Das verlorene Ich

Eines Morgens erwachte ich und war mir über Nacht abhanden gekommen.

Nun verliert man sich selbst aber nicht einfach wie einen Zettel, den man in einer Wohnung verlegt, wie eine Münze, die durch ein Loch in einer Tasche verschwindet, oder wie eine gesunde Gesichtsfarbe, die unter zu viel Monitoreinstrahlung einem fahlen Grau weicht. Man verliert sich auch nicht wie eine Ringelsocke, die von der Waschmaschine verschluckt wird, oder wie ein Feuerzeug, das nach einem Abend in einer Bar verschwunden ist. Eigentlich sollte man sich überhaupt nicht verlieren! Leichte Panik machte sich in mir breit. Ich ertastete meinen Körper. Meine Augen, meine Nase, mein Mund, Arme, Beine, Füße, alles war noch an seinem Platz. Sogar mein Bauchnabel befand sich noch an der selben Stelle wie vor dem Einschlafen. Ich stand auf und ging ins Badezimmer. Mein Spiegelbild sah dem von gestern noch sehr ähnlich, auch wenn meine Haare verwuschelt in alle Richtungen abstanden und mein Blick keine Bände, aber von zu wenig Schlaf sprach.

Ich ging durch die Wohnung und sah in alle Räume. In der Küche lag noch immer ein Stapel benutzten Geschirrs im Spülbecken, im Büro die selben Papierberge wie gestern, sie ruhten seit Monaten in Frieden, auch meine Schuhe waren noch da und im Schlafzimmer lagen meine Bücher und meine Filmsammlung neben meinem Bett. Es war alles wie immer. Doch ich fehlte. Und ich war nirgends zu sehen. Die Panik in mir wuchs.

Gegen meine Panik tat ich, was ich immer tat, wenn ich mich beruhigen musste: Ich putzte mir die Zähne. Mein Zahnarzt lobt mich regelmäßig für meine außerordentlich schönen Zähne, er kennt mein kleines Geheimnis mit der Panik nicht, und er wird es nie erfahren. Der Pfefferminzgeschmack der Zahnpasta durchwehte mein Gehirn und ich versuchte, klar zu sehen und nachzudenken. Mit kaltem Wasser spülte ich den Geschmack weg, trank noch einige Schlucke kaltes Wasser hinterher und verrieb ein wenig davon in meinem Gesicht. Ich sah noch einmal in den Spiegel und riss meine Augen weit auf. Und da sah ich es: mein Körper war da wie eh und je. Doch tatsächlich: Mein Ich war mir abhanden gekommen. Mein Ich, zu erkennen an der kleinen Narbe über meinem rechten Auge. Sie war verschwunden. Mir wurde flau im Magen. Ich klappte den Klodeckel herunter und setzte mich darauf. Die Narbe war verschwunden.

Und mit ihr war alles verschwunden, was mich ausgemacht hatte. Meine Träume, die immer so bunt waren, so meeresweit und himmelgroß, dass sie mir immer ein Land gewesen waren, in das ich mich hatte flüchten können, wann immer mir danach gewesen war. Meine Ideen, die großen und die winzig kleinen, die mir das Gefühl gegeben hatten, noch nicht am Ende zu sein. Meine Gedanken, die, von denen ich glaubte, sie könnten die Welt verändern, und die kleinen Gedankensplitter, die mir manchmal vor den Augen vorbeihuschten wie winzige Papierflieger. Meine Ideale, meine Werte, meine Vorstellungen von Moral, die ich mir mühsam zusammengeklaubt hatte. Meine Gefühle: all meine Trauer, meine kleine Wut, mein Fingerspitzengefühl. Mein sowas-wie-Liebe. Mein Blick, meine Sicht auf die Welt und die Dinge, die um mich herum geschahen. Meine Wünsche: die für Weihnachten, die großen Wünsche für mein Leben, und die geheimen, die ich immer für mich behalten hatte, um sie eines Tages jemandem erzählen zu können, einem besonderen Menschen vielleicht. Oder einer Sternschnuppe. Meine Vergangenheit, meine Erinnerungen. Meine Kämpfe, meine Siege, meine Narben. Und womöglich auch mein Glück. Mit Glück kenne ich mich nicht aus, das war nur mal so ein Steckenpferd von mir. Aber ich war mir jetzt sicher: Irgendwie hatte ich auch mein Glück verloren. Und Glück war so schwierig, wenn man nichts mehr hatte, womit man es fühlen konnte. Was fehlte, war: Meine Idee von mir. Meine Idee von meinem Leben.

