So still, so still, so still die Nacht

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Sie öffnete die Augen, blinzelte, sah in die Dunkelheit und horchte. Die Nacht war schwarz und mondenlos, der Baum vor dem Fenster im Dunkel verschwunden. Sie hatte die Flügel der Fenster weit geöffnet, es wehte kein Wind, die Vorhänge hingen träge herunter, sie lauschte, ob sie nicht doch irgendetwas hören könnte. Doch da war nichts: kein vorbeifahrendes Auto, kein Vogelzwitschern, kein Reh, das durch die Büsche streifte. Im Haus keine knarzende Diele, kein Schritt auf der Treppe, keine Tür, die sich öffnete und schloss, keine Schranktür, die leise zuschnappte. Kein Flüstern, kein Atmen, kein Herzschlag, kein Laut.

 

Ein einziges Leise.

 

Sie sah auf die Uhr. Drei Uhr vierundzwanzig. Alles Leben erstickt von der Schwärze, betäubt von der Nacht, allein ihr Körper lebte noch. Sie hörte ihren Atem, den Widerhall ihres Herzschlags im Raum, ihren Magen, so leer, ein leises Knurren unter dem dünnen Laken, ihr Haar, das leise raschelte, wenn sie ihren Kopf auf dem Kissen bewegte. Hielt sie die Luft an und bewegte ssich nicht, war nirgends mehr ein Laut zu hören. So dunkel die Stille.

Sie drehte sich auf die rechte Seite, streckte ihren linken Arm aus und strich langsam mit ihrer flachen Hand über die Matratze. Da war niemand, nur das Laken raschelte leise unter der Bewegung, sie ließ die Hand still auf der leeren Stelle ruhen und atmete. Roch den Geruch des Waschmittels, das sie schon immer benutzte, das auch ihre Mutter schon benutzt hatte, und ein wenig roch es nach der Luft da draußen, nach Sommer auf Feldern, nach Wind in Wäldern und den Blumen im Garten hinter dem Haus.

Ihre Hand lag still und in ihrem Kopf kamen wieder die Erinnerungen zurück.

Sie wusste, dass Gerüche das Gehirn anregen, das Erinnern und die Gefühle, am Anfang hatte sie noch versucht, sich dagegen zu wehren, so zu tun, als machte es ihr nichts aus. Dass Erinnerung nur ist, was vergangen ist. Inzwischen war sie schon froh, wenn das Erinnern überhaupt noch glückte, wenn sich eine Synapse fand, die nicht der Zeit zum Opfer gefallen war, und dann ein Bild, ein Geruch, irgendetwas, das noch nicht in dem großen schwarzen Loch verschwunden war. In dem schwarzen Loch, in das alles gefallen war.

 

 

Neunundfünfzig Jahre war es jetzt her. Den vierzigsten Geburtstag ihrer Tante feierten sie damals, im Garten hinter dem Haus der Großmutter, im Garten stand ein Birnbaum und darunter ein Tisch mit einer geblümten Tischdecke, die Birnen waren schon reif und einmal fiel eine Birne herunter und verfehlte nur knapp die Großmutter. Auf jener Feier hatte man sie einander vorgestellt.

Er gefiel ihr und sie gefiel ihm.

Sieben Monate und drei Tage später hielt er bei ihrem Vater um ihre Hand an, der Vater sagte Ja, ein halbes Jahr später feierten sie Hochzeit, an einem sonnigen Septembertag, sie trug den Brautschleier, den schon die Großmutter getragen hatte, und die Nacht nach der Feier verbrachten sie in ihrer ersten gemeinsamen Wohnung. Ein Zimmer Küche Bad in einem kleinen Haus am Berg, kurz unterhalb der alten Burgruine, nach drei Tagen hieß es nicht mehr Ein Zimmer Küche Bad, da sagten sie das erste Mal, noch ganz aus Versehen, Zuhause. Den Hausrat hatten sie zusammengetragen, die Möbel geschenkt bekommen. Einen Tisch, drei Stühle (einer davon für Besucher), ein Bett. Das Bett hatte sein Cousin gebaut, ein handwerklich begabter junger Mann. Es war ein schönes Bett und die Matratzen nicht zu weich, die Kissen und Decken nicht zu dick. Man lag wirklich gut darin.

Wenn nur die Sache mit dem Schlafen nicht gewesen wäre.

Jeden Abend vor dem Einschlafen gaben sie sich einen Gute-Nacht-Kuss, dann drehte sich jeder von ihnen auf die Seite (er auf die rechte, sie auf die linke, Rücken an Rücken) und sie schliefen ein. Er schlief sehr gut und sehr tief, jede Nacht. Besonders gut wusste sie das. Sie, die jede Nacht neben ihm wach lag. So müde sie war, nur selten schlief sie ein, und wenn doch, wachte sie gleich wieder auf, vom kleinsten Geräusch, der kleinsten Bewegung: wenn er sich umdrehte, ein bisschen lauter atmete, wenn er im Schlaf seufzte oder leise schnarchte, wenn draußen ein Auto lärmte oder ein Gewitter tobte. So sehr sie sich mühte, dann konnte sie nicht mehr schlafen; lag da, sah ihm beim Schlafen zu und hörte nicht auf, zu hoffen, der Nacht noch eine Stunde Schlaf abzuringen. Während er schlief.

Sie zog ihren Morgenmantel an, ging auf Zehenspitzen durchs Schlafzimmer, durch den Flur, durch die Küche auf den Balkon. Dort stand sie und sah über das nachtdunkle Tal; im Herbst war es oft voller Nebel, im Winter lag Schnee auf den Bäumen und auf dem Balkon und ihre bloßen Füße wurden kalt, je länger sie da draußen stand. Im Frühling hörte sie schon morgens um drei die ersten Vögel und gegen fünf ging langsam die Sonne über den Bergen auf. Die Sommernächte, die liebte sie, wenn der HImmel klar und die Nacht noch warm und schwer war, wenn es geregnet hatte und mit dem Sonnenaufgang das Wasser aus den Wiesen aufstieg. Es gab so viel zu sehen, zu entdecken, im Tal und am Himmel und dazwischen war jede Nacht anders. Doch sie alle gingen irgendwann vorüber.

Und auch der Sommer ging vorbei.

Ein Jahr lang wohnten sie nun zusammen, saßen auf dem Balkon, an ihrem ersten Hochzeitstag, tranken Rotwein, sahen sich an, manchmal sahen sie weg, auf ein Flugzeug oder einen Vogel, was gerade so vorbeiflog, sahen sich wieder an. Sie sagten nichts.

Der Herbst begann.

In der ersten Herbstnacht ging sie noch einmal auf den Balkon hinaus und fand nichts Neues mehr. Sie kannte jetzt jeden Winkel, jeden Baum, jeden Linienflug, sie hatte alles gesehen, was sie hatte sehen müssen.

Da wusste sie, es war genug.

Am nächsten Abend lagen sie im Bett, sie gaben sich einen Gute-Nacht-Kuss, dann drehte sich jeder von ihnen nicht auf die Seite (er auf die rechte, sie auf die linke, Rücken an Rücken). Er blieb auf dem Rücken liegen, sie legte ihr rechtes Ohr auf seinen Brustkorb, die wenigen Haare auf seiner Haut kitzelten ihre Wange, wenn sie sich bewegte und seine linke Hand hielt ihre. Sie lauschte. Ba-bamm. Ba-bamm. Ba-bamm. Ein kleines, kurzes Klopfen – ein stärkeres. Ba-bamm. Ba-bamm. Ba-bamm. - Hörst du das, fragte er. - Ja. Sagte sie. - Gut. Schlaf schön. – Du auch. Dann sagten sie beide nichts mehr und sie lauschte. Ba-bamm, ba-bamm, ba-bamm.

Sein Herzschlag an ihrem Ohr. Ba-bamm. Ba-bamm. Das war das letzte, was sie hörte.

Das nächste, was sie hörte, war Straßenlärm und er, der sich bewegte und ihr einen Kuss auf die Wange gab, sie öffnete die Augen, sah, dass es schon hell war. Sechs Uhr morgens und sie dachte:

Ach.

So war das, in jener Nacht. Und so blieb es. Sechsundfünfzig Jahre, elf Monate und achtzehn Tage lang.

 

 

Sie sah aus dem Fenster der Wohnung, die keinen Balkon hatte, und konnte wieder Konturen erkennen; die Zeiger der Uhr standen auf fünf, bald würde der Lärm der ersten Autos den Tag ankündigen. Noch einmal drehte sie sich auf die andere Seite, vielleicht der Nacht noch ein wenig Schlaf abringen. Sie wusste, es war vergebens. Sie kannte die Nächte. Seit fünf Monaten und neun Tagen. Sie wusste, es war hoffnungslos. Aber jede Nacht wollte sie nur noch einmal erinnern. Nur noch einmal horchen. Und wieder - nirgendwo ein Laut.

 

So still, so still, so still die Nacht.

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Erst wenn es vorbei ist, weiß man, wann es anfing aufzuhören.

