Kübel voll Eiswasser und kein Frühstück: der Februar

Gemacht
Keinen Bikini eingepackt
Im Schnee versunken

Am Lagerfeuer gesessen
Nackt durch den Wald gerannt
In der Sauna gesessen
Huskyschlitten gefahren

Im Hot Pot gesessen und Whisky getrunken
Ins Eisloch gehüpft
Zum ersten Mal nach 5 Jahren ein Konzert gespielt
Einen Husky gewonnen

Die Menschheit gehasst (und meinen Zahnarzt besonders)
In der Küche gesessen und nächtelang geredet
Einen Bürobesuch
“Kaffee getrunken”™
Ein Konzert verpasst

Gesehen
1,20m Schnee

Gehört
“Hello again, ich sag einfach hello again”
“Anziehn, anziehn!”
“You’re a totally crazy woman.”
“Da geht noch was!”
Leeeenaaa, du hast es oft nicht leicht.”

“I LOVE YOU BABY AND IF IT’S QUITE ALRIGHT …”
“So ein Lagerfeuer ist doch das schönste Fernsehprogramm überhaupt.”
“Warte, ich hole noch Kaugummi, falls wir heute doch noch knutschen.”

Gewesen
Berlin, Helsinki, Enontekiö (Lappland), Hamburg
Beim Zahnarzt
Im Café
Beim Steuerberater
Beim Anwalt

Gehabt
Schnee unter dem Pullover
Kübel Eiswasser im Rücken
Rentierfilet

Ein neues T-Shirt
Pizza
Einen geheimen Termin


(Bild: Alex Feyerke)

Geredet
“Ich bin zu alt für dich.” – “Als ich vier Jahre jünger war als heute, war ich schon mit Menschen zusammen, die älter waren als du jetzt.” – Und jetzt bin ich dir zu jung?” – “… .”

“Eigentlich fand ich meine Weisheitszähne gar nicht SO scheiße.”
“I hate you.” – “I hate you more.”
“Kannst du mal irgendeine Emotion zeigen?” – “Du zeigst doch schon so viele.”
“I don’t make plans. And I don’t make breakfast.”
“Tschüss.”

Gemerkt
Fließend Wasser ist schon, wenn man sich das Duschwasser mit einer Kelle über den Kopf schüttet.
Ich darf mir nicht immer die Haare schneiden, nur weil ich das Surren des Haartrimmers so mag.
Reden ist manchmal schon ganz gut.
Küche schlägt Party.

Gehört (2)
“Ich habe das Gefühl, das ist alles grotesk überschätzt: Parkett und Stuck und Flügeltüren und Balkon und keine Raufaser, bloß keine Raufaser! Die Leute führen sich auf als ginge es um Leben und Tod, dabei geht es doch bloß um die Wohnung. Alle sitzen sie, untereinander und übereinander und nebeneinander und in ihren Altbauwohnungen und warten darauf, dass sie glücklich werden. Lauter Glücksanwärter mit abgezogenen Dielen und Flügeltüren, die sich einbilden, sie könnten nur glücklich werden, wenn keine Raufaser an der Wand klebt.”

Gefeiert
Hoodie-Geburtstag

Geschrieben
Im Hoodie-Blog:
Die wöchentlichen Linksammlungen
Here comes the sun, here comes the Hoodies: Hoodie Offsite #2 – Lanzarote

Sonst so:
“Die versteckte Lust der Frauen” – eine Rezension
“Explizit ist das neue implizit”

Musik
Silversun Pickups – Make Believe
Moderat – Slow Match

Status
Was? Es ist schon März?

Das Miel’sche Anti-Winterdepressions-Paket incl. Packungsbeilage

Füße im Schnee

Was ist das Miel’sche Anti-Winterdepressions-Paket und in welchen Fällen wird es angewendet?

Das Miel’sche Anti-Winterdepressions-Paket ist eine liebevoll zusammengestellte, hoch wirksame Formel zur Linderung und, frühzeitig eingesetzt, Verhinderung von jahreszeit-, und kältebedingten Stimmungsschwankungen. Anwendungsfall: Winter.

Welche Wirkstoffe sind enthalten?

