Ich mach jetzt doch mal ein Fass auf: Zum Gejammer von Verlegern über iPad, gebührenfinanzierte Tagesschau-Apps, “Kostenloskultur” und zum Zeitungssterben.

Liebe Verlagsmenschen, liebe Zeitungsmacher, liebe (Qualitäts)Journalisten!

Eure Arbeit schätze ich (nicht uneingeschränkt, aber grundsätzlich) sehr, das nur einmal vorab.

Es gibt eine Generation, die ihr immer spöttisch als die Generation Google abtut, die für Inhalte nicht bezahlen wolle, die für die (angeblich ja so ausgeprägte) “Kostenloskultur” mit verantwortlich zeichne und für den baldigen Untergang der abendländischen Kultur gleich mit.

Darauf folgt meist noch ein spöttisch-abschätziges Lachen, bei dem ein goldener Eckzahn blitzt. Dann klappt ihr eure speckige Ledertasche zu, beißt in ein Salamibrötchen, erinnert euch an eure eigentliche Aufgabe und den Redaktionsschluss, und schreibt wieder Massen von Artikelchen für meine Rentner-Nachbarn. Die beiden haben nämlich noch ein Zeitungs-Abo, und die dürft ihr nicht verlieren. Meine Generation würde das user-orientation nennen und erstmal gut finden. In eurem Fall hat das leider nur einen Haken:

Blöd ist nämlich nur, dass die beiden schon weit über 80 sind, – und damit als Abonnenten bald auf natürlichem Wege wegfallen.

Wartet also noch ein, zwei Jährchen, dann guckt ihr recht konsterniert auf das, was noch übrig ist.

Und was ist das?

Ich.

Deshalb glaube ich: Wir sollten uns kennenlernen.

Hallo! Wir sind die Generation Google

Und ich bin ein Teil von ihr. Mit neun die erste E-Mail-Adresse, bald die erste eigene Homepage, und bei Matheproblemen half mir schon früher das Netz weiter.

Informationsbeschaffung läuft bei mir so: Ich habe einen Feedreader mit 69 Quellen, die ich täglich mehrmals überfliege bis lese, von Wirtschafts- und Politikthemen bis zu Medienkritik, Meinungen und Kultur. Manche scanne ich kurz, andere lese ich ganz, kommentiere gegebenenfalls und klicke mich von da aus weiter (Verlinkung nennen wir so etwas).

Das hieß für mich immer: Schnelligkeit, Aktualität, und Vergleichbarkeit, eine Quelle als Information reicht mir nicht. Ich möchte mich aber oft auch zu den Hintergründen von Themen informieren. Dafür schlage ich nur keine Lexika auf (meine Generation zieht oft um, und Lexika machen die Kartons immer so schwer), sondern nutze Suchmaschinen. Auf dem neuesten Stand sein, meine Allgemein- und politische Bildung vorantreiben, mich über Themen informieren, die mir wichtig sind, Themen diskutiert sehen und mir eine eigene Meinung bilden – das waren immer meine Prioritäten.

Nun bin ich Mitte zwanzig und verdiene zumindest genug, um mir ein Zeitungsabo leisten zu können. Doch ich habe keines.

Seid ihr noch da, liebe Verlagsmenschen?

Bitte nicht hinter hochgehaltener Zeitung einschlafen!

 

Ihr haltet etwas hoch, was sicher wichtig ist. Gedruckte Inhalte lesen sich anders, angenehmer als über Bildschirme flackernde. Zeitungen haben eine gewisse Qualität und Stil (Ausnahmen bestätigen…), und ihr Rascheln beim Umblättern hat etwas Beruhigendes.

Doch wenn ich dann andererseits mitkriege, was für Kampagnen ihr fahrt, weil ihr ja schon echt arm dran seid, kriege ich das ganz große Gruseln. Wenn ihr dann noch seltsame Dinge über Blogger schreibt, noch seltsamere übers Internet, und ich mir eure Google-Phobie ansehe, muss ich sagen:

Kommt doch mal raus aus euren grauen Betonkästen! Für uns hockt ihr unerreichbar in hohen grauen Türmen und seht von da aus auf die Welt herab. Kommt mal runter von eurem hohen Ross. Ihr denkt noch in Währungen des letzten Jahrtausends, statt euch eines klarzumachen:

Das Internet gibt es nicht erst seit der Redaktionskonferenz heute früh. Und die ersten Aufsätze übers Web 2.0 erschienen vor 6 Jahren. Leute, ihr habt geschlafen. Und jetzt wacht ihr auf und schlagt wild um euch, wettert gegen alles, was jung und kostenlos ist. Doch so einfach ist das leider nicht. Denn:

Jetzt rächen sich eure Selbstverliebtheit, Innovationsfeindlichkeit und Konservativität der letzten zehn Jahre.

