Liebe Verleger!

Ich sage es Ihnen gleich: Ich bin nicht vom Fach, wenn Sie also meinen, dass man hauptberuflich “irgendwas mit Medien” machen muss, um eine Meinung haben zu dürfen, lesen Sie bitte  n i c h t weiter. Ebenso, falls Sie an dieser Stelle Dieter Nuhrs “wenn man keine Ahnung hat, einfach mal Fresse halten” zitieren möchten.

Falls Sie diesen ausdrücklichen Warnhinweis dennoch übergehen, konsultieren Sie Ihren Hausarzt und lassen Sie Ihre Frau die Betablocker vom Nachttisch holen. Danke.

… und hallo an die HinterVerbliebenen.

Warum also betreibt jemand derart Ahnungsloses derart viel Aufregung?

Ich werde vielleicht irgendwann einmal Kinder haben. Und ich möchte, dass sie in einer Welt aufwachsen, die nicht von PR und Lobbyismus regiert wird und in der Journalismus nicht das Familienalbum der Politik ist. Ich will, dass es auch dann noch jemanden gibt, der den Mächtigen kritisch auf die Finger (sc)haut und den Stummen eine Stimme gibt.

Man kann das durchaus als romantisch-verklärt bezeichnen, bitte. Nur: Wenn ich keinen Funken Idealismus habe, brauche ich auch nicht einmal ansatzweise darüber nachdenken, jemals Kinder in die Welt zu setzen.

Den zweiten Grund, warum ich hierüber schreibe, liefert das Time Magazine mit seiner 2006er-Ausgabe der Person of the Year. Mensch des Jahres 2006 war nämlich: Ich. Jawohl, richtig gelesen (denken Sie an die Betablocker). Begründung:

… for seizing the reins of the global media, for founding and framing the new digital democracy, for working for nothing and beating the pros at their own game.

Ich habe nicht nur Geld (eigentlich nicht, aber für ein Zeitungsabonnement reicht es gerade noch, theoretisch.), ich habe eine Stimme, einen Computer und ich werde hoffentlich noch einige Jahrzehnte leben. Ich muss also noch ein ganzes Weilchen ertragen, was da noch kommt.

Und vor allem: Ich habe die Macht. Ich treffe (Kauf)Entscheidungen, – entweder für ein Produkt. Oder dagegen.

Ich interessiere mich für die Thematik, das kommt dazu. Weil ich denke, dass der Journalismus wieder mächtiger werden muss. Ich habe öfter das Gefühl, dass es nichts zu sagen, nichts zu schreiben gibt, und dass vielen Medien die Worte fehlen. Und ich habe Angst, dass dieses Schweigen lauter wird. Wenn Medien nichts mehr sagen – wer dann?

Unterm Strich wären da also:

Gute Journalisten, die guten Journalismus machen wollen.

Leser, die guten Journalismus lesen und (Achtung!) dafür bezahlen wollen.

Und Verleger, die sagen, guter Journalismus sei nicht finanzierbar.

Verleger, die jammern. Und parallel zum Jammern alle paar Monate wieder mit stolz geschwellter HühnerBrust ein neues Magazin auf den Markt werfen, das nach wenigen Ausgaben wieder eingestellt wird. Glauben Sie immer noch, werte Verleger, dass die Zukunft des Journalismus in den Printmedien liegt? Hängen Sie immer noch dem Glauben an, alles Gedruckte sei per se schon von meisterhafter Qualität, und alles im Internet an sich schon Müll?

Übrigens, zum Internet: Bitte hören Sie auf mit der undifferenzierten Diffamierung von Internetnutzern, ebenso mit dem unsäglichen, hochstilisierten und eigentlich doch gar nicht existierenden “Kampf” zwischen Holz- und Digitalmedien (für alle anderen, die da öfter noch Benzin ins Feuer gießen, gilt das auch).

Schlechten Journalismus braucht keiner, egal ob gedruckt oder online, und wenn diese Zeitungskrise eine Chance wäre, den Markt davon zu bereinigen, umso besser. Wird nur leider nichts. Oder, um es mit Harald Martenstein zu sagen:

Der mittelprächtige Tante-Emma-Laden macht zu, Aldi und Lidl und die edle Feinkost-Etage im KaDeWe bleiben.

Die Verleger haben schon vor einiger Zeit ihre Häuser durch eigenes Zutun an den Punkt gebracht haben, an dem sie jetzt, krisengeschüttelt, stehen. Oder, besser: Taumeln. Ich glaube, sie halten diesen Krisenkreislauf selbst am Laufen. Ich habe den Eindruck, dass sie vor lauter Zeit, die fürs Jammern und den Relaunch neuer Print-Magazine draufgeht, nicht mehr dazu kommen, überhaupt zu versuchen, den viel beschrie(b)enen Qualitätsjournalismus zu finanzieren. Irgendwie. Sonst müsste es doch schon viel mehr Versuche gegeben haben statt der immergleichen Ansätze.

Wenn ihnen außerdem wirklich von allertiefstem Herzen so sehr an einer Zukunft des Qualitätsjournalismus gelegen ist – warum bitte entlassen sie dann ganze Redaktionen? Warum legen sie dann Ressorts zusammen? Und warum legen sie den paar Menschen, die sie in ihrer großen Güte noch für ihre Häuser arbeiten lassen, so interessante Verträge zur Unterzeichnung vor und zahlen so exorbitante Honorare?

Liebe Verleger.

Ohne motivierte, vernünftig bezahlte, gut ausgebildete, leidenschaftliche

Journalisten, die recherchieren, kritisieren, hinterfragen dürfen, weil man sie lässt –

kein Journalismus.

Und schon dreimal kein Qualitätsjournalismus.

“Ich wohne bei meinen Eltern.” – “Ich bin verheiratet.” – “Ich teile mir ein WG-Zimmer mit einer Freundin.” Dies waren die ersten Antworten einiger Journalisten aus meinem Bekanntenkreis auf die Frage, ob sie vom Journalismus Ihre Miete bezahlen könnten. Dreimal nein.

Ich habe ja einen Verdacht. Alle drei machen den selben Fehler: Keiner von ihnen hat bisher den Pulitzer-Preis bekommen.

Journalisten, die wenn überhaupt mit Mühe und Not und Miniatur-WG-Zimmern über die Runden kommen und im Hinterkopf immer die Frage haben, wie sie die Miete bezahlen sollen – wie bitte sollen die den Kopf freihaben für anspruchsvolle journalistische Beiträge? Die Leidenschaft vieler Journalisten für ihre Beruf und ein gewisses Maß an “einer muss diesen Job machen”-Denken auszunutzen ist eine Frechheit.

Matthias Spielkamp schrieb unlängst zur Finanzierungsfrage:

… auch die selbst ernannten Qualitätsmedien, von “FAZ” über “Süddeutsche Zeitung” bis hin zu den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, lassen sich ihre Zeitungen und Sendungen verdeckt von den PR-Abteilungen von Daimler und Siemens subventionieren.

Bei knapp der Hälfte der freiberuflichen Journalisten reichen die Einnahmen aus journalistischer Arbeit nicht aus, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.

Wo kommt das Geld also her? Zu einem großen Teil aus PR-Aufträgen. Ohne sie könnten viele es sich überhaupt nicht mehr leisten, journalistisch zu arbeiten.

Liebe Verleger!

Vielleicht denken Sie über all das mal nach. Die meisten von Ihnen sind ja schon recht alt. Vielleicht kommt mit dem Denken ja auch ein wenig Altersweisheit.