Achtundneunzig Prozent aller Ladebalken

Ich knete und sehe einem Pizzateig beim Gehen zu. Nachts sitze ich in der Küche, rauche die letzte Zigarette und freue mich über diese Stille mitten in der Stadt.

Und dann: Eiswürfel machen. Schweißperlen beobachten. Mit Pizza-Eis-Bauch im Bett liegen und Filme schauen. Im Park liegen und Spinnen von einer Hand auf die andere krabbeln lassen. Orangenlimonade trinken. Über eine Syntax streiten. Einen irritierten Blick einfangen und ins innere Fotoalbum einkleben. Ein Gefühl verlieren. Ein Stück Fleisch durch die Stadt tragen. Mehr Eiswürfel machen. Die Auswanderung nach Skandinavien planen.

Den allerersten Sommer meines Lebens habe ich kurz vor meiner Geburt bei gemäßigtem Klima erlebt. Für alle Sommer seitdem war und bin ich einfach nicht gebaut.

Ich sitze verzückt vor einer Waschmaschine und wasche vier Stunden lang Wäsche. Weil’s jetzt geht.

Ja sagen. Einen Terminkalender aktualisieren. Im Bett liegen und Eis essen. Eine E-Mail lesen und es nicht fassen können. Eine andere E-Mail lesen und es anders nicht fassen können. (Ich lese zu viele E-Mails.)

Es hat sich vieles verändert. Je mehr ich erfuhr, umso radikaler wurde ich in meinem Denken. Je mehr ich las, umso klarer wurde ich in meiner Haltung. Je mehr ich lernte, umso sorgsamer wurde ich mit Menschen. Je mehr Zeit verging, umso gnädiger und härter wurde ich mit mir selbst.

Im Moment beobachte ich all das. Sehe, was weit weg geschieht und doch alles darüber aussagt, wie die Dinge gerade stehen. Höre mir an, was die anderen zu sagen haben. Schreibe Pläne, führe Gespräche, tue, was ich von mir erwarte. Die Zeit wird kommen, wo ich von alledem einige große Schritte zurücktrete, auf einen Stuhl klettere (oder auf eine Leiter oder einen Baum), und mir all das mit größerem Abstand ansehe. So wie ich gestern um siebzehn Uhr fünfunddreißig eine E-Mail las, die aus Versehen bei einer Stichwortsuche auftauchte und deren Existenz ich vor vier Jahren vergessen hatte. Die mich wieder zum Lachen brachte, wie die Person, von der sie stammte. Nicht alles verändert sich, nur weil ein Abstand sich vergrößert.

Eigentlich hätte ich schon vor Monaten schreiend weglaufen müssen. Ich habe es nicht getan, und nur in Nächten wie dieser gestehe ich mir zu, langsamen Fortschritt zu beobachten.

Achtundneunzig Prozent aller Ladebalken sind Schwindel.

 

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Konstruktiv

Ein Pony streicheln. Schafe zählen. Im Schlaf Mückenstiche aufkratzen. In der Sonne liegen wollen und nach fünf Minuten in den Schatten flüchten. Zu viel Kaffee trinken. Hinter einem Sucher verstecken. Auf den Bildern nichts wiederfinden. Zu alledem zwingen, was gemeinhin unter “gesunde Gewohnheiten” fällt. Das Leben ist halt kein Ponyhof, aber wenigstens die Möglichkeit eines inneren Vergnügungsparks. Weinen, kurz darauf Dinge sagen und es hinterher sehr bereuen. In ein Gesicht schauen und nichts wiedererkennen. Nur noch im Konstruktiv sprechen. Wochenlang auf eine Verabredung freuen und sie im letzten Moment vergessen. Auf die to-do-Liste setzen:

  1. Einkaufen: Tomaten, Saft, Basilikum, Olivenöl
  2. Flügel kaufen
  3. Waschmaschine kaufen (Anschluss?)
  4. Geld verdienen
  5. Flügel kaufen
  6. passende Wohnung finden
  7. umziehen
  8. klarkommen

Und immer wieder die Frage, ob es nicht doch eher die Mücken sind, die den Sommer machen.

