Das Meer in dir

Du klapptest die Trittleiter auf, stelltest sie vors Regal und stiegst die beiden Stufen hoch. Es gibt nichts Schöneres, als Texte übers Meer zu lesen, sagtest du und strichst mit dem Zeigefinger die Rücken der Bücher im Regal entlang. Ich saß im großen grünen Ohrensessel, meine Beine über einer der Armlehnen, die Hände im Nacken verschränkt, und sah dir zu. Ab und an blieb dein Finger an einem der Buchrücken stehen, du zogst ein Buch heraus, schlugst es in der Mitte auf, blättertest einige Seiten durch, manchmal hieltest du kurz inne, um deine Brille zurechtzurücken, wenn sie wieder verrutscht war. Meist schütteltest du dann bald schon den Kopf und stelltest sie wieder zurück. Für einige wenige stiegst du von der Trittleiter herunter und legtest sie auf den Tisch, klettertest wieder hinauf, legtest deinen Kopf schräg und suchtest weiter. Als du den ersten Regalmeter durchgesehen hattest, stiegst du, vorsichtig hinter dich blickend, die beiden Stufen hinunter, versetztest die Leiter ein Stück und stiegst wieder hinauf, um weiterzusuchen.

Die große schwarze Wanduhr tickte. Nach einer Stunde warst du am Ende des Regals angelangt. Du setztest dich mir gegenüber auf das Sofa, ich sah dich immer noch an, während du die Bücher noch einmal durchblättertest und eines nach dem anderen verärgert auf die andere Seite des Sofas warfst. Es gibt niemanden mehr, der schöne Texte übers Meer schreibt, seufztest du, noch während das letzte Buch in die Ecke flog.

Weißt du noch, was ich dir damals sagte? 

Ich sagte zu dir: Das Meer ist gut. Aber wozu brauchst gerade du einen Text übers Meer?
Du sahst mich an, das erste Mal an jenem Tag, zogst eine Augenbraue hoch und fragtest: Was meinst du?
Ich schwang meine Beine von der Sessellehne, ging zu dir hinüber, setzte mich auf deinen Schoß, schlang meine Arme um deinen Hals. Dann erzählte ich dir eine Geschichte. Von einem, der ein Meer war.

Es war einmal jemand, der ein Meer war. Eigentlich war er gar nicht wie das Meer, von dem alle träumen. Das Meer, von dem alle träumen, ist groß, dort ist es sonnig und stürmig. Es schmeckt nach Salz, nach Eis, nach Sand und nach Sonnenmilch. Und es ist blau.

So — war er nicht. Er war nicht besonders groß, sein Gemüt war nicht von ausnehmend sonniger Natur. Auch schmeckte seine Haut nicht nach Salz und seine Küsse nicht nach Sonnenmilch, und noch nicht einmal seine Augen waren blau. Sie waren dunkelbraun. Doch von all dem wusste er nichts, also lebte er so, wie er war, der Mann, der kein Meer war, und den niemand beachtete, doch er lebte gut, so wie er lebte.

Eines Tages im Juli machte er sich auf, um zu reisen. Er fuhr zum Bahnhof der Stadt, in der er wohnte. Dort sah er eine Frau, sie sah ihn auch, bald redeten sie miteinander. Sie war auf dem Weg ans Meer, er wollte zum Wandern ins Mittelgebirge, beide hatten nichts als ein Zelt und eine Fahrkarte bei sich. Er fragte, ob sie nicht mit ihm fahren wolle, sie sagte, sie wolle aber doch so gerne ans Meer. Da sagte er, er könnte ihr Meer sein, wenn sie es nur wirklich wollte.

Und genau so – wurde es.

Das war die Geschichte. Gefällt sie dir?, fragte ich dich damals und strich mit einer Hand über deine Haare. Du lächeltest, nicktest, legtest deinen Arm um mich und gabst mir einen Kuss auf mein rechtes Schlüsselbein.

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Das alles: war einmal.

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Seit Tagen nun schon sitzen wir am Küchentisch und zwischen uns vertrocknet der Thymian. Über uns tropft Wasser von der Wäsche auf der Leine, es landet in deinem Nacken, du zuckst zusammen, wischst mit der Handfläche die Tropfen weg. Und wieder siehst du über meine nackte Schulter hinweg und die Tapete an. Ich zähle die Staubkörner auf der Fensterbank und meine Finger malen die Maserung des Tischs nach. Auf dem Tisch stehen zwei Wasserflaschen. Es wird Morgen, Mittag, Abend, Nacht, Morgen, Mittag, Abend, Nacht, Morgen, Mittag, es klingelt an der Türe, wir machen nicht auf, Abend, Nacht. Die nasse Wäsche trocknet, irgendwann wischst du keine Tropfen mehr weg, wir könnten die Kleider abhängen, wir tun es nicht. Wir sitzen hier und schweigen. Du starrst die Tapete an. Und unser Schweigen sagt nichts.

Ich vermisse das Meer, sagst du in unsere Stille hinein.

Ich denke an den Geschmack von salzigem Meerwasser, an das Kreischen von Möwen und an Sand auf meiner Haut. Ich denke an die gepackte Reisetasche, die seit Wochen in meinem Kleiderschrank steht, eine stumme Aufforderung an mich selbst, doch endlich zu gehen. Ich denke an die Geschichte, die ich dir einst erzählte. Und die Erinnerung daran macht mich wütend.

Siehst du es nicht? Das Meer ist überall: Es ist in den kleinen Wellen des Flusses, der mitten durch die Stadt führt. Es ist morgens im Rauschen der Dusche, und nachts im Regen, der an die Fensterscheiben klopft. Das Blau des Meeres ist in den Schildern an den Rändern der Radwege, in den Glasfassaden der Hochhäuser, in der Farbe des Wassers der Seen und Kanäle, in den Kacheln der Schwimmbäder, in den großen Schildern an den Bahnhöfen. Und es ist am Himmel über uns: Die Sonne erwärmt das Wasser der Meere, es verdunstet, der Wasserdampf steigt mit der warmen Luft nach oben, wo es wieder zu Wassertropfen wird. So bilden sich Wolken. Mit dem Wind ziehen sie weiter, und manche von ihnen bis hierher. Und dann ist das Meer am Himmel über der Stadt. Und wenn es regnet, fällt es in Tropfen auf unsere Köpfe.
Du musst es nur sehen. Denn das Meer ist überall.

Ich stehe auf, um ins Schlafzimmer zu gehen. Im Türrahmen drehe ich mich noch einmal um und sehe dir ins Gesicht.

Aber weißt du, was ich vermisse? Ich vermisse das Meer in dir. 

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2 Responses to “Das Meer in dir”

  1. Goldfünkchen* says:

    Soviel Meer zwischen uns.
    Überwindbar oder unüberwindbar?

  2. “ich vermisse das Meer in dir” – diese Geschichte gefällt mir gut.
    Grüße von einer Vorbeistreifenden