Zauberhafte Lieblingsmenschen
Gute Freunde
Musik!
Kneipen & Bars
Eine eigene Band Continue reading “Das Miel’sche Anti-Winterdepressions-Paket incl. Packungsbeilage”

Was wärmt: leben mit Ofenheizung

Es ist kalt in Berlin. Sehr, sehr kalt. Man könnte es gar für Schnee halten, das weiße Zeug, das nun zum 378. Mal in diesem Jahr vom Himmel fällt. Und deshalb – liebe Leserschaft mit Zentralheizung. Bitte schalten Sie doch für einen Moment Ihre Heizung aus und öffnen Sie dann noch für eine Viertelstunde lang die Fenster. Erledigt? Fein.

Herzlich willkommen, wir befinden uns nun auf einem gemeinsamen Wärmelevel.

Ich lebe in einer Wohnung mit Ofenheizung. Seit nunmehr drei Wintern. Wohnung mit Ofenheizung, das heißt: Altbau, einer mit diesen weiß lackierten Dielen und Stuck an den Decken, nicht isolierten Fenstern, sehr kalten Wänden, zwei Kachelöfen (einer im Wohn-/Schlafzimmer, einer im Kleiderschrank in der Abstellkammer. Keine Heizung in Bad und Küche, einmal abgesehen von Gasherd und -backofen. Ungefähr 80- bis 100.000 solcher Wohnungen soll es in der Stadt noch geben.

Diese Wohnung hat einige entscheidende Vorteile. Zum einen mag ich sie sehr (auch wenn das Mögen im Winter manchmal schwerfällt). Und, viel wichtiger: Das hier ist 127.0.0.1. Und Zuhause ist, wo du im Dunkeln die Lichtschalter findest. Obendrein ist sie sehr preiswert: die Miete pro Quadratmeter kostet gerade so viel wie eine Tasse Kaffee in einem dieser Berliner Cafés, in denen sie 10 verschiedene Wörter für Filterkaffee kennen.

Der erste Winter, den ich hier verbrachte, war gleichzeitig der härteste: wochenlang Temperaturen um minus 10, minus 15 Grad. Und Schnee. Überall Schnee. Eines Morgens kam ich in die Küche und das Wasser in einem Glas auf dem Tisch war zu Eis erstarrt. Und was habe ich gefroren. Zu der Zeit kaufte ich mir eine zweite Bettdecke und drei sehr warme Wollpullover (die ich meist auch nachts einfach anbehielt. Alle.). Den Gedanken ans Aufstehen morgens finde ich meist ohnehin schon schrecklich genug, aber zu der Zeit war er grauenhaft – allein die Idee, irgendwie den Weg ins Bad überstehen zu müssen, ließ mich noch etwas weiter unter die Bettdecke kriechen. Besonders ungut ist das, wenn mensch krank ist. Sie können gar nicht so viel heizen, wie Sie Schüttelfrost haben können.

Damals, jener erste Winter. Ich hatte kein Geld, kein Auto und kannte niemanden in Berlin. Also zog ich einmal pro Woche mehrere dicke Pullover und einen Parka an, dicke Wollsocken und schwere Stiefel für die Füße, nahm eine große Tasche und den nächsten Bus, der an der übernächsten Straßenecke fährt, und fuhr nach Reinickendorf. Da ist der nächste Baumarkt, und die Kohle dort ist billiger als im Supermarkt (ja, die Supermärkte hier führen Kohle. Für Leute wie mich.). Ich nahm je 10 Kilo Briketts für jede Hand, einen Sack Holzscheite für die Tasche, bezahlte, um die fünf Euro waren das, stapfte zurück, die Straße hinunter, zur Bushaltestelle, manövrierte mich samt Kohle und Holz möglichst unfallfrei und ohne anderen auf die Füße zu treten oder sie aus Versehen mit einem Pack Kohle anzurempeln anzustupsen durch den Bus. Leider klappte das nicht immer so gut. (Erwähnte ich, dass 10 Kilo Kohle recht große blaue Flecke machen?)

