(vom Aufheben)

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Ich streune durch die Straßen dieser Stadt, ich gehe ziellos durch die Gassen, ich suche nichts mehr, ich brauche nichts mehr, ich warte einfach nur noch ab, und alles, was ich noch habe, ist ein brauner Schuhkarton in meiner Hand. Denn da sind diese Sätze, die ich lange nicht sagte, die mir so aus dem Mund fallen, langsam zu Boden sinken wie die Blätter der Bäume um uns herum, kleine Kreise ziehen in Atemwolken, tanzen in der kalten Luft, kurz schwerelos sind, wenn ein Windstoß kommt, sich noch einmal aufbäumen, bis sie mit einer Ecke und dann ganz den Boden berühren und liegenbleiben. Manche von ihnen hebe ich auf und packe sie in den Schuhkarton, lege sie vorsichtig zu all den anderen, die schon da sind und warten, und setze den Deckel wieder darauf. In den Deckel habe ich drei Reihen kleiner Luftlöcher gestanzt, denn manche Sätze brauchen Licht, und manche Sätze müssen atmen. Ich bin wachsam, denn in meinem Schuhkarton, darin ist auch etwas von dir. Es ist etwas, was du nicht vermisst, und wovon du noch nicht einmal weißt, dass ich es habe. Es ist etwas, das vor einigen Tagen aus Versehen aus meinem Mund fiel und mit Schwung auf der Straße in einem Laubhaufen landete. Da kniete ich mich hin und sah es eine Weile an, wie es da so lag, in seinem kleinen Krater aus Laub und Straßendreck. Es war viel mächtiger als alle anderen, viel rauher und bunter, und als ich es aufhob, war es das Leichteste und Schwerste, das Kleinste und Größte, was ich je in Händen gehalten hatte. Es roch nach Nacht und Tag, nach Hunger und Durst und es roch vor allem nach dir. Ich öffnete den Schuhkarton, räumte darin ein wenig um und machte Platz, damit es hineinpasst, ich besah es noch einmal und packte es hinein, ich musste es diagonal legen, damit der Deckel noch zuging, und seitdem ist es da, in meiner linken Hand, wie alle anderen und eben doch auch nicht.

Ich kann sie nicht alle aufheben, manchmal bin ich zu müde, mich um sie zu bemühen, und wenn der Karton am Ende des Tages so schwer geworden ist, dass ich ihn nicht mehr tragen kann, dann lasse ich sie auf dem Boden liegen, lege mich hinter den Straßenecken, in den letzten beblätterten Büschen auf die Lauer, ich warte, was passiert, und sehe den Menschen zu, die an ihnen vorbeilaufen, über sie hinweggehen, auf sie drauftreten, sehe den bunten Blättern zu, die sie bedecken, dem Regen, der auf sie fällt, und wenn es dunkel wird und sich die Nacht  in die Häuserschluchten drängt, dann hoffe ich, dass noch jemand kommt, der sie erkennt, sie vielleicht nur kurz betrachtet, oder gar einen von ihnen aufhebt und mitnimmt. Ich liege derweil in meinem Versteck, ich warte nicht und warte doch ab, ich beobachte die Menschen und sehe die Vögel, die die Stadt noch immer nicht verlassen haben. Manchmal nicke ich für einen Moment ein, dann liegt mein Kopf auf dem Karton wie auf einem eckigen Kissen, und manchmal kommt ein Hund vorbei, wundert sich kurz und geht dann weiter.

