Wir waren uns ein Seismograph

Am vorletzten U-Bahnhof vor dem Ende der Welt (das Ende der Welt ist dort, wo Brandenburg beginnt) steht es in großen schwarzen Lettern auf einer Wand.

SIE LIEBT DICH.

Es war Abend und die Welt tat, was sie zu tun hatte: weit draußen rauschte ein Zug vorbei, irgendwo hockte ein Vogel und sang heiser ein Nachtlied, die Wolken standen am Himmel, weil sie es mussten, die Hochhäuser am Horizont hielten die Erde davon ab, wegzufliegen, die Straßen zementierten die Trampelpfade der Leute, die Ampeln machten den Takt. Alles war wie immer.

Die Lampions glitzerten in der Abendsonne. Die kahlen Bäume versanken in weichem Licht. Es wehte ein Wind, die Art von bewegter Luft, die etwas verhieß, ohne etwas zu versprechen, in der ein wenig Pathos lag, und dort lag er zu Recht. Denn weit außerhalb der Stadt, im Garten eines winzigen Hauses, war nichts wie immer. Dort, auf einem Stück Boden von fünfhundertfünzig Quadratzentimetern, stand Continue reading “Wir waren uns ein Seismograph”

Nagyon boldog ist Ungarisch und heißt herzensfroh. Herzensfroh ist ein schönes Wort.

Wenn ich glücklich bin, kann ich nicht schreiben, seufzt du der Rauhfasertapete entgegen.

Ich könnte dir antworten und will es nicht. Wollte ich dir antworten, könnte ich dir erzählen, warum das so ist. Ich könnte dir sagen, dass die Sehnsucht immer erfüllender ist als das Glück. Weil die Idee vom Glück immer schillernder, bunter, gewaltiger sein wird ist als das Glück selbst. Aber dir das zu sagen, wäre zu einfach.

Denn das Glück kommt in kleiner Erscheinung um die Ecke, trägt einen Hut tief in die Stirn gezogen und einen dunkelgrauen Trenchcoat mit hochgeklapptem Kragen. Das Glück raucht zu viel, es trinkt zu viel, es hat zu viele Falten für sein Alter, das Glück hat einen miesen Humor und es hat manchmal Mundgeruch, Continue reading “Nagyon boldog ist Ungarisch und heißt herzensfroh. Herzensfroh ist ein schönes Wort.”

Mein neuer Freund

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Der Mann an sich ist ja ein eher desillusionierendes Wesen.

Da findet man einmal einen, der recht brauchbar ist, und mit “recht brauchbar” meine ich, dass er nicht nur ein Steak braten, sondern auch aufrecht gehen und auf einfache Fragen mit “ja”, “nein” und “vielleicht” antworten kann. Kaum findet man so einen, stellt sich meist binnen weniger Wochen heraus, dass er entweder hauptberuflicher Heiratsschwindler, leidenschaftlicher Numismatiker oder womöglich überzeugter Romantiker ist. Oder den Intelligenzquotienten einer Scheibe Toastbrot besitzt.

Es war ein trüber Tag Mitte Januar und ich zog eine Zwischenbilanz:

In den vergangenen Monaten hatte ich Verabredungen mit Heiratsschwindlern, Numismatikern, Romantikern und Toastbroten erfolgreich überlebt. Die einfachste Überlebensstrategie hierfür war das Vortäuschen falscher Tatsachen, besonders empfehlen sich gebärende Freundinnen. (An dieser Stelle ein Dank an meine besten Freundin, die auf diesem Wege achtunddreißig Kinder binnnen sechs Monaten zur Welt gebracht hat.) Manchmal zog ich auch eine Digitalkamera aus meiner Handtasche und erklärte meinem Gegenüber ausführlich, dass das Treffen die ganze Zeit mit versteckter Kamera gefilmt worden sei und er gerade an einem Casting für die Show “Das Model und der Freak” teilgenommen habe. (Als Model.)

Um es kurz zu machen: Es war ein nicht enden wollender Alptraum. Und ich war an einem Punkt angelangt, an dem das Kapitel Männer endgültig abgeschlossen war.

Also, jedenfalls einerseits. Es gab da noch das andererseits. Denn andererseits fand ich die Idee, weiter Single zu sein, eher nicht gut. So entschied ich: eine neue Beziehung muss her. Also, eine richtige Beziehung. Und keine halben Sachen mehr. Unter Hauptgewinn oder Sechser im Lotto mach ich’s nicht mehr. So dachte ich mir das. Zufällig war in der Stadt, in der ich wohne, gerade Jahrmarkt. Nach all meinem Pech in Liebesdingen beschloss ich, mein Glück im Spiel zu suchen.

