So still, so still, so still die Nacht

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Sie öffnete die Augen, blinzelte, sah in die Dunkelheit und horchte. Die Nacht war schwarz und mondenlos, der Baum vor dem Fenster im Dunkel verschwunden. Sie hatte die Flügel der Fenster weit geöffnet, es wehte kein Wind, die Vorhänge hingen träge herunter, sie lauschte, ob sie nicht doch irgendetwas hören könnte. Doch da war nichts: kein vorbeifahrendes Auto, kein Vogelzwitschern, kein Reh, das durch die Büsche streifte. Im Haus keine knarzende Diele, kein Schritt auf der Treppe, keine Tür, die sich öffnete und schloss, keine Schranktür, die leise zuschnappte. Kein Flüstern, kein Atmen, kein Herzschlag, kein Laut.

 

Ein einziges Leise.

 

Sie sah auf die Uhr. Drei Uhr vierundzwanzig. Alles Leben erstickt von der Schwärze, betäubt von der Nacht, allein ihr Körper lebte noch. Sie hörte ihren Atem, den Widerhall ihres Herzschlags im Raum, ihren Magen, so leer, ein leises Knurren unter dem dünnen Laken, ihr Haar, das leise raschelte, wenn sie ihren Kopf auf dem Kissen bewegte. Hielt sie die Luft an und bewegte ssich nicht, war nirgends mehr ein Laut zu hören. So dunkel die Stille.

Sie drehte sich auf die rechte Seite, streckte ihren linken Arm aus und strich langsam mit ihrer flachen Hand über die Matratze. Da war niemand, nur das Laken raschelte leise unter der Bewegung, sie ließ die Hand still auf der leeren Stelle ruhen und atmete. Roch den Geruch des Waschmittels, das sie schon immer benutzte, das auch ihre Mutter schon benutzt hatte, und ein wenig roch es nach der Luft da draußen, nach Sommer auf Feldern, nach Wind in Wäldern und den Blumen im Garten hinter dem Haus.

Ihre Hand lag still und in ihrem Kopf kamen wieder die Erinnerungen zurück.

Sie wusste, dass Gerüche das Gehirn anregen, das Erinnern und die Gefühle, am Anfang hatte sie noch versucht, sich dagegen zu wehren, so zu tun, als machte es ihr nichts aus. Dass Erinnerung nur ist, was vergangen ist. Inzwischen war sie schon froh, wenn das Erinnern überhaupt noch glückte, wenn sich eine Synapse fand, die nicht der Zeit zum Opfer gefallen war, und dann ein Bild, ein Geruch, irgendetwas, das noch nicht in dem großen schwarzen Loch verschwunden war. In dem schwarzen Loch, in das alles gefallen war.

 

 

Neunundfünfzig Jahre war es jetzt her. Den vierzigsten Geburtstag ihrer Tante feierten sie damals, im Garten hinter dem Haus der Großmutter, im Garten stand ein Birnbaum und darunter ein Tisch mit einer geblümten Tischdecke, die Birnen waren schon reif und einmal fiel eine Birne herunter und verfehlte nur knapp die Großmutter. Auf jener Feier hatte man sie einander vorgestellt.

Er gefiel ihr und sie gefiel ihm.

Sieben Monate und drei Tage später hielt er bei ihrem Vater um ihre Hand an, der Vater sagte Ja, ein halbes Jahr später feierten sie Hochzeit, an einem sonnigen Septembertag, sie trug den Brautschleier, den schon die Großmutter getragen hatte, und die Nacht nach der Feier verbrachten sie in ihrer ersten gemeinsamen Wohnung. Ein Zimmer Küche Bad in einem kleinen Haus am Berg, kurz unterhalb der alten Burgruine, nach drei Tagen hieß es nicht mehr Ein Zimmer Küche Bad, da sagten sie das erste Mal, noch ganz aus Versehen, Zuhause. Den Hausrat hatten sie zusammengetragen, die Möbel geschenkt bekommen. Einen Tisch, drei Stühle (einer davon für Besucher), ein Bett. Das Bett hatte sein Cousin gebaut, ein handwerklich begabter junger Mann. Es war ein schönes Bett und die Matratzen nicht zu weich, die Kissen und Decken nicht zu dick. Man lag wirklich gut darin.

Wenn nur die Sache mit dem Schlafen nicht gewesen wäre.