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Brighton

So let’s talk, that’s all we’ll do, just talk.

Zuschauen und winken, wenn alle in den Urlaub fahren. Ein Piercing herausnehmen und dann versehentlich mit dem Biomüll entsorgen. Zwei Handvoll Haare abschneiden lassen von einem Kopf, auf dem doch eh fast keine Haare mehr sind. Gehärteten Klebstoff von einer Tischplatte kratzen. Einen Salbeistrauch wegschmeißen; das Käfervolk, das er eingeschleppt hat, gleich mit. Neue Piercingstecker kaufen. Das Gefühl, mehr Metall am Körper zu brauchen. (Oder doch Tinte, oder doch Sonne.) “Herzlich willkommen!” schreiben. Nägel in neuem Rot lackieren. Krass vermissen.

Nichts mehr verstehen. Acht Seiten für die Rentenversicherung ausfüllen. Belegen sollen, dass ich das kann, was ich so mache. Mir dessen Seite für Seite, Feld für Feld, selbst immer weniger sicher sein. Verträge ausdrucken und tackern. Einen Plan B suchen. Klauseln prüfen. Überlegen, hauptberuflich tagein, tagaus Seiten zu tackern. Merken, dass es dafür schon Maschinen gibt. Der Tag, an dem Automatisierung meine Karriereplanung zerstörte.

Feststellen, dass das Pathos meiner Vorträge zu einhundert Prozent davon abhängt, welche Musik ich beim Schreiben höre. Über Häuser reden. Einen See in Betracht ziehen. Das Schreiben für die Rentenversicherung in den Briefkasten werfen. An einen Bausparvertrag denken.

In allen Ecken der Wohnung schwarze Haare finden. Mit Zucker und Olivenöl die letzten Reste sonnenverbrannter Haut ablösen. Staunen, wie das so geht, mit der Haut. Aufs Fahrrad setzen und in den Wald fahren. Merken, dass alles schon wieder eine Woche her ist. Bilder machen. Eine Erinnerung wie ein hingeworfenes Strandaquarell; ein Gefühl wie Brackwasser.

Im Taxi weinen.

Einen Spiegel umhängen. Vielleicht war Manches noch nie so intensiv wie jetzt; so unglaublich gut, so halsüberkopf; und so unaufhaltsam wahnsinnig. Mit dem Wissen, dass es gegen die Wand fahren wird; die Frage ist nur noch, wo genau die Wand sich befindet.

Versuchen, den Schwindel zu ignorieren. (Wie alles andere auch.) Einatmen, ausatmen. Einatmen, ausatmen. Am Flughafen die teuerste Apfelsaftschorle aller Zeiten kaufen. In ein Flugzeug nach Westen steigen

Im Kalender eine tägliche Erinnerung an die eigene Verletzbarkeit eintragen.

Dies ist das erste Jahr, in dem die zwanzig Jahre alte Narbe unter meinem Bauchnabel nicht mehr zu sehen sein wird.

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In meinen Armen

Ein Plüschtier kaufen. Auf einen Zettel ein <3 schreiben und ihm an die grün-plüschige Brust heften. Kuchenzutaten auf ein Blatt malen. Innerlich zusammenfallen. Am Telefon T., der eine Viertelstunde lang berichtet, wie er einen Maulwurf beobachtet. Maulwurfvideo ansehen. Nicht schlafen können. Einen neuen Text schreiben. Zur U-Bahn rennen. Eine Fahrkarte für 10 Euro kaufen. 151km gen Nordosten fahren. Eine Präsentation zusammenwürfeln. Von 17-Jährigen angeflirtet werden. Beinahe an der falschen Station aussteigen. An einem Bahnsteig stehen. Ein Herz im Taxi-Fußraum finden. Wieder genau an der selben Stelle wie vor vier Jahren sein. Alles wiedererkennen. Lernen, was “danke” auf Polnisch heißt. Zu einer Villa fahren. Ein Bild nach Köln schicken. Hoffen, dass es bald Wasser gibt. Drei Schluck Bier trinken. Zu viel reden. Dem Klang einer fremden Sprache lauschen. In einen Kinosessel einkuscheln. Gähnen. Endlich Wasser trinken. Vier Gläser. Auf einer Mauer sitzen und in den Abendhimmel über Polen schauen. Noch mehr reden. Rauchen. Die Augen mit Mühe offen halten. Ins Hotel fahren. Den Müslischüsseln auf dem Frühstücksbuffet zuwinken.

