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Es ist wie jeden Samstag: Die Leute rennen durch die Straßen, stoßen mit großen Einkaufstüten an andere Leute, stolpern in Geschäfte, fahren mit ihren Einkaufswägen über Füße und durch einen kleinen weißen See, den eine zerbrochene Milchflasche auf den Fliesen hinterlassen hat. Das Pling der Scannerkassen, das Stimmengewirr, das streitende Pärchen, das sich nicht auf eine passende Pralinensorte für seine Mutter einigen kann, und im Radio der Wetterbericht (12 Grad an Heiligabend und es wird viel Stau geben). An der Kasse die unangenehm laute Stimme der älteren Dame, die einen mittelalten Herrn beschimpft und dieses Gefühl des Fremdschämens, das Frösteln bei dem Gedanken, dass man mit ihr mindestens eines gemeinsam hat, und sei es nur eine in Ansätzen ähnliche Genstruktur. Die Überlegung, ob es nicht manchmal besser wäre, ein Hamster zu sein, oder ein Zwergkaninchen (in jedem Fall ein niedliches Tier).

Es ist wie jeden Samstag. Und es schneit wieder, als wollte es beweisen, dass es das kann, und dass das geht. Als bräuchte es ständig einen Beweis, für das, was ist. Einen Beweis für jemand anderen, oder für einen selbst, als müsste man sich ständig kneifen, um herauszufinden, ob man nicht doch träumt (dabei bekommt man vom Kneifen blaue Flecke). Als könnte man jemals so viel messen, protokollieren, festhalten, wie man fühlen kann. Als genügte es nicht manchmal einfach, sich sicher zu sein. Ohne einen Beweis zu haben.

Dicke Flocken stürzen vom Himmel, machen sich auf Rücken und Schultern breit, verirren sich zwischen Händen und Haaren. Man kann versuchen, sie zu sammeln. Jede von ihnen ein Beweisstück für — ja, wofür eigentlich. Für den Winter, für den Moment, dafür, dass man doch noch etwas fühlen kann. Und wenn es nur die Kälte ist. Oder dafür, dass man es kann, das Fangen, das Festhalten. Man kann die Hände nach dem Schnee ausstrecken, ihm hinterherlaufen. Als genügte es nicht einfach, an einer Stelle stehenzubleiben und abzuwarten, was geschieht. Oder weiterzugehen, ohne zu wissen, wie das Wetter in fünf Minuten ist. Ob dann nicht die Sonne kommt und alles taut und verschwindet. Wie viel man festhalten kann, ist mehr eine Frage des Glücks und des Wetters als der eigenen Fähigkeit, Schneeflocken zu fangen.

Alles, was noch zu sehen ist, ist eine weiße Wand. Gut ist dann, wenn man nach Hause findet, auch ohne besonders viel zu sehen. Eine Schneeflocke landet auf der Oberlippe. Sie ist kalt, sie schmilzt, und sie schmeckt ein bisschen salzig. Fünf Minuten später schneit es immer noch. Und das beweist gar nichts.

Eigentlich … oder: ach, egal

Eigentlich ist es doch egal, dass der Winter nicht vorbeigeht. Dass ein neuer Laptop unbezahlbar ist, und eine neue Brille auch. Und dass die Lieblingsbücher mitten in der Nacht verbrannt sind.

Eigentlich ist das alles so egal. So lange wir noch Eislaufen gehen. Durch die Stadt streifen, als wäre das nicht unser Zuhause. Und so lange wir tanzen.

Alles, alles was du siehst, gehört dir. (PeterLicht)

Wünsche für Feinde: Pest, Cholera oder Winter-Wohnungssuche in Berlin

An einem eisigen Dezemberabend mitten im Berliner Winter (ein spezieller Winter, musste ich mir im August sagen lassen. Spätestens Anfang November dämmerte auch mir: Stimmt). Dreißig Zentimeter hoch liegt der Schnee auf Straßen, Gehwegen, Kaufhausfluren, und kein Ende in Sicht. Es ist erst früh am Abend, stockfinster, aber nirgends auch nur eine Menschenseele zu sehen. Ein Schneesturm tobt, der Wind hat die Straßen leergefegt. Wer kann, rettet sich ins Warme.

Wer kann.

Wer nicht kann, läuft permanent gegen den Wind und blinzelt gegen die Schneemassen an. Trägt eine Kapuzenjacke, einen Pullover, eine Strickjacke und einen Wintermantel, zwei Kapuzen, Handschuhe (friert trotzdem). Und hält in einer der frierenden Hände einen Computerausdruck, auf dem eine Adresse steht.

Wer nicht kann: Ist auf Wohnungssuche in Berlin.

Ein großer Spaß mit besonderen Highlights.

#1

Früh am Samstag Vormittag im Berliner Norden. Eine 25qm²-Wohnung im Erdgeschoss nahe der U-Bahn, nicht das schönste Viertel, aber das wäre alles nicht so schlimm wie das, was einem beim Betreten der Wohnung begegnet. Diskutiere mit einem Pärchen, das zu zweit eine Wohnung sucht, die Frage aller Fragen: Liegt ein Schreibfehler vor und es handelt sich nicht um 25 Quadrat- sondern 25 Kubikmeter? Stelle mir vor, eine längerfristige Beziehung zur (quasi) Null-Zimmer-Wohnung mit spitz trapezförmigem Grundschnitt einzugehen. Vorstellung scheitert schnell an der Hauptfrage: Soll meine Matratze hier auch rein? Oder soll man die Eingangstüre öffnen können?Wenn ihr zu Besuch kommt, müsst ihr einfach nur durchs erste Fenster rechts der Eingangstüre einsteigen”  ist auch keine Lösung.