Meine Bücher, meine Filme, ja, die waren noch da. Und was wüsste ich schon von dieser Welt, von diesem Ich. Ohne sie. Doch der Gedanke an tausende Seiten Papier und hunderte Stunden bewegter Bilder war kein Trost. Ich musste etwas tun. Ich wusste nicht, was, aber es musste irgendjemanden geben, der Rat wusste, jemanden, der  wusste, wo man ein verlorenes Ich wiederfand. Hastig stand ich auf, ging ins Schlafzimmer zum Kleiderschrank und zog eine Jeans und ein Shirt an, schlüpfte in Turnschuhe, nahm meinen Schlüssel und rannte aus dem Haus.

Ich ging die Straße entlang, lief in Geschäfte und sprach Leute an: Den Zeitungsmann, den Würstchenverkäufer, den Postboten und die Blumenfrau. Den Getränkehändler, den Bäcker, den Dönermann. Die alte Dame mit dem Rollwägelchen, die Mutter mit dem Kinderwagen, den Taxifahrer. Jeden von ihnen fragte ich: “Ich habe mein Ich verloren. Haben Sie es vielleicht gesehen?” Manche von ihnen lachten, andere sahen mich verständnislos an, musterten mich von Kopf bis Fuß, schüttelten den Kopf. Niemand wollte etwas gesehen haben, niemand wusste, wo man ein Ich wiederfand, auch im Telefonbuch fand ich keine Sammelstelle für verlorene Ichs, und nicht einmal die freundliche Dame vom Fundbüro wusste Rat. Wenigstens sah sie mich über ihre goldumrahmte Brille hinweg freundlich an. Ich versuchte es noch direkt bei der Polizei. Als ich dort vorbeiging und eine Vermisstenmeldung aufgeben wollten, sahen die Beamten mich zunächst nur an, mit diesem Blick, mit dem sonst nur Autos einen ansehen. Dann baten sie mich, einen Augenblick auf einem Stuhl zu warten, sie gingen ans andere Ende des Raums, tuschelten, und als ich etwas von “psychiatrischer Notdienst” hörte, schlug mein Fluchtreflex Alarm. Ich sprang auf, rannte aus der Polizeiwache, ich hörte sie noch hinter mir rufen, ich rannte, rannte, so schnell ich konnte, bog in kleine Gassen ein, rannte weiter, vorbei an Autos und Häusern. Nach einer gefühlten Ewigkeit sah ich mich um. Niemand folgte mir. Gefühlte Ewigkeit. Ich zuckte zusammen. Ich konnte nichts mehr fühlen. Außer der Ewigkeit.

Vielleicht war das ja ein Anfang.

Ich sah mich um. Ich kannte die Gegend, ich war gar nicht weit weg von zuhause. Einige Meter weiter war ein Spielplatz. Ich erinnerte mich, dass mein Ich Spielplätze immer gemocht hatte. Also ging ich dorthin, zwischen Büschen hindurch, über eine Wiese, vorbei an einem großen Sandkasten, ließ mich erschöpft auf eine Schaukel fallen und schaukelte unmotiviert hin und her. Ich fing an, mich zu vermissen. Ich hatte mich nicht immer gemocht. Aber irgendwie hatte ich es immer gut gehabt, mit mir. Das Ich und ich, wir hatten wirklich gute Zeiten erlebt. Wir hatten einiges zusammen durchgestanden. Und manchmal hatte es sogar Menschen gegeben, die dieses Ich mochten.

Ach. Ich.

Ich wurde sehnsüchtig. Und überhaupt, wenn man sich selbst nicht mehr hatte: wie sollte man dann jemals wieder jemanden haben, der einen mochte? Woher sollte jemand kommen, der das eigene Glück größer machte, wenn das Glück gar nicht mehr da war? Auf der Schaukel neben mir saß ein kleines Mädchen. Sie sah mich eine Weile an, dann fragte sie: “Warum guckst du denn so traurig?” – “Ach, das verstehst du nicht. Ich habe da so ein Erwachsenenproblem. Ich hab nämlich mein Ich verloren.” Das Mädchen schien nachzudenken. Sie schaukelte kurz weiter, dann sprang sie in hohem Bogen ab. “Ich muss jetzt nach Hause. Weißt du, wenn man etwas verloren hat, dann hat man vielleicht nicht gut genug darauf aufgepasst. Aber du musst es einfach mal richtig suchen .” Ich wollte noch etwas sagen, doch sie hatte sich schon umgedreht und war durch den Sandkasten zum Ausgang gelaufen. Ich hüpfte auch von der Schaukel, dabei sah ich, glaube ich, aus wie ein Sandsack, der sich von einer Gehwegkante in den Tod stürzen wollte. Lächerlich.