Einmal habe ich mir dabei den Fuß verstaucht; zwei Mal hat es in meiner Wohnung gebrannt, in jenem ersten Winter. Im aktuellen Winter fiel mir drei Mal ein Brikett auf den Fuß. Einmal war ein Zeh noch tagelang blau, einmal offenbar angebrochen, einmal blutete es sehr unschön. Und acht Mal sind mir Liebhaber erfroren. Diesen Winter fuhr ich wieder in den selben Baumarkt wie immer, diesmal aber mit einem Auto, und kaufte nicht 20, sondern gleich 250 Kilo Kohle. Um es über ein paar Monate hinweg wirklich schön warm zu haben, braucht es mindestens 500, besser noch 600 bis 700 Kilo. Ich packte die Kohle ins Auto, bekam gerade noch so den Kofferraum zu, fuhr nach Hause und trug sie in den 3. Stock.

Der Trick ist: das Heizen mit Kohle lohnt sich erst dann wirklich, wenn regelmäßig Kohle nachgelegt wird. (“Denn das Wichtigste ist, dass das Feuer nicht aufhört zu brennen, denn sonst wird es ganz bitterlich kalt.” Jan Delay. Ich vermute, dass wir eine Ofenheizungsvergangenheit teilen.) Bis der Ofen so warm ist, dass er beginnt, Wärme abzustrahlen, dauert es gute 6 Stunden. Werden pro Stunde 2 Briketts nachgelegt, bleibt es recht angenehm warm. (Natürlich ist es nur in einem Raum warm. Aber das ist ja auch ausreichend.) Eine reisende Berufstätigkeit wie die meine ist da eher problematisch. Selbst wenn ich vor dem Gehen noch die Maximalstückzahl von 10 Briketts taktisch klug in den Ofen schichte – spätestens 36 Stunden später ist der Ofen aus. Und falls Ihnen noch nicht klar war, was genau es bedeutet, wenn Leute sagen “der Ofen ist aus”: aus heißt aus. Und da geht auch nicht so schnell wieder was an.

Deshalb habe ich mich zugegebenermaßen diesen Winter häufig vor zuhause gedrückt. Und mich jedes Mal aufs Neue gefreut, wenn es völlig reichte, ein Rädchen ein Stück zu drehen und abzuwarten, bis es eine Viertelstunde später richtig warm ist. Eines Abends stand ich, krank, wie ich war, in einem Kölner Hotel, fror, wie frieren nur geht, und freute mich wie ein kleines Kind darüber, dass ich einfach so das Thermostat der Heizung auf über 30 Grad hochdrehen konnte (mir war wirklich sehr kalt). Die Wahrnehmung von Wärme verändert sich, wenn sie nicht einfach so da ist. Weg vom Rädchendrehen, hin zu Kohleschleppen, dreckigen Fingern, Asche und Feuer. Weg von der Selbstverständlichkeit, hin zum Luxus.

Und seit der Ofen wieder ganz aus ist, liege ich manchmal wieder nachts wach, fasse mir an die kalte Nase und träume von Sommer oder einer Zentralheizung.

Ach, übrigens, tun Sie mir doch einen Gefallen. Und schalten Sie endlich Ihre Heizung wieder ein.
Danke. Wissen Sie, ich habe heute meinen großzügigen Tag.

Februar: sie nannten sie “Die Frau mit der Eisensäge”

Gesagt
“Vermissen ist eine Frage der Möglichkeit: Es ist leichter, das Unmögliche nicht zu vermissen, als das unter anderen Umständen vielleicht doch Mögliche.”
“Die Zeiten sind wild und awesome.”
“Wahrscheinlich bin ich wahnsinnig.”

Geschrieben
“Wir müssen reden.”
“Wir müssen uns sehen.”
BITTE FÜTTERN.
“Ich schreibe jetzt über Brüste.”