In ein Bett fallen. “Jetzt reiß dich mal zusammen” denken. Trotzdem vermissen. Keine Nachricht schreiben. Lachen, als in dem Moment eine Nachricht kommt. Aufstehen und ein Foto machen. Vornehmen, zu schlafen. Den Wecker stellen. Eine Fahrkarte für 42 Zloty kaufen. Eine Stunde am Bahnhof sitzen, gegen ein Kioskhäuschen gelehnt. 151km gen Südwesten fahren. Aus dem Zugfenster schauen. Wegdösen. U Gesundbrunnen. Zwei Bissen Obstsalat essen. Zur Wohnungstür hineinfallen. Rucksack in eine Ecke werfen. Essen wollen. Stattdessen mit einer Chipstüte im Arm einschlafen.

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Alles anders

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Wieder um 20 Uhr nach ganz oben aufs Dach gehen. Darauf warten, dass die Sonne untergeht. Ein letztes Mal auf die Wolken warten. Ein letztes Mal versuchen, nicht an “ein letztes Mal” zu denken. Nicht einschlafen können. Verschlafen. Orangensaft trinken. Eine Tasche packen. Ein Handtuch zurückbringen. Danke sagen. Ganz oben, ganz hinten im Bus sitzen. Aus dem Fenster sehen, die Hand ausstrecken und fast die Palmenkronen streicheln können. Nicht fort wollen und doch abheben. Kaffee und Orangensaft trinken. Ein Bordmagazin lesen. Kaffee und Orangensaft trinken. Nein sagen, nur von innen. Nicht ankommen wollen und doch landen. Auf ein Taxi warten, das niemals kommt.

Die Tür aufschließen und wenigstens ist das Geschirr gespült. Den Boiler einschalten. Dem leeren Kühlschrank hallo sagen. Einen verdorbenen Mozzarella wegwerfen. Nicht schlafen können. Ein Körper, der sich fühlt wie am falschen Ort. Ein Kopf, der am falschen Ort ist. Alles anders, alles falsch. Am Morgen dann in den Waschsalon gehen. 2 Bikinis, Unterwäsche, 2 Shorts, eine Jeans, 2 T-Shirts, 2 Tops, 3 Paar Socken.

Den ganzen Morgen warten und schließlich doch zu spät sein. Eine Tür aufschließen. Erstmal Kaffee kochen und die gute Tasse ohne Sprung heraussuchen. Musik hören. Dasitzen, hinsehen und mich wundern. Wie leicht es ist. Wie einfach. Wie es ist, ganz ohne Nachdenken, ohne Mühe. Wie alles anders ist und wie schwerelos. Aus den letzten Vorräten Gnocchi mit getrockneten Tomaten und Oliven kochen. Einen Film sehen. Einen Blick nicht abwenden können. Einatmen. Ausatmen. Schlafen können. Aufwachen und nicht aufstehen. Über einen Flecken Morgensonne nachdenken. Den Computer in die Werkstatt bringen. Dasitzen, daliegen, mich wundern, dass die Leichtigkeit nicht verfliegt. “Huh?” hören. Mehr Kaffee kochen. Pizza essen. Mit Pizzabauch einschlafen. Zu früh aufstehen. Zu viele Dinge aufschreiben müssen. Schon wieder in allem zu viel “zu”. Und alles zu schnell. Vor allem: zu früh zur U-Bahn gehen.

Den letzten Sonnenuntergang sehen. In die Küche zurückkommen. Und wieder alles anders. Und wieder alles falsch.

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Zweihundert Millionen Jahre

panorama

Das Auto um die Kurven gewickelt. Gefühlt wie auf einer zu groß geratenen Carrera-Bahn. Der Katze hallo gesagt. Mit den Bauarbeitern geredet. 1.600 Meter über dem Meer. Mandelkuchen geschenkt bekommen. Gefragt worden, ob ich hier lebe. Der Radioempfang hält immer nur genau bis zur nächsten Serpentine (also ca. 20 Meter (heute meist weniger)). Den Raben ziehen lassen. Niemanden mitgenommen. Die Fenster aufgemacht und den Wald eingeatmet. Eine Aprikose geschenkt bekommen. Einen Kern in den Wald geworfen. Den Berg hinuntergestiegen. An einem Dornbusch das Gesicht zerkratzt. Am See entlang gewandert. Wieder nach oben gewandert. (Wandern in der Mittagssonne: nicht nochmal.) Wieder den bunten Sandstein gesehen. Auf der Motorhaube gesessen und geraucht. Ans Ende der Landkarte gefahren. Am Strand entlang gelaufen. Die obligatorische Möwe fotografiert. Die lokale Alternative zur Klowandbeschriftung.

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Wieder Avicii gehört. Zitronenbäume gesehen. Bananenstauden gestreichelt. In die Wolke gefahren. Ein Partyschiff gehört. Eine Gegend wiedererkannt. Hibiskus gerochen. Im Kreisverkehr zweimal mehr herumgefahren. 16 Bahnen geschwommen. Gelegen, die Füße direkt über dem Tal. Ein Foto gemacht und doch nicht verschickt. Über Lichtverschmutzung nachgedacht (ich sollte wieder dahin, wo es nachts ganz dunkel ist).

Die Dinge fühlen sich an wie an dieser Stelle am Meer zu sitzen: zweihundert Millionen Jahre bis Sandstrand.

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(Wenigstens ist die Aussicht gut.

(Unklar, ob das hilft.))

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Heute

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Aufgebrochen. Ans Lenken gewöhnt. Vor den Kurven gehupt. Auf der Serpentine rückwärts gefahren. Auf der Leitplanke gesessen. Am Ende der Straße gestanden. Über ein Navigationssystem gewundert. Halt gemacht. Karten gelesen. Ananassaft getrunken. Die Serpentinen wieder runtergefahren. Dem Fahrer vom Milchlaster zurückgewunken. Die Berge hochgefahren. Das Autoradio eingeschaltet. Es ist kein Zufall, dass immer Avicii läuft, wenn ich Radio höre – es liegt daran, dass immer Avicii läuft. Keine Palmen gezähllt. Auf Anweisung gegen einen Automaten getreten. Unter einem blauen Sonnenschirm gesessen. Den See gesucht. Die Berge weiter hochgefahren. Gegrüßt. Sonnenbrand auf dem linken Arm bekommen. Das Fenster hochgekurbelt. Die Berge runtergefahren. In den Wald hineingeschaut. Das Meer unter den Wolken gesehen. Erdbeeren mit Schlagobers gegessen. In der warmen Mittagsluft den Duft von Kräutern, Nadelbäumen, Sonne gerochen. Dem Navigationsgerät zugerufen, dass es froh sein kann, dass es fest eingebaut ist. Kuchen gegessen. Auf der Motorhaube gelegen. Nachgedacht. Mich wieder aufgeregt, geärgert, wütend geworden. Mich wieder gefragt, ob und wann es je aufhört, dass ich mich aufrege, ärgere, wütend werde. Lange nachgedacht über einen Tweet vom 13.06., 13:24 Uhr. Kaktusfeigen probiert. Dornen aus den Fingerspitzen gezogen. Aufs Wasser zugefahren. An den Straßenrand gefahren und angehalten. Den Motor ausgemacht. Die Sonnenbrille abgesetzt.

A long and winding road.

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A long, long way to go.
(Und die Frage, wer mitgeht.)

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Die Könige der Nacht tragen Augenringe

Das Bett: zu groß, zu klein, zu hart, zu weich. Die Vorhänge: zu auf, zu zu. Die Decke: zu leicht, schwer, warm, dünn. Linke Seite, rechte Seite, auf dem Bauch. Hin- und herdrehen und zurück. Kissen aufschütteln. Kissen plattliegen. Aufgeben, aufstehen, die Decke hinter einem her-, aufs Sofa umziehen. Hin- und herdrehen und zurück. Aufgeben, aufstehen, die Decke hinter einem herziehen, ein Glas vom Tisch reißen. Es krachen und liegen lassen. Zurück ins Bett. Fallen lassen. Umdrehen. Zwanzig Minuten später aufstehen, ein Glas Wasser trinken. In die Küche setzen. Umherlaufen. Ins Bett fallen. Nein sagen aus bloßer Verzweiflung. Nichts sagen aus Mangel an Alternativen. Ein Körper, der spricht, in einer Sprache, an der nichts zu deuten ist. Ein Gesicht, das nicht einmal mehr die Augenbrauen hochzieht. Es wird Zeit, spätestens an der Stelle, wo die Musik wieder einsetzt. Warten darauf, dass es einfach nur noch vorbeigeht.

Alles auf Anfang, alles auf Repeat.

///

Und dann diese scheiß Sehnsucht, wie von Zigarettenqualm vergilbte Raufasertapete. Blättert in leeren Räumen von den Wänden, fällt langsam zu Boden und zerbricht. In Stücke, klein, aber immer noch groß genug, dass man sie wieder zusammensetzen könnte. Konjunktiv. Aber am Ende lesen sowieso immer die Falschen.

Und wir; wir sollten wieder mehr auf Wände schreiben.

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Wir waren da, wo die Luft am heißesten und der Tag am dunkelsten war, so dunkel, dass die Motten längst gegangen waren. Wo die Menschen aussahen wie große, dunkle Laternen mit Augen oder lange, schmale Bäume, und wo sich die Füchse hinter Holzverschlägen trafen. Wir haben den Rausch mitgemacht, den Exzess ganz oben mitgenommen, uns drei Mal im Karussell und fünf Mal im Kreis gedreht. Wir sind mit den Drachen gestiegen und mit den Nordwinden gefallen. Die Stunden sind gegangen, wir sind geblieben. Wir haben gelacht, gerufen und getanzt, wir haben einander und allen anderen in die Ohren geflüstert und keiner und alle haben dazugehört; zu uns. Wir haben das Klirren der Gläser gehört, den Rauch in den Himmel steigen sehen und wir mussten überhaupt nicht mehr fliegen können. Dann haben wir uns an einen der Holzverschläge gesetzt und zugeschaut, abgewartet, während aus den Plänen Papierflieger und Asche wurde, bis die Putzkolonnen kamen und die Kippen, Flaschen und Kronkorken in die Ecken kehrten, dann haben wir den Dreck von unseren Hosen geklopft und sind weitergefahren. Und gewollt haben wir, nicht das größte Stück vom Kuchen, aber einen Teller Suppe schon. Und irgendwie auch uns.

Siebenundzwanzig Treppenstufen bis zu deiner Tür. Nebeneinander gelegen, Kopf an Schulter, Hand auf Bauch. Blicke getauscht wie damals Sticker fürs Album; der Kopf ein Raum mit Bäumen vor den Fenstern. Im höchsten Ast ein verlassenes Vogelnest und die Musik war aus.

Wir haben nur die wichtigsten Dinge eingepackt: zwei Tischtennisschläger, einen Ball, unsere Fahrräder, die Winkekatze. Wir sind zum Horizont gefahren, da haben wir die Katze abgestellt, mit dem Gesicht zur Stadt. Dann haben wir alles liegen gelassen, tief Luft geholt, sind in den See gesprungen, ins Wasser eingetaucht, am Grund entlanggeschwommen, drei Mal abgebogen und für immer verschwunden. Die Katze hat uns nicht zugesehen. Nur gewunken hat sie, aber nicht für uns.

Das Gegenteil von Schatten ist nicht Licht. Das Gegenteil von Leben ist nicht Tod, das Gegenteil von Leben ist Sterben. Es ist so leicht zu verwechseln.

Du erinnerst mich an all das,
an Vergessen und Fallen,
an Vermissen und Lallen
und Schmerzen,
in jedem Fall an Tanzen.

(Frittenbude – Innere Altmark)

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Explizit ist das neue implizit

Nichts mehr sagen. Und stattdesssen:

mit G. im Wohnzimmer sitzen, Beat Loops anhören und ihm eine große Karriere im Eurodance-Business versprechen. Eine Choreographie einstudieren und vor Lachen fast vom Sofa fallen. Zu viel Kaffee trinken. Die Katze beneiden, die sich zu einem wollenen Ball zusammengerollt hat. Ein Interview führen. Nach Amerika telefonieren. Singen. Eine Postkarte schreiben. Schöne Menschen sehen. Das richtige T-Shirt tragen. Daran denken, was N. über Rock’n'Roll gesagt hat. Bilder bearbeiten. In der Küche sitzen und trinken. Nicht schlafen. Überfällige Nachrichten beantworten. Vanillesoße löffeln. Einen Lidstrich versuchen. Zeichensetzung üben. Die Wahrheit denken. Auf eine Party gehen und nach einer halben Stunde wieder nach Hause fahren. Einen Hund streicheln. Zusagen. Ein Gedicht abhängen. Englisches Frühstück machen. Einen Text schreiben. Knutschen. Eine Glühbirne wechseln. Ein Cabrio mieten, das Verdeck aufmachen, die Sonnenbrille aufsetzen, das Radio aufdrehen und durch die Stadt fahren. Eine Nacht in einer Bar verbringen. Achtunddreißig Mal hintereinander das selbe Lied hören. Einen Bürobesuch machen. Ein Hotelzimmer buchen. Dünne Wände verwünschen. Am Wochenende wegfahren.

Nichts mehr sagen.

Weil doch immer die Frage ist, ob wir uns überhaupt etwas zu sagen haben, du und ich. Oder ob wir uns besser verstehen, wenn wir beide den Mund halten. Wie das Wetter bei dir ist und wann die Gewitter in deinem Kopf aufhören. Wo du anfängst (nicht wo du aufhörst, das weißt du selber (und ich weiß es auch, aber es ist mir egal)). Wie du dir das vorstellst, und was überhaupt genau. Ob wir diese ganzen Diskussionen nicht einfach sein lassen und uns einfach nie wieder sehen sollten und

Nichts mehr sagen.

Erst recht nicht dazu, was das alles eigentlich soll: dass die Zeit der Verklausulierungen vorbei ist. Dass wir einander längst durchschaut haben mit unseren Taschenspielertricks und wir uns nur noch gegenseitig rumkriegen können. Dass du niemand bist, der anderen unnötig viel Wahrheit aufzwingt, die er auch für sich behalten kann. Dass ich niemand bin, der eine emotionale Bindung zu einem T-Shirt entwickelt, dass nach jemandem riecht. Und schließlich, dass ich jetzt so viele Selbstgespräche mit dir geführt habe, dass ich dir nichts mehr zu sagen habe. Ich hab mich gehen lassen und dich mit.

Alles was bleibt sind drei Gewissheiten:

ich setze immer zu viele Kommata. Egal was passiert, da ist immer Musik. Und auf dem Boden der Tatsachen ist es nicht zu kalt für guten Sex.

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Radio, Radio

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Ich bin seit noch nicht einmal 24 Stunden von einer Reise nach Lanzarote zurück, ich habe drei Pullover an und ich versuche, den Temperatursturz um 30 Grad zu verarbeiten. Jedenfalls, machen wir es kurz: am Montag, also morgen, bin ich ab 22 Uhr bei Radio Fritz zu Gast. Wir reden übers Alleinereisen und diesen Text und ich versuche, möglichst selten “äh” zu sagen. Ach ja: für alle ohne Rundfunkempfangsgeräte gibt es hier auch einen Livestream.

Machen Sie sich einen schönen Abend. Ich gehe mich jetzt mal auftauen.

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Der Mond, der Arsch

Es ist ein Wochenende, es ist schon spät am Abend, ich bin schon wieder auf einer Party, obwohl ich sonst nie auf Parties gehe, und ich komme ins Wundern. Ich wundere mich, dass es nichts Neues gibt, nur die selben Klamotten wie in der letzten Woche, die selben Tricks, die selben Sprüche wie in den letzten Monaten, es ist nichts Besonderes mehr dabei. Und genau genommen wundere ich mich noch nicht einmal, höchstens genau so viel, wie sich jemand wundern kann, der in ein altes Brot beißt, das wie altes Brot schmeckt und weich wird, je länger man darauf herumkaut. Fad. Hunde, die beißen, bellen nicht, denke ich mir, trinke mein letztes Getränk nicht aus, stelle mich an die Straße, winke und nehme ein Taxi in die Gegenrichtung. Der Taxifahrer spricht nicht, ich spreche auch nicht, ich kurbele das Taxifenster herunter, strecke den Kopf hinaus und versuche, den Mond zu sehen. Aber es ist Neumond und da hat der Mond frei. Der Arsch.

Spät ist es, als ich ankomme, an der Adresse, die du beschrieben hast, durchs Dunkel gehe ich an einer Baustellenbeleuchtung vorbei. Jemand hat kleine Lampions an den Wegesrand gestellt, als ich die Tür öffne, tropft Kondenswasser von der Decke. Der Raum ist dunkel, niedrig, ich kenne niemanden hier, ich werfe meine Lederjacke in eine Ecke und stelle mich irgendwo dazu, n Bier n Euro, ich habe keine Lust auf Bier, die Musik ist nicht richtig laut, ich habe sehr große Lust auf sehr laute Musik. Du bist nicht da, du hast eine Verabredung. Komm doch mit, hast du gesagt, ich habe nur den Kopf geschüttelt. Niemand den ich kenne und ich, wir stehen in einer Ecke und rauchen, weil wir dann nicht reden müssen, wir trinken Gin aus der Flasche, weil das jetzt geht. Wir legen uns in einer Ecke auf das Sofa, weil alle anderen gegangen sind. Und dann liegen wir da, zu fünft oder sechst, so genau erkenne ich das nicht, quer und längs gestapelt, wie viele Leute man wohl braucht, um einen großen menschlichen Teppich zu weben?. Mein Kopf liegt an irgendeiner Brust (ein Teppich, der atmet, das wäre schön), irgendwer streichelt mir den Rücken, es ist mir egal, wenigstens ist es warm und der Zigarettenrauch steigt nach oben. Jemand deckt mich mit seinem Körper zu, irgendwann schlafe ich ein, an irgendeiner Brust.

Als ich wieder aufwache, will ich weiterschlafen, stattdessen suche ich meine Jacke in der Ecke, ziehe sie an, die anderen schlafen alle noch. Es ist ein Berg Mensch, der atmet. Ich gehe nach draußen. Die Lampions am Weg sind aus, es ist schon winterhell und ich gehe zu dir. Leise drehe ich den Schlüssel im Schloss herum, mache die Türe vorsichtig hinter mir zu. Durch die Vorhänge im Wohnzimmer leuchtet die Morgensonne, ich will nicht auf den knarzenden Dielen laufen und trete doch darauf. Ihr Geräusch durchdringt die Stille. Ich drehe die Heizung auf und putze mir nicht mehr die Zähne, weil das so laut ist. Ich hoffe, dass du noch schläfst, ich ziehe mich aus, werfe die Klamotten in eine Ecke, lege mich hin, die Knie ans Kinn gezogen. Als ich wieder aufwache, stehst du mit zwei Tassen Kaffee vor dem Sofa, du riechst geduscht, deine Haut ist nass, deine langen Haare kleben auf deinem Rücken, du trägst nur ein T-Shirt und siehst auf mich herunter, wie man auf einen Überrest der Nacht heruntersieht, der aus Versehen in den Tag gefallen ist. Dann reichst du mir eine Tasse, ich rutsche ein Stück zur Seite, du legst dich neben mich, wir trinken unsere Tassen leer und stellen einander keine Fragen.

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