Wegweh

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Meine Augen laufen die Schienen entlang, ich zähle die Schwellen, bis sie verschwimmen und verschwinden. Zu viele Bilder pro Sekunde, als der Zug schneller fährt, und die Bäume an der Strecke verschwimmen zu einem einzigen Grün. Strommasten, Felder, Hochspannungsleitungen, Feldwege, Häuser, Gleisbetten, Hochhäuser, Autobahnen, der Zug wird langsamer, bleibt stehen. Ich wuchte meine Tasche aus dem Gepäckfach, steige aus, atme ein. Wieder eine neue Stadt. Wieder ein Bahnhofsgebäude, das von innen genauso aussieht wie alle anderen, in Brandenburg, in Magdeburg, in Braunschweig, in Wolfsburg, die selbe beschissene Architektur, die keine ist, die selben beschissenen Läden, die selben beschissenen Raucherzonen ganz am Ende des Gebäudes. Ich lasse meine Tasche fallen, setze mich daneben auf den Boden und es ist mir egal, dass ich einen Minirock trage, wie mir alles egal ist.

Ich zünde eine Zigarette an und wundere mich, wie man anfangen kann, Menschen zu vermissen. Den Menschen an sich, als Gruppe eine verachtenswerte Spezies, als Individuum durchaus beachtens- und liebenswert. So passiert es manchmal doch, dass einem ein Mensch passiert. Einem frontal ans Schienbein kracht, in den Magen, in den Kopf, ins Herz, schon ist er da, und dort, wo er ist, ist ein Fleck, und der geht nicht so einfach weg.

Seit eineinhalb Jahren nun wohne ich in der selben Stadt. Es ist eine große Stadt, die, wie jede Stadt, in Wahrheit, ein einziges Dorf ist. Meist geschah es bisher nach spätestens einem Jahr am selben Ort: das Wegweh packte mich. Wegweh, die große Sehnsucht nach nichts. Wegweh weiß nicht wohin mit sich und seiner Sehnsucht, es weiß nur, dass es weg muss. Wegweh kann enden in einem Dorf im tiefsten Mecklenburg-Vorpommern, in Bielefeld, an einem norwegischen Fjord oder in einem Flieger nach Kalifornien, das Wegweh weiß nie, wo es endet, sobald es einmal angefangen hat.

Wegweh ist schwer zu diagnostizieren und noch schwieriger zu therapieren, denn wo soll man hinfahren, wenn man nicht weiß, wohin? Jedes Verkehrsmittel ist im Zweifelsfall das falsche, jeder Zug fährt in die falsche Richtung, jedes Flugzeug landet an einem falschen Flughafen, und dann steht man da und hat nichts, geschweige denn irgendeine Ahnung. Denn man könnte froh sein, weg zu sein, aber man ist nur überzeugt, im falschen Weg zu sein, am falschen Ort, und obwohl man weg ist von da, wo man herkommt, ist es doch alles nicht richtig.

Alles, was einem übrig bleibt gegen das Wegweh, ist der Versuch einer Distanz. Man könnte beginnen mit einer Distanz zu sich selbst, damit, zu hinterfragen, woher es kommt, das Wegweh, was sich änderte, wenn man weg ginge, sich aus allem zurückzoge, sich von allem entfernte. Aber am Ende wären das nur nervige Fragen an einen überforderten Kopf, Fragen, die doch eigentlich ohnehin nur ein Bauch beantworten kann. Doch der Bauch spricht nur selten, nur, wenn es ganz still ist um einen herum, wenn er Lust hat und in guter Stimmung zum Plaudern ist. Die Stadt ist zu laut, als dass man da noch den Bauch hören könnte, der Lärm übertönt ihn und meist bleibt einem so kaum etwas anderes übrig, als es einfach zu versuchen. Sich wegzubewegen. Selbst wenn man dann nicht weiß, ob man sich in die richtige Richtung bewegt.

Ich stehe auf, nehme meine Tasche, gehe zu einem anderen Gleis, der Zug fährt weiter, ich weiß nicht, wohin. Blaue Bagger, Industrieanlagen, Container, Betonbunker, verfallene Bahnhofshäuser, ein Mensch, man kann gar nicht so schnell schreiben, wie draußen alles vorüberzieht, man kann gar nicht so schnell bemerken, dass für einen halben Augenblick alles gut ist, bevor es schon wieder vorüber ist.

(August 2011)

Komm, stell dir vor, wir wärn am Meer

Komm, wir kaufen Dynamit und sprengen jedes dieser Zimmer, wir jagen alles in die Luft für einen Wind und einen Himmel. Lass alle Lampen Sonnen sein, den Straßenlärm ein Meeresrauschen, die Bäume Palmen nur zum Lauschen und unsre Kissen einen Strand. Komm, stell dir vor, du wärst am Meer für einen Tag und eine Nacht, für vierundzwanzig Stunden Meer mit mir. Komm, lass uns unsre Zeit neu teilen, potenzieren und dann runden, alle Sonnen-, Wolkenstunden, Zeit zum Gehen und Verweilen,  Flut und Ebbe, Tag und Nacht und Zeit, die uns so weit gebracht hat, dass wir sind, wovon wir träumen, Zeit, in der wir nichts versäumen, Zeit, die uns zu mehr gemacht hat.

Komm, leg dich neben mich und mach die Augen zu. Und stell dir vor, dies wäre unsere Zeit und dieser Tag wäre unser Tag. Es wäre ein Tag, an dem wir morgens aufwachten, und alles wäre einfach da. Da wäre ein großes Meer von Sonnenaufgang bis Sonnenaufgang, ein Himmel und eine Sonne, kleine weiße Wolken, ein Strand und ganz am Ende ein Horizont, und irgendwo in allem wir, der Sand unter unseren Füßen und die Fragen in unseren Augen.