Ihr solltet euch endlich neu aufstellen. Damit meine ich nicht, dass ihr eure Leute entlassen sollt. Verschlankt eure Verwaltungsstrukturen, von mir aus. Aber wenn ihr eure Redakteure reihenweise durch freie Mitarbeiter ersetzt, spart ihr am falschen Ende.

Wofür sind Journalisten eigentlich noch gut?

Ihr Journalisten wart einmal dafür da, zu filtern: Welche Inhalte sind für unsere Leser von Großstadt bis Kleindorf interessant?

Dieses Filtern möchte ich gerne selbst in die Hand nehmen, will freier, unabhängiger sein als das mit einer einzigen Zeitung möglich ist. Vergesst nicht: Leutchen wie ich sind eure (Nicht)Leser der Zukunft. Die ihr mit eurem Anti-Internet- und Anti-“Kostenloskultur”-Gebrülle mehr und mehr vergrault.

Meine Lieben, ihr werdet es nicht glauben, aber: Ja, ich habe es versucht. Auch ich hatte mehrmals Zeitungs-Probeabos. Und meine Bio-Mülltonne hat sich gefreut. Ich schaffe es einfach nicht.

Ein Zeitungsabo ist ein Luxus, der mich nicht nur Geld kostet, sondern vor allem Zeit. Trotz meiner Aversion gegen Lobeshymnen aus dem Hause Springer kann ich daher Jürgen Vielmeiers Lob für die “Welt kompakt” in einigen Punkten gut nachvollziehen.

Vieles von dem Zeug, das in euren Zeitungen steht, interessiert mich obendrein nicht (Sport, Reisen, Klatsch & Tratsch, Anzeigenmarkt, Lokalteil zum Beispiel). Ich will keine Stories über Brigitte Nielsens Schönheits-OPs lesen, und die Fußballergebnisse vom Wochenende kriege ich im Radio mit (dass ich da für manchen Schrott ebenfalls eine Pauschale zahle, ärgert mich übrigens auch).

Ja, ich will gerne Fakten, Reportagen, Portraits, Kommentare, Fotos.

Ich habe aber auch nie behauptet, die kostenlos zu wollen.

“Die zum Teil dramatische Zeitungskrise in der westlichen Welt, die vor allem in Amerika wie ein Orkan gewütet hat, wurde hervorgerufen durch die Jugend, die sich der Elektronik zugewandt hat und sich vom gedruckten Wort abwendet.” Die Jugend fällt also vom Glauben ab, und, welch Blasphemie, will auch noch den Fortschritt! Das jedenfalls glaubt Alfred Neven DuMont.

Als das Hamburger Abendblatt einführte, dass Inhalte nur noch nach Bezahlung verfügbar sein sollten, tönte stv. Chefredakteur Iken: “15 Jahre nach dem Massendurchbruch des World Wide Web regiert dort noch immer ein großzügiges wie groteskes Geschäftsmodell – das „Mutter-Teresa-Prinzip“: Alles muss umsonst sein.”

Solche Kommentare ärgern mich. Lieber Herr Iken, das nur kurz an Sie: Ich wüsste gerne einmal, wie erfolgreich dieses neue Abo-Modell wirklich ist. Müssen eure Abonnenten dann trotz 7,95 € im Monat noch Werbung ertragen? Und kennen Sie eigentlich den Satz “das Internet vergisst nichts”?

Es ist eigentlich ganz einfach:

Ich werde nicht grundsätzlich für ein bestimmtes Medium bezahlen.

Weil es kein klassisches Medium gibt, das ich uneingeschränkt gut finde und dem ich in einer Art Vorschusslorbeerenkontrakt automatisch monatlich Geld zukommen lasse.

Wir sind ganz sicher keine Geizkragen-Generation, vergesst das nicht. Wir sind auch die, die wieder Polaroidfotos machen. Die gerne schöne Bücher in Händen halten und aus dem heimischen Bücherregal ziehen. Und die für handgemachten Kitsch so manches Geld liegenlassen, weil er einfach toll ist. Sich gut anfühlt, schön aussieht, toll gemacht ist. Ja, wir sind auch bereit, für Kaffee aus einem Pappbecher 3 Euro zu bezahlen, werter Herr Iken. Weil er uns wach macht, wir  danach einen freieren Kopf haben. Weil er gut schmeckt, und uns ein bisschen zufriedener und glücklicher macht.Leider schaffen eure seelen- und lieblosen Angebote das nicht mehr.