Die 89. Minute. Die blinkende Tankfüllstandsanzeige. Fade-Out. 1%. Der Abspann. Das Stechen in der Lunge. Gelb. 23:59 Uhr. Das erste Wort auf der letzten Seite. Das Glas fast leer. Der Teller auch. Die knarzenden Treppenstufen. Der letzte Meter. Fünf vor zwölf. Drei, zwei, eins. Die vorletzte Scheibe Brot. Letzter Akt, erste Szene. 03 Minuten und 29 Sekunden Pop. Der letzte Euro. Zugabe! Herzenssehnen. Der Vorhang löst sich. Einer dreht sich um und geht. Das letzte Bild, auf dem wir -. Das Echo. Die Sätze, zurechtgelegt. 42,194 km. Das Vorspiel. Das Endspiel. Der Endspurt. Der Applaus. Das Ave Maria. Die letzte Runde. Schwarz vor Augen. Der letzte Kuss. Das letzte Treffen. Neunundneunzig Prozent. Fatal Error. 159 Zeichen. Das Impressum. Die letzte Notiz. Das Testament. Der Schlussakkord. Den letzten Karton die Treppe hinuntertragen. Alles Gute. Der Ausstand. Der Händedruck. It’s not over ’till it’s over. Die Kündigung. 139 Zeichen. Machen Sie Ihr Spiel! Zurückbleiben, bitte. Wir müssen reden.

Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. 

Die 90. Minute. Keine Bewegung. Stille. Akku leer. Standbild. Herzstillstand. Rot. Mitternacht. Buchdeckel zu. Glas leer. Aufgegessen. Die Haustür geht zu. Das Ziel. Zwölf. Null. Kein Brot mehr im Haus. Geht ab. Drei Minuten dreißig. Pleite. Die leere Bühne. Herzscheiße. Der Vorhang ist gefallen. Alle sind weg. Wir ist nicht mehr. Verhallt. Vorbei. 42,195 km. Das Nachspiel. Ein Sieger / ein Verlierer. Zur Garderobe. C-Dur, piano. Geht auch zu Ende. Nichts. Der Nachgeschmack auf den Lippen. Auf Nimmerwiedersehen. Hundert Prozent. Aus. 160 Zeichen. Alle Rechte vorbehalten. Kein Papier mehr, und niemand, der darauf schriebe. Hiermit eröffnen wir. Die Stille vor dem Applaus. Ein letztes Mal zuschließen. Auch privat. Sektgläser spülen, Kuchenkrümel wegwischen. Kalter Schweiß auf der Handfläche. But when it’s over, it’s over and out. Hiermit bestätigen wir. 140 Zeichen. Nichts geht mehr. Vorsicht bei Abfahrt des Zuges. Und schweigen.

Amen.

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Hätten wir gleich beim Einzug eine Elefantenfalle aufgestellt, wäre das alles niemals passiert.

Es war ein normaler Abend nach einem gewöhnlichen Tag, ich nahm den selben Weg wie immer, ging durch die selben Straßen und sah die selben Leute vor den Cafés, die selben Hundehaufen wie immer. Durch den Park, über die Grünstreifen, ich las die Zeitung, ab und an sah ich auf und an den Bäumen fehlten bis zu einer gewissen Höhe alle Blätter, im Nachbarsteich war kein Wasser mehr, dann war ich zuhause und wollte die Wohnungstür aufschließen. Wir waren in der Wohnung mit der blauen Türe zusammen eingezogen, weil es einfach praktischer war, und so viel günstiger. Die Tür war schon offen. Du warst da, hattest gekocht, also aßen wir, und weil du gern einen Film sehen wolltest und ich auch, gingen wir durch den Flur ins Wohnzimmer.

Als ich die Tür öffnete, war da, wo gestern noch ein Raum gewesen war, eine dunkelgraue Wand. Ich öffnete den zweiten Türflügel. Die Wand hörte nicht auf. Ich fasste sie an. Sie war nicht glatt, sie fühlte sich ein wenig rau an, fast trocken. Wie Leder. Nein, Haut. Graue Haut.

Das war ein Elefant.

Da war ein Elefant im Wohnzimmer.

Ich konnte es mir kaum vorstellen, aber trotzdem, ich musste fragen: Hast du etwa …? Entsetzt schütteltest du stumm den Kopf. Ich hätte es mir denken können. Ich kannte dich ja inzwischen schon eine ganze Weile. Du warst keiner dieser Männer, die einfach einen Elefanten kauften, womöglich gar, um mich zu überraschen. Nein. Das hättest du niemals getan. Ich sah noch einmal prüfend in dein Gesicht. Und du warst genauso erstaunt wie ich.

Ich sah nach oben und konnte nicht erkennen, dass der Elefant irgendwo aufhörte. Ich dachte, der muss doch irgendwie weggehen, stemmte mich mit beiden Händen gegen das Tier und versuchte, ihn zur Seite, von der Tür wegzuschieben. Er bewegte sich keinen Zentimeter. Ich ließ los und holte Luft, dann versuchten wir es zu zweit, aber so sehr wir uns auch gegen ihn lehnten, er ging nicht weg. Ich wollte jetzt den Film sehen, also sagte ich vielleicht kommen wir an der Seite daran vorbei zum Sofa, so groß kann doch kein Elefant sein. Ich schob mich links in den Spalt zwischen Türrahmen und Elefanten, mit dem Gesicht zur Wand versuchte ich, mich an ihm vorbeizuquetschen. Du riefst ich versuch es von der anderen Seite, ich antwortete am besten ist, du atmest nicht! und hörte noch dumpf, ein Ohr am Elefanten, eins an der Rauhfasertapete, wie dein Körper an der Wand entlangschubberte. Ich bekam kaum noch Luft, dann hatte ich es endlich um die Zimmerecke und bis zum Fenster geschafft. Auf halber Strecke trafen wir uns wieder, wir hatten beide rote Striemen im Gesicht und Schweiß auf der Stirn. Das war ein verdammt großer Elefant.

Wir setzten uns auf die Fensterbänke und sahen in das, was einmal ein Wohnzimmer gewesen war. Der Raum war voller Elefant. Ich konnte auch nicht sagen, ob er auf dem Sofa saß oder im Raum stand, ich konnte nicht einmal über ihn gucken, ich glaube, er reichte bis zur Decke. Noch nie zuvor in meinem Leben hatte ich einen so großen Elefanten gesehen. Er hatte riesige, runde Ohren, mit denen er ab und an wedelte, sein Rüssel war bestimmt zwei Meter lang, und Augen hatte er, dunkle Augen, größer als meine Hände. Und … ich schnupperte. Der Raum roch stechend nach Elefant.

Und nichts war mehr wie zuvor: Das Sofa und der Fernseher waren irgendwo unter ihm verschwunden, die Regale waren umgestürzt, bestimmt war alles kaputt, alles, was hier einmal gewesen war. All die schönen Sachen, die wir so mühevoll zusammengetragen hatten, unsere Plattensammlung, der Plattenspieler, unsere Bücher, die Filme. So saßen wir da, auf der Fensterbank. Und da war ein Elefant im Raum.

Was mir erst jetzt einfällt: hast du eigentlich eine Ahnung, wie der hier hereingekommen ist?, fragte ich. Du schütteltest den Kopf. Ich sah über meine Schulter hinter mir durch die Fensterscheibe. Durch die Fenster konnte er nicht hereingekommen sein, das hätten wir bemerkt, dann wäre da jetzt ein Loch in der Wand und ein riesiger Schutthaufen im Hof. Und das Treppenhaus war viel zu schmal, wir hatten beim Einzug schon Mühe gehabt, das kleinste IKEA-Sofa hindurchzuzwängen, da passte ganz sicher kein Elefant durch.

Jetzt saß da immer noch der Elefant und blinzelte uns mit seinen dunklen Augen und den langen Wimpern an. Ich konnte es immer noch nicht glauben. Ein Elefant. Du schütteltest die ganze Zeit fassungslos den Kopf. Wir sahen den Elefanten an und sagten beide nichts mehr und ich fing an, ihn ein bisschen zu mögen, wie er da so im Raum war und blinzelte. Bevor ich ihn noch mehr mögen konnte, fragtest du:

Und was machen wir jetzt?

Ich zuckte mit den Schultern. Haustiere sind im Mietvertrag verboten. Aber wir müssen ja keinem sagen, dass hier jetzt ein Elefant wohnt. Du zogst die Augenbrauen hoch: Aber was macht man mit so einem Elefanten? Ich sah das Tier noch einmal an, es musste mehrere Tonnen wiegen, ein Wunder, dass der Boden noch nicht durchgebrochen und der Elefant beim Nachbarn unter uns ins Wohnzimmer gefallen war. Ich habe keine Ahnung, sagte ich. Du holtest dein Smartphone aus deiner Hosentasche. Ich google das mal. E-le-fant. Dann last du vor:

Elefanten nehmen täglich etwa 200 Kilogramm Nahrung zu sich. Dazu brauchen sie 17 Stunden am Tag und etwa 250.000 Kilokalorien. Sie trinken 70 bis 150 Liter Wasser am Tag. 

Du sahst auf. 200 Kilogramm Nahrung. 70 bis 150 Liter Wasser. Wie soll das gehen? Ich meine, wo sollen wir das kaufen, wie sollen wir das transportieren, woher nehmen wir so viel Wasser, woher so viele Eimer, und wer soll das alles bezahlen? Du kratztest dir den Kopf und sahst mich verzweifelt an:

Das geht nicht. Das geht alles nicht.

Ich seufzte: Aber sieh es doch mal so: wer außer uns hat das schon, so einen Elefanten? Sieh doch mal, wie er guckt, ich glaube, er lächelt. Das ist ein sehr netter Elefant. Ganz bestimmt! Du sahst den Elefanten an, der Elefant blinzelte wieder, dann stupste er dich mit seinem Rüssel an. Du zogst die Augenbrauen zusammen, dann musstest du doch lachen: Niedlich ist er ja schon. Aber das hier ist trotzdem kein Platz für einen Elefanten. Ich meine — er ist schon ein bisschen zu groß für uns. Und was sollen wir mit ihm? – Ich sagte nichts. Und dann doch: Du hast Recht. Wir brauchen keinen Elefanten, uns geht es doch auch so sehr gut. Oder? — Nur, weißt du – ich hätte auch nie einen Elefanten gewollt, ich hätte mir nie einen gekauft. Aber jetzt, wo er da ist, weiß ich gar nicht mehr, wie das Wohnzimmer aussähe, wenn er wieder weg wäre. 