Wir würden entlang der Wasserkante gehen, das Wasser würde um meine Beine tanzen. Du würdest kleine Quallen, rund geschliffene Glasstücke und blassgrüne Algen finden und fragen, wie Feuersteine aussehen, ich würde nach schwarzen Steinen mit kleinen weißen Flecken suchen und sie für dich sammeln. Wir würden eine Burg bauen, es wäre die hässlichste Burg am ganzen Strand, du würdest mit nassem Sand werfen und eine Kette aus Seegras flechten und über die Wellenbrecher springen, als könntest du auf Wasser laufen. Wir würden Steine finden, zu winzigen Sandkörnern geschliffen von der Zeit, die über ihnen verstrichen ist. Die Steine wären in unseren Büchern, in unseren Armkuhlen, in unseren Haaren, auf unseren Mündern. Schwimmen würden wir zwischen den Algen und am Grund nach Muscheln tauchen. Mit nassen Händen würden wir Sandkuchen backen und das Meer würde unser Lachen mit in die Tiefe nehmen. Dann würdest du zum Horizont zeigen und da wäre ein Dreimaster und kein Platz für irgendwas dazwischen. Zwischen uns, dem Himmel, und dem Meer.

Und staunen würden wir. Über die Menschen auf Handtüchern, die sich in jeder Stunde einmal drehen. Über die Kinder, die Möwen jagen, den Strand umgraben und kleine Baggergeräusche in die Weite schicken. Über die Wellen, die zerbrechen und ganz klein werden, bis sie sterben. Über die Schnelligkeit der Ameisen und die Langsamkeit des Seins.

Wir würden uns aus Büchern vorlesen und gegen die Brandung anflüstern, und wenn du fragst, wann wir nochmal schwimmen gehen, würde ich sagen in 7 Kirschen, einen der Kerne würden wir tief in den Sand pflanzen und gegen Nachmittag säßen wir im Schatten des großen Kirschbaums. Wir würden unsere Sachen an seine Zweige hängen, du würdest dich an seinen Stamm lehnen und da wäre immer ein wenig Kirschsaft in deinen Mundwinkeln.

Wenn wir müde wären, würden wir uns hinlegen, die Augen zumachen und ein Ohr auf den Sand legen, und wäre das Meer einen Augenblick lang still, dann könnte ich deinen Atem hören. Von der Wärme der Sonne würdest du einschlafen, da ließe ich Sand auf deinen Bauch fallen und malte ein Bild darauf und es wäre für immer da, so lange du nur weiterschliefest. Deine Taschen wären voller Steine, an deinen Wimpern klebte Sand und wenn du aufwachtest, schwämme in deinen Augen das Blau, gestohlen vom Himmel, geliehen vom Meer.

Wir würden nichts wollen, nichts hoffen, nichts fürchten. Wir würden sein und sehen, was passiert. Du wärst mein Schatten vor dem Wind, der Salzgeschmack in meinem Mund, das Wassereis, das in meinen Händen schmilzt, die Sonnencreme auf meiner Haut. Der Wind, der durch Dünengras streicht, die Idee von Bleiben in meinem Kopf, der Horizont vor meinen Augen. Mein Sonnensegel um die Mittagszeit, mein Strandfeuer und mein Mondlicht in der Nacht. Du wärst mein Boot auf dem offenen Meer. Und die Strömung, die mich mitnimmt.

Und frei wären wir. Nicht wie die Vögel, die immer nach Hause zurückkehren. Nicht wie der Wind, der in unseren Haaren hängenbleibt. Nicht wie die Schiffe, die den Hafen ansteuern. Wir wären frei wie nichts sonst auf dieser Welt. Wir wären frei wie alles.

Am  Abend würden wir Holz sammeln, weit gereiste und gestrandete Stücke vom Meer gewaschener Bäume, angeschwemmt, ausgebleicht, gestrandet wie wir. Du würdest die Steine aus deinen Taschen nehmen und ein Feuer machen und am Ende des Stegs säße ein Junge mit einer Gitarre. Und in allem wäre ein Lied.

Und wenn die Sonne ganz untergegangen wäre, würden wir ein letztes Mal zum Wasser gehen und nebeneinander am Ufer stehen. Dann käme ein Segelboot vorbei, mit rot und weiß gestreiften Segeln, und du würdest meine Hand nehmen, wir würden dastehen, nicht wartend, dass etwas geschieht, nicht hoffend, dass uns jemand mitnähme bis ans Ende der Welt. Wir würden nur dastehen und meine Hand wäre in deiner.

Ganz spät in der Nacht würden wir einschlafen in unserem Zelt am Strand, mit offenen Ohren, damit das Meer ganz laut bleibt in uns. Ich würde mich bei dir verstecken vor dem Küstenwind und der salzigen Kälte der Meernacht. Du würdest die Sonne aus meinem Haar wegatmen und das Salz von meinen Wimpern und mich zudecken mit der letzten Wärme des Tages. Und wenn die Nacht am dunkelsten wäre, würde im Flackern eines Leuchtturmlichts etwas in uns sterben, wie jede Sehnsucht stirbt, wenn sie erfüllt wird.

Am nächsten Morgen würde die Sonne aufgehen und wir müssten gehen. Nicht in unseren Taschen voller Erinnerungen und nicht in unserem Blick auf die Straße, – nirgends wäre Platz für einen Abschiedsschmerz. Da wäre nur Platz für einen Weg nach Irgendwo, wo kein Zuhause mehr ist. Weil zuhause da ist, wo das Wasser ist.