Wenn ich groß bin

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Ich komme gerade von einer dreitägigen Brachialtour an der Mosel (und das ist wohl das erste Mal in der Menschheitsgeschichte, dass jemand “brachial” und “Mosel” in einem zusammenhängenden Satz verwendet hat). An der Mosel habe ich Autos gesehen, Autos fotografiert, über Autos geschrieben, von Autos geträumt, bin Autos gefahren und habe Autos halluziniert, was aber viel wichtiger ist: ich bin eineinhalb Stunden Hubschrauber geflogen. Und:

Ich habe Hubschrauberpiloten gesehen.

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Hubschrauberpiloten sind nämlich die koolsten Typen im ganzen Universum. Echt. Dagegen sind James Bond, Superman, die Blues Brothers und all diese anderen Pseudo-Action- und Superhelden reine Witzfiguren. Die wahren Helden dieser Zeit sind Hubschrauberpiloten. Hubschrauberpiloten sind grundsätzlich braungebrannt, haben entweder gar keine oder lockige Haare und einen koolen Gesichtsausdruck, sie tragen superkoole verspiegelte Sonnenbrillen und koole riesige Kopfhörer, über die sie koole Funksprüche und Rockmusik hören. Das Mikrofon, das an den Kopfhörern dranhängt, wird von Hubschrauberpiloten niemals benutzt, Hubschrauberpiloten sprechen nämlich nicht. Vor sich haben sie einen Kompass und ein riesiges Armaturenbrett mit koolen, leuchtenden Knöpfen, und zwei Schalthebel (einer vorne, einer links), mit denen sie dieses Ding durch die Luft jagen, als wären die Schalthebel Joysticks und sie würden gerade Counterstrike zocken.

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Wirklich navigieren tun sie aber mit Hilfe eines iPads, auf dem eine bunte, permanent aktualisierte Karte der gesamten Umgebung zu sehen ist. Das iPad balancieren sie kool auf dem Oberschenkel, auch wenn draußen ein Orkan losgeht oder sich der Hubschrauber gerade im 180°-Winkel neigt. Ganz in Wahrheit navigieren sie aber nie, weil sie den gesamten Luft- und Bodenraum der Erde auswendig können, in ihrem Hubschrauberpilotenkopf. Hubschrauberpiloten sehen außerdem die Welt immer von oben und den ganzen Tag koole Sachen, weil sie nunmal berufsbedingt über den Dingen stehen, aber nichts von diesen koolen Sachen ist so kool wie sie. Außerdem fliegen Hubschrauberpiloten Linksverkehr. Linksverkehr ist auch kool.

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Während des Fluges müssen sie sich außerdem mindestens einmal nach den hinten sitzenden Passagieren umdrehen,  sie tragen natürlich immer noch die Sonnenbrille, dann müssen sie einmal in die Runde blicken (natürlich tun sie nur so. Wohin sie hinter ihrer Brille wirklich gucken, wird für immer ein Hubschrauberpilotengeheimnis bleiben). Sie zeigen kurz Sunnyboy-Lächeln (das ist auch der einzige Moment im Jahr, in dem Hubschrauberpiloten lächeln), sie zeigen das internationale Zeichen für “Daumen hoch”, und, sofern da hinten keiner kotzt, nicken sie und und fliegen weiter (natürlich sind sie auch während des Umdrehens und so weitergeflogen, Hubschrauberpiloten wissen nämlich schon Monate im Voraus, wann es gefährlich wird). Und während sie das “Daumen hoch”-Zeichen zeigen, müssen sie den Schalthebel mit den Knien festhalten. Hubschrauberpiloten schlafen auch niemals, höchstens einmal im Jahr in dem kurzen Moment, während der Hubschrauber wieder betankt wird.

Inzwischen bin ich mir auch ziemlich sicher, dass es die ganze Welt nur deshalb gibt, damit Hubschrauberpiloten darüberfliegen könne.

Wenn ich groß bin, werde ich auch Hubschrauberpilot.

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Es gibt da im Moment eigentlich nur zwei größere Hindernisse: 1. Wer nicht kool ist, wird erst gar nicht zur ersten Theoriestunde zugelassen. 2. Ein echter Hubschrauberpilot sagt niemals in seinem ganzen Leben “Hubschrauber”. Echte Hubschrauberpiloten sagen “Helikopter”.

Aber, wie gesagt, ich lerne ja noch.

Bloggeburtstag: Das Wunder wird 5.