Du nicktest. Ich muss nachdenken, was wir jetzt machen, sagtest du, und es ist besser, wenn ich jetzt ins Bett gehe. Ich musste auch nachdenken. Nickte. Dann nahmen wir den selben Weg zurück, den wir auch hierhin genommen hatten. Du jetzt links-, ich rechts herum vorbei. Und standen wieder im Flur, mit Spuren von Tapete im Gesicht und wirren Haaren.

Wir einigten uns: wir wollten beide nachdenken. Und bis wir zu Ende gedacht hätten, würden wir einfach so tun, als wäre der Elefant nicht da. Vielleicht würde er ja in der Zeit genauso plötzlich verschwinden, wie er gekommen war. Wir streichelten ihn beide noch ein letztes Mal. Dann machten wir die Türe zu und schlossen zwei Mal ab.

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Die Liebe ist ein Elefant im Raum.

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Hamburg ist eine schöne Stadt

Samstag Nachmittag, sechzehn Uhr siebenunddreißig. Ihre Anschlussmöglichkeiten. Ich stieg aus dem Zug, ging den Bahnsteig entlang, die Treppen hoch, zum Ausgang. Taxistand. Ich stieg ein, ich sitze immer hinten rechts, ich suchte nach der Nachricht mit seiner Adresse. Wir fuhren los. Ich öffnete die Fensterscheibe, lehnte den Kopf gegen die Tür, machte die Augen zu und atmete die Stadt, die Aufregung kroch mir wieder die Kehle hinauf. Der Fahrer sagte wir sind gleich da, ich öffnete die Augen, zählte die Häuser, sagte hier, links, da ist Hausnummer achtundvierzig. Ich bezahlte, stieg aus, nahm meine Tasche vom Rücksitz, warf sie über meine Schulter, sah kurz nach links und rechts. Keine nennenswerte Gegend. Ich lief zum Hauseingang, suchte seinen Namen zwischen den Klingelschildern. Ich atmete tief ein. Läutete. Sagte hallo. Der Türöffner summte, ich drückte die Tür auf, der Flur roch nach Bohnerwachs.

Durchs Treppenhaus, fünfter Stock, rechts, dann links, die letzte Tür auf der rechten Seite, hatte er gesagt. Auf der Wohnungstür nebenan klebte ein Regenbogen-Aufkleber. Nur noch eine Tür. Davor eine Kokosfußmatte. Ich atmete tief ein und klopfte. Die Tür ging auf. Da stand er.

Hallo!, er küsste mich auf die Wange, komm rein, hattest du eine gute Fahrt?, deine Schuhe kannst du hier abstellen, deine Tasche hier, warte, ich nehm dir deine Jacke ab, er deutete auf den Schuhschrank, auf den Boden, auf die Garderobe, lief vor und zurück, drehte sich, zeigte und redete. Ich wusste nicht, was sehen mit meinen Blicken, was tun mit meinen Ohren, wohin mit meinem Mund. Sinnlos stand ich im Weg herum. Hilflos zog ich meine Schuhe aus, die Schnürsenkel waren verknotet, ich stellte die Schuhe gleich neben den Schuhschrank, die Tasche daneben und legte meinen Hut darauf, er nahm mir meine Jacke von den Schultern und hängte sie auf.

Komm, ich zeig’ dir die Wohnung, Flur, da drüben das Schlafzimmer, hier das Badezimmer, das hier ist der Lichtschalter, mit dem die Lüftung angeht, der andere ist für das Licht, hier ist das Wohnzimmer, dann die Küche, und hier, schau, das ist mein Aquarium. Ich tapste ungeschickt hinter ihm her, sagte aha an den wichtigen Stellen, sah kurz ins Aquarium und sagte etwas wie schön. In seinem Wohnzimmer stand ein sehr großes dunkelbraunes Sofa, er deutete darauf, setz dich, magst du einen Kaffee?, ich setzte mich, drapierte ungeschickt ein Kissen unter meinem rechten Ellbogen und sagte ja, ein Kaffee wäre toll. Er ging in die Küche, die nur ein Teil des Wohnzimmers war, vielleicht auch umgekehrt, ich versuchte währenddessen, eine bequeme Sitzposition zu finden, ich schlug mein rechtes Bein über, doch nicht, setzte mich im Schneidersitz hin, sah den Couchtisch, widerstand dem Drang, meine Füße hochzulegen, das ist nicht mein Tisch, ich trug Ringelsocken, doch wieder beide Füße auf den Boden, Rücken gerade, mein rechter Arm lag seltsam verkrümmt auf dem Kissen, ich fragte mich, wie das gerade aussah, ich saß nicht entspannt, ich war nicht entspannt. Ich sah in Richtung Küchenzeile, dort hörte ich ihn rumoren und die Kaffeemaschine blubbern, er rief Milch und Zucker?, ich rief nur Milch!, zerrte das Kissen unter meinem Ellbogen hervor, legte es auf meinen Bauch, schlang meine Arme darum und versuchte, sehr entspannt auszusehen. Er kam um die Ecke, trug zwei Tassen, stellte eine vor mir auf den Tisch, setzte sich mir gegenüber in den Sessel. Ich nahm die Tasse und hielt sie mit beiden Händen fest.

Wir redeten über den Kaffee (gut). Noch einmal über die Fahrt (gut). Übers Wetter (gut). Über die Arbeit (ziemlich gut). Dazwischen Gesprächspausen. In den Gesprächspausen trank ich meinen Kaffee in sehr kleinen Schlucken, damit die Gesprächspausen nicht wie Gesprächspausen aussahen, sondern wie Zeit, in der ich nichts sagen konnte, weil ich trinken musste. Dann war die Tasse leer. Ich fragte ist noch Kaffee da?, er sagte ja, warte, ich hole dir welchen. Er kam zurück, ich umfasste die Tasse, sie war kalt, er sagte, der Kaffee ist kalt, soll ich ihn dir warmmachen?, ich schüttelte den Kopf und sagte nein, das ist gut so. Dann redeten wir über kalten Kaffee (gut) und dann sagte er den Satz. Was möchtest du denn machen, dieses Wochenende? Ich sagte ich habe nichts vor, wir haben Zeit. Hamburg ist eine schöne Stadt. 

Er nickte. Keiner sagte ein Wort.

Ich sah zur Tür, zu den Fenstern, zum Wohnzimmerregal, zur Wand, zur Tür, zu den Fenstern, zum Wohnzimmerregal, zur Tür, als interessierte mich etwas, dabei sah ich nur einer Stubenfliege zu, die ihre Kreise zog.

Ich dachte an hunderte Nachrichten auf meinem Telefon, geschrieben in den vergangenen vier Wochen seit unserer letzten kurzen Begegnung, es war unsere fünfte kurze Begegnung gewesen, immer nur hatten wir uns kurz gesehen, auf Parties, im Vorbeigehen, zuletzt bei einer Vernissage. Wir hatten unsere Nummern ausgetauscht und dann hatte das mit den Nachrichten angefangen und schließlich mit dem Plan, dass wir uns einmal länger sehen Nun trafen wir uns für länger. Und wir hatten doch Ideen, etwas machen wollten wir, dann, wenn wir endlich am selben Ort wären. Jetzt waren wir am selben Ort und rührten in unseren Kaffeetassen. Wir hatten noch überlegt, was wir alles bereden wollten, wenn wir uns endlich näher wären. Jetzt saßen wir am selben Tisch und hatten uns nichts zu sagen, und wenn wir uns ansahen, sahen wir gleich wieder weg. Alles, was wir jetzt hatten, waren nullkommaneun Meter von meiner Kaffeetasse zu seiner. Und die Frage, was das gewesen war, zwischen uns, und warum zwischen uns jetzt nichts mehr war.

Und weil da nichts mehr war, gingen wir in ein Museum. Wir fuhren mit der U-Bahn dorthin, er stand rechts neben der Tür, ich auf der anderen Seite, ich trug die Hände in den Hosentaschen und wusste nicht, was ich sagen sollte, dann sagte ich ich hätte fast vergessen, wie schön Hamburg ist. Er sagte ja. Dann wusste ich wieder nichts mehr. Dann standen wir vor dem Museum, ich blickte die schönen Säulen entlang bis zum Museumsdach und dachte an etwas, das ich einmal geschrieben hatte. Kunst kann man nicht teilen, Kunst muss man mit sich ausmachen. Man kann nur mit besonderen Menschen ins Museum gehen. Denn begegnet man der Kunst zu zweit, muss trotzdem jeder allein mit ihr sein. Sonst erstirbt ihr Zauber. Wir gaben unsere Jacken an der Garderobe ab, weil große Hinweisschilder darauf hinwiesen, dass Jacken verboten seien, dann gingen wir hinein. Das Museum war voller dunkler Räume, in denen grausame, verstörende Bilder an den Wänden hingen, und voller dunkler Ecken.

Er stand vor den Bildern und sagte nichts. Ich stand vor den Bildern und sagte nichts. Ich ging ihm aus dem Weg, lange blieb ich vor den Bildern stehen, an denen er schnell vorbeiging. In einem Raum sah ich zwischen den grausamen Bildern eine weitere besonders dunkle Ecke und dachte mir, keine Ecke kann so dunkel sein, dass wir uns dort näherkommen könnten.

