Wir waren uns ein Seismograph

Am vorletzten U-Bahnhof vor dem Ende der Welt (das Ende der Welt ist dort, wo Brandenburg beginnt) steht es in großen schwarzen Lettern auf einer Wand.

SIE LIEBT DICH.

Es war Abend und die Welt tat, was sie zu tun hatte: weit draußen rauschte ein Zug vorbei, irgendwo hockte ein Vogel und sang heiser ein Nachtlied, die Wolken standen am Himmel, weil sie es mussten, die Hochhäuser am Horizont hielten die Erde davon ab, wegzufliegen, die Straßen zementierten die Trampelpfade der Leute, die Ampeln machten den Takt. Alles war wie immer.

Die Lampions glitzerten in der Abendsonne. Die kahlen Bäume versanken in weichem Licht. Es wehte ein Wind, die Art von bewegter Luft, die etwas verhieß, ohne etwas zu versprechen, in der ein wenig Pathos lag, und dort lag er zu Recht. Denn weit außerhalb der Stadt, im Garten eines winzigen Hauses, war nichts wie immer. Dort, auf einem Stück Boden von fünfhundertfünzig Quadratzentimetern, stand Continue reading “Wir waren uns ein Seismograph”

Nennen wir es Frühling

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Dem Regen lauschen. Sich ans Meer träumen. Früh morgens in eine fremde Küche schleichen und Pfirsichsaft trinken. Ins Bett zurückkriechen. Von Vogelzwitschern aufwachen. Ein gutes Spinnennetz betrachten. Die Schwerkraft aufheben. Mit Leichtigkeit aufstehen. Verwundert sein. Wörter beim Wort nehmen. Einen Körper spüren. Nichts beim Namen nennen. Eine Winterspur in Form eines Brandlochs vermessen. Etwas nicht zu Ende denken. Warten, bis der Kaffee kocht. Zum Fenster hinaussehen und leise ein Lied hören. Etwas Gutem keinen Namen geben. Was gut ist, braucht keinen Namen. Die Beine baumeln lassen. Etwas zu Ende fühlen. Es gut sein lassen. Das Licht lieben, das durch staubige Scheiben auf den Boden fällt. Das Haus ohne Jacke verlassen und sich wundern. Sommersprossen sammeln. Mit nackten Füßen über eine Wiese gehen und sich kein bisschen wundern. Einem Kind ein Lied singen. Ein leeres Vogelhäuschen grüßen. Eine Blume verschenken. Eine Spiegelung in einer Pfütze betrachten. Einen Hund streicheln. Nicht warten, bis etwas passiert. Passieren. Eine Panoramaansicht üben. Eine Sprache wieder sprechen. Fremdheit in den Ohren nachklingen lassen. Etwas wiedererkennen. Sich in einen Widerspruch verstricken. Sich nichts daraus machen. So viele Blaubeeren essen, bis man eine blaue Zunge hat. Jemanden wiedersehen, dessen Gesichtszüge in Gedanken verschwommen waren. Albern sein. Ernst sein. Zusammen sein. Die Dinge anders betonen. Nichts mehr wollen. An einer Wand lehnen. Seifenblasen fliegen lassen. Das erste Eis des Jahres essen. Auf einem Spielplatz an der Schaukel anstehen. Lächeln, als der Wind ein Buch wegweht. Still sein. Augen zuhalten. Auf Baumstämmen balancieren. Löwenzahnsamen durch die Luft pusten. Auf Parkbänken liegen. Genauer hinsehen. Durch die Stadt gehen und überall zuhause sein. Einem Tag entgegenfiebern. In einer Nacht versinken. Einer Müdigkeit erliegen. An einer Sache scheitern. In einem Prinzip treu bleiben. Verzicht üben. Einem Drang nachgeben. Einen Hunger stillen. Liebe mit Löffeln essen. Einem Gedanken anheim fallen. Einen Frieden schließen. Es gut haben. Eine Realität wagen. Nichts fotografieren. Nichts festhalten. Weitergehen. Weitersehen. Weiter gehen. Weiter sehen. Weiter sehnen.

Sonn.Tag.

Picknickdecke und Buch. Auf einer Wiese landen, überall Kirschblüten, Apfelbäume.

Hummeln im Tiefflug. Sauerampferblätter essen. Sonne auf der Winterhaut, Grashalme zwischen den Zehen, Duft von Rapsblüten in der Nase. Ameisen auf den Beinen.

Vogelzwitschern hören, den Kopf in den Nacken legen und in den Himmel sehen.

Endlich ruhiger atmen.

Denn irgendwie ist alles gut. Wie es ist. Und alles wird

noch viel besser werden.