“Knistern der Zeit” von Sibylle Dahrendorf in der ZDF-Mediathek

“Ich will, dass auch nach meinem Tod Geo-History Hefte über mich herausbringt.”

Gute Filme erkennt man gern daran, dass sie beiläufig so gute Sätze haben und kleine Geschichten im ganz Kleinen erzählen. Dieser Film erzählt in so guten Nebenhersätzen von einem irrwitzigen Riesenprojekt, und doch etwas, das noch viel größer ist als all das.

“Wir suchen ja noch eine Fläche, also wenn Sie das hier sehen: rufen Sie jetzt nicht an.
Wir haben ja doch kein Telefon.”

Mit ein bisschen Wahn, aber ziemlich viel Sinn. Zum Lachen, Freuen, Erinnern, Heulen. “Ich bin jetzt ganz außer Atem, ich habe nur eine Lunge.”

Und jetzt schaut diesen Film, und wenn ihr ihn schon gesehen habt, teilt ihn, schaut ihn nochmal, irgendwas. Hauptsache, das bisschen Schönheit, die dieses Fernsehen einmal hat, verschwindet nicht ungesehen binnen 7 Tagen in der schwarzen Versenkung der ZDF-Mediathek. Danke.

“Knistern der Zeit” von Sibylle Dahrendorf.  Mit Christoph Schlingensief, Diébédo Francis Kéré, Aino Laberenz, dem Via Intolleranza-Ensemble u.v.a. Bis 28. August in der ZDF-Mediathek.

Der Film “Gerhard Richter Painting” ist jetzt online und warum man sich den auf jeden Fall anschauen sollte

Letzten Sommer gab es Freiluftkino im Volkspark Friedrichshain. Das war ziemlich awesome, da es warm war und ziemlich finster, so dass das einzige, was hell war, die Leinwand und außerdem der Sternenhimmel waren, und außerdem hatte ich einen Physiker dabei, und mit Physikern kann man lustige Diskussionen über so ziemlich alles führen.

Besonders awesome war jedenfalls der Film: Gerhard Richter Painting. Ich fand den Herrn Richter so schon spannend, und seit dem Abend bin ich ziemlich großer Fan, auch, weil er eigentlich völlig verschroben ist und sich ziemlich wundert über den Rummel um seine Person und weil er immer aussieht, als ob er gerade denkt “lasst mich! Ich will doch nur spielen!”. Außerdem hat er’s wirklich drauf. Und deshalb muss man diesen Film unbedingt sehen. Das auf dem Bild hier ist übrigens die Hand Gottes Richters. Die anderen Lichtpunkte sind Parklaternen.

Gerhard Richter sagt auch ziemlich gute Sachen, deshalb habe ich mir während der Vorstellung im Dunkeln mit Filzstift seine besten Sätze auf beide Unterarme geschrieben (ich bin Rechtshänder). (Bei Tageslicht betrachtet erschließt sich der Unsinn dieser Idee, ganz besonders an den durch Unterstreichung gekennzeichneten Stellen.) Das Ergebnis, exemplarisch an einem Unterarm (das auf seine Rücksendung wartende Zalando-Paket rechts unten im Bild hat nur eine Rolle als Statist abbekommen):

Ich habe kein einziges Zitat später noch lesen können, und deshalb und auch für alle, die den Film noch nicht gesehen haben, ist das hier eine besonders gute Nachricht: den Film gibt es jetzt bei Arte (danke für den Hinweis an André). Der Film ist noch bis Mittwoch online, nämlich hier, man kann sich das also ganz toll am Wochenende anschauen (das geht bestimmt auch mit Laptop auf dem Balkon). Ich werde das jedenfalls machen (und diesmal einen Block zur Hand haben).

[vimeo 28851441 620 350]

Oh, Boy

Gehören auch Sie zu den Menschen, die häufig sagen “man sollte ja viel häufiger ins Kino gehen”? Ersetzen Sie “ins Kino gehen” durch “ein Buch lesen”, “ins Theater gehen”, “selbst kochen”, “in Räumen mit Glitzergoldvorhängen sein” oder “früher Feierabend machen”, und vor Ihnen liegt der Lebensentwurf des Durchschnittsgroßstadtmenschen im Satzbaukastensystem.

Dieser Typ, um den es geht, der ist auch irgendwie Großstadt, irgendwie Mensch und irgendwie Durchschnitt, nur mit dem Sollen hat er es nicht unbedingt.* (*Und jetzt huldigen Sie mir bitte für diese gelungene Überleitung, die mir vermutlich post mortem die Günther Jauch-Gedächtnismedaille einbringen wird.)