Viel zu schnell standen wir wieder vor der Garderobe, unsere Jacken in den Händen, wir standen uns gegenüber, da war eine Spannung zwischen uns, die ich nicht verstehen konnte, die so greifbar war, dass sie fast weh tat, und ich konnte nichts tun, um sie verschwinden zu machen. Ich konnte noch nicht einmal seine Hand berühren.

Er sagte nichts.

Stumm sah er mich an. Stille. Mein Hirn war wie Watte, ich wollte nicht reden, nicht mit ihm, nicht über ihn, schon gar nicht über mich und auf keinen Fall über uns, ich wollte ihm nicht sagen, dass zwischen uns nichts mehr war. Also kratzte ich Sätze mit den Fingernägeln von den Wänden zwischen uns, eine formlose, unverbindliche Masse, ich modellierte sie mit ungeschickten Händen; stellte ich sie in den Raum, so blieben sie nur einen Moment stehen. Dann kippten sie um.

Er sagte nichts.

Wir fuhren zurück zur Wohnung, saßen auf dem Sofa, er ganz rechts, ich ganz links, ich hatte Angst, mich zu bewegen, ich nahm wieder das Kissen und umschlang es, ich rutschte so weit von ihm weg, wie ich konnte, wir sahen einen Film, wir starrten beide geradeaus auf den Fernseher, neunzig Minuten lang hatte ich Angst vor der Ruhe nach dem Abspann. Als der Abspann begann, sagte ich Hamburg ist eine schöne Stadt, aber ich bin jetzt müde, er nickte, ich ging meine Zähne putzen, ich zog einen Pyjama an.

Dann lagen wir im Bett. Das Bett war nicht groß genug für uns zwei. Er hatte eines seiner Beine ausgestreckt, es berührte mein rechtes Bein. Ich wollte das nicht. Er schlief, ich lag wach und zählte seine Atemzüge. Er atmete laut, sein Atmen füllte den ganzen Raum, ich konnte sein Atmen nicht ertragen, mein Herz raste, ich lag auf dem Rücken, auf dem Bauch, auf der linken Seite, auf der rechten Seite, ich zog meine Knie an, ich konnte nicht schlafen, ich wollte es so sehr, aber ich wusste nicht, wie es geht, mir war kalt, ich deckte mich zu, mir war heiß, ich zog die Decke an meinen Beinen hoch und schob sie von den Schultern her nach unten, er atmete immer noch, immer nur die Stille und sein Atmen, ich setzte mich auf und riss das Fenster auf und hoffte auf das Geräusch von Autos auf den Straßen. Hamburg ist eine schöne Stadt.

Aufwachen heißt, dass man geschlafen hat. Irgendwann musste ich eingeschlafen sein. Ich wachte auf und erinnerte nichts. Das Aufwachen war, als es draußen langsam hell wurde, ich sah nach ihm, er schlief noch, ich stand auf, schloss vorsichtig das Fenster und sperrte den Autolärm aus, machte die Schlafzimmertür hinter mir zu, hörte das Tapsen meiner nackten Füße auf dem Laminat, ging durchs Wohnzimmer zur Küchenzeile und da war wieder das Aquarium. Ich ging näher heran, im Aquarium trieben kleine Pflanzen im Strom der Lufdüse hin und her, manchmal blubberte das Wasser ganz leise, Luftblasen stiegen an die Wasseroberfläche, hinter den Pflanzen stand ein Plastikschloss mit einem Algendach und einem Torbogen. Ein paar sehr kleine Fische kauerten am Grund hinter dem Plastikschloss. Und da war ein Goldfisch. Der Goldfisch klebte mit seinem Goldfischmund an der Glasscheibe. Vor dem Aquarium stand Fischfutter, das Fischfutter roch nach Fischfutter. Ich hasse Fischfutter. Ich hasse Fische.

Es war jetzt Sonntag Morgen und ich wollte in meinem Pyjama auf die Straße laufen, ein Taxi anhalten und nach Hause fahren. Ich riss mich zusammen, in den darauf folgenden zwölf Stunden passierte nichts, außer dass ich las und er las und dass da Stille war. Und immer wollte ich das Fenster öffnen, damit die Stadt hereinschreien konnte, den Fernseher einschalten, damit Menschen da wären, oder wenigstens afrikanische Tiere, wollte das Radio aufdrehen und ganz laut Popmusik hören oder menschliche Stimmen im Deutschlandfunk, die über das Wirtschaftssystem in Südostasien Ende des achtzehnten Jahrhunderts redeten oder über Social Media-Marketing oder über den Katholikentag. Wenn ich nicht an die Stille dachte und daran, wie ich ihm sagen könnte, dass zwischen uns nichts mehr war, oder wie er mir sagen könnte, dass zwischen uns nichts mehr war, wenn ich nur immer bis sechzig zählte und und alle sechzig Sekunden eine Buchseite umblätterte, dann konnte ich alles ertragen. Auch ihn, wie er da saß, neben mir auf dem Sofa.

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Jetzt ist es Montag Morgen und auf dem Küchentisch liegt eine Schachtel Zigaretten. Über der Stadt hängt eine Stimmung wie eine Wolldecke, dumpf, trist. Alles ist erstickt. Immer noch läuft der Sonntag wie Kondenswasser an den Fensterscheiben hinunter, tropft auf den Boden und sammelt sich in einer Pfütze auf dem Parkett. Ganz leise, aus dem Bad, das Rauschen der Dusche. Ich liege auf dem Sofa, ich liege in Zeitlupe und spule rückwärts.

— Das letzte, was ich von ihm sehe, ist das Tattoo auf seinem Schulterblatt. Mit federnden Schritten geht er aus dem Raum, er steht auf, kein Wort, er schläft noch, ich wache auf, ich schlafe, die Stille danach, er liegt neben mir, er liegt auf mir, ich sehe seine dunklen Augenbrauen, die braunen Augen, ich streiche ihm eine Strähne aus der Stirn, er küsst mich auf den linken Augenwinkel, ich mache die Augen zu, die Glühbirne hängt nackt von seiner Wohnzimmerdecke und blendet mich, ausziehen, wir küssen uns, werfen unsere Bücher auf den Boden, er beugt sich über mich, er kommt näher,

ich weiß nicht, wieso es plötzlich passiert, da sitzen wir nebeneinander auf dem Sofa. —

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Ich halte das Rückwärtsspulen an, stehe auf, auf dem Boden liegt mein weißes Shirt, ich ziehe es an, nehme eine Zigarette aus der Schachtel. Auf der Fensterbank liegt ein Feuerzeug, ich öffne das Fenster, spüre die Wärme, die von draußen hereinströmt, zünde die Zigarette an, rauche und sehe hinaus. Hamburg ist eine schöne Stadt. Die Sonne scheint, der Himmel ist knallblau, gegenüber gießt eine Frau Blumen auf ihrem Balkon, im Stockwerk darunter steht ein Wäscheständer mit weißen T-Shirts, ich zähle, noch drei Balkone, dann kommt das Erdgeschoss, am Hauseingang läutet ein Mann mit Hund, am Straßenrand kein freier Parkplatz, die ganze lange Straße lang, links dann die Kreuzung, hundert Meter von hier, ich kann die Ampelschaltung gerade so erkennen, gelb-rot-gelb-grün. Die Straßen sind voller Autos, Fahrräder, sie fahren und rasen, Autobremsen quietschen, Motoren heulen auf, irgendwo piept eine Alarmanlage. Und Menschen, Ströme von Menschen, sie versuchen, an den Häusern vorbeizufließen, ständig geraten sie ins Stocken, drängen sich dicht aneinander. Es ist sehr schnell, sehr laut, sehr heiß, wenn nicht sofort jemand die Stopptaste drückt, wird alles explodieren. Ich drücke die Zigarette an der Hauswand aus, sehe beim Ausatmen dem Rauch nach, wie er an der Sonne vorbeisteigt, schileße das Fenster und die Stadt bleibt draußen. Die Stille ist immer noch hier, nicht einmal eine Uhr, die tickt, über der Küchenzeile eine Digitaluhr, sieben Uhr dreiunddreißig.

Meine rote Leinenhose liegt auf dem Sofa, ich ziehe sie an, trinke ein Glas Wasser und gehe am Aquarium vorbei, der Goldfisch klebt immer noch an der Glasscheibe, im Flur greife ich meinen Hut vom Boden und meine Jacke von der Garderobe, nehme meine Schuhe mit den verknoteten Schnürsenkeln in die Hand, schwinge meine Tasche über die Schulter, ich sehe mich um, die Badezimmertüre ist geschlossen, die Dusche rauscht immer noch, leise öffne ich die Tür, leise schließe ich sie, ich laufe, ich laufe, so schnell ich kann, ich renne die Straße hinunter, bis dahin, wo man von dem Fenster aus ganz sicher nicht mehr blicken kann. Dann stehe ich da und sehe hinter mich. Immer noch keine nennenswerte Gegend. Ich setze mich auf den Bürgersteig und ziehe meine Schuhe an und die Menschen strömen an mir vorbei und wenn ich nach oben sehe, kann ich zwischen ihren Köpfen die Sonne und den Himmel sehen.

Hamburg ist eine schöne Stadt.

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Ich will der Zeit beim Stillstehen zusehen

Ich will Sand sammeln in meinem Bauchnabel, in meinen Händen, zwischen meinen Zehen, ich will warten, bis der Wind kommt, die Augen schließen und den Sand aus meinen Händen werfen, mit aller Kraft, die ich aufbringen kann, ich will die Augen öffnen und sehen, wie er weit weit weg fliegt, bis ich ihn nicht mehr sehen kann. Ich will Weißkohlköpfe haben, einen ganzen Berg davon, und sie Blatt für Blatt für Blatt entblättern. Ich will die Blütenblätter zupfen von hundertzwei Ranunkelsträußen, ich will die Blätter zu Boden werfen, sie zu meinen Füßen türmen, bis sie ein Kokon sind um mich. Ich will Musik hören und die Musik soll ein Tropfen sein, der zu Boden fällt und eine Pfütze wird, See, ein Fluss, ein Meer, und darin will ich schwimmen. Ich will an einem Meer sein, das nicht mehr aufhört, in einem Boot sitzen und dort treiben. Ich will ein Wind sein.

Ich will da sein. Ich will auf einem Berg aus Kirschen liegen und Kirschen essen, bis mir der Bauch nicht weh tut, und Kerne spucken, weiter, als ich sehen kann, ich will sie zwischen meinen Fingern reiben, bis sie platzen, ich will ihren Saft langsam in meinen Mund tropfen lassen. Ich will in Zügen sitzen und die Welt vorbeiziehen sehen wie eine Bühne, auf der nur das Bild sich ändert, die Handlung stets die selbe bleibt. Ich will an einem Meer das Wasser durch meine Hände fließen lassen und ich will es nicht festhalten. Dann will ich schwimmen, bis meine Haut runzelig wird. Ich will tauchen und unter Wasser atmen, ich will, dass mir Kiemen wachsen und ich will das Wasser durch meine Lungen strömen lassen. Ich will das Meer leeratmen.

Ich will da sein, wo nichts passiert. Ich will meine Füße auf alle Berge setzen, alle Berge dieser Welt, auf allen Gipfeln will ich stehen und hören, wie die Welt klingt, wenn sie klein ist. Ich will mich auf der Straße auf den Bauch legen und das Ohr auf den Boden legen und unter dem Beton das Gras wachsen hören. Ganz schön langsam will ich sein. Ganz schön schön. Ich will warten, bis die Nacht kommt und mit den Wölfen einen Mond anheulen und will die Sterne sehen und ganz still sein. Und schweigen will ich. Ich will alles in mir, für mich, bei mir behalten und ich will kein Wort darüber, davon verlieren. Ich will die Augen schließen und darauf warten, dass nichts geschieht und die Augen wieder öffnen und sehen. Als hätte ich noch nie gesehen, so sehr will ich mich wundern. Ich will ein Staunen sein.

Ich will da sein, wo tausend Streichholzschachteln sind. Ich will sie öffnen, eine nach der anderen, und die Streichhölzer anzünden, eines nach dem anderen, will den kleinen Flammen zusehen, wie sie herunterbrennen, wie sie immer näher an meine Fingerkuppen kommen mit ihren kleinen Flammen, und zusehen, wie sie langsam ausgehen, und wo ich bin, soll immer eine kleine Flamme sein.

Ich will der Zeit beim Stillstehen zusehen.

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Die Liebe in Zeiten der drohenden Nuklearkatastrophe

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Für dich habe ich letzten Monat die Sonntagszeitung abonniert.

Heute früh wurde ich wach, ich lag auf dem Bauch und die Sonne schien durch die Haarsträhne vor meinen Augen, ich machte die Augen gleich wieder zu, ich strich mit einer Hand über die Matratze, die Stelle neben mir war leer. Die Stelle gehörte vor zweiundzwanzig Tagen noch dir. Jetzt gehört sie dem neuen Mann. Ich tastete nach meinem Telefon, drückte auf die einzige Taste, die es hat, 12 Uhr 47, Sie haben keine neuen Nachrichten, ich legte das Telefon zurück, zog das Kissen des neuen Mannes zu mir, es roch nach Nacht und seinem Parfum und nach ihm, ich zog die Decke über meinen Kopf. Dann muss ich wieder eingeschlafen sein, denn als ich die Augen wieder aufmache, sehe ich zwei behaarte Beine und irgendwo weit oben der Kopf des neuen Mannes, der Kopf kommt näher und aus seinen Haaren tropft Wasser in mein Gesicht. Zwischen dem Wasser ist die Stimme des Mannes und sagt: aufstehen. Er sagt es nicht so, wie das jetzt hier steht, er sagt es auch nicht so, wie du es immer gesagt hast, er sagt es schöner, als ich das aufschreiben kann. Ich schlage die Decke zurück, schlinge meine Arme um seinen Nacken, er trägt mich über den Flur und setzt mich auf den Esstisch, gibt mir einen Kuss auf die Stirn, geht in den Flur, ich sehe ihm nach, und als er in seinen blauen Boxershorts um die Ecke biegt, ruft er noch über seine Schulter ich hole die Zeitung und zieht die Wohnungstür zu.

Ich strecke mich und versuche von meinem Platz auf dem Tisch aus, mit meinen Zehenspitzen bis zur Fensterbank zu kommen, wenn ich meine Beine ganz strecke, kann ich sie berühren. Ich reibe meine Augen, da fällt mir ein, dass ich mich heute morgen, als wir nach Hause kamen, nicht abgeschminkt habe, es fällt mir erst ein, als mir Wimperntusche und eine abgebrochene Wimper an den Fingern kleben. Ich sehe mich in der Küche um.

Der Mann hat das Fenster gekippt, draußen zwitschern Vögel, neben mir steht die Espressokanne und dampft, und er hat auch noch Brötchen geholt und Marmelade und Käse stehen daneben, ich kenne C. noch nicht so gut, aber entweder, erstens, er kann ezaubern oder, zweitens, er hat vorhin einen Spätkauf überfallen oder, drittens, er ist perfekt. Ich denke an das Gegenteil von Perfektion, an mich und meinen Kühlschrank, der bis auf drei Flaschen Wodka im Eisfach immer leer ist. Da erst höre ich ein lautes TUUUUUUUT vom Herd her und mir schwant Übles, das TUUUUUUUUT hört nicht mehr auf und da sehe ich den Eierkocher, in dem zwei Eier kochen. Scheiße. Drittens. Der Mann ist perfekt. Ich brauche einen Schnaps.

Der Schlüssel dreht sich in der Wohnungstür, der Mann tapst herein, legt die Zeitung auf den Tisch, ich setze mich auf einen Stuhl, der Mann schält ein Ei und setzt es in einen Eierbecher, ich wusste nicht, dass ich Eierbecher besitze, dann gießt er den Kaffee in zwei Becher, ich schütte so viel Milch in meinen, dass er gleich überschwappen wird, ich will einen Schnaps, der Mann ist da, ich kann jetzt keinen Schnaps trinken, ich puste kurz, der Mann fängt an, das Ei zu löffeln, ich trinke hastig in einem Zug die Kaffeetasse leer, ich stelle die Tasse ab, ich habe mir die Zunge verbrannt und mich verschluckt, ich huste, der Mann fragt besorgt, ob alles okay sei, ich nicke und deute auf seinen Löffel. Von seinem Löffel tropft Eidotter auf die Zeitung.

Ich ziehe die Zeitung zu mir, der Mann will den Feuilleton, ich die Politik. Eine Zeitung. Als ob irgendwo jemals etwas Neues passierte. Einen neuen Bundespräsidenten werden sie wählen, der alte ist erstmal im Urlaub, Menschen sterben in Bürgerkriegen, Hollywoodstars werden bei Protesten vor Botschaftsgebäuden festgenommen, Teenager klicken auf Videokampagnen gegen afrikanische Diktatoren, es gibt keine Notfallpläne für eine Nuklearkatastrophe in Deutschland. Nichts Neues. Im Westen und im Osten. Ich schenke mir Kaffee nach. Ich brauche einen Schnaps.

Der Mann beißt vor Wut über den Feuilleton so fest in sein Brötchen, dass die Krümel über den ganzen Tisch fliegen, sie werfen kleine Schatten auf das dunkle Holz. Man kann kein Buch mehr kaufen, das im Feuilleton empfohlen werde, schimpft er, die beste Strategie sei, die Bücher zu kaufen, die der Feuilleton in Grund und Boden zerreißt, der Mann schmeißt die Zeitung in die Ecke, gräbt seine Fingerspitzen in ein zweites Brötchen und zerteilt es in zwei Hälften, auf einer Hälfte lässt er ein Stück Butter zerlaufen. Die Sonne scheint durch die Fenster und lässt seine blonde Haarspitzen glitzern, er hat sogar Blumen auf den Tisch gestellt, ich brauche einen Schnaps.

Ich frage ihn, was er von der Wahl des neuen Bundespräsidenten hält, von dieser Wahl, die keine Wahl ist, es ist Sonntag, dreizehn Uhr dreißig, wir sind jung, wir sind in Berlin und wir reden über Politik, dabei müssen wir doch unpolitisch sein, weil alle sagen, wir, unsere Generation, sei unpolitisch. Dabei sind wir noch nicht einmal ein Wir. Uns gibt es nicht im Plural, uns gibt es nur im Singular. Jetzt liegt der Politikteil unter Brötchenkrümeln.

Der Mann legt eine Scheibe Käse auf seine zweite Brötchenhälfte und sagt weißt du noch, wie wir uns kennenlernten? Es war vor einem Jahr, bei den Protesten gegen die Atomkraft oder für den Atomausstieg, das wussten wir damals selbst nicht so genau, der Mann lief bei der Demonstration neben mir und wir trugen dieses Transparent vor uns her und riefen AB-SCHAL-TEN! AB-SCHAL-TEN!, bis unsere Stimmen ganz heiser wurden und am Ende ganz verstummten.

