Internet, Verlage und Journalismus (3): Verraten Sie es nicht weiter, aber: Ich habe da einen Traum.

Nach meinem ersten, wütenden Beitrag über jammernde Verlage und Paid Content habe ich nun einen kurzen Gastbeitrag für Kölner Stadtanzeiger & Frankfurter Rundschau verfasst. Für die unglaublich unzutreffende Überschrift in der FR (“Mehr Emotionen, bitte”) bin im Übrigen nicht ich verantwortlich. Ich lasse das Thema damit an dieser Stelle auch so stehen — in der, wenn auch geringen, Hoffnung auf Besserung.

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Wenn Information gleich Wissen gleich Macht ist, sind wir die mächtigste Gesellschaft, die es je gab. Rund um die Uhr, an jedem Ort und meist kostenlos ist eine riesige Menge an Informationen verfügbar.

Denke ich dann aber an die Medienmacher, kommt mir eher Ohnmacht in den Sinn. Lange Zeit Wasserhändler in der Informationswüste, sind aus ihnen jammernde Sandverkäufer geworden. Deshalb habe ich einen Wunsch: Ich will statt des Gejammers endlich Taten sehen. Journalismus muss sich dringend verändern, aus der Ohnmacht erwachen, wenn er eine Zukunft haben soll.

Für diese Zukunft wünsche ich mir mehr Unersetzlichkeit. Mehr journalistische Angebote, die ein klares, geschärftes Profil haben und aus dem medialen Einheitsbrei herausragen. Denn: Was ist das überhaupt genau, dieser viel beschworene „Qualitätsjournalismus“? Welche Rolle nimmt er im Geschehen unseres Landes ein?

Reibungsfläche bieten

Ich will mich auf das, was ich lese, verlassen können. Medien müssen sich auszeichnen durch Ehrlichkeit, Unabhängigkeit und Wahrheitsfetischismus. Durch das Rückgrat, den Finger auf wunde Punkte zu legen und auf Füße zu treten. Ich wünsche mir Medien, die Position zu Themen beziehen und Reibungspunkte bieten, statt auf das Verwursten von Agenturmeldungen zu setzen. Medien, die machen, statt nur Durchreiche zu spielen. Angesichts des Informationsüberangebots muss es wieder Aufgabe von Journalisten werden, Informationen zu bündeln, auf das Wesentliche zu reduzieren. Ich wünsche mir Entschleunigung und Schlichtheit – auch im Online-Journalismus.

Social Media und die enormen technischen Möglichkeiten bieten viel bisher ungenutztes Potenzial. Ebenso externe Verlinkungen, eines der Credos des Internets, die von klassischen Medien bisher kaum verwendet werden. Online-Journalismus muss unbedingt mehr sein als der Blinddarm der Print-Ausgabe. Und er stellt völlig neue Ansprüche, denn aus mir, ehemals passiver Leser, wird hier ein Nutzer. Ich will willkommen sein, mitgestalten, diskutieren, Teil einer virtuellen Gemeinschaft werden! Journalistische Beiträge können so als Boden für Diskussionen genutzt und weiterentwickelt werden.

Doch diese Entwicklung von der Statik zur Dynamik funktioniert nur, wenn Journalisten endlich ihren Anspruch, schnell und markig Evidenz zu erzeugen, aufgeben, und zu einer regen Teilnahme an Diskussionen bereit sind. Nutzer als intelligente Gesprächspartner ernstzunehmen fördert wiederum einen hochwertigen Diskurs, der für alle Beteiligten einen enormen Mehrwert bietet.

Daher geht die oft undifferenziert geführte Paid-Content-Debatte für mich in die falsche Richtung. Sie lässt völlig außer Acht, dass die härteste Währung schon lange nicht mehr Geld ist. Zeit und Aufmerksamkeit sind weitaus wertvoller und flüchtiger, deshalb gilt es, diese zu fesseln – am wirkungsvollsten mit mehr Emotionen, mit mehr Leidenschaft. Wenn ein Produkt toll aussieht, sich gut anfühlt, zu mir passt, wenn Herzblut darin steckt, dann verliert die Frage, was es kostet, enorm an Relevanz.

Verraten Sie es nicht weiter, aber: Ich habe da einen Traum. Einen Traum von meiner persönlichen Zeitung, mit meinen liebsten Ressorts und Autoren. Die ich gedruckt, als App oder E-Paper lesen kann. Die transparente Abomodelle anbietet, sich Social Media gegenüber öffnet und Inhalte aus anderen Medien sowie Blogs verlinkt. Wo Werbung nicht beim Lesen stört und wo ich mit wenigen Klicks auch freiwillig für Artikel bezahlen kann, einfach weil ich sie gerne gelesen habe. Eine Zeitung, die mich mag, die mich ernst nimmt, in der ich mit anderen Nutzern und Autoren diskutieren kann. Die mich bereichert, obwohl ich für sie bezahle.

Ich träume von einer Zeitung, die wie ein vier-Euro-Kaffee in einem Pappbecher ist: Nicht billig, aber jeden Cent wert. Weil sie mich jeden Tag ein bisschen glücklicher macht. Und mich mit wacherem Blick durch die Welt gehen lässt.

By Lena

Fast walker, avid reader, poetry fan, public speaker, violinist, pianist in the making, intersectional feminist. Works in tech, writes about anything here (and less frequently than in the past).

3 comments

  1. Habe gerade deinen Gastbeitrag im KSTA gelesen – sehr schön! Wie bist du denn zu der Ehre gekommen? 😉

    Ich hoffe du wirst reichlich Feedback und Unterstützung erhalten!

    Jetzt muss mein Kopf noch ein wenig beim Spaziergang mit Hund kreisen – wen soll ich bloß wählen heute??? Tendiere zur Piratenpartei, die haben ein ansprechendes Parteiprogramm und – was mir noch wichtiger ist – frische unverbrauchte Gesichter. Die Politfratzen der etablierten kann ich absolut nicht mehr sehen und bei dem Gedanken, dass die Grünen Rent-a-Rüttgers weiterleben als Ministerpräsidenten garantieren, wird mir schlecht.

    Gruß aus dem gerade mal trockenen Rheinland. 🙂

    Dirk & sein Dalmatiner

  2. Hi Lena,

    vielen Dank für Deine Antwort auf meinen Blog-Eintrag! Jetzt ist mir etwas untergekommen, das Dich interessieren könnte: Im Medienmagazin „Töne, Texte, Bilder“ auf WDR5 am vergangenen Samstag wurde unter dem Titel “Klicken, Mixen, Lesen” in der Rubrik Nachgefragt das Projekt “New” vorgestellt, eine Zeitung mit dem Besten aus verscheidenen Zeitungen, für 1,80 EUR am Tag (Studenten zahlen 1,20 Euro), s. den Beitrag von Michael Meyer unter http://www.wdr5.de/sendungen/toene-texte-bilder/s/d/15.05.2010-15.05/b/nachgefragt.html. Genau, was Du gesucht hast, oder?

    Herzliche Grüße
    Jörg

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