Nein, danke, tschüss.

#2

Inseriert ist eine Wohnung für 240 €. Super, anschauen. Lage ok, Vermieter offensichtlich ein bisschen verliebt (was sich, wie das eben immer ist, später als Problem herausstellt), wieder Erdgeschoss, naja. Das Wohnzimmer ist dunkelrot gestrichen (nein, kein gutes Dunkelrot, falls es das gibt), der Gang auch (es war noch Farbe übrig). Die Küchenwände sind hellblau, die Küchendecke auch. Nein, die Farben sollten schon so bleiben. Und auch die Möbel, die sind doch so hübsch: Im Wohnzimmer stehen um einen Glastisch gruppierte Bürostühle (ja, die mit Rollen) und  Holzbetten. Ein großer Wandschrank, eine Kunstledercouch und weitere Bürostühle um einen weiteren Glastisch in der Küche (welche Firma ging hier gerade pleite und hat ihr Inventar verschenkt?).

Das Problem bei der Möblierung. Sie ist ernst gemeint. Und: Sie soll drinbleiben.

Vermieter und ich unterhalten uns. Länger. Länger. Immer länger. Als eine dreiviertel Stunde vorbei ist, fällt die entscheidende Frage: “Mit wem würden Sie denn hier einziehen wollen?” Es ist eine ein-Zimmer-Wohnung, Gang, Bad, Küche, ein Wohnschlafzimmer. Der Klassiker, und nicht gerade das, was man als WG-tauglich verbuchen würde. Mir fällt ein: Ich könnte nachzählen. Ja, es gibt immer drei – drei Stühle, drei Betten.

Er kommentiert meinen Zählblick: “Das ist als WG für drei gedacht”. Ich lache. Noch. “Aber dann für drei, die sich sehr sehr lieb haben.” – Er: “Nein, ich dachte, für Studenten …”

240 €. … Jetzt wird klar: Pro Person. Aber sogar inclusive Internetanschluss – der Vermieter hat nämlich sein Büro direkt über den Hof, und man kann da einfach über seinen Router mitsurfen! Praktisch! Und ja, wegen der Mitmieter könnte man sich ja nochmal unterhalten, gut, dass aus der Flurwand noch lose Kabel hängen, müsste man schon irgendwann noch, und das Bad, naja, das putzen Sie einmal, dann geht das schon.

Eine Stunde. Eigentlich will ich schon längst weg sein. Verfluche insgeheim meine Eltern dafür, dass sie das Kind schon mit acht Jahren den Knigge haben lesen lassen. Vermieter und ich spielen das “ich knöpfe den Mantel zu, stehe auf, er bittet mich, mich doch wieder zu setzen”-Spiel. In der vierten Spielrunde stellt sich heraus, dass die Wohnung, wegen der ich angerufen hatte, eine ganz andere ist. Kleiner soll sie auch sein. Also gehen wir über den Hinterhof

#3

ins Nachbarhaus. Schon wieder Erdgeschoss, glaube bei mir eine bisher geheime Affinität zu Bodennähe zu erkennen. Er: “Gut, eigentlich ist die Wohnung ja schon vermietet.” Ich werde hellhörig. “Aber es gab da ein wenig Ärger mit dem neuen Mieter“, meine Ohren wachsen auf Elefantendimension. Der Vermieter hält mir sein Handy ans Ohr. Ob ich der Meinung sei, dass man angesichts dieser unverschämten Mailbox-Nachricht und in Anbetracht der Gesamtsituation nicht die mit dem neuen Mieter getroffenen Vereinbarungen für hinfällig betrachten könnte. Ich zögere und sehe mich um.

16 qm². Das sind vier mal vier Meter. Auf diesen vier mal vier Metern befinden sich: Eine Küchenzeile, eine Waschmaschine, in der vermutlich schon Cäsar seine Toga hat waschen lassen, und ein Kühlschrank von 1980. Des Weiteren eine Tür zum Badezimmer (!), welches sich schnell als “zwei Rigipsplatten um eine Toilette herum, und dann hat da noch jemand eine Tür rausgesägt” herausstellt. Dann wären da noch ein Feldbett und eine Dusche, in die man vom Bett aus steigen kann, da sie sich praktischerweise auf einem Podest mitten im Raum befindet.

Ich sehe mich noch einmal um. Beim Blick auf die vergilbten Wandfliesen, die den gesamten Raum schmücken, sowie angesichts der stracciatellaeisfarbenen Bodenfliesen schwanke ich noch. Als mir jedoch völlig verspätet die plastikstuckgerahmten, eingemauerten Spiegelfliesen sehe, deren Umrandung zitronengelb leuchtet – fällt meine Entscheidung.

“Nein, Sie können den neuen Mieter auf gar keinen Fall loswerden.

Tschüss.” Will ich sagen. Zwischen “loswerden” und “tschüss” liegt dank meiner Höflichkeit noch eine gute Viertelstunde. Am Ende flüchte ich unter Verweis auf einen Zahnarzttermin.

Also ich habe meine Zahnarzttermine ja immer erst um 21 Uhr.

#4

Kennt ihr die Türen, mit denen man Kühlräume verschließt?

Und wusstet ihr schon, dass man die auch als Wohnungstüren verwenden kann?

… Ooooh ja.