Spekulatius vom Wühltisch

(Symbolbild)

Zum ersten Mal seit vielen Jahren habe ich Spekulatius nicht selbst gebacken, sondern gekauft. Am Samstag, den 14. Dezember, war ich im Supermarkt, ich wollte Milch kaufen, fand aber plötzlich den Gedanken an Kekse sehr viel interessanter. Auf dem Weg zum Keksregal kam ich an den letzten Paletten mit den Weihnachtsartikeln vorbei. Genauer: an Paletten mit den Kartons, in denen einst die Weihnachtsartikel lagen: Schokonikoläuse, Lebkuchen (mit Füllung und ohne), Marzipankartoffeln – alles ausverkauft. Enttäuscht ging ich weiter, nahm versuchsweise eine Flasche Spülmittel vom Wühltisch in die Hand, einfach nur, weil ich die grüne Farbe so schön fand, und stellte sie wieder zurück. Doch da, neben dem Spülmittel, zwischen furchterregend großen Chipstonnen und sehr böse dreinblickenden Plüschtigern, da lag ganz versteckt noch eine Packung Spekulatius, wahrscheinlich einst mitgenommen von einem hungrigen Kind und außer Reich- und Sichtweite gebracht von einem Erwachsenen, nein, du hattest heute schon deinen Adventskalender, heute gibt es nichts Süßes mehr! Zum Glück bin ich erwachsen und darf mich so oft so schlecht ernähren wie ich will. Ich warf den Plüschtigern einen bösen Blick zu, nahm die Kekse, legte sie neben Karotten und Kaffee in meinen Einkaufswagen und bezahlte. Es war kein ganz billiger Spekulatius, es war welcher, bei dem die Packung gut über drei Euro kostet, entsprechend hoffte ich doch auf eine gewisse Qualität. Zuhause räumte ich die Einkäufe in den Kühlschrank und das Vorratsregal, kochte Suppe für einen Freund, war noch einmal unterwegs und kam wieder nach Hause. Dann, spät am Abend, holte ich die Spekulatius aus dem Regal, öffnete die Packung, nahm den ersten heraus, biss hinein, er schmeckte wirklich sehr gut. Erst als ich den zweiten herausnahm, da sah ich, dass die Spekulatius nicht einfach übereinander in die Schachtel vom Wühltisch geschichtet waren, sondern eng aneinander lagen, immer zwei, Bauch an Bauch, wie zwei einander sehr zugewandte Menschen. Ich empfand diesen Gedanken auf eine gewisse Art als sehr tröstlich.

Erst am Morgen darauf beim Kaffeetrinken fiel mir ein, dass ich ja eigentlich Milch kaufen wollte.

Es ist wie jeden Samstag: Die Leute rennen durch die Straßen, stoßen mit großen Einkaufstüten an andere Leute, stolpern in Geschäfte, fahren mit ihren Einkaufswägen über Füße und durch einen kleinen weißen See, den eine zerbrochene Milchflasche auf den Fliesen hinterlassen hat. Das Pling der Scannerkassen, das Stimmengewirr, das streitende Pärchen, das sich nicht auf eine passende Pralinensorte für seine Mutter einigen kann, und im Radio der Wetterbericht (12 Grad an Heiligabend und es wird viel Stau geben). An der Kasse die unangenehm laute Stimme der älteren Dame, die einen mittelalten Herrn beschimpft und dieses Gefühl des Fremdschämens, das Frösteln bei dem Gedanken, dass man mit ihr mindestens eines gemeinsam hat, und sei es nur eine in Ansätzen ähnliche Genstruktur. Die Überlegung, ob es nicht manchmal besser wäre, ein Hamster zu sein, oder ein Zwergkaninchen (in jedem Fall ein niedliches Tier).

Es ist wie jeden Samstag. Und es schneit wieder, als wollte es beweisen, dass es das kann, und dass das geht. Als bräuchte es ständig einen Beweis, für das, was ist. Einen Beweis für jemand anderen, oder für einen selbst, als müsste man sich ständig kneifen, um herauszufinden, Continue reading “–”

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Es ist wie jeden Samstag: Die Leute rennen durch die Straßen, stoßen mit großen Einkaufstüten an andere Leute, stolpern in Geschäfte, fahren mit ihren Einkaufswägen über Füße und durch einen kleinen weißen See, den eine zerbrochene Milchflasche auf den Fliesen hinterlassen hat. Das Pling der Scannerkassen, das Stimmengewirr, das streitende Pärchen, das sich nicht auf eine passende Pralinensorte für seine Mutter einigen kann, und im Radio der Wetterbericht (12 Grad an Heiligabend und es wird viel Stau geben). An der Kasse die unangenehm laute Stimme der älteren Dame, die einen mittelalten Herrn beschimpft und dieses Gefühl des Fremdschämens, das Frösteln bei dem Gedanken, dass man mit ihr mindestens eines gemeinsam hat, und sei es nur eine in Ansätzen ähnliche Genstruktur. Die Überlegung, ob es nicht manchmal besser wäre, ein Hamster zu sein, oder ein Zwergkaninchen (in jedem Fall ein niedliches Tier).