Das Sandsack-Ich ließ sich auf eine Parkbank fallen. Ich könnte Plakate drucken lassen, mit meinem Ich drauf. WANTED würde darüber stehen, und darunter meine Handynummer. Das wäre gut. Doch wie sah mein Ich überhaupt aus? Wie malte man das auf ein Suchplakat? Ich hatte so etwas doch auch noch nie gemacht. Und ich konnte auch nicht einfach mein Gesicht darauf drucken lassen, reihenweise würden die Leute nach etwas Falschem Ausschau halten, nach einer Verpackung statt nach dem Inhalt, den ich so vermisste. Das war alles viel zu kompliziert. Viel zu schwierig für meinen kleinen Kopf.

Ich versuchte, mir mein Ich vorzustellen. Wie mein Ich wohl aussähe? Bestimmt bunt, groß, ja, majestätisch, imposant, atemberaubend, wunderschön, beeindruckend. … Nein. Irgendwie passte das alles nicht. Ich kramte in meinen Jeanstaschen und fand einen Zettel und einen Ikea-Bleistift. Ich überlegte noch einmal, wie mein Ich aussehen könnte. Dann fing ich an zu zeichnen. Und auf einmal  wusste ich, wie es aussehen musste. Es war nicht groß, eigentlich sogar ziemlich klein. Es war grau, bleistiftgrau, aber eigentlich war das genau die richtige Farbe dafür. Ich malte noch ein wenig weiter, dann hielt ich das Blatt ein Stück von mir weg, betrachtete es, legte den Kopf schief und nickte. Alles, was ich sah, war ein schlichter kleiner Kreis. Aber genau das – war mein Ich. Im Kreis gab es Platz für alles, was mich ausmachte, und außerhalb Platz für eine große Welt. Das war mein Ich. Und genau genommen war es sogar ziemlich schön so. Unter den Kreis schrieb ich “Ich.”, damit ich es nicht wieder so schnell vergaß.

Ich beschloss, meine Suche für heute zu beenden und mich erst morgen um die Suchplakate zu kümmern. Der Abend lag schon über der Stadt, die Sonne verschwand langsam hinter den ersten Hochhäusern, durch die Straßen zog ein kalter Wind. Ich steckte meine Hände in die Hosentaschen und ging langsam die Straße in Richtung meiner Wohnung hinunter. Ich ging um die nächste Straßenecke, da hörte ich ein Flüstern. “Du da! He! Du!” Ich drehte mich um. Niemand war zu sehen, ich schüttelte den Kopf und wollte weitergehen, da hörte ich es wieder: “Jetzt bleib doch mal stehen!” Ich lief einige Schritte zurück und suchte mit meinen Augen die Straße ab. “Hier! Hier bin ich! Jetzt guck doch mal!”  Da sah ich, woher die Rufe kamen. An der Hauswand lehnte ein kleines schwarzes Steckenpferd und sah mich freundlich an. Ich hatte nie davon gehört, dass Steckenpferde lächeln können. Aber ich schwöre, dieses tat es. Ich ging neben ihm in die Hocke, um es besser verstehen zu können. Es grinste: “Hey, schön, dich zu sehen. Ich hab dich vermisst.” Ich staunte. Wir kannten uns? Davon wusste ich nichts: “Also … ich freu mich ja auch. Aber: Kennen wir uns? Und überhaupt, seit wann können Steckenpferde reden?” Das Steckenpferd wieherte vor Vergnügen, schüttelte seine schwarze Mähne und wackelte mit den Ohren. Es blinzelte,  pustete seinen Pony zur Seite, der ihm in die Augen gefallen war,  sah mich mit seinen großen Augen unter langen Wimpern hindurch an. “Zuerst will ich dich etwas fragen.” Es machte eine lange Pause. Ich warf ihm einen Blick zu, der irgendetwas sagen sollte zwischen “Steckenpferde sind was für Mädchen“, “amerikanische Wissenschaftler haben festgestellt, dass Steckenpferde nicht sprechen können“, “ich will nach Hause” und “JETZT SAG SCHON!“. Das Steckenpferd pustete noch einmal seinen Pony zur Seite, legte den Kopf schräg. Und fragte. ”Seit wann können denn Menschen sich selbst verlieren?”