Aber, ach, was soll ich sagen: an der Losbude zog ich nur Nieten, ich schoss mit Pfeilen auf Luftballons, da kam ganz plötzlich Sturmwind auf, und der Spielautomat, in den ich mein Kleingeld warf, meldete sich nach Einwurf der letzten Münze als defekt ab. Enttäuscht sah ich mich um: blieben noch die Achterbahn, die Buden mit Zuckerwatte, Süßigkeiten und Currywurst und die Geisterbahn.

Die Aussichten waren schlecht. Mehr als schlecht.

Doch da sah ich es in der hintersten Ecke des Festplatzes: ein kleiner Holzverschlag. Ein Schießstand! Mein kleines pazifistisches Gewissen und meine Abneigung gegen Schusswaffen ließen mich kurz innehalten. Schießen? Für die Liebe? Ich zweifelte. Doch mein Gewissen beruhigte sich schnell: dies war quasi eine Notsituation, und in solchen Situationen muss man Opfer bringen. Ich lief los.

Nach einigen Jahren als Single und vielen nächtlichen Streifzügen durch die Jagdreviere der Stadt hatte ich zwar mittlerweile in meinem Wohnzimmer eine ansehnliche Trophäensammlung aufgebaut. Dass ich jedoch einen Mann tatsächlich einmal mit einem Gewehr erlegen würde, hatte nicht einmal ich für möglich gehalten.

Ich zählte mein letztes Geld.

Ich kaufte 25 Schuss.

Und ich zielte nicht. Ich traf.  Continue reading “Mein neuer Freund”

Kurzzug hält mittig

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Du nimmst das lange Brotmesser vom Tisch, schneidest noch eine Scheibe Brot ab und fragst, wie das Wetter draußen ist, du streichst Butter auf das Brot, ich sage, es ist ganz schön, nur der Wind ist so kalt, aber das ist nicht schlimm, denn die Sonne scheint. Du sagst mhm und streichst Leberwurst auf das Butterbrot.

Du öffnest das Gurkenglas, leckst deine Gabel ab, piekst sie in eine Gurke, ziehst sie heraus, schüttelst sie über dem Glas. Essiggurkenwassertropfen fliegen über den Tisch. Du legst die Gurke auf deinen Teller, hältst sie mit den Fingerspitzen deiner rechten Hand fest, mit der linken schneidest du sie in dünne Scheiben.

Ich beobachte deine Bewegungen mit dem faszinierten Blick eines Forschers, der Affen dabei zusieht, wie sie mit einem Stöckchen Ameisen aus ihrem Bau treiben. Während ich dich beobachte, wie du die Gurke schneidest, merke ich, dass auch dein Mund sich bewegt, es ist der Mund eines Fisches, der Luftblasen macht, dein Mund macht Geräusche, ich sehe sie in einer Wolke durch den Raum schweben und die Wolke aus Rauschen wird immer größer, ich versuche, aus dem Rauschen Wörter zu lesen, du redest mit der Tischdecke, deine Wörter sammeln sich auf ihrem Karomuster, ich kann nicht erkennen, was du sagen willst, und ob ich es bin, die gemeint ist, plötzlich hörst du auf, zu reden, dein Mund bleibt zu und im nächsten Moment sind die Wörter verschwunden. Du siehst auf und sagst, und wenn wir gerade dabei sind, morgen Vormittag kommt der Schornsteinfeger, du hast da doch Zeit.

Du öffnest die Orangensaftflasche und gießt Saft in dein Glas, du machst die Flasche wieder zu, ich sage, danke, dass du fragst, ich habe noch, ich ziehe meine Knie unter mein Kinn und fahre mit meinen Fingern wie mit einem Kamm durch meine Haare. Ich sehe aus dem Fenster. Das Müllauto fährt über die Kreuzung und der Mann mit dem großen Hund schleicht wie jeden Tag um diese Zeit geduckt zwischen den parkenden Autos entlang. Sonst ist nichts los, es ist kurz vor Weihnachten, da fängt keiner mehr an, die Welt zu verbessern, das macht man im neuen Jahr, bis dahin hält man sich beschäftigt mit Grünzeug in Höhe eines mittelgroßen Grundschulkindes, das ist gut zum Zeitvertreib. Man beschäftigt sich mit dem Grünzeug, das gekauft, eingepackt, transportiert, aufgestellt, stabilisiert, gewässert, geschmückt, mit Geschenken unterlegt, beleuchtet, besungen, umgeworfen, wieder aufgestellt, entschmückt, abgebaut, verpackt und entsorgt werden will. Also das Grünzeug. Kaufen wir dieses Jahr eigentlich einen Tannenbaum, frage ich, ich hätte gerne einen. Warum das denn, fragst du, du bist doch eh nie zuhause, das nadelt nur die ganze Wohnung zu. Ich sage, das stimmt natürlich, Schatz, du hast Recht. Dann schweigen wir.

