Was wir haben

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An Tagen, die nach schlaflosen Nächten beginnen, da ist es nie das Erwartete, das kommt. An diesen Tagen, an denen nichts gut scheint, da kommt nur das vorbei, auf das niemand wartet. Alles, was kommt, ist das Unerwartete. Es klopft nicht an, es wartet nicht ab, es kommt unbemerkt herein. Dann ist es einfach da. Und tut leise, was es kann.

Still gräbt es Spuren in Haut, streut ein Lachen in Augen und ein Glück auf jeden Zentimeter der Zeit, die vergeht. Und macht einen Tag, der ein einziges Fest ist: mit Kaffee und schaumiger Milch, mit Kirschen im Park, mit Sonne auf der Haut und dem Ende eines guten Buchs, mit einem alten, klapprigen Fahrrad, mit Shorts und Sandalen und Fahrtwind um die Beine, mit Saft und Honigmelone, mit Musik, die im Magen kribbelt, mit Füßen, die tanzen, mit einem Mond, der hinter Wolken leise wacht, und mit jemandem an der Straßenecke, der Bach auf einem Cello spielt. Und am Ende steht da ein Tag, an dem in jeder unserer Adern das Glück fließt, an dem ein Lächeln in unseren Gesten tanzt und Freude in unseren Gesichtern steht wie ein Ausrufezeichen, ein Tag, an dem unsere Herzen schneller schlagen. Und wir, wir könnten platzen, könnten platzen vor Glück, denn wir haben einen Hafen, wir haben Wein, wir haben Hoffnung, wir haben diesen Abend, wir haben diese Nacht, wir haben dieses Leben. Und wir haben uns. Das ist alles, was wir haben. Aber es ist das größte Glück von allen.

 

Tschüss, Sommer.

Dieser Sommer war voller Überraschungen, ein einziges Staunen. Über Ungeahntes, Unerwartetes, darüber, was plötzlich alles möglich sein kann, wenn man mit gar nichts mehr rechnet.

Mir sind wundertolle Menschen begegnet, Menschen, die mich zum Staunen und Lachen gebracht haben. Menschen zum Klamottentauschen, nachts, auf dem Mädchenklo, und Menschen für ein Jungsmädchengespräch über Feinstrumpfhosen.

Es war ein Sommer voll guter Musik und schöner Konzerte. Mit viel Eis, Schokokuchen und Cheesecake, literweise Kaffee und Himbeersaft, und hauptberuflich Franzbrötchen.

Ein Sommer, der auf dem Land im Auto begann, auf dem Fahrrad in Wiens Gassen weiterging, und in der Berliner U-Bahn endete.

Mit Tagen, die sich aufteilen ließen zwischen Dusche und Strohhut, zwischen verflüssigtem Teer und Sonnenbrand, zwischen Hitze, Wolkenbrüchen und Regen, der von der Straße als Dunst aufsteigt. Mit dem Unwetter des Jahres, und einem Staunen von der Fensterbank aus, als unten krachend und tosend die Welt unterging. Mit Tagen am Rhein, an der Donau, an der Spree, mit Barfußlaufen am Prater und am Hackeschen Markt, mit Naschmarktweißwein und Rotwein im Museumsquartier. Mit einem Mittwoch, der mit viel kürzeren Haaren endete als er angefangen hatte. Und mit Fotos: Von fetten Engeln, Wiener Toiletten, und von Hintern berühmter Männer auf Pferden.

Manchmal habe ich diesen Sommer verflucht: Die Milliarden von Gelsen, die Hitze, wenn sie ganz unerträglich wurde. Aber vor allem habe ich den Sommer geliebt: Die Nächte in Bars und auf Balkonen, in Parks und Pavillons, auf Isomatten und Sofas. Mit verrückten Leuten und wilden Parties. Mit Dosenbier und Tequila, mit Rauch und Schall, mit Würstelständen und Hüten von Stetson bis Zylinder.

Ich war kein einziges Mal im Schwimmbad. Aber mit den Beinen im Spreewasser, mit den Füßen im MuseumsQuartier-Planschbecken, mit der Stofftasche im Teich am Karlsplatz. Und machmal von Kopf bis Fuß im Regen. Nach einer durchtanzten Nacht haben wir im Springbrunnen geduscht, als die Sonne schon wieder hoch am Himmel stand. Während alle anderen gerade erst aus den Betten krochen.