Ich setzte mich auf den Boden, fuhr mir über den Bart und wusste keine Antwort. Ich hätte etwas erzählen können von Stress und Zeitdruck, von Terminen und gesellschaftlichem Druck, von zu wenig Freizeit und selbst in der wenigen Freizeit zu wenig Zeit für mich. Aber schon beim Denken fühlte sich das alles wie ausgelutscht an. Die Antworten waren nichts als der schale Restgeschmack eines Traums, den ich irgendwann ausgeträumt hätte. Ich raufte mir die Haare. Da stellte mir einmal in meinem Leben ein Wesen mit dem Intelligenzquotienten einer ausgestopften Socke eine Frage. Und ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte. Es sah mich an. “Na? Weißt du es nicht?” Ich schwieg. Was hätte ich auch sagen sollen. Wenigstens mein Schweigen schien es zu verstehen. “Du weißt es nicht. Denk vielleicht bei Gelegenheit einmal darüber nach. Und, wie gesagt: Ich hab dich vermisst.”

Ich verstand gar nichts mehr. Und irgendwie war mir das jetzt alles auch ziemlich egal. Ich hatte mein Ich verloren, nirgends in dieser riesigen Stadt war jemand zu finden, der gewusst hätte, was zu tun war, es würde bald dunkel werden, ich trug nur dieses dünne weiße T-Shirt und meine alten Jeans, mir war kalt, – und ich saß neben einem sprechenden Steckenpferd auf einem kalten Bürgersteig. Ich wollte nur noch nach Hause. Da stupste mich etwas an der Schulter. “He, du. Jetzt guck doch nicht so traurig.” Das Pferd rieb seine weichen, wollenen Nüstern an meinem Arm und lächelte mich aufmunternd an. Für ein Steckenpferd hast du aber ein verdammt schiefes Gebiss, dachte ich, und konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. Es scheint ja wenig Zeit zum Zähneputzen zu haben. Oder selten genug Panik dafür. Im Gegensatz zu mir. Ich seufzte. Da kam mir eine Idee.

“Ach, eigentlich. … Es ist ein ruhiger Abend, keine Autos und keine Menschen sind auf den Straßen unterwegs. Und ich kann jetzt nicht so einfach nach Hause gehen. Ohne mich. Willst du mich nicht noch ein Stück begleiten?” Das Pferd grinste. “Na endlich. Geht doch. Ich dachte schon, du fragst nie.” Ich stand auf und war ratlos. Das Pferd konnte offensichtlich alleine nicht laufen. Wie also sollte ich es mitnehmen? Ich konnte doch nicht ein sprechendes Steckenpferd einfach unter meinen Arm klemmen wie eine Aktentasche. Immerhin, es schien meine Gedanken zu bemerken: “Na komm, steig schon auf. Musst keine Angst haben, so hoch ist es nicht.” Ich stieg auf, wir ritten los, an der ersten Straßenecke bog ich mit Absicht falsch ab. An der nächsten auch.

Und als die größte Straße der Stadt vor uns lag, die Sonne auf einem rot leuchtenden Himmel unterging und sich die Nacht über die Stadt senkte, da wusste ich wieder, was Glück ist.

Das Glück ist: einen Moment festhalten wollen und wissen, dass er zu Ende geht. Vielleicht nicht sofort, vielleicht nicht in diesem Augenblick. Doch Momente sind Wasser in unseren Händen. Sie zerfließen und vergehen, und es gibt nichts, womit wir sie festhalten könnten. Vielleicht ist das Glück nur, auf einem Steckenpferd in den Sonnenuntergang zu reiten. Und wissen, dass dieser Abend zu Ende geht. Aber auch wissen, dass es einen neuen Morgen geben wird. An dem alles weitergeht. Und das zu wissen, ist das größte Glück von allen.

Das Glück ist mein Steckenpferd.

By Lena

Fast walker, avid reader, poetry fan, public speaker, violinist, pianist in the making, intersectional feminist. Works in tech, writes about anything here (and less frequently than in the past).

2 comments

Leave a comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *