Placebo.

Diese Nacht beginnt, als sie um Mitternacht einen endlosen Kuss will, während die letzte Kaffeebohne zu Boden fällt.

Sie sitzt in ihrer kleinen Küche vor einer leeren Tasse und einem Teller voller Kuchenkrümel. Mit den Fingern schiebt sie die Reste hin und her. Sie kann in der warmen Wohnung bleiben, dann fehlt ihr Kaffee zum Frühstück. Oder aber: sie lässt das Kaffeetrinken. Zieht schwarze Strümpfe an. Schlüpft in das Kleid. Steckt ihre Haare hoch. Geht in eine Bar. Und küsst, einen einzigen Kuss. Bis diese Nacht vorbei ist.

Um 00 Uhr 45 steht sie im Supermarkt. In Jeans und Kapuzenshirt. Langsam geht sie zwischen den Regalreihen entlang. Sie spürt, dass sich in ihr etwas zusammenbraut. Dieses Kribbeln in ihren Fingern. Ihre Haut, die sich langsam auflädt. Ihr Blick, der alle Bilder zu einem Tunnel verengt. Ihr Gehör, das alle Geräusche zu einem tiefen Ton verdichtet.

Ein Mann streift im Vorbeigehen ihren Arm, sie zuckt zusammen.

Sie blinzelt, atmet tief ein, mahnt still reiß dich zusammen. Nur Kaffee. Nur Kaffee. Sie legt ihr Geld auf das Kassenband. Nur dieses Päckchen Bohnen. Nur dieses Wochenende überleben.

Nur dieser —- Mann.

Vor ihr an der Kasse. Groß, schwarze Jacke, einen grünen Schal in der Hand. Dunkle Locken, die ihm im Nacken —- sie sieht weg. Sie zwingt sich, wegzusehen. Nach zehn Sekunden sieht sie wieder hin. Er trägt die Haare ein wenig länger. Die Locken fallen ihm auf eine Weise in den Nacken, die —-. Als er den Kopf senkt, um zu bezahlen, fallen die Strähnen zur Seite und geben den Blick auf seinen Nacken frei. Hastig stopft sie den Kaffee in einen Beutel, das Wechselgeld in die Hosentasche, geht zügig aus dem Laden.

Auf dem dunklen Parkplatz vor dem Markt startet ein Wagen, rollt zur Ausfahrt.

Sie zwingt sich zur Langsamkeit. Geht über den Parkplatz den Rücklichtern des Autos hinterher. Ein unbeleuchtetes Taxi fährt an ihr vorbei. Eine Coladose liegt auf dem Gehweg, leere Plastikflaschen, ein benutztes Kondom. Am Kircheneingang stehen grölende Jugendliche. Sie beschleunigt ihre Schritte und biegt ein letztes Mal ab. Die letzten Stufen zu ihrer Wohnung rennt sie.

Sie schließt die schwere Türe auf, zieht die Schuhe aus, ohne die Schnürsenkel zu öffnen, stellt den Kaffee in die Küche und setzt Wasser auf. Ein flaues Gefühl in ihrem Bauch, das Kribbeln wird stärker. Sie ist elektrisiert. Aufgeladen. Alles in ihr ist angespannt.

Sie fingert eine Platte aus dem Regal. Das Album, das sie nach einer durchtanzten Nacht auf dem Flohmarkt kaufte, noch ganz betrunken von Musik, Menschen, Dunkelheit, Licht. Die einzig wahre Platte, für immer und jetzt. Sie legt den Tonarm auf Anfang. Dreht die Lautstärke hoch. Der Bass kriecht in ihren Magen.

Sie schaltet das Licht aus. Zündet ein Teelicht an. Der Schatten ihrer Hand tanzt einen einsamen Walzer an der Küchenwand.

Sie öffnet die Kaffeepackung mit den Fingerspitzen, mahlt die Bohnen, gießt langsam das kochende Wasser darüber. Sieht den dunklen Tropfen beim Fallen zu. Umfasst die Tasse mit beiden die Händen und setzt sich auf die Fensterbank.