Und während draußen vor den Fenstern der Wind die ersten Blätter über Berliner Straßen weht, denk ich zurück an Wien und weiß: Es gibt sie wirklich. Die kleinen Dinge, die am Ende so groß sind, dass sie einen zerreißen, wenn man sie zurücklassen muss.

Und all das, …

Und deshalb: Danke an alle, die ich treffen und kennenlernen durfte, und die diese Zeit so unvergesslich gemacht haben. Das hier – ist für die, die geblieben sind. Als der Sommer zu Ende war.

Dieser Sommer fing an mit einem Sommer_Mixtape. Und endet mit der Playlist, die diesen Sommer wirklich lief. An Sommertagen:

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und in Sommernächten:

[youtubeplaylist F6D06D4CFDC8CE71&playnext=1&v=pY9b6jgbNyc]

Dieser Sommer hat mir einen neuen Wohnort gebracht. Ein neues Gefühl von Zuhausesein, wenn auch woanders.

Und: Sommersprossen.

*

Wer am Herbstanfang geboren ist, wird immer Sommer im Herzen haben.

Tschüss, Sommer. …

Hallo, Herbst!

Die Nacht davor und der Morgen danach: ImPulsTanz im MuseumsQuartier. Wien.

Donnerstag Mittag habe ich frei und gehe ins MuseumsQuartier. Es ist immer noch irre heiß, aber sehr entspannt. Im MQ bin ich so oft wie möglich. Die Leute sind nett, ab und an fragen Touristen nach dem Weg oder Studenten hocken auf den Mauern und zeichnen. Und wenn ich alleine sein will, habe ich Ruhe und doch Menschen um mich.

Mit meinem Notizbuch setze ich mich ans kühle Wasser und schreibe.

Abends findet hier mit “What’s the prediction?” vom Choreographen Wim Vandekeybus das Opening des Vienna Dance Festival ImPulsTanz statt. Der Innenhof voller Leute, alle scharen sich um die große Bühne. Darauf: Die Band um den Belgier Mauro Pawlowski, die Tänzer, ein VJ. Alles beginnt mit Musik.

Und damit, dass ein Mann eine Frau auf die Bühne wirft. …

Die Performance ist ein Traum. Die Dramatik der Musik wird noch einmal verstärkt, als im Hintergrund die ersten Blitze über den Himmel zucken.Ein Sommergewitter kündigt sich an.

Endlich.

Langsam beginnt es zu tröpfeln … das Gewitter kommt näher. Und plötzlich trommeln ein paar Jungen mit Flaschen auf Blechmülltonnen. Ein Krachen, Blitze, die beste Lichtshow, die die Stadt auffahren kann. Es regnet. Alles atmet auf.

Und dann: Wir. Wir tanzen. Im strömenden Regen, während die Blitze alles erleuchten.

Irgendwann gehen wir nach Hause, nass bis auf die Haut, unsere Haare machen Tropfspuren auf dem Fußboden. Wir schnappen uns ein Handtuch, rubbeln die Haare ein wenig trocken, und schon gehts wieder in den Regen: Zur After-Show-Party in den 8 Meter hohen Räumen des Kasino am Schwarzenbergplatz. Feine Musik von Violetta Parisini (anhören! anhören!), danach legt ein DJ auf.

Es ist dunkel, es ist wahnsinnig heiß, der Bass ist laut, und alles tanzt. Mehr brauchen wir nicht.

Und als wir gegen Morgen nach Hause laufen, sind die Straßen schon wieder trocken.

Wien-Tagebuch. Die Franzbrötchenkatastrophe, das Wetter, Deutschlandfahnen und ein Auto.

Montag, 12. Juli 2010.

Der Tag beginnt super.

