robben

Es sind nicht unbedingt die schlechtesten Geschichten, die beginnen mit Geht eine Frau in den Wald.

Ich ging, legte mich auf den Boden, robbte mit der Kamera vor dem Gesicht durchs Unterholz und kam nach vier Stunden wieder aus dem Wald heraus: mit trockenen Blättern und Zweigen in den Haaren, Dreck im Gesicht, verschrammten Armen und Grasflecken und Tannennadeln auf der Kleidung.

Was dabei entstand, ist eine Explosion von Farben und Licht und eine Ode an den Frühling. Viel Spaß!

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Frühling irrt sich nicht

Das Jetzt ist immer da. Langsam genug, den Fluss der Zeit dauerhaft umzuleiten, und doch so kurz, so schnell, dass man es am besten im Rückspiegel erkennen kann.

Doch der Frühling lässt sich Zeit.

Selbst wenn wir die Augen zusammenkneifen, ein bisschen abwarten und dann zusehen, wie alles klein wird, verschwimmt und im Blau verschwindet, sehen wir ihn nicht. Selbst die Sonne versteckt sich, in dunklen Pfützen von geschmolzenem Schnee und Dreck, zwischen den Kieseln und unter Resten von Feinstaub. Alles, was wir jetzt noch haben, sind die Blätter vom letzten Jahr, die alten Schlagzeilen. Was noch ist, ist eine Geige, ein bisschen Musik mit klammen Fingern; ein Stück Schnee und eine aufgerauchte Kippe; ein Restleben in Form eines Asts; ein Bild von einem Vogel, den keiner sieht. Und was uns bleibt, sind die alten Parolen vom letzten Sommer. Wir können nur still stehenbleiben, die nassen Blätter, die letzten Schneeflocken betrachten, zwischen Dornen und den letzten Blüten vom Herbst, und zusehen, wie weiter Schnee darauf fällt. Es schneit weiter, weiter, weiter und wir frieren. Zusammen sind wir Feuer, sind wir alleine, ist uns kalt.

Nicht mehr lang, dann werden die Ketten sich lösen und der letzte Schnee wird verschwinden. So lange spähen wir hinter Vorhängen hervor und sehen nach, wie kalt es aussieht. So lange warten wir, bis der Tee nach Minze, Orangen und Honig schmeckt, orientieren uns an Großbuchstaben, sitzen vor den neuen Parolen, wir denken daran, wie wir fliegen konnten, und warten, bis die Katze winkt, damit endlich die Sonne zurückkehrt. Dann werden wir es einfach ausprobieren, einmal vorsichtig die ersten Schritte daraufsetzen, wie kleine Kinder, und sehen, ob es trägt. Wir werden Zeichen sehen, Zeichen setzen und einem Pfad folgen. Und es wird uns egal sein, dass er in die Unendlichkeit führt.

Der Frühling irrt sich nicht.

                                      

Tempelhofer Freiheit | März 2013

Rehe

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Ich zünde noch ein Streichholz an, denn ich will sehn, wie es verbrennt, ich will die Straße runtergehn und dann nur einmal noch so tun, als wüsste ich, wie alles geht. Als könnte ich lachen, an den richtigen Stellen, als könnte ich fragen, nach den wichtigen Sachen, als wüsste ich die Antworten auf die Fragen, die so sehr brennen, dass sie Dörfer zerstören und Städte zu Asche machen und Menschen zu Ruinen. Ich will dich sehen und so tun, als wäre es nicht die falsche Zeit für warme Jacken und lange Kleider und für Herbstblätter, die vom Baum fallen und in deinen Haaren landen und als ginge das alles, wenn wir nur weitermachten wie bisher, wenn wir nur andere Kleider trügen, weil es doch so warm ist, und wenn wir nur immer die selben Masken aufsetzten, um einander unsere Gesichter nicht zu zeigen. Ich will so tun, als müssten wir uns nicht stören lassen von den Kleinkriegen und Kampfpreisen, von den Geiern, die über Köpfen kreisen, von der Jahrmarktmusik überall und unserer Unfähigkeit, über Wasser zu laufen.

Wo ich auch bin, immer gehst du neben mir und bleibst an Straßenschildern stehen, du legst den Kopf in den Nacken, all dein Staunen sammelt sich in deinen Augen, sie glänzen, du lächelst, deutest nach oben, ich sehe dir nach, bis dahin, wo das Schild endet und der Himmel beginnt und bis zu der Zeit, wo du weitergehst. Wir gehen nebeneinander, ohne dass einer den anderen überholt, weil du deine Schritte kürzer machst als sonst und ich etwas schneller gehe, als ich gehe, wenn ich alleine bin, es ist kein Kompromiss, es ist die einzige Möglichkeit, die wir haben, um nicht stehenzubleiben.

Wir gehen in den Park, da ist ein Rehkitz zur Welt gekommen, ich mag es, du auch, nur noch ein Jahr, und es wird aussehen wie all die anderen Rehe. Es ist Jahre her, dass ich das erste Mal bei den Rehen war. Sie sind wie Menschen, wenn man sich geschickt vor ihnen tarnt, kann man überall sein, wo man sein will, und man wird niemals gesehen. Das Haus verlasse ich nur noch, wenn ich meine Tarnjacke trage, Schuhe mit leisen Sohlen und schwarze Handschuhe. Niemand hört es, wenn ich mich anschleiche, ich muss nur still stehenbleiben und keiner weiß mehr, dass ich da bin, und niemand bemerkt es, wenn ich gehe. Was ich auch berühre, nirgends bleibt eine Spur von mir.

Das alles erzähle ich dir, während du den Vögeln hinterhersiehst, die aus dem Süden zurückkommen, irgendwann ist mein Satz zu Ende und ich auch, du siehst immer noch in den Himmel, obwohl die Vögel längst verschwunden sind, dann sagst du nichts, kletterst auf einen Baum, setzt dich auf einen Ast. Dann startet irgendwo ein Flugzeug, ich habe keine Streichhölzer mehr, du hängst du kopfüber vom Baum. Ich habe doch noch nie über Fledermäuse nachgedacht.

Und nachts, wenn ich nicht schlafen kann, dann liegst du mit mir wach. Und erzählst mir das Blaue vom Himmel.