Gehabt  Continue reading “Februar: sie nannten sie “Die Frau mit der Eisensäge””

Übersommert

Wir haben das doch alles schonmal gehabt, alles schon gelesen, gesehen, gehört, und jetzt blicken wir darauf mit diesem Blick — ja, welchem Blick eigentlich. Wohl mit diesem Blick, der misst, taxiert, der wiegenden Kopfes vergleicht, abwägt und in Gedanken bereits aussortiert. Ein Gesichtserkennungsblick ist das, in dem, was mal Hirn war, sitzt jetzt ein Algorithmus, der nur nach dem sucht, was er schon kennt, das Muster, die Regelmäßigkeit, den Wiedererkennungswert, den Marktwert, den Preis. Es ist ein Blick, der sich entlangtastet an Gesichtsform und Position und Größe der Augen, der einen Haaransatz sucht, Nasenlöcher, Augenbrauen, Wangenknochen, einen Mund, den Übergang zum Hals. Ein Blick, der nur unterscheidet zwischen Hauttönen und den Stellen, an denen sie unterbrochen werden, von Schatten, neuen Farben, denn wo das Rot beginnt, da könnte ein Mund sein. Ein Algorithmus, der nur erkennen kann, was ihm beigebracht wurde, der nur das Bekannte sucht, der die Nuancen zwischen den Konstanten nicht kennt, und am Ende “Gesichtserkennung abgeschlossen” meldet und die Suche beendet. Noch irritieren uns Sonnenbrillen, Hüte und Grimassen, sie machen es uns schwerer, die einfachen Flächen zu erkennen, aber gebt uns nur ein paar Jahre und auch das macht uns nichts mehr aus. Wir sind lernende Algorithmen. Aber manchmal glaube ich, ich möchte auf die Suche gehen, eines Tages, nach einem neuen Gesicht, einem, in dem die Augen schief stehen, in dem ein Grübchen sitzt, aber nur auf einer Seite, nach einem Bart, mit einem Loch auf einer Seite, weil der Barthaarschneider kaputt war, der nach Ohren sucht, vielleicht nach abstehenden. Manchmal wünsche ich mir einen Blick, den Grimassen nicht stören.

Es ist Winter, da fallen keine Blätter mehr, da sind die Bäume kahl, da kräuselt sich an den Fenstern am Morgen der Raureif entlang, da könnten wir das erste Mal seit dem Sommer wieder Herzen auf Autoscheiben malen oder FUCK YOU VERY MUCH, ist ja manchmal auch das selbe, irgendwie. Wir könnten auch zu Karstadt gehen und unser Schlauchboot gegen zwei Paar Schlittschuhe eintauschen und am Fluss sitzen und warten, dass das Wasser endlich gefriert oder dass ein Papierschiff vorbeifährt mit einem Legomännchen als Kapitän und uns mitnimmt, oder dass jemand aus dem Gebüsch springt und sagt “SCHNITT! Alles auf Anfang!”. Im Treppenhaus hat jemand einen Raumduft aufgestellt. Dort, wo ich zur Welt kam, kennt man keine Treppenhäuser, schon gar keine, in denen es immer nach Zigarettenqualm riecht und in denen ein Hausmeister steht, ihm gegenüber der Mann aus dem Erdgeschoss, er lehnt im Türrahmen und beide kippen einen Schnaps. Ich komme aus einer Gegend, in der man Stiegenhaus sagt. Es ist 09:43 Uhr morgens, ich gehe durchs Stiegenhaus zur Wohnung hoch, dusche, wickle das Handtuch um meine Hüften, sehe in den Spiegel, selbst im Spiegel nichts Neues, doch, ich entdecke einen blauen Fleck, kreisrund, unterhalb meines rechten Ohrs.

Wir haben diese Verabredung getroffen, es ist ein Deal, über den wir nie sprechen, von dem wir aber wissen, dass er existiert. Im Prinzip geht es darum, dass wir uns treffen, um Sex zu haben, und dass wir es so tun, dass wir keine Spuren hinterlassen. Wir kennen und wir haben uns, unsere Körper, für eine Stunde, einen Tag, eine Nacht, so lange halten wir uns fest, und sobald wir uns loslassen, können wir aufstehen, aufstehen, duschen, in den Spiegel sehen und so tun, als wäre nichts passiert. Wir lassen uns los und wir sind raus. Und können mit jemand anderem frühstücken gehen. Bisweilen nur nutzt sich das ab, greift sich ab, Haar um Haar, Hautschuppe um Hautschuppe, es verliert sich, und deshalb muss man manchmal etwas haben, das man halten kann, und wenn es nur für einen Tag ein Duft, für einen Moment eine Hand oder für eine Sekunde ein zwei Quadratzentimeter großes Stück eines Halses ist.

Wir haben übersommert, wir haben uns auf Eis gelegt.