Sonntag nachts on air – Kitsch as Kitsch can

Sonntags, ab 23 Uhr, wird es richtig schlimm. Wer der um diese Zeit schon einmal Radio gehört hat und nicht gerade ein emotionaler Marmorblock (kalt und grau) ist, wird verstehen, was ich meine.

35 Milliarden CDs wurden in den letzten 25 Jahren verkauft. Da wird ausgepackt: Schmalz, Gefühl, Tränen, Bitten, Wünsche, Hoffnungen, zerplatzte und noch immer gehegte Träume. Liebe, Hass, Glück, Unglück, Bananes Banales, Oberflächliches, Tiefe. Die Schatzkiste Musik bietet alles, frei wählbar, zur Potenzierung der eigenen emotionalen Wetterlage*.

In meinem Autoradio (mit Kassettendeck!! Und – nein, mein Auto wurde nicht kurz vor der Antike gebaut) sind 6 Sender gespeichert, die von Rock über R’n’B, ab und zu Hip Hop und ganz vielen Oldies alles liefern, was das Herz (mehr oder weniger) begehrt.
Aber Sonntag Nachts spielen sie alle das selbe: Was fürs Gemüt.

Sonntagsnächte, das sind die Nächte, in denen Wochenendbeziehungen sich wieder aufs Eis des Alltags legen, in denen man abends zuhause herumhängt, mit dem festen Vorsatz, sich total zu erholen, in denen “Rosamunde Pilcher”, “Inga Lindström” und der Rest der Cornwall-Kitsch-Mafia die Bildschirme belagern. Die Nächte, bevor eine neue Woche beginnt und der ganze Stress wieder von vorne losgeht, in denen man immer ein wenig ruhelos bleibt. Sonntagsnächte sind Nächte, in denen Trennungen verdaut, Tränen heruntergeschluckt und geweint, neue Bekanntschaften zergrübelt und alte ad acta gelegt werden müssen.

Große Gefühle. Großes Kino. Und großes Kino braucht große Musik.

Das, was zwischen 22 und 24 Uhr im Radio läuft, ist aber seltsamerweise etwas anderes (s.u.). Denn leider endet das “große Kino” häufig in absoluter Gefühlsduselei. Manche Radiosender bieten sogar eine Art Abschieds-Show für den Sonntag Abend an, in der sich alle Verliebten, Verlobten und Verbandelten, noch einmal “tschüss” sagen können – untermalt von der passenden Musik.
Eine Auswahl aus der Fraktion Pop.Radio. Und was man damit in Wirklichkeit sagt:
Shania Twain – Still the one (hach, das ist aber süß-
wir sind ja auch schon 2 Wochen zusammen!)

Pat Benatar – Love is a battlefield (und ich bin eine Atombombe)
Ich & Ich – Stark (siehst du, ich bin zwar ein Schrank von Kerl, aber
in Wirklichkeit auch ein totaler
Softie Romantiker)
Maria Mena – Just hold me (bemüh dich gar nicht erst, mich
zu verstehen, nimm mich einfach in den Arm!)

Spliff – Carbonara (du fehlst mir nicht, aber die Spaghetti, die du kochst…)
Xavier Naidoo – Was wir alleine nicht schaffen
(, das kriegen wir auch nicht mehr zu zweit hin)
Prince – Kiss (als wir noch jung und glücklich waren, war das Lied der “dernier cri”)
David Guetta – Love is gone (hast du’s jetzt endlich verstanden??)

Gemein, aber hat man derartige wir-haben-uns-alle-ganzganzgaaaanz-doll-lieb-Shows länger als 3 Minuten gehört, beginnt man einen gewissen Zynismus zu entwickeln. Anders ist das nervtötende Weichspülerprogramm auch nicht auszuhalten. Es ist sicherlich traurig, nach einem schönen Wochenende die Geliebte / den Geliebten zurücklassen zu müssen.
Aber ist es nicht auch traurig, morgens in einem warmen, kuschelig weichen Bett aufzuwachen und in die böse Arbeitswelt hinaus zu müssen?
Das Leben ist kein Ballparadies, kein Ponyhof und kein Spielplatz der Traurigkeit. Und, lieber Nachrichten-an-Radiosender-Versender – Wenn eine Sonntagsnacht böse, allein und Schatz-du-fehlst-mir-so-dass-ich-das-der-ganzen-Welt-erzählen-muss war: Spätestens um 0 Uhr morgens weißt du: Es ist Montag. Alles wird gut.

Spätestens nächstes Wochenende. Denn sobald man bei der Arbeit ist, freut man sich plötzlich doch wieder aufs Wochenende. Egal wie zusammen oder alleine man es verbringt.
*Besonders Frauen sind darin herausragend gut. Sie hören Balladen, wenn sie Liebeskummer haben, und wenn sie sich schlecht und scheußlich, ungeliebt und hässlich fühlen, kommt, um sich so richtig in dem üblen Gefühl zu suhlen, Depri-Musik in den CD-Player.
Nicht schön, aber –

Frauen sind so!

P.S.: Dieser Post entstand zu 70% bereits in einer Sonntagsnacht, in der Nacht von vergangenem Sonntag auf Montag. Nach den 70% muss ich aber über meinem Laptop eingeschlafen sein, denn am Tag danach war dessen Batterie leer und ich habe verschlafen 🙂

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Now playing: Nelly Furtado – Try
Now playing: Tenacious D. – Tribute

By Lena

Fast walker, avid reader, poetry fan, public speaker, violinist, pianist in the making, intersectional feminist. Works in tech, writes about anything here (and less frequently than in the past).

One comment

  1. Mir scheint du kennst 1Live nicht. Sonntagsabends ab 22 Uhr gibt es da Musikgeschmack vom Feinsten.Marco

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