Woche woanders #2: Genialität und Heidenröslein, Talente, Google und die Steinzeit

Letzte Woche diskutierten J. und ich lange, warum Menschen eigentlich keine Blogs lesen und wie sich das ändern ließe. Passend dazu dieser Text über die fehlende Wahrnehmung von Blogs: “… all die guten Blogtexte, die etwas bewegen könnten und sollten, werden eigentlich nur für den Kreis der Eingeweihten geschrieben, nur von diesen gelesen und diskutiert, dringen aber nicht nach außen.” Word. Es gibt noch viel zu tun.

Der Max Scharnigg “Über unser Fernsehen”: “Ein bisschen ist es so, wie sich immer noch über Fast-Food aufzuregen: Der Status Quo ist kaum zu beeinflussen, aber Empörung ist trotzdem stets abrufbar, weil jeder den Unterschied zwischen richtigem Essen und einem BigMac erkennen kann.”

Schon wieder Philipp Tingler, schon wieder Sex: auf ZDF neo lief kürzlich die Sendung “Wie werde ich … gut im Bett?” mit prima Beiträgen zu Dildos aus Gemüse und irgendwas mit Tantra. “… jeder kann per Casting Show angeblich zum «Supertalent» werden … Was aber immer seltener zu werden scheint, ist echtes Talent. Continue reading “Woche woanders #2: Genialität und Heidenröslein, Talente, Google und die Steinzeit”

Können Bots weinen? Trauer im Internet

Dirk Bach ist tot. Das ist — ja, was nun?

Wer sich länger als eine Woche in einem sozialen Netzwerk bewegt hat, kennt vermutlich die Diskussion, die sich dort mit murmeltierhaftiger Konsequenz abspielt, wenn ein Prominenter stirbt, an den Tod von Amy Winehouse und Michael Jackson erinnere ich mich da beispielsweise noch. Manchmal auch bei Unglücken, wenn viele Menschen sterben, oder womöglich auch noch Kinder.

Was dann regelmäßig geschieht, lässt sich verknappt so darstellen:

  1. Gruppe 1 drückt aus, traurig zu sein, denjenigen gemocht zu haben und jetzt schon zu vermissen. R.I.P.
  2. Nahezu reflexhaft folgen nun die Reaktionen von Gruppe 2, die fragt, ob man so überhaupt reagieren sollte und darf, die Tode gegeneinander aufrechnen (“Wie, du betrauerst Amy Winehouse? Da sind auf der anderen Seite des Planeten 20 Kinder gestorben!”) oder sich aufregen über Gruppe 1 und sie als Heuchler oder Zyniker bezeichnen.
  3. Darauf folgt Gruppe 3, die sich aufregt, dass 1 und 2 schon wieder so reagieren, wie sie immer reagieren.
  4. Woraufhin sich 1 darüber aufregt, dass 2 sich aufregt, und 2 sich über 3, woraufhin 2 wiederum …
  5. ja.

Aber wie ist das nun? Ist es legitim, online den Tod eines Prominenten zu kommentieren, gar Trauer oder Schmerz auszudrücken?

Ich kenne mich nun mit Prominenten nicht so gut aus. Aber vermutlich kannten die wenigsten derer, die seinen Tod kommentieren, den verstorbenen Menschen persönlich. Die, die ihn kannten, werden nicht die sein, die twittern.

Stirbt eine prominente Person, so ist das häufig jemand, den man “kannte”. Natürlich – es ist nicht das selbe “Kennen” wie bei einem guten Freund. Und dennoch: man hat eine Beziehung aufgebaut, womöglich sogar über Jahrzehnte hinweg. Hat seine Musik gehört, seine Filme gesehen, seine Bücher gelesen, sich gefreut, wenn er etwas Neues veröffentlichte, derjenige war Teil des eigenen Lebens über seine Werke, die einen womöglich durch entscheidende Momente begleitet haben. Er war etwas für einen, hatte eine Bedeutung, die man selbst nie für denjenigen hatte. Das ist eine ziemlich einseitige Beziehung, und lediglich eine Beziehung zu einem Bild, das derjenige in der Öffentlichkeit hatte. Aber – es ist trotzdem eine Beziehung, die man selbst als solche empfindet. Und Empfindungen sind nunmal dafür bekannt, meist recht subjektiv zu sein und sich nicht davon beirren zu lassen, dass man selbst demjenigen unbekannt war.

