Die Liebe in Zeiten der drohenden Nuklearkatastrophe

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Für dich habe ich letzten Monat die Sonntagszeitung abonniert.

Heute früh wurde ich wach, ich lag auf dem Bauch und die Sonne schien durch die Haarsträhne vor meinen Augen, ich machte die Augen gleich wieder zu, ich strich mit einer Hand über die Matratze, die Stelle neben mir war leer. Die Stelle gehörte vor zweiundzwanzig Tagen noch dir. Jetzt gehört sie dem neuen Mann. Ich tastete nach meinem Telefon, drückte auf die einzige Taste, die es hat, 12 Uhr 47, Sie haben keine neuen Nachrichten, ich legte das Telefon zurück, zog das Kissen des neuen Mannes zu mir, es roch nach Nacht und seinem Parfum und nach ihm, ich zog die Decke über meinen Kopf. Dann muss ich wieder eingeschlafen sein, denn als ich die Augen wieder aufmache, sehe ich zwei behaarte Beine und irgendwo weit oben der Kopf des neuen Mannes, der Kopf kommt näher und aus seinen Haaren tropft Wasser in mein Gesicht. Zwischen dem Wasser ist die Stimme des Mannes und sagt: aufstehen. Er sagt es nicht so, wie das jetzt hier steht, er sagt es auch nicht so, wie du es immer gesagt hast, er sagt es schöner, als ich das aufschreiben kann. Ich schlage die Decke zurück, schlinge meine Arme um seinen Nacken, er trägt mich über den Flur und setzt mich auf den Esstisch, gibt mir einen Kuss auf die Stirn, geht in den Flur, ich sehe ihm nach, und als er in seinen blauen Boxershorts um die Ecke biegt, ruft er noch über seine Schulter ich hole die Zeitung und zieht die Wohnungstür zu.

Ich strecke mich und versuche von meinem Platz auf dem Tisch aus, mit meinen Zehenspitzen bis zur Fensterbank zu kommen, wenn ich meine Beine ganz strecke, kann ich sie berühren. Ich reibe meine Augen, da fällt mir ein, dass ich mich heute morgen, als wir nach Hause kamen, nicht abgeschminkt habe, es fällt mir erst ein, als mir Wimperntusche und eine abgebrochene Wimper an den Fingern kleben. Ich sehe mich in der Küche um.

Der Mann hat das Fenster gekippt, draußen zwitschern Vögel, neben mir steht die Espressokanne und dampft, und er hat auch noch Brötchen geholt und Marmelade und Käse stehen daneben, ich kenne C. noch nicht so gut, aber entweder, erstens, er kann ezaubern oder, zweitens, er hat vorhin einen Spätkauf überfallen oder, drittens, er ist perfekt. Ich denke an das Gegenteil von Perfektion, an mich und meinen Kühlschrank, der bis auf drei Flaschen Wodka im Eisfach immer leer ist. Da erst höre ich ein lautes TUUUUUUUT vom Herd her und mir schwant Übles, das TUUUUUUUUT hört nicht mehr auf und da sehe ich den Eierkocher, in dem zwei Eier kochen. Scheiße. Drittens. Der Mann ist perfekt. Ich brauche einen Schnaps.

Der Schlüssel dreht sich in der Wohnungstür, der Mann tapst herein, legt die Zeitung auf den Tisch, ich setze mich auf einen Stuhl, der Mann schält ein Ei und setzt es in einen Eierbecher, ich wusste nicht, dass ich Eierbecher besitze, dann gießt er den Kaffee in zwei Becher, ich schütte so viel Milch in meinen, dass er gleich überschwappen wird, ich will einen Schnaps, der Mann ist da, ich kann jetzt keinen Schnaps trinken, ich puste kurz, der Mann fängt an, das Ei zu löffeln, ich trinke hastig in einem Zug die Kaffeetasse leer, ich stelle die Tasse ab, ich habe mir die Zunge verbrannt und mich verschluckt, ich huste, der Mann fragt besorgt, ob alles okay sei, ich nicke und deute auf seinen Löffel. Von seinem Löffel tropft Eidotter auf die Zeitung.