In der Sommernacht, als diese Seite zur Welt kam, war ich nachts um 3 auf einem kleinen Flughafen gelandet. Zurück in Deutschland nach einer Woche in London, setzte ich mich in mein Auto, fuhr noch bei jemandem vorbei, den ich sehr gern hatte, warf leise einen langen Brief, dicht beschriebene und bemalte Blätter, in seinen Briefkasten, fuhr nach Hause und trug meine Tasche die Treppen hoch. Schloss die Tür auf, ging in die dunkle Wohnung, stellte die Tasche zur Garderobe, ging zum Sofa und setzte mich davor auf den Boden. Und ich wusste: in 5 Stunden, wenn die Sonne aufgegangen sein und er wohl diesen Brief in der Hand halten würde, in 5 Stunden: würde alles anders sein.

Dann stand ich auf, schaltete die Lampe an, fing an, eine Wand in einer neuen Farbe zu streichen und legte diese Seite hier an.

In den ersten Wochen, Monaten, wusste ich, dass der einzige, der die Seite manchmal besuchte, der Empfänger jenes Briefs war. Das hat sich inzwischen ein wenig geändert. Und es macht mich immer wieder froh, und, ja, erstaunt mich bisweilen, – Kann ich doch nicht einmal sagen, wie es dazu kam, dass dies hier wurde, was es nun ist.

Wahrscheinlich, wie es ebenso kam, dass die, die hier sitzt und dies schreibt, sich auf Fotos von damals kaum wiedererkennt, und ebenso, wie es dazu kam, dass sie selbst noch immer nicht ist, und wenn sie etwas ist, dann wohl am Werden.

Nur diese Seite, die ist tatsächlich: eine Sammlung von Kurzgeschichten, Miniatur-Prosa, Setzkastenlyrik, Sprachfantasien – und Auszügen aus den Romanen, die ich nie schrieb. Und ohne diese Seite hätte ich wohl nie begriffen, wohin mein Werden führen soll. Allein dies ist ein großes Glück.

Was seltsam, aber vielleicht auch ein Glück ist: dass der 15. August des vergangenen Jahres immer noch so nah scheint, und ich mich frage, was seitdem passiert ist. Zwar fallen mir die Antworten noch ein, bevor ich mich das zu Ende gefragt habe, und dennoch: -. Und noch etwas ist passiert: inzwischen schreibe ich wieder anders und woanders und für andere, und auch wenn es hier gerade ruhiger ist: ich habe die Geschichten nicht vergessen. Nur ist es jetzt Sommer, in meiner Stadt und in mir, und nun sammle ich für den Winter. Deshalb:

bleiben Sie mir gewogen. Schön, dass Sie hier waren, schön, dass Sie hier sind. Und schön, wenn Sie bleiben.

Herzlichst,

die Ihre.

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P.S.: Ich hab’ Blumen für Sie mitgebracht.

Erst wenn es vorbei ist, weiß man, wann es anfing aufzuhören.

Die 89. Minute. Die blinkende Tankfüllstandsanzeige. Fade-Out. 1%. Der Abspann. Das Stechen in der Lunge. Gelb. 23:59 Uhr. Das erste Wort auf der letzten Seite. Das Glas fast leer. Der Teller auch. Die knarzenden Treppenstufen. Der letzte Meter. Fünf vor zwölf. Drei, zwei, eins. Die vorletzte Scheibe Brot. Letzter Akt, erste Szene. 03 Minuten und 29 Sekunden Pop. Der letzte Euro. Zugabe! Herzenssehnen. Der Vorhang löst sich. Einer dreht sich um und geht. Das letzte Bild, auf dem wir -. Das Echo. Die Sätze, zurechtgelegt. 42,194 km. Das Vorspiel. Das Endspiel. Der Endspurt. Der Applaus. Das Ave Maria. Die letzte Runde. Schwarz vor Augen. Der letzte Kuss. Das letzte Treffen. Neunundneunzig Prozent. Fatal Error. 159 Zeichen. Das Impressum. Die letzte Notiz. Das Testament. Der Schlussakkord. Den letzten Karton die Treppe hinuntertragen. Alles Gute. Der Ausstand. Der Händedruck. It’s not over ’till it’s over. Die Kündigung. 139 Zeichen. Machen Sie Ihr Spiel! Zurückbleiben, bitte. Wir müssen reden.

Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. 

