Was wärmt: leben mit Ofenheizung

Es ist kalt in Berlin. Sehr, sehr kalt. Man könnte es gar für Schnee halten, das weiße Zeug, das nun zum 378. Mal in diesem Jahr vom Himmel fällt. Und deshalb – liebe Leserschaft mit Zentralheizung. Bitte schalten Sie doch für einen Moment Ihre Heizung aus und öffnen Sie dann noch für eine Viertelstunde lang die Fenster. Erledigt? Fein.

Herzlich willkommen, wir befinden uns nun auf einem gemeinsamen Wärmelevel.

Ich lebe in einer Wohnung mit Ofenheizung. Seit nunmehr drei Wintern. Wohnung mit Ofenheizung, das heißt: Altbau, einer mit diesen weiß lackierten Dielen und Stuck an den Decken, nicht isolierten Fenstern, sehr kalten Wänden, zwei Kachelöfen (einer im Wohn-/Schlafzimmer, einer im Kleiderschrank in der Abstellkammer. Keine Heizung in Bad und Küche, einmal abgesehen von Gasherd und -backofen. Ungefähr 80- bis 100.000 solcher Wohnungen soll es in der Stadt noch geben.

Diese Wohnung hat einige entscheidende Vorteile. Zum einen mag ich sie sehr (auch wenn das Mögen im Winter manchmal schwerfällt). Und, viel wichtiger: Das hier ist 127.0.0.1. Und Zuhause ist, wo du im Dunkeln die Lichtschalter findest. Obendrein ist sie sehr preiswert: die Miete pro Quadratmeter kostet gerade so viel wie eine Tasse Kaffee in einem dieser Berliner Cafés, in denen sie 10 verschiedene Wörter für Filterkaffee kennen.

Der erste Winter, den ich hier verbrachte, war gleichzeitig der härteste: wochenlang Temperaturen um minus 10, minus 15 Grad. Und Schnee. Überall Schnee. Eines Morgens kam ich in die Küche und das Wasser in einem Glas auf dem Tisch war zu Eis erstarrt. Und was habe ich gefroren. Zu der Zeit kaufte ich mir eine zweite Bettdecke und drei sehr warme Wollpullover (die ich meist auch nachts einfach anbehielt. Alle.). Den Gedanken ans Aufstehen morgens finde ich meist ohnehin schon schrecklich genug, aber zu der Zeit war er grauenhaft – allein die Idee, irgendwie den Weg ins Bad überstehen zu müssen, ließ mich noch etwas weiter unter die Bettdecke kriechen. Besonders ungut ist das, wenn mensch krank ist. Sie können gar nicht so viel heizen, wie Sie Schüttelfrost haben können.

Damals, jener erste Winter. Ich hatte kein Geld, kein Auto und kannte niemanden in Berlin. Also zog ich einmal pro Woche mehrere dicke Pullover und einen Parka an, dicke Wollsocken und schwere Stiefel für die Füße, nahm eine große Tasche und den nächsten Bus, der an der übernächsten Straßenecke fährt, und fuhr nach Reinickendorf. Da ist der nächste Baumarkt, und die Kohle dort ist billiger als im Supermarkt (ja, die Supermärkte hier führen Kohle. Für Leute wie mich.). Ich nahm je 10 Kilo Briketts für jede Hand, einen Sack Holzscheite für die Tasche, bezahlte, um die fünf Euro waren das, stapfte zurück, die Straße hinunter, zur Bushaltestelle, manövrierte mich samt Kohle und Holz möglichst unfallfrei und ohne anderen auf die Füße zu treten oder sie aus Versehen mit einem Pack Kohle anzurempeln anzustupsen durch den Bus. Leider klappte das nicht immer so gut. (Erwähnte ich, dass 10 Kilo Kohle recht große blaue Flecke machen?)

Einmal habe ich mir dabei den Fuß verstaucht; zwei Mal hat es in meiner Wohnung gebrannt, in jenem ersten Winter. Im aktuellen Winter fiel mir drei Mal ein Brikett auf den Fuß. Einmal war ein Zeh noch tagelang blau, einmal offenbar angebrochen, einmal blutete es sehr unschön. Und acht Mal sind mir Liebhaber erfroren. Diesen Winter fuhr ich wieder in den selben Baumarkt wie immer, diesmal aber mit einem Auto, und kaufte nicht 20, sondern gleich 250 Kilo Kohle. Um es über ein paar Monate hinweg wirklich schön warm zu haben, braucht es mindestens 500, besser noch 600 bis 700 Kilo. Ich packte die Kohle ins Auto, bekam gerade noch so den Kofferraum zu, fuhr nach Hause und trug sie in den 3. Stock.

Der Trick ist: das Heizen mit Kohle lohnt sich erst dann wirklich, wenn regelmäßig Kohle nachgelegt wird. (“Denn das Wichtigste ist, dass das Feuer nicht aufhört zu brennen, denn sonst wird es ganz bitterlich kalt.” Jan Delay. Ich vermute, dass wir eine Ofenheizungsvergangenheit teilen.) Bis der Ofen so warm ist, dass er beginnt, Wärme abzustrahlen, dauert es gute 6 Stunden. Werden pro Stunde 2 Briketts nachgelegt, bleibt es recht angenehm warm. (Natürlich ist es nur in einem Raum warm. Aber das ist ja auch ausreichend.) Eine reisende Berufstätigkeit wie die meine ist da eher problematisch. Selbst wenn ich vor dem Gehen noch die Maximalstückzahl von 10 Briketts taktisch klug in den Ofen schichte – spätestens 36 Stunden später ist der Ofen aus. Und falls Ihnen noch nicht klar war, was genau es bedeutet, wenn Leute sagen “der Ofen ist aus”: aus heißt aus. Und da geht auch nicht so schnell wieder was an.

Deshalb habe ich mich zugegebenermaßen diesen Winter häufig vor zuhause gedrückt. Und mich jedes Mal aufs Neue gefreut, wenn es völlig reichte, ein Rädchen ein Stück zu drehen und abzuwarten, bis es eine Viertelstunde später richtig warm ist. Eines Abends stand ich, krank, wie ich war, in einem Kölner Hotel, fror, wie frieren nur geht, und freute mich wie ein kleines Kind darüber, dass ich einfach so das Thermostat der Heizung auf über 30 Grad hochdrehen konnte (mir war wirklich sehr kalt). Die Wahrnehmung von Wärme verändert sich, wenn sie nicht einfach so da ist. Weg vom Rädchendrehen, hin zu Kohleschleppen, dreckigen Fingern, Asche und Feuer. Weg von der Selbstverständlichkeit, hin zum Luxus.

Und seit der Ofen wieder ganz aus ist, liege ich manchmal wieder nachts wach, fasse mir an die kalte Nase und träume von Sommer oder einer Zentralheizung.

Ach, übrigens, tun Sie mir doch einen Gefallen. Und schalten Sie endlich Ihre Heizung wieder ein.
Danke. Wissen Sie, ich habe heute meinen großzügigen Tag.