln.

Der Mann legt eine Scheibe Käse auf seine zweite Brötchenhälfte und sagt weißt du noch, wie wir uns kennenlernten? Es war vor einem Jahr, bei den Protesten gegen die Atomkraft oder für den Atomausstieg, das wussten wir damals selbst nicht so genau, der Mann lief bei der Demonstration neben mir und wir trugen dieses Transparent vor uns her und riefen AB-SCHAL-TEN! AB-SCHAL-TEN!, bis unsere Stimmen ganz heiser wurden und am Ende ganz verstummten.

Jetzt ist es ein Jahr später, die Atomkraftwerke sind immer noch an, nur gibt es jetzt neue Bürgerinitiativen, die sind nicht gegen neue Kraftwerke, die sind gegen Ökostromleitungen und Rückhaltebecken, denn die Landschaft wird verschandelt, hey, wenn es doch einmal in einem Kernkraftwerk knallt und das ganze Land unbewohnbar wird, das ist doch okay, Hauptsache, die Landschaft wird nicht verschandelt. Sonst ist nichts passiert außer Demonstrationen und Warten auf den Weltuntergang und kurzzeitig dir. Vor drei Wochen hatte ich gerade mit dir Schluss gemacht, da rief der Mann an, der damals noch nicht mein Mann war, wir trafen uns bei einer anderen Demo gegen Atomkraftwerke oder für den Atomausstieg, das wussten wir da noch nicht so genau. Nach der Demo saßen wir am Spreeufer und ich kratzte mit einem Fingernagel die Farbe von meinem Pappschild, irgendwann wurde es Nacht, ich warf das Schild in einen Container, der Mann legte einen Arm um mich und wir nahmen die letzte U-Bahn zu ihm nach Hause.

Der Mann sagt, das mit den Demos sei gut, weil wir noch jung seien und Verantwortung hätten und noch länger auf diesem Planeten leben müssten und auch unsere Kinder. Er hat unsere Kinder gesagt. Ich brauche einen Schnaps. Das Demonstrieren sei auch gut, weil wir nur deswegen jetzt hier in meiner Küche säßen. Er hat Wir gesagt. Ich brauche einen Schnaps.

Ich fühle ein Drama in mir aufsteigen.

Manchmal bin ich nicht sicher, ob das mit der Verantwortung so gut und so richtig ist. Und schon gar nicht, wenn ich mir den Küchentisch ansehe. Jedes Ei, das wir essen, ist ein Huhn mehr oder weniger glücklich, man kann auch nicht einfach eine Zeitung kaufen, das ist keine gedruckte Zeitung, sondern ein Statement fürs Leistungsschutzrecht, jede Plastikflasche wird unseren Urenkeln noch um die Ohren fliegen, wir sind die Konsumgesellschaft und wir haben verdammtnochmal die Verantwortung, diesen Planeten ordentlich zu hinterlassen, wenn wir schon an dem Müll ersticken, den wir täglich in uns reinstopfen, ich bin ein aufgeklärter Konsument, ich bin politisch interessiert, ich bin gegen Vorratsdatenspeicherung und für ein freies Internet, aber das ändert noch lange nichts. Denn wenn alle schlecht läuft, ist mein T-Shirt von H&M und verantwortlich für die Globalisierung und für Kinderarbeit in Bangladesch, dann macht mein Kaffee, dass Kinder in Afrika nicht zur Schule gehen können, für meine Schuhe wurde ein Rind gehäutet, von meiner Haarfarbe bekommt mein Friseur allergische Reaktionen, für meinen Lippenstift wurden Tierversuche durchgeführt, für meine Jeans mussten Arbeiter Steine in große Waschmaschinen schaufeln, in meinem Essen sind mehr Farb- und Geschmacksstoffe als natürlich gewachsene Zutaten, für den Sprit in meinem Auto wurden Lebensmittel verbrannt, meine Bank investiert in die Rüstungsindustrie und wenn ich zu häufig mit meinem Handy telefoniere, bekomme ich irgendwann Krebs. Wenn ich nicht mit meinem Handy telefoniere, auch. Von Kopf bis Fuß, ich bin ein schlechter Mensch. Ich brauche einen Schnaps.

Ich habe auch Herzen gebrochen in meinem Leben, fast alle davon unabsichtlich, mein Herz wurde nie gebrochen, was nur daran liegt, dass ich keines habe, dafür renne ich von einer Beziehungsscheiße in die nächste, ich treffe Männer und treffe sie auch wieder nicht, wir landen in Betten und vögeln die ganze Nacht. Oder auch nicht. Ich brauche einen Schnaps.