Die 90. Minute. Keine Bewegung. Stille. Akku leer. Standbild. Herzstillstand. Rot. Mitternacht. Buchdeckel zu. Glas leer. Aufgegessen. Die Haustür geht zu. Das Ziel. Zwölf. Null. Kein Brot mehr im Haus. Geht ab. Drei Minuten dreißig. Pleite. Die leere Bühne. Herzscheiße. Der Vorhang ist gefallen. Alle sind weg. Wir ist nicht mehr. Verhallt. Vorbei. 42,195 km. Das Nachspiel. Ein Sieger / ein Verlierer. Zur Garderobe. C-Dur, piano. Geht auch zu Ende. Nichts. Der Nachgeschmack auf den Lippen. Auf Nimmerwiedersehen. Hundert Prozent. Aus. 160 Zeichen. Alle Rechte vorbehalten. Kein Papier mehr, und niemand, der darauf schriebe. Hiermit eröffnen wir. Die Stille vor dem Applaus. Ein letztes Mal zuschließen. Auch privat. Sektgläser spülen, Kuchenkrümel wegwischen. Kalter Schweiß auf der Handfläche. But when it’s over, it’s over and out. Hiermit bestätigen wir. 140 Zeichen. Nichts geht mehr. Vorsicht bei Abfahrt des Zuges. Und schweigen.

Amen.

Ich will der Zeit beim Stillstehen zusehen

Ich will Sand sammeln in meinem Bauchnabel, in meinen Händen, zwischen meinen Zehen, ich will warten, bis der Wind kommt, die Augen schließen und den Sand aus meinen Händen werfen, mit aller Kraft, die ich aufbringen kann, ich will die Augen öffnen und sehen, wie er weit weit weg fliegt, bis ich ihn nicht mehr sehen kann. Ich will Weißkohlköpfe haben, einen ganzen Berg davon, und sie Blatt für Blatt für Blatt entblättern. Ich will die Blütenblätter zupfen von hundertzwei Ranunkelsträußen, ich will die Blätter zu Boden werfen, sie zu meinen Füßen türmen, bis sie ein Kokon sind um mich. Ich will Musik hören und die Musik soll ein Tropfen sein, der zu Boden fällt und eine Pfütze wird, See, ein Fluss, ein Meer, und darin will ich schwimmen. Ich will an einem Meer sein, das nicht mehr aufhört, in einem Boot sitzen und dort treiben. Ich will ein Wind sein.

Ich will da sein. Ich will auf einem Berg aus Kirschen liegen und Kirschen essen, bis mir der Bauch nicht weh tut, und Kerne spucken, weiter, als ich sehen kann, ich will sie zwischen meinen Fingern reiben, bis sie platzen, ich will ihren Saft langsam in meinen Mund tropfen lassen. Ich will in Zügen sitzen und die Welt vorbeiziehen sehen wie eine Bühne, auf der nur das Bild sich ändert, die Handlung stets die selbe bleibt. Ich will an einem Meer das Wasser durch meine Hände fließen lassen und ich will es nicht festhalten. Dann will ich schwimmen, bis meine Haut runzelig wird. Ich will tauchen und unter Wasser atmen, ich will, dass mir Kiemen wachsen und ich will das Wasser durch meine Lungen strömen lassen. Ich will das Meer leeratmen.

Ich will da sein, wo nichts passiert. Ich will meine Füße auf alle Berge setzen, alle Berge dieser Welt, auf allen Gipfeln will ich stehen und hören, wie die Welt klingt, wenn sie klein ist. Ich will mich auf der Straße auf den Bauch legen und das Ohr auf den Boden legen und unter dem Beton das Gras wachsen hören. Ganz schön langsam will ich sein. Ganz schön schön. Ich will warten, bis die Nacht kommt und mit den Wölfen einen Mond anheulen und will die Sterne sehen und ganz still sein. Und schweigen will ich. Ich will alles in mir, für mich, bei mir behalten und ich will kein Wort darüber, davon verlieren. Ich will die Augen schließen und darauf warten, dass nichts geschieht und die Augen wieder öffnen und sehen. Als hätte ich noch nie gesehen, so sehr will ich mich wundern. Ich will ein Staunen sein.

Ich will da sein, wo tausend Streichholzschachteln sind. Ich will sie öffnen, eine nach der anderen, und die Streichhölzer anzünden, eines nach dem anderen, will den kleinen Flammen zusehen, wie sie herunterbrennen, wie sie immer näher an meine Fingerkuppen kommen mit ihren kleinen Flammen, und zusehen, wie sie langsam ausgehen, und wo ich bin, soll immer eine kleine Flamme sein.

Ich will der Zeit beim Stillstehen zusehen.