Gegen 09.30 zerfließt mir der Franzbrötchenteig unter den Händen. Es ist sogar jetzt schon zu heiß zum ‘Backen. Selbst ein längerer Aufenthalt in der Tiefkühltruhe kann die Franzbrötchenkatastrophe nicht mehr verhindern. Fluchen hilft auch nicht. Der Franzbrötchenkatastrophenlieferservice (= das Fahrrad, die im Supermarkt erschlichene Haribo-Transportkiste + ich) endet schweißgebadet, mit ölverschmierten Händen und einer irreparablen Kette an einer Kreuzung. Verbotener Satz des Jahrhunderts: Wer sein Fahrrad liebt, der schiebt.

Die Hitze schlägt mir auf den Kreislauf. Komme morgens gar nicht erst richtig in die Gänge, trotz Unmengen von Wasser, Himbeersaft und Kaffee. Hänge völlig in den Seilen, erst abends werde ich langsam wieder Mensch. Ich will gerne 100 Sachen machen, und muss dann doch stündlich mein Scheitern deklarieren. Alles unmöglich.

Eine kribbelige Stimmung liegt über der Stadt. Alles kocht, alles glüht, wie aufgeladen. Die Passanten sind hektisch, klammern sich an ihre Eiswaffeln und verteidigen mit letzter Kraft die wenigen Schattenplätze. Ich warte darauf, dass jeden Moment etwas in die Luft fliegt.

Als mein Körper 4 Stunden nach dem Franzbrötchendesaster wieder Normaltemperatur hat, gehe ich doch noch Himbeersirup und Papier für den Laden kaufen. Grober Fehler. In der Mariahilfer Straße angekommen (nach Überwindung von gefühlten 800 Höhenmetern), gibt mein Kreislauf das Ende der Friedenspflicht und den Beginn des Generalstreiks bekannt.

Unglaublich, aber Irgendwann wird es doch Abend, die Sonne verschwindet hinter den Häusern.

Eigentlich will ich noch eine Flasche Wein kaufen und mich sinnlos betrinken den ruhigen Abend genießen. Die Supermärkte hier schließen fast alle um 19 Uhr, sehr ungewohnt. Das mit dem Wein geht sich nicht mehr aus, dafür kreuzen nach und nach noch einige liebe Menschen, mehrere Teelichter, ein BMW X6, zwei Deutschlandfahnen und eine Sonnenbrille auf.

… Ja, es gibt Fotos. … Nein, nicht hier. 😉

Es ist nach Mitternacht, als wir langsam heimradeln. Angenehm warm ist es, und sehr ruhig. Stille über den Straßen, wer kann, schläft in seiner Tiefkühltruhe.

Über das erste Mädchen mit sehr kurzen Hotpants und High Heels wundere ich mich noch nicht. Ist ja auch noch gaz schön warm, so nachts um kurz vor eins, und es ist Sommer, jaja. Als dann innerhalb der nächsten 100 Meter weitere 10 in einem ähnlichen Outfit stehen, geht mir langsam ein Licht auf … auch, warum die Autos hier so langsam fahren und die Fahrer darin mich so seltsam anschauen. …

Dienstag, 13. Juli 2010.

Frische Bettwäsche, letzte Nacht. Die Fenster weit offen, vom Bett aus den Sternenhimmel sehen. Ein Traum.

Lande morgens in einem Anfall von Übereifer 20 Minuten zu früh im Laden. Setze mich draußen in die Sonne, lese (Heute könnte ein glücklicher Tag sein von Xaver Bayer),

und übe Milchschaum. Nach diversen Fehlversuchen wird aus dem Zufallsglück ein hey-ich-habs-langsam-drauf. Yeah yeah yeah!

Ein älterer Herr kommt vorbei und beginnt eine Diskussion über meine Haarfarbe. Jaaaa, ich bin eigentlich blonder. Jaaaa, ich weiß, dass ich verdammt helle Haut habe und damit nicht in die Sonne darf. Und jaaaaa, natürlich habe ich mich nicht eingecremt. Gut, dass wir das geklärt hätten. Genau, ja, ich war grade wieder auf dem Weg nach drinnen …

Unabhängig von penetranten Passanten: Mehr als 10 Minuten ist es schon jetzt, gegen 9, kaum in der Sonne auszuhalten. Ein leichter Wind zieht die Gasse hinunter, der Himmel blitzblau. Ach.

Wien ist eine schöne Stadt.