Das Internet ist aber auch ganz gut darin, eine Empfindungsmaschine zu sein. Eine, in der noch mehr Emotion und noch mehr Lautstärke, Capslock und Bold zählen, in der es für alles eine Steigerung gibt und es immer noch ein bisschen härter, witziger, dramatischer sein muss. Eine Empfindungs-, Erregungs-, Hype-Maschine, in der zählt, wer gehört wird

Und eine, aus der sich abmeldet, verschwindet, offline geht, wer den Lärm nicht erträgt und leise sein will.

Der zweite, m.E. wesentliche Aspekt dabei ist: trauerten vor nicht allzu langer Zeit noch ganze Dörfer um einen Verstorbenen, so ist Trauer zusammen mit den meisten Trauerbräuchen aus der Öffentlichkeit verschwunden. Continue reading “Können Bots weinen? Trauer im Internet”

zweinulleinseins.

Jahresrückblicke liest niemand, sie sind ätzlangweilig und Ende Dezember macht’s jeder (wenn man das ZDF ist, auch früher). Nur war dieses Jahr genug los für drei Jahre, wie sollte ich mir das alles merken? Und an die Kinder, die ich einmal haben werde: hier könnt ihr nachlesen, wie Mutters wildromantische Jugend war. Bitteschön.

Januar

Mein erster Monat in der neuen Wohnung im Ghetto, es ist wirklich sehr sehr kalt, ich habe keine Heizung, ich ziehe den Mantel auch nicht aus, wenn ich schlafen gehe. Ich mag die neue Wohnung und komme endlich über Wien hinweg (ach, Wien, ach). Weiß jetzt, was Futschi ist. Mein Laptop geht kaputt. An einem Morgen wache ich davon auf, dass es neben meinem Bett lichterloh brennt. Vor der Tür des St. Oberholz steht ein Typ mit Bart*, zieht an seiner Zigarette und sagt gemeine Sachen zu mir.

Februar

Ich esse ein Eis und schreibe einen meiner Lieblingstexte dieses Jahres. Und besuche eine Hochschulmesse, auf der mir viele Leute nichts Neues erzählen. Alles, was ich von dort mitnehme, ist ein Kugelschreiber und die immer stärker bohrende Frage, ob ein Studium das richtige für mich ist (die Antwort ist: nein).

März, April, Mai, Juni

Für eine Woche sind zwei Katzen bei mir zu Besuch, sie mögen mich nicht und schmeißen mich aus meiner Wohnung. Ich bin verstört. Ich sehe “Biutiful” mit Javier Bardem und bin noch verstörter, dann sind Ferien, ich sollte lernen und tue es nicht, stattdessen schreibe ich anlässlich der re:publica einen Artikel über Netzpolitik und die “Digitale Gesellschaft” und plötzlich fliegt mir diese Seite um die Ohren. Und ich stelle mir viele Fragen. Ansonsten sitze ich sehr lange in Parks und freue mich über das gute Wetter, was auch gut ist, weil da der Sommer ist (das weiß zu der Zeit nur noch keiner). Dann sind die Ferien vorbei, ich schreibe Prüfungen, ohne gelernt zu haben, was auch voll gut ist, vor allem, als es vorbei ist. Denn da fahre ich ans Meer, führe meinen neuen Bikini vor aus, spiele Volleyball am Strand, esse jeden Tag fünf Kugeln Eis, baue Sandburgen, laufe morgens um 6 am Strand entlang und auf einmal ist alles so gut und so richtig.

Juli & August

Ich lese vor, in Berlin und spontan auch in Köln. Auf den Abend der Lesung folgen eine denkwürdige Nacht und ein böser Morgen, ich dusche im Hallenbad und wickle mich danach in das größte Handtuch, das jemals eine Handtuchfabrik verlassen hat, da bin ich seit 35 Stunden wach, später fahre ich noch mit dem Zug in eine andere Stadt, zu jemandem, den ich sehr mag, geschlafen wird nach 46 Stunden Wachsein. Einen Tag später werde ich am Bahnhof dieser Stadt sitzen und auf die Ankunft einer Frau mit braunen Locken warten, die mein Leben sehr großartig machen wird, aber das weiß ich noch nicht, als ich warte. Und von diesem Tag an bin ich für 6 Wochen unterwegs.