Manchmal ploppt das Schweigen zwischen uns auf wie ein Windows-Systemupdate, das erst ganz klein rechts unten in der Taskleiste herumhängt, da kann man es noch ignorieren, das ist die Zeit, in der wir noch über die Wetteraussichten für die nächsten drei Wochen auf den Falklandinseln reden. Dann wird das Schweigen zu einem riesigen Pop-up-Fenster in der Mitte des Bildschirms, erst lässt es sich noch wegklicken, irgendwann geht das nicht mehr, da kann man nur noch auswählen, ob man in 30 Minuten oder in 4 Stunden den Rechner neu starten will. Und man weiß genau, sobald man den Rechner neu startet, wird das Update wieder an irgendeiner Stelle etwas kaputtgemacht haben, und die Aufgabe ist dann immer, herauszufinden, was es alles kaputtgemacht hat. Jedes Mal, wenn wir uns wieder für Stunden anschweigen, geht etwas kaputt. Und je häufiger unser Schweigen so groß ist, dass es sich nicht mehr übersehen lässt, frage ich mich, was wir uns überhaupt zu sagen haben und ob nicht doch ein neuer Rechner besser wäre.

Du sagst, heute Abend kommt Wetten, dass …?, die letzte Sendung mit Thomas Gottschalk, und ob noch Chips im Schrank sind. Ich sage, ja, aber nur die mit Paprikageschmack, und es sind noch Erdnüsse da, als ich das mit den Erdnüssen sage, bist du nur noch einen Schritt vom Schrank weg, du siehst mich nicht an, du siehst nach den Erdnüssen.

Weißt du, was ich dir zu sagen habe? Manchmal habe ich dir zu sagen: verschwinde dahin, wo der Pfeffer wächst und wo die Pinguine wohnen, fahr doch mal ans Ende der Welt und bleib einfach da, geh für ein, zwei Jahre Zigaretten holen oder Sandkörner zählen in der Sahara, und warst du eigentlich schonmal in New York, auf Hawaii und in San Francisco, in zerrissenen Jeans? Buch doch mal ein One-Way-Ticket zu dem Planeten, wo du herkommst, auf dem Weg dahin kannst du gleich in der Milchstraße den Bürgersteig kehren.

Du schließt die Schranktür, das Schloss schnappt zu, du setzt dich zurück auf deinen Stuhl, er quietscht, als du näher an den Tisch rückst, du streichst mit der Handfläche über die Tischdecke und sagst, wusstest du, dass man Möbel, die man selbst zusammengebaut hat, mehr wertschätzt, das nennt man übrigens Ikea-Effekt. Ich betrachte

das Abtropfgitter
die Badmöbel
das Bett
den Bettkasten
die Deckenlampen
die Garderobe
den Hocker
den Inbusschlüssel
den Kleiderschrank
die Küchenzeile
den Küchentisch
die Nachttische
die Regale
den Sessel
den Schreibtisch
die Schreibtischlampe
den Schreibtischstuhl
die Schubladen
das Sideboard
das Sofa
die Stühle
die TV-Bank
die Vorratsschränke
die Wäschetruhe

und ich sage, nein, das kann ich mir überhaupt nicht vorstellen.

Du setzt den Deckel auf das Gurkenglas und drehst ihn so lange, bis es nicht mehr weitergeht, dann nimmst du deine Gabel, spießt die Gurkenscheibchen einzeln auf und steckst sie in deinen Mund, du kaust, siehst die Tapete über meinem Kopf an und es riecht nach Essiggurkensaft.

Manchmal habe ich dir zu sagen, weißt du noch, wie wir uns kennengelernt haben, hättest du mich damals gefragt, ob ich dich heirate, ich hätte nicht ja gesagt, ich hätte es hinausgeschrieen in diese Stadt, in diese Welt. So einfach war das. Mir war egal, woher du kommst, wie viele Frauen du vor mir hattest, alles, was ich wusste, war, dass du gut bist, zu mir, für mich, alles, was ich wusste, war, dass ich will, dass das mit uns für immer ist. Wir sind jung, weißt du, wie lange noch? Nur dumme Herzen sind vernünftig, also sag mir, wie lange wir noch klug genug sind, um unvernünftig zu sein. Das alles habe ich dir damals nicht gesagt, ich wollte dir meine Gefühle nicht aufdrängen. Du hast ja nicht danach gefragt.