Ich ziehe die Zeitung zu mir, der Mann will den Feuilleton, ich die Politik. Eine Zeitung. Als ob irgendwo jemals etwas Neues passierte. Einen neuen Bundespräsidenten werden sie wählen, der alte ist erstmal im Urlaub, Menschen sterben in Bürgerkriegen, Hollywoodstars werden bei Protesten vor Botschaftsgebäuden festgenommen, Teenager klicken auf Videokampagnen gegen afrikanische Diktatoren, es gibt keine Notfallpläne für eine Nuklearkatastrophe in Deutschland. Nichts Neues. Im Westen und im Osten. Ich schenke mir Kaffee nach. Ich brauche einen Schnaps.

Der Mann beißt vor Wut über den Feuilleton so fest in sein Brötchen, dass die Krümel über den ganzen Tisch fliegen, sie werfen kleine Schatten auf das dunkle Holz. Man kann kein Buch mehr kaufen, das im Feuilleton empfohlen werde, schimpft er, die beste Strategie sei, die Bücher zu kaufen, die der Feuilleton in Grund und Boden zerreißt, der Mann schmeißt die Zeitung in die Ecke, gräbt seine Fingerspitzen in ein zweites Brötchen und zerteilt es in zwei Hälften, auf einer Hälfte lässt er ein Stück Butter zerlaufen. Die Sonne scheint durch die Fenster und lässt seine blonde Haarspitzen glitzern, er hat sogar Blumen auf den Tisch gestellt, ich brauche einen Schnaps.

Ich frage ihn, was er von der Wahl des neuen Bundespräsidenten hält, von dieser Wahl, die keine Wahl ist, es ist Sonntag, dreizehn Uhr dreißig, wir sind jung, wir sind in Berlin und wir reden über Politik, dabei müssen wir doch unpolitisch sein, weil alle sagen, wir, unsere Generation, sei unpolitisch. Dabei sind wir noch nicht einmal ein Wir. Uns gibt es nicht im Plural, uns gibt es nur im Singular. Jetzt liegt der Politikteil unter Brötchenkrümeln.

Der Mann legt eine Scheibe Käse auf seine zweite Brötchenhälfte und sagt weißt du noch, wie wir uns kennenlernten? Es war vor einem Jahr, bei den Protesten gegen die Atomkraft oder für den Atomausstieg, das wussten wir damals selbst nicht so genau, der Mann lief bei der Demonstration neben mir und wir trugen dieses Transparent vor uns her und riefen AB-SCHAL-TEN! AB-SCHAL-TEN!, bis unsere Stimmen ganz heiser wurden und am Ende ganz verstummten.

Jetzt ist es ein Jahr später, die Atomkraftwerke sind immer noch an, nur gibt es jetzt neue Bürgerinitiativen, die sind nicht gegen neue Kraftwerke, die sind gegen Ökostromleitungen und Rückhaltebecken, denn die Landschaft wird verschandelt, hey, wenn es doch einmal in einem Kernkraftwerk knallt und das ganze Land unbewohnbar wird, das ist doch okay, Hauptsache, die Landschaft wird nicht verschandelt. Sonst ist nichts passiert außer Demonstrationen und Warten auf den Weltuntergang und kurzzeitig dir. Vor drei Wochen hatte ich gerade mit dir Schluss gemacht, da rief der Mann an, der damals noch nicht mein Mann war, wir trafen uns bei einer anderen Demo gegen Atomkraftwerke oder für den Atomausstieg, das wussten wir da noch nicht so genau. Nach der Demo saßen wir am Spreeufer und ich kratzte mit einem Fingernagel die Farbe von meinem Pappschild, irgendwann wurde es Nacht, ich warf das Schild in einen Container, der Mann legte einen Arm um mich und wir nahmen die letzte U-Bahn zu ihm nach Hause.

Der Mann sagt, das mit den Demos sei gut, weil wir noch jung seien und Verantwortung hätten und noch länger auf diesem Planeten leben müssten und auch unsere Kinder. Er hat unsere Kinder gesagt. Ich brauche einen Schnaps. Das Demonstrieren sei auch gut, weil wir nur deswegen jetzt hier in meiner Küche säßen. Er hat Wir gesagt. Ich brauche einen Schnaps.

Ich fühle ein Drama in mir aufsteigen.