“Und wenn die Haltung stimmt, hauste drauf.”

Aber beginnen wir von vorne, wo alles begann, also bei der Geburt, überspringen direkt ein paar Jährchen und landen beim Endzwanziger an sich. Und was soll man sagen? Es läuft einfach nicht, beim Endzwanziger. Was genau nicht läuft? Mädchen (keine Zeit, Termine, Termine), Frikadellen (nicht gut), Umzugskartons (stehen eher), Kohle (keine), der Stressless-Sessel (einziges Wort der Welt mit 8 s), das Studium (das Beste, was man mit einem Jurastudium tun kann: abgebrochen), das Verhältnis des deutschen Films an sich zum Nationalsozialismus an sich (eher ungut) und eigentlich Continue reading “Oh, Boy”

nur ein Wort: Schmetterling

Bis Ende 2009 gab es hier die Etymologiekolumne nur ein Wort. Die Autorin hat ein Herz für Sprache und Wörter (zum Unterschied zwischen “Worten” und “Wörtern” sei dieser Beitrag empfohlen) und setzt diese Reihe nun fort. Wer ein schönes Wort kennt und besprochen beschrieben lesen möchte, möge es vorschlagen.

Der Schmetterling ist ein Insekt mit zwei beschuppten, bunt gemusterten Flügelpaaren. Schmetterlinge bilden nach den Käfern die artenreichste Insektenordnung.

Als Herkunft dieses Wortes wird Schmetten für Sahne, Rahm vermutet, das wiederum eine Entlehnung des gleichnamigen tschechischen smetana ist. Einige Schmetterlingsarten wurden offenbar von Rahm oder vom Geräusch des Butterschlagens angelockt. Daraus entsprang vermutlich der Volksglaube, dass Hexen in Schmetterlingsgestalt fliegen, um Milch und Rahm zu stehlen. So entstand auch das englische butterfly, im Russischen heißt Schmetterling babushka. Ein zweiter Aberglaube besagt, dass die Seelen der Verstorbenen in der Verkörperung von Nachtfaltern in den Rahm flogen und ertranken.

Im Altgriechischen hießen die Tiere psyche (Atem, Hauch, Seele), die Göttin Psyche wird daher häufig mit Schmetterlingsflügeln oder einem Schmetterling auf ihrer Hand dargestellt.

Falter

Die Bezeichnung Falter als Synonym für den Schmetterling existierte schon im Althochdeutschen als fifalt(a)ra und bedeutet wie seine weiteren Entwicklungen Flatterndes. Bei fifalt(a)ra und seinen Nachfolgern, u.a. vivalter und fifoldara, handelt es sich um eine reduplizierende Wortform, die Verdopplung verdeutlicht die schnelle Geschwindigkeit des Flatterns. Erst spät, zum Ende des 18. Jahrhunderts, wurde das Wort vereinfacht, und Falter setzte sich durch. Im Italienischen heißen Schmetterlinge weiter farfalla und sind auch als Nudeln (farfalle) zu haben.

Schmetterlingseffekt (butterfly effect)

Der Schmetterlingseffekt ist ein Begriff aus der Chaostheorie. Er drückt metaphorisch aus, dass in einem komplexen System eine kleine Veränderung der Anfangsbedingungen (das Flügelflattern eines Schmetterlings) langfristig große, unvorhersagbare Veränderungen an nachfolgenden Stellen bewirken kann.

Er stammt vermutlich vom amerikanischen Meteorologen Edward N. Lorenz, der 1972 einen Vortrag mit dem Thema “Predictability: Does the flap of a butterfly’s wings in Brazil set off a tornado in Texas?” hielt (und zunächst eine Möwe zur Veranschaulichung verwendete).

Insbesondere für Theorien rund um Zeitreisen ist der Schmetterlingseffekt interessant. So tritt in der 1952 erschienenen Kurzgeschichte A Sound of Thunder von Ray Bradbury ein Zeitreisender im Jahr 2055 auf einen Schmetterling und verändert damit die Zukunft.

Der Schmetterlingseffekt ist nicht zu verwechseln mit dem Schneeball- oder Dominoeffekt, bei dem kleine Einzelteile (Dominosteine) sich über eine Kettenreaktion selbst verstärken.

Butterfly Effect gibt es übrigens auch als Film.

(Quellen: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, Pfeifer, dtv 2005, Wikipedia, Wikipedia II, Faustmann)