Meine Freunde können ihre Miete kaum bezahlen, wir sitzen nächtelang in ihren Küchen, die sie sich mit Mitte 30 noch mit fünf anderen Leuten teilen, nicht immer, weil sie es so toll finden, in 6er-WGs zu leben, sondern auch, weil sie sich nichts anderes leisten können, dann halten wir uns an Weingläsern fest und basteln am Küchentisch an einer kleinen Revolution, wir glauben nicht an Gott und nicht an die Deutsche Automobilindustrie, wir glauben meist nichtmal an uns und an den Weltfrieden schon lange nicht mehr, wir glauben nicht ans Geld, und es sind nur die Mutigen unter uns, die es noch wagen, an die Liebe zu glauben. Wir sind die Generation, die verantwortlich dafür sein soll, dass die Welt sich weiterdreht, als ob sie sich nicht weiterdrehte, wenn wir nicht mehr wären, als ob die Erde sich einen Dreck um unsere Existenz scherte. Wir haben Verantwortung für eine Welt, die nicht uns gehört, nicht unseren Kindern, weil keiner mehr weiß, wem sie gehört, wenn nicht den Banken, und dann wirft man uns vor, wir seien unpolitisch, dabei ist es wirklich schwierig, überhaupt noch Position zu beziehen in einer Welt, die zu groß ist für uns alle. Und die Leute im dritten Stock und darüber (der dritte Stock ist der, ab dem es wichtig wird), sind drei Mal so alt wie wir, sie wissen nichts von unserer Welt und es interessiert sie auch nicht, außer einmal im Jahr, da ist die Cebit, da gibt es Dinge zum Anfassen, da gibt es dann dieses Internet. Wahnsinn. Gibt es da auch Schnaps?

Außerdem bin ich die perfekte Frau, die perfekte Geliebte und mache die perfekte Karriere und nebenher soll ich zwanzig Kinder in die Welt setzen, damit ich mit siebzig Jahren vielleicht einen Euro Rente haben kann, dabei habe ich noch nicht einmal einen festen Job, und natürlich darf ich mich nicht beklagen, denn ich habe mir das selbst ausgesucht, und ich habe ja noch fünfzig Jahre Zeit bis dahin. Ich bin kaum älter als die deutsche Wiedervereinigung und ich habe mich zu kümmern um mich, meine Fitness, meinen Körper, meine Gesundheit, meinen Musikgeschmack, meine Beziehungen, meine Männer, meine Jobs, meine Monatsfahrkarte, meine Eltern, mein Leben, meine Freunde, meine ungeborenen Kinder, die deutsche Gesellschaft, die Rente aller Rentner, das Gesundheitssystem, den politischen Fortgang dieses Landes, die Zukunft Deutschlands, den Klimawandel, die Klimakatastrophe, die Globalisierung. Ich bin Deutschland. Es macht mich kaputt. Und ich brauche einen Schnaps.

Als ich mich fertig aufgeregt habe und aufgehört habe, wilde Worte mit wilden Gesten in die Luft zu werfen, nimmt der Mann meine Hand, zieht mich auf seinen Schoß, ich lege meinen Kopf auf seine Schulter und meine Nase an seinen Hals, er riecht immer noch nach Nacht und Schlaf und sein Duft beruhigt mich, er streicht mir über die Haare und flüstert mir etwas ins Ohr, das kitzelt, ich lache, er hält mich fest, steht auf, ich schlinge meine Beine um ihn, er trägt mich zurück ins Schlafzimmer, wirft mich aufs Bett und die Weltpolitik ist mir egal.

Es ist später Nachmittag, als wir aufstehen, wir schlendern durch meinen Lieblingspark, der Mann steckt mir einen Zweig Weidenkätzchen ins Haar, wir klettern einen Hügel hinauf und als die Sonne langsam untergeht, hält der Mann meine Hand und ich fühle mich sehr romantisch mit diesem Mann und der Gesamtszene.

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Dann zoomt die Kamera heraus, jemand ruft Schnitt, danke für eure Arbeit, wir lösen uns voneinander, der Mann schüttelt mir die Hand, danke für die gute Zusammenarbeit, und alles Gute (auch privat!), ich drücke seine Hand, nehme meine Jacke, winke noch kurz in die Runde und gehe alleine nach Hause.

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Ich brauche einen Schnaps.

Wegweh

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Meine Augen laufen die Schienen entlang, ich zähle die Schwellen, bis sie verschwimmen und verschwinden. Zu viele Bilder pro Sekunde, als der Zug schneller fährt, und die Bäume an der Strecke verschwimmen zu einem einzigen Grün. Strommasten, Felder, Hochspannungsleitungen, Feldwege, Häuser, Gleisbetten, Hochhäuser, Autobahnen, der Zug wird langsamer, bleibt stehen. Ich wuchte meine Tasche aus dem Gepäckfach, steige aus, atme ein. Wieder eine neue Stadt. Wieder ein Bahnhofsgebäude, das von innen genauso aussieht wie alle anderen, in Brandenburg, in Magdeburg, in Braunschweig, in Wolfsburg, die selbe beschissene Architektur, die keine ist, die selben beschissenen Läden, die selben beschissenen Raucherzonen ganz am Ende des Gebäudes. Ich lasse meine Tasche fallen, setze mich daneben auf den Boden und es ist mir egal, dass ich einen Minirock trage, wie mir alles egal ist.