Jetzt ist es ein Jahr später, die Atomkraftwerke sind immer noch an, nur gibt es jetzt neue Bürgerinitiativen, die sind nicht gegen neue Kraftwerke, die sind gegen Ökostromleitungen und Rückhaltebecken, denn die Landschaft wird verschandelt, hey, wenn es doch einmal in einem Kernkraftwerk knallt und das ganze Land unbewohnbar wird, das ist doch okay, Hauptsache, die Landschaft wird nicht verschandelt. Sonst ist nichts passiert außer Demonstrationen und Warten auf den Weltuntergang und kurzzeitig dir. Vor drei Wochen hatte ich gerade mit dir Schluss gemacht, da rief der Mann an, der damals noch nicht mein Mann war, wir trafen uns bei einer anderen Demo gegen Atomkraftwerke oder für den Atomausstieg, das wussten wir da noch nicht so genau. Nach der Demo saßen wir am Spreeufer und ich kratzte mit einem Fingernagel die Farbe von meinem Pappschild, irgendwann wurde es Nacht, ich warf das Schild in einen Container, der Mann legte einen Arm um mich und wir nahmen die letzte U-Bahn zu ihm nach Hause.

Der Mann sagt, das mit den Demos sei gut, weil wir noch jung seien und Verantwortung hätten und noch länger auf diesem Planeten leben müssten und auch unsere Kinder. Er hat unsere Kinder gesagt. Ich brauche einen Schnaps. Das Demonstrieren sei auch gut, weil wir nur deswegen jetzt hier in meiner Küche säßen. Er hat Wir gesagt. Ich brauche einen Schnaps.

Ich fühle ein Drama in mir aufsteigen.

Manchmal bin ich nicht sicher, ob das mit der Verantwortung so gut und so richtig ist. Und schon gar nicht, wenn ich mir den Küchentisch ansehe. Jedes Ei, das wir essen, ist ein Huhn mehr oder weniger glücklich, man kann auch nicht einfach eine Zeitung kaufen, das ist keine gedruckte Zeitung, sondern ein Statement fürs Leistungsschutzrecht, jede Plastikflasche wird unseren Urenkeln noch um die Ohren fliegen, wir sind die Konsumgesellschaft und wir haben verdammtnochmal die Verantwortung, diesen Planeten ordentlich zu hinterlassen, wenn wir schon an dem Müll ersticken, den wir täglich in uns reinstopfen, ich bin ein aufgeklärter Konsument, ich bin politisch interessiert, ich bin gegen Vorratsdatenspeicherung und für ein freies Internet, aber das ändert noch lange nichts. Denn wenn alle schlecht läuft, ist mein T-Shirt von H&M und verantwortlich für die Globalisierung und für Kinderarbeit in Bangladesch, dann macht mein Kaffee, dass Kinder in Afrika nicht zur Schule gehen können, für meine Schuhe wurde ein Rind gehäutet, von meiner Haarfarbe bekommt mein Friseur allergische Reaktionen, für meinen Lippenstift wurden Tierversuche durchgeführt, für meine Jeans mussten Arbeiter Steine in große Waschmaschinen schaufeln, in meinem Essen sind mehr Farb- und Geschmacksstoffe als natürlich gewachsene Zutaten, für den Sprit in meinem Auto wurden Lebensmittel verbrannt, meine Bank investiert in die Rüstungsindustrie und wenn ich zu häufig mit meinem Handy telefoniere, bekomme ich irgendwann Krebs. Wenn ich nicht mit meinem Handy telefoniere, auch. Von Kopf bis Fuß, ich bin ein schlechter Mensch. Ich brauche einen Schnaps.

Ich habe auch Herzen gebrochen in meinem Leben, fast alle davon unabsichtlich, mein Herz wurde nie gebrochen, was nur daran liegt, dass ich keines habe, dafür renne ich von einer Beziehungsscheiße in die nächste, ich treffe Männer und treffe sie auch wieder nicht, wir landen in Betten und vögeln die ganze Nacht. Oder auch nicht. Ich brauche einen Schnaps.

Meine Freunde können ihre Miete kaum bezahlen, wir sitzen nächtelang in ihren Küchen, die sie sich mit Mitte 30 noch mit fünf anderen Leuten teilen, nicht immer, weil sie es so toll finden, in 6er-WGs zu leben, sondern auch, weil sie sich nichts anderes leisten können, dann halten wir uns an Weingläsern fest und basteln am Küchentisch an einer kleinen Revolution, wir glauben nicht an Gott und nicht an die Deutsche Automobilindustrie, wir glauben meist nichtmal an uns und an den Weltfrieden schon lange nicht mehr, wir glauben nicht ans Geld, und es sind nur die Mutigen unter uns, die es noch wagen, an die Liebe zu glauben. Wir sind die Generation, die verantwortlich dafür sein soll, dass die Welt sich weiterdreht, als ob sie sich nicht weiterdrehte, wenn wir nicht mehr wären, als ob die Erde sich einen Dreck um unsere Existenz scherte. Wir haben Verantwortung für eine Welt, die nicht uns gehört, nicht unseren Kindern, weil keiner mehr weiß, wem sie gehört, wenn nicht den Banken, und dann wirft man uns vor, wir seien unpolitisch, dabei ist es wirklich schwierig, überhaupt noch Position zu beziehen in einer Welt, die zu groß ist für uns alle. Und die Leute im dritten Stock und darüber (der dritte Stock ist der, ab dem es wichtig wird), sind drei Mal so alt wie wir, sie wissen nichts von unserer Welt und es interessiert sie auch nicht, außer einmal im Jahr, da ist die Cebit, da gibt es Dinge zum Anfassen, da gibt es dann dieses Internet. Wahnsinn. Gibt es da auch Schnaps?

Außerdem bin ich die perfekte Frau, die perfekte Geliebte und mache die perfekte Karriere und nebenher soll ich zwanzig Kinder in die Welt setzen, damit ich mit siebzig Jahren vielleicht einen Euro Rente haben kann, dabei habe ich noch nicht einmal einen festen Job, und natürlich darf ich mich nicht beklagen, denn ich habe mir das selbst ausgesucht, und ich habe ja noch fünfzig Jahre Zeit bis dahin. Ich bin kaum älter als die deutsche Wiedervereinigung und ich habe mich zu kümmern um mich, meine Fitness, meinen Körper, meine Gesundheit, meinen Musikgeschmack, meine Beziehungen, meine Männer, meine Jobs, meine Monatsfahrkarte, meine Eltern, mein Leben, meine Freunde, meine ungeborenen Kinder, die deutsche Gesellschaft, die Rente aller Rentner, das Gesundheitssystem, den politischen Fortgang dieses Landes, die Zukunft Deutschlands, den Klimawandel, die Klimakatastrophe, die Globalisierung. Ich bin Deutschland. Es macht mich kaputt. Und ich brauche einen Schnaps.

Als ich mich fertig aufgeregt habe und aufgehört habe, wilde Worte mit wilden Gesten in die Luft zu werfen, nimmt der Mann meine Hand, zieht mich auf seinen Schoß, ich lege meinen Kopf auf seine Schulter und meine Nase an seinen Hals, er riecht immer noch nach Nacht und Schlaf und sein Duft beruhigt mich, er streicht mir über die Haare und flüstert mir etwas ins Ohr, das kitzelt, ich lache, er hält mich fest, steht auf, ich schlinge meine Beine um ihn, er trägt mich zurück ins Schlafzimmer, wirft mich aufs Bett und die Weltpolitik ist mir egal.

Es ist später Nachmittag, als wir aufstehen, wir schlendern durch meinen Lieblingspark, der Mann steckt mir einen Zweig Weidenkätzchen ins Haar, wir klettern einen Hügel hinauf und als die Sonne langsam untergeht, hält der Mann meine Hand und ich fühle mich sehr romantisch mit diesem Mann und der Gesamtszene.

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Dann zoomt die Kamera heraus, jemand ruft Schnitt, danke für eure Arbeit, wir lösen uns voneinander, der Mann schüttelt mir die Hand, danke für die gute Zusammenarbeit, und alles Gute (auch privat!), ich drücke seine Hand, nehme meine Jacke, winke noch kurz in die Runde und gehe alleine nach Hause.

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Ich brauche einen Schnaps.

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Man muss gar nicht Gitarre spielen können, es reicht schon, wenn man den Moment kennt, ab dem die Musik ganz laut sein muss

Er gießt Wodka in ein Glas und stellt es vor mir hin. Es ist Freitag Abend, irgendwann nach Mitternacht. Die Straßen sind voller Menschen. Auf dem Weg hierher habe ich den Kragen meines Trenchcoats hochgeklappt und meinen Hut tief in die Stirn gezogen. Ich trinke einen Schluck.

Wie läuft’s bei dir?, frage ich ihn, und ich kenne die Antwort. Er lächelt und macht diese Handbewegung mit diesem Schulterzucken. Eine Erklärung dieser Handbewegung und dieses Schulterzuckens könnte sein: David ist Barkeeper in der besten Bar der Stadt. Er sieht aus wie Anfang zwanzig, ist Mitte dreißig und hat genug Erfahrung für zwei Männer Mitte vierzig. Und irgendjemand muss ja dieses Klischee erfüllen vom Barkeeper, der für die einsamen Frauen dieser Stadt einen Drink, ein bisschen Trost und manchmal auch einen Schlafplatz hat. Also macht er es. Und wie ich hörte, macht er das gut.