01 Uhr 15.

Sie lehnt sich an die Wand und zieht ihre Knie bis unters Kinn. Gleitet mit den Fingerspitzen über die Scheibe. Zeichnet die Konturen des Hauses gegenüber nach: die Fenster, die Türen, den Schornstein. Dort drüben gehen die letzten beiden Lichter aus. Alles liegt still. In einer Wohnung ein wenig Licht. Sie reckt den Hals.

Sie sieht kaum etwas, nur das flackernde Licht, das den Boden schwach erhellt. Eine einzelne Kerze vielleicht, oder ein Teelicht. Sie sieht einen Holzfußboden, die weißen Dielen verlaufen zu den Fenstern hin. Eine Pflanze auf einer Fensterbank. Langsam gewöhnen sich ihre Augen an die Dunkelheit. Sie erkennt den Umriss eines Betts in einer Ecke des Raums. Kurz erhellt sich der Boden, eine Tür, die auf- und zugeht. Die Kerze wirft einen großen Schatten über den Boden. Er bewegt sich kurz zum Fenster, wieder zurück. Aus einem Schatten werden zwei.

Zwei.

Sie betrachtet die Körper. Das, was das Licht von ihnen preisgibt. Die linke Silhouette ist schmaler, zarter. Der Körper einer Frau. Sie dreht sich, lehnt sich an die Wand, der Schatten von langen Haaren und eine Andeutung von Brüsten auf dem Boden. Der rechte Körper ist breiter, die Beine länger, kurze Haare. Er bewegt sich auf sie zu. Sie scheinen zu tanzen. Einen quälend langsamen Tanz. Zu einer Musik, die außer ihnen niemand hört. Jeder Schritt wie zeitverzögert, in Schokolade gegossen. Langsam verschmelzen die Schatten miteinander, vor dem Licht werden sie eins. Sie sieht im Schatten Hände, die wandern. Köpfe, die sich aufeinander zu bewegen. Ein Kleidungsstück, das über den Boden rutscht. Ein zweites. Langsame Bewegungen, zähflüssig wie Honig.

Ihr wird schummrig. Da erlischt mit einem letzten Flackern das Licht.

02 Uhr 30.

Wie von Weitem dringt die Musik wieder an ihr Ohr.

Kratzige Beats kriechen unter ihr Shirt, streichen über ihre Haut, tasten sich immer weiter vor, saugen sich an ihr fest. Gänsehaut. Überall. Ihre Gedanken kreisen, ihr Puls rast. Protect me from what I want. Sie erinnert sich an die Tasse in ihrer Hand, führt sie zum Mund, streift mit dem Rand ihre Nasenspitze. Trinkt noch einen Schluck und stellt die Tasse weg. Der Kaffee ist kalt. Sie legt den Kopf in den Nacken und sieht den schwarzen Himmel.

Kein Mond in dieser Nacht.

Sie streckt die Beine aus. Ihre Glieder sind schwer vom Kauern auf der Fensterbank. Langsam steht sie auf. Geht ins Badezimmer und dreht ihre Haare um einen Finger zu einem Knoten zusammen. Schaltet das Licht an und betrachtet sich im Spiegel: Die weiten Jeans. Das enge Shirt. Die blonden Haare, die braunen Augen, die geröteten Wangen. Sie streicht sich eine Strähne aus dem Gesicht. Sieht sich in die Augen.

Du könntest einfach in eine Bar gehen. Wein bestellen. Die Finger am Glas entlangwandern lassen wie eine Verheißung. Und warten. Irgendwann würdest du mit irgendjemandem nach Hause gehen. Weil du es kannst. Weil es so einfach ist.

Sie lächelt. Streicht sich eine Strähne aus dem Gesicht und geht zurück in die Küche.

Dreht langsam die Musik leise.

Und steckt die Platte zurück in die Hülle.

By Lena

Engineering executive turned leadership coach & consultant, public speaker, and psychology student. Fast walker, avid reader, poetry fan, violinist, pianist in the making, and intersectional feminist. Writes about all the above (and, occasionally, trees).

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