Manchmal bin ich nicht sicher, ob das mit der Verantwortung so gut und so richtig ist. Und schon gar nicht, wenn ich mir den Küchentisch ansehe. Jedes Ei, das wir essen, ist ein Huhn mehr oder weniger glücklich, man kann auch nicht einfach eine Zeitung kaufen, das ist keine gedruckte Zeitung, sondern ein Statement fürs Leistungsschutzrecht, jede Plastikflasche wird unseren Urenkeln noch um die Ohren fliegen, wir sind die Konsumgesellschaft und wir haben verdammtnochmal die Verantwortung, diesen Planeten ordentlich zu hinterlassen, wenn wir schon an dem Müll ersticken, den wir täglich in uns reinstopfen, ich bin ein aufgeklärter Konsument, ich bin politisch interessiert, ich bin gegen Vorratsdatenspeicherung und für ein freies Internet, aber das ändert noch lange nichts. Denn wenn alle schlecht läuft, ist mein T-Shirt von H&M und verantwortlich für die Globalisierung und für Kinderarbeit in Bangladesch, dann macht mein Kaffee, dass Kinder in Afrika nicht zur Schule gehen können, für meine Schuhe wurde ein Rind gehäutet, von meiner Haarfarbe bekommt mein Friseur allergische Reaktionen, für meinen Lippenstift wurden Tierversuche durchgeführt, für meine Jeans mussten Arbeiter Steine in große Waschmaschinen schaufeln, in meinem Essen sind mehr Farb- und Geschmacksstoffe als natürlich gewachsene Zutaten, für den Sprit in meinem Auto wurden Lebensmittel verbrannt, meine Bank investiert in die Rüstungsindustrie und wenn ich zu häufig mit meinem Handy telefoniere, bekomme ich irgendwann Krebs. Wenn ich nicht mit meinem Handy telefoniere, auch. Von Kopf bis Fuß, ich bin ein schlechter Mensch. Ich brauche einen Schnaps.

Ich habe auch Herzen gebrochen in meinem Leben, fast alle davon unabsichtlich, mein Herz wurde nie gebrochen, was nur daran liegt, dass ich keines habe, dafür renne ich von einer Beziehungsscheiße in die nächste, ich treffe Männer und treffe sie auch wieder nicht, wir landen in Betten und vögeln die ganze Nacht. Oder auch nicht. Ich brauche einen Schnaps.

Meine Freunde können ihre Miete kaum bezahlen, wir sitzen nächtelang in ihren Küchen, die sie sich mit Mitte 30 noch mit fünf anderen Leuten teilen, nicht immer, weil sie es so toll finden, in 6er-WGs zu leben, sondern auch, weil sie sich nichts anderes leisten können, dann halten wir uns an Weingläsern fest und basteln am Küchentisch an einer kleinen Revolution, wir glauben nicht an Gott und nicht an die Deutsche Automobilindustrie, wir glauben meist nichtmal an uns und an den Weltfrieden schon lange nicht mehr, wir glauben nicht ans Geld, und es sind nur die Mutigen unter uns, die es noch wagen, an die Liebe zu glauben. Wir sind die Generation, die verantwortlich dafür sein soll, dass die Welt sich weiterdreht, als ob sie sich nicht weiterdrehte, wenn wir nicht mehr wären, als ob die Erde sich einen Dreck um unsere Existenz scherte. Wir haben Verantwortung für eine Welt, die nicht uns gehört, nicht unseren Kindern, weil keiner mehr weiß, wem sie gehört, wenn nicht den Banken, und dann wirft man uns vor, wir seien unpolitisch, dabei ist es wirklich schwierig, überhaupt noch Position zu beziehen in einer Welt, die zu groß ist für uns alle. Und die Leute im dritten Stock und darüber (der dritte Stock ist der, ab dem es wichtig wird), sind drei Mal so alt wie wir, sie wissen nichts von unserer Welt und es interessiert sie auch nicht, außer einmal im Jahr, da ist die Cebit, da gibt es Dinge zum Anfassen, da gibt es dann dieses Internet. Wahnsinn. Gibt es da auch Schnaps?

Außerdem bin ich die perfekte Frau, die perfekte Geliebte und mache die perfekte Karriere und nebenher soll ich zwanzig Kinder in die Welt setzen, damit ich mit siebzig Jahren vielleicht einen Euro Rente haben kann, dabei habe ich noch nicht einmal einen festen Job, und natürlich darf ich mich nicht beklagen, denn ich habe mir das selbst ausgesucht, und ich habe ja noch fünfzig Jahre Zeit bis dahin. Ich bin kaum älter als die deutsche Wiedervereinigung und ich habe mich zu kümmern um mich, meine Fitness, meinen Körper, meine Gesundheit, meinen Musikgeschmack, meine Beziehungen, meine Männer, meine Jobs, meine Monatsfahrkarte, meine Eltern, mein Leben, meine Freunde, meine ungeborenen Kinder, die deutsche Gesellschaft, die Rente aller Rentner, das Gesundheitssystem, den politischen Fortgang dieses Landes, die Zukunft Deutschlands, den Klimawandel, die Klimakatastrophe, die Globalisierung. Ich bin Deutschland. Es macht mich kaputt. Und ich brauche einen Schnaps.

Als ich mich fertig aufgeregt habe und aufgehört habe, wilde Worte mit wilden Gesten in die Luft zu werfen, nimmt der Mann meine Hand, zieht mich auf seinen Schoß, ich lege meinen Kopf auf seine Schulter und meine Nase an seinen Hals, er riecht immer noch nach Nacht und Schlaf und sein Duft beruhigt mich, er streicht mir über die Haare und flüstert mir etwas ins Ohr, das kitzelt, ich lache, er hält mich fest, steht auf, ich schlinge meine Beine um ihn, er trägt mich zurück ins Schlafzimmer, wirft mich aufs Bett und die Weltpolitik ist mir egal.

Es ist später Nachmittag, als wir aufstehen, wir schlendern durch meinen Lieblingspark, der Mann steckt mir einen Zweig Weidenkätzchen ins Haar, wir klettern einen Hügel hinauf und als die Sonne langsam untergeht, hält der Mann meine Hand und ich fühle mich sehr romantisch mit diesem Mann und der Gesamtszene.

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Dann zoomt die Kamera heraus, jemand ruft Schnitt, danke für eure Arbeit, wir lösen uns voneinander, der Mann schüttelt mir die Hand, danke für die gute Zusammenarbeit, und alles Gute (auch privat!), ich drücke seine Hand, nehme meine Jacke, winke noch kurz in die Runde und gehe alleine nach Hause.

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Ich brauche einen Schnaps.

Man muss gar nicht Gitarre spielen können, es reicht schon, wenn man den Moment kennt, ab dem die Musik ganz laut sein muss

Er gießt Wodka in ein Glas und stellt es vor mir hin. Es ist Freitag Abend, irgendwann nach Mitternacht. Die Straßen sind voller Menschen. Auf dem Weg hierher habe ich den Kragen meines Trenchcoats hochgeklappt und meinen Hut tief in die Stirn gezogen. Ich trinke einen Schluck.

Wie läuft’s bei dir?, frage ich ihn, und ich kenne die Antwort. Er lächelt und macht diese Handbewegung mit diesem Schulterzucken. Eine Erklärung dieser Handbewegung und dieses Schulterzuckens könnte sein: David ist Barkeeper in der besten Bar der Stadt. Er sieht aus wie Anfang zwanzig, ist Mitte dreißig und hat genug Erfahrung für zwei Männer Mitte vierzig. Und irgendjemand muss ja dieses Klischee erfüllen vom Barkeeper, der für die einsamen Frauen dieser Stadt einen Drink, ein bisschen Trost und manchmal auch einen Schlafplatz hat. Also macht er es. Und wie ich hörte, macht er das gut.

Das alles sage ich nicht. Und er sagt es natürlich erst recht nicht. David ist ein Gentleman, und David kann schweigen, vermutlich ist allein das auch der Grund dafür, dass all dies bei ihm so ohne Aufhebens funktioniert. Läuft?, frage ich (zur Sicherheit). Er lächelt und nickt. Und bei dir? Ich kann keine Drinks machen, ich kann nur Rotweinflaschen entkorken. Er weiß das. Ich zucke die Schultern und wiege den Kopf. Soll ich dir jemanden vorstellen? Er versteht, ich grinse. Mal sehen. - Sag Bescheid. Du weißt: jederzeit.