September

Ich bin zurück in Berlin und ich ertrage diese Stadt nicht mehr. Ich bin zurück in der Schule und hasse es. Ich verstehe nicht, wieso ich mir das alles antun soll, nur für diesen Schein, auf dem “Abitur” steht. Ich sitze dort Zeit ab, 50 Stunden pro Woche, Zeit, die ich weit sinnvoller nutzen könnte, ich lerne nichts und schlage mich mit Bürokratie und den absurden Beschlüssen der Berliner Senatsverwaltung herum. Nebenher arbeite ich 30 Stunden pro Woche, und ich will alles hinschmeißen. Zur Kompensation gehe ich sehr häufig Eis essen und sitze dabei auf einem Holzschlitten.

Oktober, November, Dezember

Ich bin immer noch in Berlin und zwar stehe ich am Rande eines Nervenzusammenbruchs, aber gehe immer noch zur Schule. An einem Sonntag fällt auf dem Weg zur Arbeit mein iPhone auf den Boden und ist kaputt. Ich habe kein Geld, mir ein neues zu kaufen. Außerdem habe ich kein Date, gehe nicht ins Kino, da die Filmrolle nicht ankommt, und esse handtellergroße Ravioli im hässlichsten italienischen Restaurant Berlins, was bemerkenswert ist, gibt es doch sehr viele Anwärter für den Titel “hässlichstes italienisches Restaurant Berlins”. Ich arbeite sehr sehr viel, transportiere große Regale mit der U-Bahn, habe einen blauen Fleck in Form des Batman-Symbols, führe Bartdiskussionen, gehe auf ein Konzert. Und plötzlich ist es Ende Dezember und ich habe an Silvester etwas vor, das wird schön, und plötzlich ist alles gut.

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Das Jahr in Zahlen:

– nicht vollendete Blog- und Twitteraccountlöschungen: 6
– zum Jahresende noch zu beantwortende Nachrichten: Drölfzigtausend. (An alle, die noch auf eine Antwort von mir warten: ich schreibe. Baldestmöglich. Und bitte um Verzeihung.)
– Anzahl erhaltener Tierstempel für herausragende Leistungen im Fach Mathematik: 4
– verbrannte Bettdecken: 2
– Zahl des Jahres: Umzüge: 0
Beziehungsstatus bei Facebook geändert: 0 Mal
– Momente für die Ewigkeit: 178

Leistungen, für die ich wieder keinen Nobelpreis erhielt:

Einen Topf mit 3 Litern Karottensuppe aus 2 Metern Höhe fallen lassen.

Lieblingsliedzeile:

Unterm Jackett ihre Hände / fragte mich die Fremde: / wie ich ew’ge Liebe fände. (Erdmöbel)

Gewesen:

Awesome. Wütend. Versöhnt. Frustriert. Genervt. s.w.a.g. Verknallt. Verliebt. Unterwegs. Unkool. Nicht allein. Albern. Kindisch. Niedlich. Übermütig. Dafür. Zusammen. Wild. Verschlafen. Durch. Dagegen. Nervös. Zufrieden. Übermüdet. Aufgeregt. Sehnsüchtig. Allein. Wildkatze. Glücklich.

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2012

Wenn alles gut läuft,

ist alles gut. Ganz bestimmt. Und deshalb: wir werden sehen.

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Zum Schluss will, muss ich danke sagen. Den beiden Männern vom Verein: *dem, der endlich wieder Bart trägt, und dem, der endlich wieder eine Frisur hat: ihr seid die Allertollsten. Dem Traummädchen. Und, ja: … .

Verehrter Leser dieser Zeilen, Glückwunsch, Sie haben es geschafft. Dieser Text ist durch, und dieses Jahr ist durch. Ich danke Ihnen im Namen aller Texte auf dieser Seite für alle Aufmerksamkeit. Danke auch allen, die mich davon abhielten, diesen Blog zu löschen. Bleiben Sie uns gewogen, wir sehen uns im neuen Jahr. Und jetzt, worauf warten Sie noch? Schalten Sie Ihren Computer aus und

gehen Sie leben. Jetzt. Es wird 2012. Und es wird

 

gut.

Gelesen + gemocht + empfohlen (KW 17, Teil 1)

Peter Hossli in Generation Klick über das Mediennutzungsverhalten von Schweizer Jugendlichen.

Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach in Mal jenseits des Fanboys-Jubelns: Warum Jeff Jarvis die richtigen Fragen stellt über Jarvis’ Besuch auf der Re:publica 2010  Continue reading “Gelesen + gemocht + empfohlen (KW 17, Teil 1)”