Es ist wie jeden Samstag. Und es schneit wieder, als wollte es beweisen, dass es das kann, und dass das geht. Als bräuchte es ständig einen Beweis, für das, was ist. Einen Beweis für jemand anderen, oder für einen selbst, als müsste man sich ständig kneifen, um herauszufinden, ob man nicht doch träumt (dabei bekommt man vom Kneifen blaue Flecke). Als könnte man jemals so viel messen, protokollieren, festhalten, wie man fühlen kann. Als genügte es nicht manchmal einfach, sich sicher zu sein. Ohne einen Beweis zu haben.

Dicke Flocken stürzen vom Himmel, machen sich auf Rücken und Schultern breit, verirren sich zwischen Händen und Haaren. Man kann versuchen, sie zu sammeln. Jede von ihnen ein Beweisstück für — ja, wofür eigentlich. Für den Winter, für den Moment, dafür, dass man doch noch etwas fühlen kann. Und wenn es nur die Kälte ist. Oder dafür, dass man es kann, das Fangen, das Festhalten. Man kann die Hände nach dem Schnee ausstrecken, ihm hinterherlaufen. Als genügte es nicht einfach, an einer Stelle stehenzubleiben und abzuwarten, was geschieht. Oder weiterzugehen, ohne zu wissen, wie das Wetter in fünf Minuten ist. Ob dann nicht die Sonne kommt und alles taut und verschwindet. Wie viel man festhalten kann, ist mehr eine Frage des Glücks und des Wetters als der eigenen Fähigkeit, Schneeflocken zu fangen.

Alles, was noch zu sehen ist, ist eine weiße Wand. Gut ist dann, wenn man nach Hause findet, auch ohne besonders viel zu sehen. Eine Schneeflocke landet auf der Oberlippe. Sie ist kalt, sie schmilzt, und sie schmeckt ein bisschen salzig. Fünf Minuten später schneit es immer noch. Und das beweist gar nichts.

Weihnachten 2012: Bekenntnisse einer Nichtfeiernden

Überall wo man etwas kaufen kann bei Facebook schreit es schon seit Monaten BALD IST WEIHNACHTEN. Und dann wacht man eines Morgens friedlich auf, und es ist der 21. Dezember. 3 Tage bis Heiligabend.

OH.

Nun ist ja der gregorianische Kalender bereits seit ein paar Jahren relativ konstant, mit dem Eintreten von Weihnachten wäre also zu rechnen gewesen. Allerdings führen Weihnachten und ich eine On-Off-Beziehung, weshalb es für mich jedes Jahr wieder recht überraschend kommt. Genauer gesagt:
ich feiere kein Weihnachten.

Natürlich freut sich auch der kleine Atheist in mir, dass an Weihnachten immer fast alle frei haben (sogar ich). Was also macht jemand, der zuhause bleibt, dessen Freunde zum größten Teil nicht in der Stadt sind und der sich dem Weihnachtsrummel entziehen will? In einigen Jahren habe ich an den Weihnachtsfeiertagen trotzdem gefeiert – mit Freunden, einer_einem Liebsten. Dass wir uns haben. Und dieses Leben. Manches Jahr war auch wie 2010, als ich am 22. Dezember umzog: es schneite wie in einem Roland Emmerich-Film, auf den Straßen lag kniehoch Schneematsch und an Heiligabend war ich immer noch mit dem Auspacken nasser Umzugskartons beschäftigt.  Continue reading “Weihnachten 2012: Bekenntnisse einer Nichtfeiernden”

allein ein regen/vor/weihnachts/sams/tag. /// macht. aber kein gefühl.

ich schleiche durch die stadt, die ihren körper in geschwätziges getrappel und eine regenwolke hüllt und ihr fahles gesicht mit greller weihnachtsbeleuchtung überschminkt hat. laufe mit meinem roten wintermantel durch die weihnachtsgansartig gestopfte fußgängerzone, und meine schuhe klackern gegen den takt.

denn in gedanken streiche ich noch einmal über deine eisluftspröden lippen, _______________________________ . und weil du vor 27 stunden, 12 minuten und 76 sekunden ein letztes mal gegangen bist, fühle ich mich tausendfach einsamer als die hälfte einer zweisamkeit. und kann noch nicht einmal so tun, als wäre ich weihnachtsvorfreudig und glücklich oder verträumt lächelnd ein handy an mein linkes ohr halten und gegen die menge anflüstern. ///

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also laufe ich in schreibwarenläden. fingere mit sehsuchtzitternden fingern nach der tinte in meiner tasche, als wäre sie meine droge. meine augen irren durch den laden, greifen nach den füllern.

und dann schreibe ich dir. auf blöcke, die als überschrift “Bitte probieren Sie” tragen, schreibe dir liebesbriefe auf französisch. schreibe von arriver und s’en aller, und überall (mit vierzehn strichen) je t’embrasse.

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und solltest du an diesem regentag noch einen füller kaufen, wirst du lesen, was ich dir niemals gesagt habe.

du wirst die seiten abreißen, voll ärger, dass jemand das ganze papier verbraucht hat.

und du wirst nie erfahren, dass ich es war.

[vertont.]