Das alles sage ich nicht. Und er sagt es natürlich erst recht nicht. David ist ein Gentleman, und David kann schweigen, vermutlich ist allein das auch der Grund dafür, dass all dies bei ihm so ohne Aufhebens funktioniert. Läuft?, frage ich (zur Sicherheit). Er lächelt und nickt. Und bei dir? Ich kann keine Drinks machen, ich kann nur Rotweinflaschen entkorken. Er weiß das. Ich zucke die Schultern und wiege den Kopf. Soll ich dir jemanden vorstellen? Er versteht, ich grinse. Mal sehen. - Sag Bescheid. Du weißt: jederzeit.

Er lächelt dieses Lächeln, bei dem seine Augen einen Moment mit zu lächeln scheinen, und geht Gläser polieren. Ich zünde mir eine Zigarette an, trinke einen Schluck und sehe mir die Gäste des Abends an. Am ersten Tisch nahe der Tür sitzen ein Mann und eine Frau, ihre Körper einander halb zu-, halb abgewandt, sie beugt sich nach vorne und flüstert ihm etwas ins Ohr, er versucht so halb, ihr nicht in den sich öffnenden Ausschnitt zu sehen. Schräg gegenüber, auf der anderen Seite der Bar, ein Typ Mitte dreißig, die Haare fallen ihm ins Gesicht, er schweigt sein Bier an, sein Bier schweigt ihn an. Er ist häufiger hier, manchmal habe ich ihn gegrüßt, mit einem Nicken nur, seit ich älter bin, grüße ich niemanden mehr. David sammelt Bierflaschen von den Tischen und stellt sie neben mich auf die Bar und ich weiß, ich liebe ihn. Nicht wegen dieses Lächelns, bei dem seine Augen mit zu lächeln scheinen. Einfach, weil ich ihn liebe. Grundlos. Und weil ich ihn liebe, würde ich auch nie etwas mit ihm anfangen. Ich fange nur noch etwas an mit jemandem, den ich nach einer Nacht vergessen kann, mit jemandem, dessen Nummer ich nicht habe und dessen Nummer ich nicht will, den ich einmal sehen, küssen, verabschieden und vergessen kann. Über den Tischen tanzen Rauchschwaden im Kerzenschein. In einer Ecke ein knutschendes Paar, nebenan eine Gruppe Jungs, vermutlich Franzosen auf Klassenfahrt, vermutlich auf Beutezug, und vermutlich nicht ganz volljährig, ich trinke noch einen Schluck und drücke die Zigarette aus, sie glimmt noch kurz nach.

Hast du mitbekommen, dass Paul gestorben ist? David steht plötzlich vor mir, die Hände auf die Theke gestützt, und sieht mich an. In meinem Kopf spule ich zehn Sekunden zurück, sehe die erlöschende Zigarette und höre Davids Satz noch einmal. Ich habe ihn nicht falsch verstanden. Trotzdem wäre jetzt der Moment, in dem ich ihn fragen sollte, ob das sein Ernst ist, oder sagen, dass das ja wohl ein schlechter Scherz ist.

Ich sehe seinen Blick und weiß, es ist ernst. Und ich schweige.

David bleibt stehen, ich bleibe schweigen. Paul. Paul. Paul.

In meinem Kopf läuft dieser Film und ich kann nichts dagegen tun, ich sehe alles im Zeitraffer und es hört nicht auf: Paul, als wir uns kennenlernten, an der Schule, an der er arbeitete, als ich meine Patentochter abholte. Paul beim Schulfest, mit einer Ritterrüstung aus Blech, und wie man ihn schon von Weitem hören konnte, weil er bei jeder Bewegung so laut schepperte. Paul, bei unserem ersten Kaffeetrinken, als er irgendwann sagte, so wie aus dem Nichts: Es gibt keine Regeln mehr. Wenn du dich verabredest, heißt das nicht mehr, dass man sich wirklich trifft. Wenn man Sex hat, heißt das nicht mehr, dass man sich wiedersieht. Und eine Liebeserklärung kann zwei Wochen später schon nichts mehr bedeuten. Außer, dass es irgendeine Erklärung war, aber keine Liebe. So ist das jetzt, in dieser Stadt. Ich glaube, wir müssen etwas dagegen tun. Und etwas tun für mehr Wahrhaftigkeit. Paul, wie er mich dann ansah, und eindringlich fragte: Bist du dabei? Paul abends in der Kneipe, als er anderen Gästen erzählte, er könne aus ihren Aschenbechern ihre Zukunft lesen, Paul, morgens um halb sechs, mit Knoblauchsoße vom Döner im Bart. Paul, als er betrunken die Treppe hoch ging, bis in den achten Stock, als er, noch schwer atmend, die Dachluke öffnete und dann dieses Blitzen in seinen Augen, als wir oben auf dem Dach standen. Es war sein Lieblingsplatz, hierher kam er immer, wenn er sonst nirgendwo hin konnte. Paul und das letzte Bier morgens um sieben und der Sonnenaufgang über Berlin. Paul, der immer gehen musste und nie bleiben konnte, der suchte, und selbst nicht wusste, wonach, der immer auf Reisen war und nie ganz da, wo er war. Außer, wenn er auf diesem Dach stand und über die Stadt blickte. Paul, als er zum Frühstücken vorbei kam und einen riesigen Berg Croissants mitgebracht hatte und später vorschlug, mir einen Hamster zu kaufen, oder ein Huhn, das die Krümel auf dem Boden essen könnte. Paul mit Gitarre im Park, er war der schlechteste Gitarrenspieler, den ich kannte. Und der beste Sänger. Hätte er das mit der Gitarre sein gelassen, hätte er wohl ein großer Musiker werden können, lachte er immer. Paul in einer der Nächte, in denen er auflegte, mit seinen großen Kopfhörern, hinter den Plattentellern versunken in einer anderen Welt. Irgendwann kam immer der Moment, in dem er alle eingefangen hatte, der Moment, in dem sie ganz ihm gehörten. Das war der Moment, in dem er die Musik ganz aufdrehte und ab dem alles, was passierte, so schien, als könnte es für immer sein. Schnitt. Paul bei unserem letzten Treffen. Vorgestern. Als er sein Bier stehen ließ, vor der Bedienung auf die Knie sank und sie anflehte, ihm einen Block und einen Stift zu leihen, das Lächeln der Kellnerin dabei, und wie sie ihm später noch ihre Nummer auf den Block schrieb. Paul, als er Pizza bestellte und sich beim Essen die Zunge verbrannte, als er malte, die kleinen Figuren, mit denen er den Kindern an seiner Schule das Zeichnen beibrachte, und als er eine Skizze machte, vom Grundriss der Wohnung, von der er träumte, als er erzählte, von all seinen Plänen, schwärmte, von seiner großartigen Zukunft. Paul.

Ich blinzle. David steht immer noch vor mir. Ich weiß nicht, wie lange schon.

Ich hatte es nicht mitbekommen. Will ich sagen. Was passiert ist, will ich fragen. Da winkt der Typ am anderen Ende der Bar David zu sich, es ist der, der nie grüßt, er will bezahlen, ich will sagen tut mir leid, das geht jetzt nicht, David formt ein lautloses geh nicht weg mit seinem Mund, nimmt seinen Geldbeutel und geht. Ich zünde noch eine Zigarette an, ziehe daran, so sehr ich kann, der Rauch steigt mir in die Augen, sie tränen, das wäre ein guter Moment, um zu weinen.

Um sechs Uhr schließt David die Türen der Bar hinter uns zu. Schweigend gehen wir die Straße hinunter. Ich war lange nicht da, aber ich kenne den Weg. Und wir haben Zeit.

Um halb acht geht die Sonne auf.

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Du, ich und das Meer: Gewinne einen Hauptgewinn

Die Autorin dieser Zeilen sitzt in diesem Moment, beim Verfassen derselben, in einem überaus niedlichen Café weit außerhalb der Tore Berlins. Fern von zuhause, ganz nah am Meer den Kopf ein bisschen freikriegen, vor allem aber sehr viel arbeiten und noch mehr schreiben – das ist der Plan.

Und weil die Plätzchenaktion schon so lange her ist und ich euch, hoch verehrte Leserschaft, so schätze, gibt es nun mal wieder etwas.

Was zu tun ist: einfach hier kommentieren und bis Mittwoch Abend Geduld haben, da verrate ich, welche fünf Glücklichen mitreisen.

Was es es zu gewinnen gibt, das wird aussehen wie eine Postkarte. Doch es wird eine besondere Postkarte sein: Handgeschrieben, veredelt mit Küstenwind, einer Prise Sand und einer klitzekleinen Spur Tee mit Kandis, mit Apfelstreuselkuchen und Schlagsahne und einem Schuss Rum.

Eine kleine Alltagsflucht, ein Augenblick weg von allem, eine Reise hierher ans Meer. Ich freue mich auf eure Kommentare und wünsche viel Glück! Und jetzt schon: gute Reise.

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Wegweh

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Meine Augen laufen die Schienen entlang, ich zähle die Schwellen, bis sie verschwimmen und verschwinden. Zu viele Bilder pro Sekunde, als der Zug schneller fährt, und die Bäume an der Strecke verschwimmen zu einem einzigen Grün. Strommasten, Felder, Hochspannungsleitungen, Feldwege, Häuser, Gleisbetten, Hochhäuser, Autobahnen, der Zug wird langsamer, bleibt stehen. Ich wuchte meine Tasche aus dem Gepäckfach, steige aus, atme ein. Wieder eine neue Stadt. Wieder ein Bahnhofsgebäude, das von innen genauso aussieht wie alle anderen, in Brandenburg, in Magdeburg, in Braunschweig, in Wolfsburg, die selbe beschissene Architektur, die keine ist, die selben beschissenen Läden, die selben beschissenen Raucherzonen ganz am Ende des Gebäudes. Ich lasse meine Tasche fallen, setze mich daneben auf den Boden und es ist mir egal, dass ich einen Minirock trage, wie mir alles egal ist.

