Woche woanders #4: mit Gehirnen, Macht, Verlieben und 3,14159265359…

Ich hab diese Woche fast gar nichts gelesen, weil ich gerade an etwas arbeite, das mich den letzten Nerv kostet und von dem ich nicht einmal weiß, ob es was wird, aber das hier sind trotzdem ganz prima Texte (und alle gelesen).

Die ennomane lässt das Online-Dating sein und verliebt sich … nun ja, nennen wir es: anderweitig. Im Wald.

Kreuzundquerbeet über Trauer und “Jeder auf seine Weise”: “Ich denke, meine Weise wäre, statt irgendetwas Blödes zu sagen, dich einfach in den Arm zu nehmen und für eine ganze Weile nicht los zu lassen.” Sehr berührend.

10.000 News-Meldungen konsumiert Mensch so pro Jahr. Warum das nicht nur überflüssig, sondern vor allem sehr schädlich ist und uns “richtiges” Denken quasi unmöglich macht, schreibt Rolf Dobelli im Guardian (Englisch). Und wer gleich seiner Wegweisung in Richtung Langtext folgen möchte: bitte sehr, das ausführliche Essay gibt es hier.

Matej Peljhan hat zauberhafte Portraits eines Jungen fotografiert: “Le Petit Prince”. (Der Junge hat Muskeldystrophie.)

Über “Die schon wieder”, die “Babyboomer” und die Macht der alten Männer über unser Leben und unsere Zukunft: “Ich frage mich nur: Was passiert, wenn die Abwehr zur Grundhaltung der Gesellschaft wird?”

Constantin Seibt sagt “Mut bindet” und gute Sachen darüber, wie Medien zukünftig erfolgreich sein können.

Der Illustrator Thomas Lamadieu zeichnet in den Himmel zwischen Gebäuden. Das ist ganz schön schön.

Mikael Krogerus sagt: “Deutsche Männer baggern wie blöde”. Und erzählt dazu aus Schweden: “Während man überall in Schweden das Ende einer patriarchalen Männlichkeit beobachten kann, werden die wenigen, die diese noch behaupten, verehrt wie Halbgötter.”

Nochmal deutsche Männer, diesmal zwei und schwul, und ihre drei Kinder. Und das große Thema Eizellenspende und Leihmutterschaft, das auf internationale Gesetzgebung trifft und auf Menschen, die einfach nur Kinder wollen. Eine tolle Familie.

Ein Team hat versucht, Pi auf zehn Billionen Nachkommastellen genau zu berechnen. Das ist irre. Und ziemlich faszinierend: “So unermesslich weit reicht Pi in die Unendlichkeit, dass Mathematiker es für möglich halten, jede nur denkbare Nummer stecke irgendwo in Pi … Wer weit genug in Pi wandert, wird mit dieser Matrize nach endlosen Wüsten von Nonsens plötzlich auf die Bergpredigt stoßen. Oder einen Liedtext von Elvis. Oder das Grundgesetz. Pi macht Mathematiker zu Philosophen.”

Und dann mal Mr. Iron & Wine (danke, Phil). Das muss mal im Sommer an der Spree laufen, wenn es dunkekl ist, und dann ganz laut.

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Der Satz der Woche ist diesmal ein Gedicht. Das hängt in meinem Flur und gerade ziemlich groß an einer Wand in meinem Kopf.

Requiem für einen gerade erst eroberten Planeten
mit intensiver Strahlung

Aber was kommt wenn wir uns alle Geschichten erzählt
haben zentausend heiße Geschichten

das Lexikon unserer Luftschlösser durchbuchstabiert
ist und wir unseren Stern durchgesessen haben wie das Sofa

auf dem wir uns sehr genau kennenlernten
wenn wir dann stumm am Fenster sitzen und rauchen

Nächte von fast vollkommener Stille
in denen nur deine letzten Sätze nachhallen

Sie sprachen davon dass wir
beide eigentlich Himmelskörper sind

die eine so große Anziehungskraft haben
dass sie nicht einmal ihr eigenes Licht fortlassen

also nicht leuchten sondern schwarz sind
an ihrer Zunge verbrannte Erzähler

(Silke Scheuermann)

Können Bots weinen? Trauer im Internet

Dirk Bach ist tot. Das ist — ja, was nun?

