Überall, wo ich mich hinsetze, liegt Taubendreck oder fünf Prozent Wahrheit

Ich schiebe mich ins Halbdunkel der Buchhandlung.

Alle, die hier am Eingang warten, sehen gleich aus. Die selben schwarzen Sonnenbrillen, die selben Shirts, die selben kurzen Hosen. Die selben Stoppeln auf den Beinen. Ich sehe gar nicht erst in ihre Gesichter. Ich betrachte die Haut in ihren Armkehlen.

Ein Regal sieht mich hilflos an und kotzt einen Stapel Bücher auf den Boden. Ja, denke ich, so geht es mir auch.
Morgens erwache ich schweißgebadet in verknitterter Bettwäsche und betrachte mit meinem ungebügelten Blick die Welt. Und alles, was ich fühle, sind Erdbeerkerne auf meiner Haut.
Und eine Frage, die an meiner Unterlippe nagt.

Ich sehe mich noch einmal um.
Aufmunternd nickt mir aus einem Bücherschrank am Ende des Raums ein K (Kafka, Kaminski, Küchenmeister) zu. In Gedanken zerschneide ich den blauen Teppichboden und öffne den obersten Knopf meines Hemds. (Genaugenommen gehört es mir nicht, doch das hat dramaturgisch und symbolisch keinerlei Bewandnis, dagegen ist das K ein wichtiger Durchschnitt. Hauptsache, der Knopf ist offen.)

Die erbrochenen Bücher lasse ich liegen und wende mich meinem Scheitern zu.

Denn bald kommt der Zeitpunkt, da ist es zu spät für alles. Ich meine nicht das “zu spät”, wenn man noch Milch und Kakao kaufen wollte und eben der allerletzte Supermarkt schließt. Oder das mit hängenden Schultern geseufzte “zu spät” von einem, der Sehnsuchtsblicke in Fahrtrichtung werfen.

Das “zu spät”, von dem ich spreche, ist die verpasste Raumfähre vor dem Weltuntergang. Der Moment der Reue kurz nach dem Sprung aus dem fünfzigsten Stock.
Der Teppich zerfällt in blaue Flusen, und als sich die Eingangstüre öffnet, treibt der Luftzug sie über den kahlen Estrich.

Bald ist es soweit. Dann ist es zu spät, um ihm zu sagen, dass ich ihn ganz rettungslos verliebe.

Dann werde ich mir eine große Bühne wünschen, auf dem größten Platz der Stadt. Und wenn es dunkel ist, so dunkel, dass kein Stern mehr leuchtet, werde ich mich darauf setzen und schreien wollen. Ich werde mir das Geräusch wünschen, wenn man mit den Fingernägeln über eine Tafel kratzt. Ich werde ein großes Gewitter veranstalten wollen, bei dem ich mit den Händen auf den Himmel deute und Blitze krachen lasse.

Und am Ende werde ich in eine finstere Bühnenecke hocken und mir nichts mehr wünschen als einen Teller Nudeln. Und mein letztes Glück wird sein, dass ich keinen Schatten mehr werfe.

Vom K verabschiede ich mich nicht, lieber gehe ich in die pralle Sonne und denke über Verabschießungen nach.
Für einen kurzen Moment huscht eine Erheiterung wie eine Einsekundenfliege an meinem freudlosen Wesen vorbei. Einen Meter weiter fällt sie neben einer leeren Zigarettenschachtel zu Boden.

Ich könnte einen Handel mit tragbaren Krematorien aufziehen, um endlich irgendwie zu Geld zu kommen, denke ich, und rege mich gleich über meine Klamaukigkeit auf.
So stehle ich mich eben weiter. Durchs Leben. Aus Lieben. Davon.