Gebt euren Zeitungen, euren Büchern, doch etwas Liebevolles. Etwas Einzigartiges, das eure Produkte besonders sein lässt. Das dafür sorgt, dass wir sie uns gerne ins Regal stellen und auf den Küchentisch legen. Steckt Herzblut hinein! Erzählt mir nichts von Bilanzen und Zahlen, sondern findet endlich einmal heraus, was eure noch-nicht-, nicht-mehr-, und potenziellen Leser wollen. Das kostet zu viel? Mehr als das Einstampfen von Zeitungen und Büchern, die keiner lesen will, bestimmt nicht.

Wie wäre es mit einer individualisierten Zeitung?

Ich stelle mir das so vor: Einmal im Monat kann ich mich in meinem Online-Zeitungs-Konto einloggen. In einem Menü werden mir die Ressorts angezeigt, und ich kriege einen kleinen Überblick über größere Geschichten, die im kommenden Monat erscheinen sollen (Reportagen, Rezensionen, Portraits zum Beispiel), das macht neugierig, ich packe in meinen Einkaufskorb, was ich will. Dann gibt es auch noch Autoren, die ich gerne lese, deren gesamte Artikel nehme ich auch noch mit rein. Das Ganze gibt’s wahlweise gedruckt oder als E-Paper, der Preis richtet sich nach Inhalt und Umfang, und einen Monat lang bekomme ich genau das dann geliefert:

30% Politik + 20% Medien und Digitales + 20% Wirtschaft + 20% Kultur + 10% Diverses.

Der Vorteil für euch Macher: Planbarkeit. Direktes Feedback, was ankommt und was nicht (wer aus meiner Generation schreibt bitte noch Leserbriefe?). Und ihr könnt im Gegensatz zum Kioskkäufer eure Leser kennenlernen (Datensammlung und passende Werbung. Muss man nicht mögen, dürfte aber für euch ein Argument sein).

Meine Vorteile: Flexibilität, Mobilität. Und weniger häufig das Gefühl: “Jetzt habe ich die ganze Zeitung gekauft und nur weil ich einen guten Artikel lesen wollte, habe ich eine fünf-Seiten-Reportage über die No Angels am Hals“.

Dann endlich habe ich Inhalte, denen ich gerne meine Zeit und meine Aufmerksamkeit schenke. Und das, liebe Zeitungsmenschen, sind in diesen Zeiten übrigens die höchsten Währungseinheiten. Merkt euch das. Und wenn ich dann meine Zeit mit euch verbringe, gebe ich euch sogar noch gerne Geld dafür.

Werbung und Finanzierung

Informiert euch mal über Banalitäten – darüber, warum MenschenSeid  einen Werbeblocker aktivieren. Seid transparent! Baut in eure Internetseiten Infomaterial dazu ein, wie ihr euch finanziert. Und verwechselt Transparenz nicht mit Weinerlichkeit.

Ich verstehe alle Werbeblocker sehr gut. Denn eure Werbung NERVT. Nehmt euch ein Beispiel an der Stadt Berlin, Die regelt in ihrer neuen Bauordnung (02/2010), dass eine “Werbeanlage … dann verunstaltend [ist], wenn das Maß der bloßen Unschönheit weit überschritten ist. … Die Werbeanlage soll nicht das Erscheinungsbild der Umgebung beeinträchtigen.” Wie bitte soll ich die Fließtexte aus eurem Angebot konzentriert und ohne Augenkrebsrisiko lesen, wenn ständig Werbung flirrt und blinkt?

Wenn wir bei Beispielen sind – habt ihr mitbekommen, was die New York Times plant? Paid Content. Richtig. Warum probiert ihr sowas nicht wenigstens einmal? Ihr jammert und jammert, aber es passiert – nichts. Wenn es euch wirklich so dreckig geht, wie ihr behauptet, warum versucht ihr nicht wenigstens einmal so etwas? Warum geht ihr dann nicht endlich einmal spürbar neue Wege, und bei  der Gelegenheit auch einmal auf meine Generation zu?