Wer sich länger als eine Woche in einem sozialen Netzwerk bewegt hat, kennt vermutlich die Diskussion, die sich dort mit murmeltierhaftiger Konsequenz abspielt, wenn ein Prominenter stirbt, an den Tod von Amy Winehouse und Michael Jackson erinnere ich mich da beispielsweise noch. Manchmal auch bei Unglücken, wenn viele Menschen sterben, oder womöglich auch noch Kinder.

Was dann regelmäßig geschieht, lässt sich verknappt so darstellen:

  1. Gruppe 1 drückt aus, traurig zu sein, denjenigen gemocht zu haben und jetzt schon zu vermissen. R.I.P.
  2. Nahezu reflexhaft folgen nun die Reaktionen von Gruppe 2, die fragt, ob man so überhaupt reagieren sollte und darf, die Tode gegeneinander aufrechnen (“Wie, du betrauerst Amy Winehouse? Da sind auf der anderen Seite des Planeten 20 Kinder gestorben!”) oder sich aufregen über Gruppe 1 und sie als Heuchler oder Zyniker bezeichnen.
  3. Darauf folgt Gruppe 3, die sich aufregt, dass 1 und 2 schon wieder so reagieren, wie sie immer reagieren.
  4. Woraufhin sich 1 darüber aufregt, dass 2 sich aufregt, und 2 sich über 3, woraufhin 2 wiederum …
  5. ja.

Aber wie ist das nun? Ist es legitim, online den Tod eines Prominenten zu kommentieren, gar Trauer oder Schmerz auszudrücken?

Ich kenne mich nun mit Prominenten nicht so gut aus. Aber vermutlich kannten die wenigsten derer, die seinen Tod kommentieren, den verstorbenen Menschen persönlich. Die, die ihn kannten, werden nicht die sein, die twittern.

Stirbt eine prominente Person, so ist das häufig jemand, den man “kannte”. Natürlich – es ist nicht das selbe “Kennen” wie bei einem guten Freund. Und dennoch: man hat eine Beziehung aufgebaut, womöglich sogar über Jahrzehnte hinweg. Hat seine Musik gehört, seine Filme gesehen, seine Bücher gelesen, sich gefreut, wenn er etwas Neues veröffentlichte, derjenige war Teil des eigenen Lebens über seine Werke, die einen womöglich durch entscheidende Momente begleitet haben. Er war etwas für einen, hatte eine Bedeutung, die man selbst nie für denjenigen hatte. Das ist eine ziemlich einseitige Beziehung, und lediglich eine Beziehung zu einem Bild, das derjenige in der Öffentlichkeit hatte. Aber – es ist trotzdem eine Beziehung, die man selbst als solche empfindet. Und Empfindungen sind nunmal dafür bekannt, meist recht subjektiv zu sein und sich nicht davon beirren zu lassen, dass man selbst demjenigen unbekannt war.

Das Internet ist aber auch ganz gut darin, eine Empfindungsmaschine zu sein. Eine, in der noch mehr Emotion und noch mehr Lautstärke, Capslock und Bold zählen, in der es für alles eine Steigerung gibt und es immer noch ein bisschen härter, witziger, dramatischer sein muss. Eine Empfindungs-, Erregungs-, Hype-Maschine, in der zählt, wer gehört wird

Und eine, aus der sich abmeldet, verschwindet, offline geht, wer den Lärm nicht erträgt und leise sein will.

Der zweite, m.E. wesentliche Aspekt dabei ist: trauerten vor nicht allzu langer Zeit noch ganze Dörfer um einen Verstorbenen, so ist Trauer zusammen mit den meisten Trauerbräuchen aus der Öffentlichkeit verschwunden. Continue reading “Können Bots weinen? Trauer im Internet”