Er lächelt dieses Lächeln, bei dem seine Augen einen Moment mit zu lächeln scheinen, und geht Gläser polieren. Ich zünde mir eine Zigarette an, trinke einen Schluck und sehe mir die Gäste des Abends an. Am ersten Tisch nahe der Tür sitzen ein Mann und eine Frau, ihre Körper einander halb zu-, halb abgewandt, sie beugt sich nach vorne und flüstert ihm etwas ins Ohr, er versucht so halb, ihr nicht in den sich öffnenden Ausschnitt zu sehen. Schräg gegenüber, auf der anderen Seite der Bar, ein Typ Mitte dreißig, die Haare fallen ihm ins Gesicht, er schweigt sein Bier an, sein Bier schweigt ihn an. Er ist häufiger hier, manchmal habe ich ihn gegrüßt, mit einem Nicken nur, seit ich älter bin, grüße ich niemanden mehr. David sammelt Bierflaschen von den Tischen und stellt sie neben mich auf die Bar und ich weiß, ich liebe ihn. Nicht wegen dieses Lächelns, bei dem seine Augen mit zu lächeln scheinen. Einfach, weil ich ihn liebe. Grundlos. Und weil ich ihn liebe, würde ich auch nie etwas mit ihm anfangen. Ich fange nur noch etwas an mit jemandem, den ich nach einer Nacht vergessen kann, mit jemandem, dessen Nummer ich nicht habe und dessen Nummer ich nicht will, den ich einmal sehen, küssen, verabschieden und vergessen kann. Über den Tischen tanzen Rauchschwaden im Kerzenschein. In einer Ecke ein knutschendes Paar, nebenan eine Gruppe Jungs, vermutlich Franzosen auf Klassenfahrt, vermutlich auf Beutezug, und vermutlich nicht ganz volljährig, ich trinke noch einen Schluck und drücke die Zigarette aus, sie glimmt noch kurz nach.

Hast du mitbekommen, dass Paul gestorben ist? David steht plötzlich vor mir, die Hände auf die Theke gestützt, und sieht mich an. In meinem Kopf spule ich zehn Sekunden zurück, sehe die erlöschende Zigarette und höre Davids Satz noch einmal. Ich habe ihn nicht falsch verstanden. Trotzdem wäre jetzt der Moment, in dem ich ihn fragen sollte, ob das sein Ernst ist, oder sagen, dass das ja wohl ein schlechter Scherz ist.

Ich sehe seinen Blick und weiß, es ist ernst. Und ich schweige.

David bleibt stehen, ich bleibe schweigen. Paul. Paul. Paul.