Eurer scheinbaren Untätigkeit nach zu urteilen kann es euch so schlecht ja gar nicht gehen.

Leute, wie läuft es denn gerade? Ihr habt Artikel online. Die sind kostenlos abrufbar. Wenn mir einer gefällt, kann ich den kommentieren. Und das war’s. Ich will gerne für einen Artikel bezahlen können, den ich gut finde. Statt mir gleich die ganze Zeitung kaufen zu müssen, nur damit ich euch unterstützt und Papier zum Einwickeln von Gemüseabfällen habe. Lieber zwei Klicks bei Paypal, – fertig. Derartige Konzepte könnt ihr euch ja mal von ein paar Bloggern erklären lassen.

So. Kurz Luft holen.

Ich fasse zusammen:

  • Ich will meine Zeitung auch als E-Paper haben können.
  • Hört auf zu jammern und macht euch endlich Gedanken über eure Zukunft.
  • Diese Gedanken sollten über neue Apps fürs iPhone hinausgehen (ich habe nämlich keines).
  • Ich will Flexibilität. Keine starren Verträge, die mich zwingen, die Zeitung direkt vom Briefkasten ins Altpapier werfen zu müssen, weil ich bei Stress einfach nicht zum Lesen komme.
  • Ich will Anpassbarkeit beim Inhalt
  • und augenverträgliche Werbung.
  • Bietet nicht nur Abos (wir würden sie Flatrates nennen) an.
  • Ich will die Möglichkeit, für einzelne Inhalte gezielt zu bezahlen.
  • Bietet Erreichbarkeit und Transparenz
  • Konzentriert euch auf die Leser von heute Mittag. Und morgen. Und auf die, die in den nächsten 50 Jahren für euren Umsatz sorgen können. Wenn ihr nett zu ihnen seid.

Denkt mal drüber nach. Macht euch Gedanken über eure neue Rolle. Und meldet euch, wenn ihr zu Lösungen gekommen seid. Muss ja nicht gleich via Twitter sein – ne E-Mail wäre auch ok.

Herzlichst,

ein Blogger.

Nachtrag 28.04., 14:20 Uhr

Der Zeitungsverlegerverband Nordrhein-Westfalen (Mitglied im Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger e.V.) machte am 22.04. anlässlich der Ernennung seines ehemaligen Vorsitzenden Clemens Bauer und der Wahl seines Nachfolgers Christian Nienhaus in einer Pressemeldung (verfügbar u.a. bei Yahoo-News) seinem Ärger über ARD und ZDF Luft.

Zitat Bauer:

«Unsere mächtigsten Wettbewerber sind die öffentlich-rechtlichen Anstalten. Gegen ein breites und überwiegend textbasiertes Online- Angebot, finanziert über die Rundfunkgebühren, sind die privaten Online-Anbieter von Qualitätsjournalismus chancenlos»

Sein Vorwurf an ARD und ZDF:

«multimediale Allmachtsfantasien»

Weiteres Zitat aus der Meldung:

Der Verband forderte die Öffentlich-Rechtlichen auf, sich im Internet auf Radio- und Fernsehangebote mit geringem Textanteil zu beschränken. Helmut Heinen, der Präsident des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger, sagte, der Qualitätsjournalismus sei das Feld, auf dem die Verlage hoffen könnten, durch kostenpflichtige Inhalte Erlöse zu erzielen. «Deshalb ist das für uns ein so zentrales Thema», sagte Heinen.

Und die Neuerungen im 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrag, in Kraft seit 01.06.09? Liebe deutsche Zeitungsverleger, auch ihr beim VDZ (Präsident: Hubert Burda …), Hattet ihr euch damals nicht so gefreut? Und kurz darauf doch Punkte zum Meckern gefunden und bei der Politik gepetzt? Gut, Herr duMont fand eure Freude zwar auch nicht so toll, aber was soll’s.

Christian Nienhaus’ (neuer ZVNRW-Vorsitzender und Geschäftsführer der WAZ-Gruppe) Rundumschlag gegen die Öffentlich-Rechtlichen klingt übrigens im WAZ-Hausportal derwesten dann so:

“Wir müssen auch mal die Pauke rausholen und sagen, was wir für die Gesellschaft Tolles machen. … Wer Zeitung liest, der kann auch komplexe Sachverhalte besser verstehen.”

Update 10.05.2010

Ein Verlag bat mich, etwas für deren neue Serie zur Zukunft der Zeitung zu schreiben. Habe ich gemacht. Lesen Sie selbst.