Ich zünde eine Zigarette an und wundere mich, wie man anfangen kann, Menschen zu vermissen. Den Menschen an sich, als Gruppe eine verachtenswerte Spezies, als Individuum durchaus beachtens- und liebenswert. So passiert es manchmal doch, dass einem ein Mensch passiert. Einem frontal ans Schienbein kracht, in den Magen, in den Kopf, ins Herz, schon ist er da, und dort, wo er ist, ist ein Fleck, und der geht nicht so einfach weg.

Seit eineinhalb Jahren nun wohne ich in der selben Stadt. Es ist eine große Stadt, die, wie jede Stadt, in Wahrheit, ein einziges Dorf ist. Meist geschah es bisher nach spätestens einem Jahr am selben Ort: das Wegweh packte mich. Wegweh, die große Sehnsucht nach nichts. Wegweh weiß nicht wohin mit sich und seiner Sehnsucht, es weiß nur, dass es weg muss. Wegweh kann enden in einem Dorf im tiefsten Mecklenburg-Vorpommern, in Bielefeld, an einem norwegischen Fjord oder in einem Flieger nach Kalifornien, das Wegweh weiß nie, wo es endet, sobald es einmal angefangen hat.

Wegweh ist schwer zu diagnostizieren und noch schwieriger zu therapieren, denn wo soll man hinfahren, wenn man nicht weiß, wohin? Jedes Verkehrsmittel ist im Zweifelsfall das falsche, jeder Zug fährt in die falsche Richtung, jedes Flugzeug landet an einem falschen Flughafen, und dann steht man da und hat nichts, geschweige denn irgendeine Ahnung. Denn man könnte froh sein, weg zu sein, aber man ist nur überzeugt, im falschen Weg zu sein, am falschen Ort, und obwohl man weg ist von da, wo man herkommt, ist es doch alles nicht richtig.

Alles, was einem übrig bleibt gegen das Wegweh, ist der Versuch einer Distanz. Man könnte beginnen mit einer Distanz zu sich selbst, damit, zu hinterfragen, woher es kommt, das Wegweh, was sich änderte, wenn man weg ginge, sich aus allem zurückzoge, sich von allem entfernte. Aber am Ende wären das nur nervige Fragen an einen überforderten Kopf, Fragen, die doch eigentlich ohnehin nur ein Bauch beantworten kann. Doch der Bauch spricht nur selten, nur, wenn es ganz still ist um einen herum, wenn er Lust hat und in guter Stimmung zum Plaudern ist. Die Stadt ist zu laut, als dass man da noch den Bauch hören könnte, der Lärm übertönt ihn und meist bleibt einem so kaum etwas anderes übrig, als es einfach zu versuchen. Sich wegzubewegen. Selbst wenn man dann nicht weiß, ob man sich in die richtige Richtung bewegt.

Ich stehe auf, nehme meine Tasche, gehe zu einem anderen Gleis, der Zug fährt weiter, ich weiß nicht, wohin. Blaue Bagger, Industrieanlagen, Container, Betonbunker, verfallene Bahnhofshäuser, ein Mensch, man kann gar nicht so schnell schreiben, wie draußen alles vorüberzieht, man kann gar nicht so schnell bemerken, dass für einen halben Augenblick alles gut ist, bevor es schon wieder vorüber ist.

(August 2011)

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Wir waren uns ein Seismograph

Am vorletzten U-Bahnhof vor dem Ende der Welt (das Ende der Welt ist dort, wo Brandenburg beginnt) steht es in großen schwarzen Lettern auf einer Wand.

SIE LIEBT DICH.
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Es war Abend und die Welt tat, was sie zu tun hatte: weit draußen rauschte ein Zug vorbei, irgendwo hockte ein Vogel und sang heiser ein Nachtlied, die Wolken standen am Himmel, weil sie es mussten, die Hochhäuser am Horizont hielten die Erde davon ab, wegzufliegen, die Straßen zementierten die Trampelpfade der Leute, die Ampeln machten den Takt. Alles war wie immer.

Die Lampions glitzerten in der Abendsonne. Die kahlen Bäume versanken in weichem Licht. Es wehte ein Wind, die Art von bewegter Luft, die etwas verhieß, ohne etwas zu versprechen, in der ein wenig Pathos lag, und dort lag er zu Recht. Denn weit außerhalb der Stadt, im Garten eines winzigen Hauses, war nichts wie immer. Dort, auf einem Stück Boden von fünfhundertfünzig Quadratzentimetern, stand Continue…

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Immer wird es Nacht sein

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In meinem Traum warst Du, bis ich begriff, dass Du kein Traum warst, als Deine Stimme sich mit dem Weckerklingeln mischte, als blechern das Geräusch aus deinem Telefon in die weiche Stille des Schlafzimmers krachte. Du rütteltest mich an der Schulter. “Hey! Aufwachen!” Fünf Uhr zwanzig.

Kein Morgen wird gut, nur weil man “guten Morgen” sagt, ich weiß nicht einmal mehr, ob ich zu dir “guten Morgen” gesagt habe, ich weiß auch nicht mehr, wie ich ins Bad kam, meine erste klare Erinnerung ist der erste Wassertropfen aus der Dusche und dass ich dachte, immer, wenn ich dein Haarshampoo benutze, rieche ich wie du, womöglich Continue…

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Geht auf die Straßen raus und tanzt!

Packt eure Mäntel in den Schrank, werft eure Wollschals in die Ecke, lasst eure Handschuhe zuhause und hört auf, euch unter euren Mützen zu verstecken. Steckt eure schwarzen Klamotten in eine Kiste und tragt mal wieder Rot und Grün und Bunt, kippt alle Glühweinreste und den Zimt weg, verbrennt die Tannenbäume und macht die Fenster auf, damit ihr es hören könnt, wenn sie es von den Dächern rufen: der Frühling ist da.

Holt eure Sonnenbrillen raus, poliert eure Fahrräder, räkelt euch, dehnt euch und streckt euch dem Licht entgegen. Lasst eure Bärte wachsen, holt die Fusseln aus euren Bauchnäbeln, schaltet mal auf Durchzug und lasst den Wind an eure Frisuren. Setzt euch auf die Parkbänke da draußen, haltet eure winterblasse Haut in die Sonne, blinzelt in die blauen Himmel, macht eure Ohren auf und hört eure Städte wieder atmen. Macht eure Augen mal wieder auf.

Vergesst den Schmerz, vergesst die Angst, hört auf, irgendwas peinlich zu finden, hört auf, euch ständig Fragen zu stellen. Schaltet eure Köpfe aus, denkt mal nicht nach, hört auf, traurige Gedichte zu schreiben, vergesst die Balladen, die Liebeslieder und alles unter 60bpm, macht mal wieder Sport, probiert aus, wie weit ihr gehen könnt, fahrt mal wieder aus eurer Haut, macht mal was anderes. Biegt falsch ab, fahrt Umwege, geht raus aus euren Zimmern, euren Wohnungen, euren Kiezen, euren Städten, vergesst mal alle Pläne und eure Ziele, lasst eure Terminkalender zuhause und sperrt die Vernunft in einen Käfig. Hört auf, vom Leben zu träumen, geht doch einfach mal da hin, wo es ist.

Bestellt einen großen Container und schmeißt weg, was euch die Luft nimmt und sagt zum Abschied leise fuck you, weint keinem Ding auch nur eine Träne nach, kauft einen Bagger und grabt ein tiefes Loch, bestellt die Betonmischer und macht ein neues Fundament aus eurer Leidenschaft, stellt Kräne auf und baut euch mal was Neues auf, bemalt eure Wände mit neuen Farben, und seid doch einfach mal großkariert.

Trefft Leute, die gut für euch sind, und wenn ihr weggeht, bringt Blumen mit, nehmt alles wahr, aber nichts für selbstverständlich, nehmt mit, was ihr könnt. Hört auf, euch aufzugeben. Verschenkt euch.

Wacht doch mal morgens auf und sagt YEAH!, seid doch einfach mal gut drauf und pfeift ein Lied auf alles. Sucht euch was, wofür ihr brennt, und zündet eure Feuer wieder an, sucht euch wen, der euch mitnimmt, geht ans Ende der Welt oder weiter und kauft euch keinen Rückfahrschein.

Macht euch keinen Kopf und keine Gedanken, macht euch lieber mal ein Bier auf und macht euch einen Reim drauf, erzählt euch Geschichten und das Blaue vom Himmel, fahrt Karussell und Achterbahn, rennt und springt und balanciert auf Mauern, fahrt freihändig Fahrrad und steht wieder auf, wenn ihr runterfallt.

Trinkt Getränke, die in der Sonne glitzern, esst Eis, kauft Kuchen und planiert die Straßen mit Krümeln. Lacht und singt und lasst es doch einfach egal sein, wer euch dabei beobachtet. Spürt doch mal wieder was, freut euch, dass ihr wieder am Leben seid, und feiert der Unvernunft ein großes Fest.

Kehrt den Dreck aus euren Körpern, fegt die Winterreste auf den Straßen zusammen und schmeißt sie weg, baut eure Städte wieder auf, sortiert eure Leben und pustet den Staub von euren Herzen, geht mal wieder knutschen, seid jung, seid laut, seid wild, dreht die Regler bis zum Anschlag, hört Musik, die das Leben feiert.

Hey, ihr: geht auf die Straßen raus und tanzt!

 

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