Ein Sonntagsmärchen

Ihr Name war Yukiko.

An einem einundzwanzigsten Dezember feierte sie ihren achtzehnten Geburtstag. Yukiko war immer ein großes und starkes Mädchen gewesen. Sie pustete die Kerzen auf der Schokoladentorte aus und ging in ihr Zimmer.

Dort öffnete sie das Fenster und sah hinaus. Es war noch dunkel an jenem Morgen, eine einsame Straßenlaterne erleuchtete die Gasse. Es hatte immer noch nicht geschneit diesen Winter. Sie dachte nach. Schon seit Wochen fühlte sie, dass sich etwas veränderte. Sie konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen, nicht mit Händen, nicht mit Worten, sie konnte nicht mehr essen, und sie wurde immer schwächer.

Sie schloss das Fenster, packte ein paar Dinge in eine Tasche, keines davon der Rede wert, schrieb einen Brief und legte ihn auf den Schreibtisch. Alles, was sie wusste, war, dass sie gehen musste. Doch sie wusste nicht, wohin. Mit der Tasche, mit den Dingen, mit diesem Tag, mit sich. So bog sie in die Straße ein und lief den Gehweg entlang. Irgendwann endete der Gehweg, es endete die Stadt, es endeten die großen Straßen. Sie lief, lief, lief, durch Tage und Nächte, im Sonnenschein und im Regen.

Es hatte immer noch nicht geschneit in jenem Winter, und sie wurde immer dünner und blasser.

Eines Tages kam sie zu einem Feld, weit weg von jeder Stadt, jedem Dorf, jedem Licht. Auf dem Feld stand ein Junge und betrachtete durch ein Teleskop den Mond. Sie ging langsam auf ihn zu, bis sie neben ihm stand. Dann schwieg sie. Er sah weiter den Mond an. Irgendwann sagte er:

Es wird Schnee geben, heute Nacht. Aber nicht hier, sondern in dem Land, in dem es niemals Tag wird. Ich brauche die Dunkelheit, um sehen zu können. Und es muss schneien, damit du leben kannst. Willst du mit mir gehen?

Sie sprachen nicht viel auf ihrem Weg. Sie brauchten keine Worte. Alles, was sie brauchten, war ein Platz, an dem sie bleiben konnten.

So liefen sie zusammen bis in das Land, in dem es niemals heller wurde als gerade so hell, dass man seine eigene Hand vor den Augen erkennen konnte. In das Land, in dem es jede Nacht schneite, und in dem es niemals Sommer wurde. Bald nach ihrer Ankunft wurde es ganz finster, mit der Dunkelheit kam die Stille, in die Stille fielen die ersten Schneeflocken. Und das Mädchen verstand.

Der Junge baute ein Iglu für sie beide. Für sich. Und für das Schneemädchen.

In diesem Land leben die beiden immer noch. Jeden Abend gibt sie ihm einen Kuss, damit er schlafen kann.

Dann geht sie nach draußen. Und wartet auf den Schnee.

 

By Lena

Engineering executive turned leadership coach & consultant, public speaker, and psychology student. Fast walker, avid reader, poetry fan, violinist, pianist in the making, and intersectional feminist. Writes about all the above (and, occasionally, trees).

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