Übersommert

Wir haben das doch alles schonmal gehabt, alles schon gelesen, gesehen, gehört, und jetzt blicken wir darauf mit diesem Blick — ja, welchem Blick eigentlich. Wohl mit diesem Blick, der misst, taxiert, der wiegenden Kopfes vergleicht, abwägt und in Gedanken bereits aussortiert. Ein Gesichtserkennungsblick ist das, in dem, was mal Hirn war, sitzt jetzt ein Algorithmus, der nur nach dem sucht, was er schon kennt, das Muster, die Regelmäßigkeit, den Wiedererkennungswert, den Marktwert, den Preis. Es ist ein Blick, der sich entlangtastet an Gesichtsform und Position und Größe der Augen, der einen Haaransatz sucht, Nasenlöcher, Augenbrauen, Wangenknochen, einen Mund, den Übergang zum Hals. Ein Blick, der nur unterscheidet zwischen Hauttönen und den Stellen, an denen sie unterbrochen werden, von Schatten, neuen Farben, denn wo das Rot beginnt, da könnte ein Mund sein. Ein Algorithmus, der nur erkennen kann, was ihm beigebracht wurde, der nur das Bekannte sucht, der die Nuancen zwischen den Konstanten nicht kennt, und am Ende “Gesichtserkennung abgeschlossen” meldet und die Suche beendet. Noch irritieren uns Sonnenbrillen, Hüte und Grimassen, sie machen es uns schwerer, die einfachen Flächen zu erkennen, aber gebt uns nur ein paar Jahre und auch das macht uns nichts mehr aus. Wir sind lernende Algorithmen. Aber manchmal glaube ich, ich möchte auf die Suche gehen, eines Tages, nach einem neuen Gesicht, einem, in dem die Augen schief stehen, in dem ein Grübchen sitzt, aber nur auf einer Seite, nach einem Bart, mit einem Loch auf einer Seite, weil der Barthaarschneider kaputt war, der nach Ohren sucht, vielleicht nach abstehenden. Manchmal wünsche ich mir einen Blick, den Grimassen nicht stören.

Es ist Winter, da fallen keine Blätter mehr, da sind die Bäume kahl, da kräuselt sich an den Fenstern am Morgen der Raureif entlang, da könnten wir das erste Mal seit dem Sommer wieder Herzen auf Autoscheiben malen oder FUCK YOU VERY MUCH, ist ja manchmal auch das selbe, irgendwie. Wir könnten auch zu Karstadt gehen und unser Schlauchboot gegen zwei Paar Schlittschuhe eintauschen und am Fluss sitzen und warten, dass das Wasser endlich gefriert oder dass ein Papierschiff vorbeifährt mit einem Legomännchen als Kapitän und uns mitnimmt, oder dass jemand aus dem Gebüsch springt und sagt “SCHNITT! Alles auf Anfang!”. Im Treppenhaus hat jemand einen Raumduft aufgestellt. Dort, wo ich zur Welt kam, kennt man keine Treppenhäuser, schon gar keine, in denen es immer nach Zigarettenqualm riecht und in denen ein Hausmeister steht, ihm gegenüber der Mann aus dem Erdgeschoss, er lehnt im Türrahmen und beide kippen einen Schnaps. Ich komme aus einer Gegend, in der man Stiegenhaus sagt. Es ist 09:43 Uhr morgens, ich gehe durchs Stiegenhaus zur Wohnung hoch, dusche, wickle das Handtuch um meine Hüften, sehe in den Spiegel, selbst im Spiegel nichts Neues, doch, ich entdecke einen blauen Fleck, kreisrund, unterhalb meines rechten Ohrs.

Wir haben diese Verabredung getroffen, es ist ein Deal, über den wir nie sprechen, von dem wir aber wissen, dass er existiert. Im Prinzip geht es darum, dass wir uns treffen, um Sex zu haben, und dass wir es so tun, dass wir keine Spuren hinterlassen. Wir kennen und wir haben uns, unsere Körper, für eine Stunde, einen Tag, eine Nacht, so lange halten wir uns fest, und sobald wir uns loslassen, können wir aufstehen, aufstehen, duschen, in den Spiegel sehen und so tun, als wäre nichts passiert. Wir lassen uns los und wir sind raus. Und können mit jemand anderem frühstücken gehen. Bisweilen nur nutzt sich das ab, greift sich ab, Haar um Haar, Hautschuppe um Hautschuppe, es verliert sich, und deshalb muss man manchmal etwas haben, das man halten kann, und wenn es nur für einen Tag ein Duft, für einen Moment eine Hand oder für eine Sekunde ein zwei Quadratzentimeter großes Stück eines Halses ist.

Wir haben übersommert, wir haben uns auf Eis gelegt.

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