In meinem Kopf läuft dieser Film und ich kann nichts dagegen tun, ich sehe alles im Zeitraffer und es hört nicht auf: Paul, als wir uns kennenlernten, an der Schule, an der er arbeitete, als ich meine Patentochter abholte. Paul beim Schulfest, mit einer Ritterrüstung aus Blech, und wie man ihn schon von Weitem hören konnte, weil er bei jeder Bewegung so laut schepperte. Paul, bei unserem ersten Kaffeetrinken, als er irgendwann sagte, so wie aus dem Nichts: Es gibt keine Regeln mehr. Wenn du dich verabredest, heißt das nicht mehr, dass man sich wirklich trifft. Wenn man Sex hat, heißt das nicht mehr, dass man sich wiedersieht. Und eine Liebeserklärung kann zwei Wochen später schon nichts mehr bedeuten. Außer, dass es irgendeine Erklärung war, aber keine Liebe. So ist das jetzt, in dieser Stadt. Ich glaube, wir müssen etwas dagegen tun. Und etwas tun für mehr Wahrhaftigkeit. Paul, wie er mich dann ansah, und eindringlich fragte: Bist du dabei? Paul abends in der Kneipe, als er anderen Gästen erzählte, er könne aus ihren Aschenbechern ihre Zukunft lesen, Paul, morgens um halb sechs, mit Knoblauchsoße vom Döner im Bart. Paul, als er betrunken die Treppe hoch ging, bis in den achten Stock, als er, noch schwer atmend, die Dachluke öffnete und dann dieses Blitzen in seinen Augen, als wir oben auf dem Dach standen. Es war sein Lieblingsplatz, hierher kam er immer, wenn er sonst nirgendwo hin konnte. Paul und das letzte Bier morgens um sieben und der Sonnenaufgang über Berlin. Paul, der immer gehen musste und nie bleiben konnte, der suchte, und selbst nicht wusste, wonach, der immer auf Reisen war und nie ganz da, wo er war. Außer, wenn er auf diesem Dach stand und über die Stadt blickte. Paul, als er zum Frühstücken vorbei kam und einen riesigen Berg Croissants mitgebracht hatte und später vorschlug, mir einen Hamster zu kaufen, oder ein Huhn, das die Krümel auf dem Boden essen könnte. Paul mit Gitarre im Park, er war der schlechteste Gitarrenspieler, den ich kannte. Und der beste Sänger. Hätte er das mit der Gitarre sein gelassen, hätte er wohl ein großer Musiker werden können, lachte er immer. Paul in einer der Nächte, in denen er auflegte, mit seinen großen Kopfhörern, hinter den Plattentellern versunken in einer anderen Welt. Irgendwann kam immer der Moment, in dem er alle eingefangen hatte, der Moment, in dem sie ganz ihm gehörten. Das war der Moment, in dem er die Musik ganz aufdrehte und ab dem alles, was passierte, so schien, als könnte es für immer sein. Schnitt. Paul bei unserem letzten Treffen. Vorgestern. Als er sein Bier stehen ließ, vor der Bedienung auf die Knie sank und sie anflehte, ihm einen Block und einen Stift zu leihen, das Lächeln der Kellnerin dabei, und wie sie ihm später noch ihre Nummer auf den Block schrieb. Paul, als er Pizza bestellte und sich beim Essen die Zunge verbrannte, als er malte, die kleinen Figuren, mit denen er den Kindern an seiner Schule das Zeichnen beibrachte, und als er eine Skizze machte, vom Grundriss der Wohnung, von der er träumte, als er erzählte, von all seinen Plänen, schwärmte, von seiner großartigen Zukunft. Paul.

Ich blinzle. David steht immer noch vor mir. Ich weiß nicht, wie lange schon.

Ich hatte es nicht mitbekommen. Will ich sagen. Was passiert ist, will ich fragen. Da winkt der Typ am anderen Ende der Bar David zu sich, es ist der, der nie grüßt, er will bezahlen, ich will sagen tut mir leid, das geht jetzt nicht, David formt ein lautloses geh nicht weg mit seinem Mund, nimmt seinen Geldbeutel und geht. Ich zünde noch eine Zigarette an, ziehe daran, so sehr ich kann, der Rauch steigt mir in die Augen, sie tränen, das wäre ein guter Moment, um zu weinen.

Um sechs Uhr schließt David die Türen der Bar hinter uns zu. Schweigend gehen wir die Straße hinunter. Ich war lange nicht da, aber ich kenne den Weg. Und wir haben Zeit.

Um halb acht geht die Sonne auf.

Du, ich und das Meer: Gewinne einen Hauptgewinn

Die Autorin dieser Zeilen sitzt in diesem Moment, beim Verfassen derselben, in einem überaus niedlichen Café weit außerhalb der Tore Berlins. Fern von zuhause, ganz nah am Meer den Kopf ein bisschen freikriegen, vor allem aber sehr viel arbeiten und noch mehr schreiben – das ist der Plan.

Und weil die Plätzchenaktion schon so lange her ist und ich euch, hoch verehrte Leserschaft, so schätze, gibt es nun mal wieder etwas.

Was zu tun ist: einfach hier kommentieren und bis Mittwoch Abend Geduld haben, da verrate ich, welche fünf Glücklichen mitreisen.

Was es es zu gewinnen gibt, das wird aussehen wie eine Postkarte. Doch es wird eine besondere Postkarte sein: Handgeschrieben, veredelt mit Küstenwind, einer Prise Sand und einer klitzekleinen Spur Tee mit Kandis, mit Apfelstreuselkuchen und Schlagsahne und einem Schuss Rum.

Eine kleine Alltagsflucht, ein Augenblick weg von allem, eine Reise hierher ans Meer. Ich freue mich auf eure Kommentare und wünsche viel Glück! Und jetzt schon: gute Reise.