Ich zünde eine Zigarette an und wundere mich, wie man anfangen kann, Menschen zu vermissen. Den Menschen an sich, als Gruppe eine verachtenswerte Spezies, als Individuum durchaus beachtens- und liebenswert. So passiert es manchmal doch, dass einem ein Mensch passiert. Einem frontal ans Schienbein kracht, in den Magen, in den Kopf, ins Herz, schon ist er da, und dort, wo er ist, ist ein Fleck, und der geht nicht so einfach weg.

Seit eineinhalb Jahren nun wohne ich in der selben Stadt. Es ist eine große Stadt, die, wie jede Stadt, in Wahrheit, ein einziges Dorf ist. Meist geschah es bisher nach spätestens einem Jahr am selben Ort: das Wegweh packte mich. Wegweh, die große Sehnsucht nach nichts. Wegweh weiß nicht wohin mit sich und seiner Sehnsucht, es weiß nur, dass es weg muss. Wegweh kann enden in einem Dorf im tiefsten Mecklenburg-Vorpommern, in Bielefeld, an einem norwegischen Fjord oder in einem Flieger nach Kalifornien, das Wegweh weiß nie, wo es endet, sobald es einmal angefangen hat.

Wegweh ist schwer zu diagnostizieren und noch schwieriger zu therapieren, denn wo soll man hinfahren, wenn man nicht weiß, wohin? Jedes Verkehrsmittel ist im Zweifelsfall das falsche, jeder Zug fährt in die falsche Richtung, jedes Flugzeug landet an einem falschen Flughafen, und dann steht man da und hat nichts, geschweige denn irgendeine Ahnung. Denn man könnte froh sein, weg zu sein, aber man ist nur überzeugt, im falschen Weg zu sein, am falschen Ort, und obwohl man weg ist von da, wo man herkommt, ist es doch alles nicht richtig.

Alles, was einem übrig bleibt gegen das Wegweh, ist der Versuch einer Distanz. Man könnte beginnen mit einer Distanz zu sich selbst, damit, zu hinterfragen, woher es kommt, das Wegweh, was sich änderte, wenn man weg ginge, sich aus allem zurückzoge, sich von allem entfernte. Aber am Ende wären das nur nervige Fragen an einen überforderten Kopf, Fragen, die doch eigentlich ohnehin nur ein Bauch beantworten kann. Doch der Bauch spricht nur selten, nur, wenn es ganz still ist um einen herum, wenn er Lust hat und in guter Stimmung zum Plaudern ist. Die Stadt ist zu laut, als dass man da noch den Bauch hören könnte, der Lärm übertönt ihn und meist bleibt einem so kaum etwas anderes übrig, als es einfach zu versuchen. Sich wegzubewegen. Selbst wenn man dann nicht weiß, ob man sich in die richtige Richtung bewegt.

Ich stehe auf, nehme meine Tasche, gehe zu einem anderen Gleis, der Zug fährt weiter, ich weiß nicht, wohin. Blaue Bagger, Industrieanlagen, Container, Betonbunker, verfallene Bahnhofshäuser, ein Mensch, man kann gar nicht so schnell schreiben, wie draußen alles vorüberzieht, man kann gar nicht so schnell bemerken, dass für einen halben Augenblick alles gut ist, bevor es schon wieder vorüber ist.

(August 2011)

Wir waren uns ein Seismograph

Am vorletzten U-Bahnhof vor dem Ende der Welt (das Ende der Welt ist dort, wo Brandenburg beginnt) steht es in großen schwarzen Lettern auf einer Wand.

SIE LIEBT DICH.

Es war Abend und die Welt tat, was sie zu tun hatte: weit draußen rauschte ein Zug vorbei, irgendwo hockte ein Vogel und sang heiser ein Nachtlied, die Wolken standen am Himmel, weil sie es mussten, die Hochhäuser am Horizont hielten die Erde davon ab, wegzufliegen, die Straßen zementierten die Trampelpfade der Leute, die Ampeln machten den Takt. Alles war wie immer.

Die Lampions glitzerten in der Abendsonne. Die kahlen Bäume versanken in weichem Licht. Es wehte ein Wind, die Art von bewegter Luft, die etwas verhieß, ohne etwas zu versprechen, in der ein wenig Pathos lag, und dort lag er zu Recht. Denn weit außerhalb der Stadt, im Garten eines winzigen Hauses, war nichts wie immer. Dort, auf einem Stück Boden von fünfhundertfünzig Quadratzentimetern, stand Continue reading “Wir waren uns ein Seismograph”