Schon wieder läuft mir ein Gedanke über den Weg. Er stellt sich breitbeinig vor mich und hält ein großes, von Hand beschriebenes Schild hoch:

Bei ihm hätte ich mir immer gewünscht, dass wir nur einmal reden, und ich aufhöre zu fragen, Löcher in den Bauch wie von Handgranaten, jedes der Worte in meinem Mund ein Maschinengewehr. Manchmal habe ich im Halbwitz gedacht, wir müssten wohl einmal zusammen betrunken sein.

Er vergewissert sich, dass ich gelesen habe, und drückt mir noch einen kleinen Zettel in die Hand. Dreht sich um, und geht.

Was nützt ein gemeinsamer Absturz, wenn am Tag danach jeder in seinem eigenen Krater erwacht.

Das zu lesen macht mich traurig und weckt Müdigkeit in mir. Ich nehme die nächste schattige Parkbank in Besitz und breite mich großflächig darauf aus. Eine leere Weinflasche war schon vor mir da, doch eine leeere Flasche auf einer leeren Bank voller Taubendreck, das ist nicht viel.

Weil ich mir keine Sonnenbrille leisten kann, setze ich mich nie in die Sonne. Ich trage eine Zufallsbräune. Und weil das Handy nie klingelt, gehe ich auch nie dran. Nur manchmal sitze ich irgendwo und trinke. Wenn ich mich dann ganz allein finde, tue ich, als ob mich jemand anruft. Dann sage ich Sachen wie “ach, das ist aber nett!” und “wie war dein Arbeitstag?”.

Ab und an lächle ich von meinem ein-Quadratmeter-Königreich einen Jungen an. Der mich betrachtet, wie ich in meinen Haaren wühle, als würde ich denken. Tue ich natürlich nicht, doch ich weiß, dass es gut aussieht. Genau deshalb rauche ich auch.

Ja eh.

In der Eisdiele bestelle ich zwei Kugeln, Himbeer und Schokolade. Ich esse das Eis gierig, damit es nicht davonschmilzt. Weitere Verluste außer der Gewissheit des einen drohenden Verlustes ertrage ich nicht, nicht einmal in Tropfenform.

Meine Theorie, dass man an der Art des Eisessens ablesen kann, wie jemand küsst, halte ich immer noch hoch. Ich weiß nicht mehr, wie ich ausgerechnet auf diesen frauenmagazinesken Kram kam. In Wahrheit beruht die Eistheorie eh nur auf Selbsttäuschung, wie die Haar- und die Zigarettenangelegenheit. Alles Teil der fünfteiligen Liste, Arbeitstitel “immerhin dabei mache ich eine gute Figur”.

Für alle anderen Aspekte meines Daseins habe ich mich entschieden, gar keine Figur zu machen.

Natürlich ist auch die ganze Liste eine Selbsttäuschung. In Wahrheit gibt es nichts, wobei ich gut aussehe. Aber damit lebe ich, so lange ich mich im Dunkel der Nacht verstecken kann und mich außer dem Mond niemand sucht. Er ist wie ich: Selten ganz, oft halb, meist gar nicht da.

Ich möchte jemand sein, der zwei Schatten hat. Einen zum Werfen, und einen, den ich überholen kann. Denn die Sonne knallt immer noch, die Stadt brütet in der Hitze. Was schlüpfen wird, wer weiß das schon. Seit sie die letzten Meteorologen eingesperrt haben, redet keiner mehr übers Wetter.

Ich schließe mein Rad auf und bleibe am Schlüsselbund hängen. Schon wieder splittert ein Stück Nagellack ab. So wie letztens gegen 3 Uhr nachts zwischen ihm und …

Ich schiebe den Gedanken weg, mein Rad auf die Straße und fahre los.

Die Tasche auf dem Gepäckträger hält ihr Versprechen und meine einzige Wahrheit geheim.

/////

Auf dem großen Platz bauen sie eine Bühne auf.

 

By Lena

Fast walker, avid reader, poetry fan, public speaker, violinist, pianist in the making, intersectional feminist. Works in tech, writes about anything here (and less frequently than in the past).