Du streichst Erdbeermarmelade auf die Leberwurst und wirfst das Brot auf den Boden, es fällt nicht auf die bestrichene Seite, dann stehst du auf, steckst die Hände in die Hosentaschen und gehst.

Genussrechte

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Die Idee ist, dass uns die Person auf der Bühne unterhalten soll. Die Idee ist, dass wir für diese Unterhaltung Geld bezahlen. Die Idee ist, dass wir alle lachen und gut drauf sind, damit wir vergessen, wer wir sind, und dafür haben wir schließlich bezahlt.

Dann soll da der Mensch sein, mit dem wir unser Leben verbringen wollen, den ganzen langen Rest, weil wir denken, dass da ein Mensch sein muss, mit dem wir unser Leben verbringen wollen. Darum haben wir Verabredungen, die darin bestehen, dass wir einen Abend lang über zwei Glasränder hinweg eine Wetteranekdote nach der anderen bemühen, ohne je wirklich bei dem anzukommen, worum es einem eigentlich geht, das fällt uns zwischendurch kurz auf, als wüssten wir, worum es eigentlich geht, den Gedanken verwerfen wir gleich wieder, wir wissen doch eh nicht, worum es eigentlich geht, wir müssen es auch nicht wissen, wir sehen einander eh nie wieder, wozu auch, wir reden ja doch nur übers Wetter. Also nehmen wir jemanden mit nach Hause, knutschen im Hausflur, ein bisschen Wildheit muss dabei sein, wir beweisen uns, dass wir das noch können, Sex ist auch so eine Sache, die man rein technisch nicht verlernt, das Radfahren der Erwachsenen, wir finden geil, dass wir das noch können, dass da zwei Körper sind, die funktionieren, mehr ist da nicht, aber hey, wir sind jung, und wir können das, wir haben es einfach drauf, wie wir einfach alles drauf haben, dann noch ein bisschen aufeinander liegen, nassgeschwitzte Körper, und da vorne ist die Tür.

Dann die Leere, wenn jemand geht, mit dem man gerade noch Haut an Haut lag.

Die Leere wollen wir füllen, also suchen wir wieder jemanden für mehr als eine Nacht, vielleicht auch für mehr als zwei, es muss auf jeden Fall jemand sein, mit dem wir nicht übers Wetter reden, wir verlieben uns niemals wahllos, sondern so, dass wir immer die Falschen erwischen. Also spazieren wir am Fluss entlang, vertreiben uns die Tage und die Nächte, wir gehen in die Clubs und feiern die ganze Nacht, bis uns die Haare im Nacken kleben, bis es so heiß ist, dass Kondenswasser von der Decke tropft, und wir tanzen, bis der Moment kommt, in dem auch der Letzte das letzte Bier bestellt, bis wir nichts mehr rauchen und nichts mehr trinken können, und dann müssen wir uns fragen, was wir nun anfangen, mit unseren leeren Händen ohne Bierflasche und Zigarette, mit dem Mund ohne Alkohol und Nikotin und ohne Worte, die eines Gegenübers bedürften.

Dann die Frage, was wir anfangen, alleine mit uns.

Also ziehen wir die Schuhe aus und laufen barfuß zur U-Bahn und unsere nackten Füße hinterlassen kleine Spuren im Neuschnee. Alles, was bleibt, ist das bisschen Musik, das der Kopfhörer noch hergibt. Und nicht einmal die Musik weiß, was wir denn noch tun sollen, wenn niemand anders mehr da ist. Wir zögern die Heimfahrt hinaus, tingeln durch U-Bahn-Stationen, hören scheißtraurige Musik, wir wollen nicht mehr fluchen, wir wollen uns an eine gekachelte Wand lehnen, langsam zu Boden rutschen, am Bahnsteig sitzen und weinen. Das macht man nicht. Was wir machen, ist: wir steigen in die Bahn, zu all den anderen Helden der Nacht, wir blicken starr geradeaus und sehen den Fliesen an den Wänden im U-Bahnhof nach, wir steigen aus, wir steigen um, irgendwann ist es unausweichlich, Endstation, Fahrgäste bitte alle, aussteigen, müde die Treppen hochsteigen.

Dann das Morgenlicht.

Vögel zwitschern, es hat geregnet, wir wissen nicht, warum und wann, es interessiert uns nicht, wir wollen nur noch nach Hause. Wir wollen nur noch nicht nach Hause. Der Körper ruft nach einem Bett, der Kopf weiß, dass eine stille Wohnung ohne Geräusche das letzte ist. Das ist der Grund, warum so viele Menschen gut schlafen können, wenn der Fernseher läuft.