Ich war lange nicht mehr so körperlich und mental am Ende und gleichzeitig so froh. Es war meine erste “richtige” re:publica, die Jahre vorher hatte ich es nie geschafft, rechtzeitig ein bezahlbares Ticket zu organisieren, hatte also die Konferenz selbst nur online verfolgt und war immer nur zu den Parties gegangen. Dann also dieses Jahr mit Ticket. Und es war gut.

Vor allem aber war es: diese besondere Mischung aus Klassentreffen (“Und was machst Du jetzt so?”) und Familientreffen (“Kind! Du bist aber groß geworden!”), ein Wiedersehen mit alten Freunden, ein erstes offline-Kennenlernen (“Ich folg’ Dir seit drei Jahren!”), und voller Diskussionen über Online- und Offlinethemen und Ideensammlungen für neue Projekte.

Und ansonsten war das so: rp13-replik Es gibt noch ein paar Sessions, die ich sehr empfehlen möchte: Ben Scott über die Frage, wer kontrolliert, wie offen / geschlossen dein Internet ist, und warum – kurz: Netzneutralität. Das Video gibt es hier. Neil Harbisson, der Farben hören kann, erzählt hier aus seinem Leben als Cyborg, das ist ziemlich spannend. Toll war auch das anschließende Colour Concert, und die Musik war ganz schön schön. Auf keinen Fall zu verpassen wären da noch Laurie Pennys Session über Sexismus im Netz und die Folgen und warum das nicht nur für Frauen wichtig ist. Und Anne Wizorek, die über #Aufschrei sprach, das war ziemlich gut. Und dann erzählte Matthias Bauer noch etwas darüber, wie mensch als Geek gut leben kann (hier im Video, hier in der Zusammenfassung).

Alles in allem: tolles Programm, tolle Menschen dahinter und viele Freiwillige, die das möglich gemacht haben. Danke dafür! 

<rant>Was ich mich im Kontext der re:publica wie in den vergangenen Jahren auch wieder fragte, war, wie selbstbezogen man eigentlich sein kann (und das geht auch an mich, ich bin da ja nicht besser). Wir sind mit “unseren” Themen an der Realität gescheitert, weil wir es nicht schaffen, die Realität für sie zu begeistern. Wir sind so wahnsinnig gut darin, die Zukunft zu entwerfen, dass wir darüber die Gegenwart vergessen.

Denn, ganz ehrlich: 5.000 Menschen mit Smartphones, die sich für Crowdsourcing, Data Mining, Online-Protestkultur, Open Source, Datenbefreiung, neue Formen von Arbeit und all die anderen tollen Themen begeistern – das ist nicht die Realität. Die Realität ist da draußen, da, wo, und das meine ich nicht despektierlich, ganz normale Leute zu ihrer ganz normalen Arbeit gehen und das Internet nutzen, um mal ein ganz normales Foto per E-Mail an ihre Kinder zu schicken. Das ist die Realität, die Wirklichkeit der meisten Menschen in diesem Land, und wer will sich da noch darüber wundern, dass es de facto so gar niemanden stört, wenn die großen Parteien netzpolitische Themen eher nicht zum Kampfthema im Wahlkampf machen werden? Das sind wunderschöne Nischenthemen, die die genannte Realität aller Menschen tiefgreifend verändern werden – so lange sich aber niemand dafür interessiert, und sei es nur, weil er nichts davon weiß oder sie nicht versteht, lässt sich das auch ganz prima in dieser Nische belassen. Update 12.05., 23:20 Uhr: – Und in genau dieser Nische, da haben wir uns genauso recht komfortabel eingerichtet. Wir kennen uns alle, haben unsere drei, vier Experten zu Themen™, und dann hocken wir da, braten in unserem eigenen Saft, und bisweilen, wenn mal wieder irgendwer ein Gesetz durchpeitschen will, wird es uns ein bisschen ungemütlich, dann stellen wir uns auf die Hinterbeine und in ebendiesem Moment fest, dass sich genau keiner da draußen für uns interessiert. –

Wie also wollen wir diese “normalen” Leute erreichen? Bislang sind wir daran gescheitert.

Ich hatte zwar den Eindruck, dass uns diese Tatsache inzwischen dank unseres Scheiterns bei Leistungsschutzrecht und Bestandsdatenauskunft (und, ja, das ist nichts anderes als unser Scheitern – wir haben es verkackt) und dank der Netzneutralitätsdiskussionen, wenn auch schmerzlich, aber bewusster ist. Aber Lösungen? Sehe ich, ehrlichgestanden, keine. Wir kämpfen schon so auf unseren eigenen Baustellen, mit Trollen, zermürbenden Hatern, unseren inhaltlichen Zerwürfnissen, damit, uns zu finanzieren, und schaffen es nicht, unsere Positionen (wir haben ja auch nicht eine, sondern eine Vielzahl davon) so nach außen zu tragen, dass wir die Wahrnehmungshöhe der Realität erreichen. Wir sind in/side/out, mit unseren Blogs und Podcasts und Tweets, aber, mal ganz ehrlich, wer liest uns denn? Wir sind immer noch viel zu abhängig davon, dass große Medien “unsere” Themen aufgreifen und bestenfalls in unserem Sinne vertreten (haha), damit irgendjemand uns wahrnimmt (und ob er sich dann dafür interessiert, ist nochmal eine ganz andere Frage).

Aber out/side/in, wo sind wir das denn? Wo interessieren wir uns für die ganz normale Realität, wo versuchen wir, diese Menschen einzubeziehen? Mit unseren Texten und Rants erreichen wir genau die, die ohnehin so mehr oder weniger unserer Meinung sind. Und sonst genau niemanden. Wie auch? Wer kann gesichert sagen, dass die Leute außerhalb unserer “Szene”, und sagt jetzt nicht, es wäre keine, überhaupt wissen, dass es uns gibt? Wir bewegen uns in elitären Kreisen, zwischen Leuten, die “unsere” Themen verstehen, und die kapieren, dass es dafür einen Betroffenenkreis gibt, der das gesamte Land umfasst, aber das Land, das bekommen wir nicht. Wie auch? Ich habe immer noch keine Antworten dazu. Ich habe einige Ideen und werde in den kommenden Monaten etwas starten, um genau dieses Erreichen zu versuchen, aber das alles, was ich im Rahmen meiner Möglichkeiten sehe, ist eben auch nur – online. Und online ist vielleicht unsere Realität, aber nicht die der Menschen in diesem Land. Ihre Realität ist es mehr, als sie wissen oder ahnen mögen. Es ist also an jemandem, ihnen das klar zu machen. Es ist an uns. Wir brauchen eine Lösung. Denn so kann es nicht weitergehen.</rant>