Jeden Abend vor dem Einschlafen gaben sie sich einen Gute-Nacht-Kuss, dann drehte sich jeder von ihnen auf die Seite (er auf die rechte, sie auf die linke, Rücken an Rücken) und sie schliefen ein. Er schlief sehr gut und sehr tief, jede Nacht. Besonders gut wusste sie das. Sie, die jede Nacht neben ihm wach lag. So müde sie war, nur selten schlief sie ein, und wenn doch, wachte sie gleich wieder auf, vom kleinsten Geräusch, der kleinsten Bewegung: wenn er sich umdrehte, ein bisschen lauter atmete, wenn er im Schlaf seufzte oder leise schnarchte, wenn draußen ein Auto lärmte oder ein Gewitter tobte. So sehr sie sich mühte, dann konnte sie nicht mehr schlafen; lag da, sah ihm beim Schlafen zu und hörte nicht auf, zu hoffen, der Nacht noch eine Stunde Schlaf abzuringen. Während er schlief.

Sie zog ihren Morgenmantel an, ging auf Zehenspitzen durchs Schlafzimmer, durch den Flur, durch die Küche auf den Balkon. Dort stand sie und sah über das nachtdunkle Tal; im Herbst war es oft voller Nebel, im Winter lag Schnee auf den Bäumen und auf dem Balkon und ihre bloßen Füße wurden kalt, je länger sie da draußen stand. Im Frühling hörte sie schon morgens um drei die ersten Vögel und gegen fünf ging langsam die Sonne über den Bergen auf. Die Sommernächte, die liebte sie, wenn der HImmel klar und die Nacht noch warm und schwer war, wenn es geregnet hatte und mit dem Sonnenaufgang das Wasser aus den Wiesen aufstieg. Es gab so viel zu sehen, zu entdecken, im Tal und am Himmel und dazwischen war jede Nacht anders. Doch sie alle gingen irgendwann vorüber.

Und auch der Sommer ging vorbei.

Ein Jahr lang wohnten sie nun zusammen, saßen auf dem Balkon, an ihrem ersten Hochzeitstag, tranken Rotwein, sahen sich an, manchmal sahen sie weg, auf ein Flugzeug oder einen Vogel, was gerade so vorbeiflog, sahen sich wieder an. Sie sagten nichts.

Der Herbst begann.

In der ersten Herbstnacht ging sie noch einmal auf den Balkon hinaus und fand nichts Neues mehr. Sie kannte jetzt jeden Winkel, jeden Baum, jeden Linienflug, sie hatte alles gesehen, was sie hatte sehen müssen.

Da wusste sie, es war genug.

Am nächsten Abend lagen sie im Bett, sie gaben sich einen Gute-Nacht-Kuss, dann drehte sich jeder von ihnen nicht auf die Seite (er auf die rechte, sie auf die linke, Rücken an Rücken). Er blieb auf dem Rücken liegen, sie legte ihr rechtes Ohr auf seinen Brustkorb, die wenigen Haare auf seiner Haut kitzelten ihre Wange, wenn sie sich bewegte und seine linke Hand hielt ihre. Sie lauschte. Ba-bamm. Ba-bamm. Ba-bamm. Ein kleines, kurzes Klopfen – ein stärkeres. Ba-bamm. Ba-bamm. Ba-bamm. - Hörst du das, fragte er. - Ja. Sagte sie. - Gut. Schlaf schön. – Du auch. Dann sagten sie beide nichts mehr und sie lauschte. Ba-bamm, ba-bamm, ba-bamm.

Sein Herzschlag an ihrem Ohr. Ba-bamm. Ba-bamm. Das war das letzte, was sie hörte.

Das nächste, was sie hörte, war Straßenlärm und er, der sich bewegte und ihr einen Kuss auf die Wange gab, sie öffnete die Augen, sah, dass es schon hell war. Sechs Uhr morgens und sie dachte:

Ach.

So war das, in jener Nacht. Und so blieb es. Sechsundfünfzig Jahre, elf Monate und achtzehn Tage lang.

 

 

Sie sah aus dem Fenster der Wohnung, die keinen Balkon hatte, und konnte wieder Konturen erkennen; die Zeiger der Uhr standen auf fünf, bald würde der Lärm der ersten Autos den Tag ankündigen. Noch einmal drehte sie sich auf die andere Seite, vielleicht der Nacht noch ein wenig Schlaf abringen. Sie wusste, es war vergebens. Sie kannte die Nächte. Seit fünf Monaten und neun Tagen. Sie wusste, es war hoffnungslos. Aber jede Nacht wollte sie nur noch einmal erinnern. Nur noch einmal horchen. Und wieder - nirgendwo ein Laut.

 

So still, so still, so still die Nacht.

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One Response to “So still, so still, so still die Nacht”

  1. Alex says:

    Kopfhörer: Auf
    Zigarette: An
    Augen: Zu
    Lausch: En