Wegweh

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Meine Augen laufen die Schienen entlang, ich zähle die Schwellen, bis sie verschwimmen und verschwinden. Zu viele Bilder pro Sekunde, als der Zug schneller fährt, und die Bäume an der Strecke verschwimmen zu einem einzigen Grün. Strommasten, Felder, Hochspannungsleitungen, Feldwege, Häuser, Gleisbetten, Hochhäuser, Autobahnen, der Zug wird langsamer, bleibt stehen. Ich wuchte meine Tasche aus dem Gepäckfach, steige aus, atme ein. Wieder eine neue Stadt. Wieder ein Bahnhofsgebäude, das von innen genauso aussieht wie alle anderen, in Brandenburg, in Magdeburg, in Braunschweig, in Wolfsburg, die selbe beschissene Architektur, die keine ist, die selben beschissenen Läden, die selben beschissenen Raucherzonen ganz am Ende des Gebäudes. Ich lasse meine Tasche fallen, setze mich daneben auf den Boden und es ist mir egal, dass ich einen Minirock trage, wie mir alles egal ist.

Ich zünde eine Zigarette an und wundere mich, wie man anfangen kann, Menschen zu vermissen. Den Menschen an sich, als Gruppe eine verachtenswerte Spezies, als Individuum durchaus beachtens- und liebenswert. So passiert es manchmal doch, dass einem ein Mensch passiert. Einem frontal ans Schienbein kracht, in den Magen, in den Kopf, ins Herz, schon ist er da, und dort, wo er ist, ist ein Fleck, und der geht nicht so einfach weg.

Seit eineinhalb Jahren nun wohne ich in der selben Stadt. Es ist eine große Stadt, die, wie jede Stadt, in Wahrheit, ein einziges Dorf ist. Meist geschah es bisher nach spätestens einem Jahr am selben Ort: das Wegweh packte mich. Wegweh, die große Sehnsucht nach nichts. Wegweh weiß nicht wohin mit sich und seiner Sehnsucht, es weiß nur, dass es weg muss. Wegweh kann enden in einem Dorf im tiefsten Mecklenburg-Vorpommern, in Bielefeld, an einem norwegischen Fjord oder in einem Flieger nach Kalifornien, das Wegweh weiß nie, wo es endet, sobald es einmal angefangen hat.

Wegweh ist schwer zu diagnostizieren und noch schwieriger zu therapieren, denn wo soll man hinfahren, wenn man nicht weiß, wohin? Jedes Verkehrsmittel ist im Zweifelsfall das falsche, jeder Zug fährt in die falsche Richtung, jedes Flugzeug landet an einem falschen Flughafen, und dann steht man da und hat nichts, geschweige denn irgendeine Ahnung. Denn man könnte froh sein, weg zu sein, aber man ist nur überzeugt, im falschen Weg zu sein, am falschen Ort, und obwohl man weg ist von da, wo man herkommt, ist es doch alles nicht richtig.

Alles, was einem übrig bleibt gegen das Wegweh, ist der Versuch einer Distanz. Man könnte beginnen mit einer Distanz zu sich selbst, damit, zu hinterfragen, woher es kommt, das Wegweh, was sich änderte, wenn man weg ginge, sich aus allem zurückzoge, sich von allem entfernte. Aber am Ende wären das nur nervige Fragen an einen überforderten Kopf, Fragen, die doch eigentlich ohnehin nur ein Bauch beantworten kann. Doch der Bauch spricht nur selten, nur, wenn es ganz still ist um einen herum, wenn er Lust hat und in guter Stimmung zum Plaudern ist. Die Stadt ist zu laut, als dass man da noch den Bauch hören könnte, der Lärm übertönt ihn und meist bleibt einem so kaum etwas anderes übrig, als es einfach zu versuchen. Sich wegzubewegen. Selbst wenn man dann nicht weiß, ob man sich in die richtige Richtung bewegt.

Ich stehe auf, nehme meine Tasche, gehe zu einem anderen Gleis, der Zug fährt weiter, ich weiß nicht, wohin. Blaue Bagger, Industrieanlagen, Container, Betonbunker, verfallene Bahnhofshäuser, ein Mensch, man kann gar nicht so schnell schreiben, wie draußen alles vorüberzieht, man kann gar nicht so schnell bemerken, dass für einen halben Augenblick alles gut ist, bevor es schon wieder vorüber ist.

(August 2011)

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