Und wenn es dann zu kalt wird, in meinem Versteck, dann nehme ich den Schuhkarton in meine linke Hand, die Taschenlampe in meine rechte, und gehe zurück in meine Wohnung, ganz dicht gehe ich an den Häusern entlang, im Schatten der Straßenlaternen, in der Hoffnung, dass niemand mich bemerkt, husche ich ins Warme zurück. Behutsam schließe ich die Türen der Wohnung auf , stelle meine schlammigen Schuhe in eine Ecke und räume den Boden frei. Dort breite ich sie nun alle aus: die langen Sätze, die halben Buchseiten, die Wörter, die kleinen, zusammenhanglosen, durchnässten Wortgruppen, oft viel zu früh an falscher Stelle abgerissen, beschädigt, mit Flecken vom Dreck der Straßen, viele mit Gebrauchsspuren, andere vom Zerdenken ganz mürbe, manche schon völlig zerfetzt. Nur einige wenige so schön, dass ich sie kaum mit meinen viel zu großen Händen anfassen mag, dass ich sie nur mit einer Pinzette berühre, nebeneinanderlege und betrachte. Aber wenn alles ganz leise ist, dann kann man hören, dass manche von ihnen Musik sind, wenn sie leise atmen und manche von ihnen singen. Und dann, wenn ich sie alle ausgebreitet habe, lege ich sie zum Trocknen ganz nah an die Heizung und warte ab. Warte, bis sie trocken sind, und bis ein neuer Tag beginnt. Eines Tages, da werde ich sie alle gefunden haben. Und eines Tages, da werde ich dir zeigen, was einst in einen Laubhaufen fiel und eigentlich nur dir gehört.

we could have been lovers

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Und als der Regen fiel, hätten wir uns küssen können zwischen den Pfützen, an den grünen Ampeln, auf den Zebrastreifen und unter den Brücken.

Weil unsere Mäntel mit dem Grau des Tages verschwommen wären, hätten nur ein paar Leute uns gesehen, wie wir da stehen, wie ich meine Hände vergrabe in deinen hellen Locken, wie deine Arme um mich geschlungen sind, wie nass unsere Haare schon sind vom Dastehen und Küssen und dass deine Füße in den schönen grünen Sneakers auf einem Gullydeckel stehen und ein kleiner Bach an ihnen vorbeifließt, der schlingernd eine Handvoll Blätter, drei Kippen und ein Kaugummi in die Tiefe trägt. Es wäre gewesen wie damals, an jenem Regentag vor dreieinhalb Jahren, als wir an einem anderen Bahnhof in einer anderen Stadt standen, aneinandergelehnt, uns in die Augen sahen und der alte Mann uns sah, stehenblieb, lächelte und ganz leise sagte so muss die wahre Liebe sein und weiterging. Hätten wir uns geküsst, wäre das Leben weitergegangen wie er, zur Bahn, zum Bäcker, den Bach runter oder ziellos die Straße entlang.

Es gibt nur dieses eine Foto von uns. Im impulsiven Moment eines Gefühls von Kulturmangel hatte ich mir eine Eintrittskarte gekauft, und dann war ich tatsächlich auch hingegangen, ins Theater, ganz alleine, und ich war viel zu früh da. Auf dem Foto läufst du links durchs Bild, lachend und eine Geste in die Luft malend, inmitten einer Gruppe Menschen, die ich davor und danach nie wieder gesehen habe, ich stehe rechts im Bild, ganz hinten an einer Säule, und betrachte den Boden, das war, weil auf dem Boden ein Fleck zu sehen war, von dem ich überlegte, ob es ein festgetretenes Kaugummi sein könnte, ein Fleck, den ich mir in Wahrheit nur ausgedacht hatte, weil ich nicht gewusst hatte, wohin mit meinen Augen. Nach der Aufführung war ich schnell nach draußen gegangen, vor dem Theatereingang stehengeblieben, weil ich erst da die Sinnlosigkeit dieses schnellen Aufbruchs bemerkt hatte, sinnlos, wo ich doch eh nicht wusste, wohin mit mir und dem Rest des Abends. Ich lief am Theater entlang, landete vor dem Bühneneingang, setzte mich auf eine Mauer und steckte mir eine Zigarette an, Da ging die Tür auf, du kamst heraus, fragtest nach Feuer und setztest dich neben mir auf die Mauer, und dann saßen wir da so. Bis du sagtest ich bin müde, morgen ist schon die nächste Aufführung, die Knie unter dein Kinn zogst und ich nicht wusste, was ich dich fragen oder sagen sollte, alle Worte, die ich mir im Kopf zurechtlegte, sahen bei näherer Betrachtung falsch und unangemessen aus, also sagte ich nicht viel. Du auch nicht. Du wolltest noch ein wenig spazieren, zum Runterkommen, und dann nach Hause gehen, ich dachte dann, so ein Spaziergang, das wäre doch ok, und dann liefen wir einfach, die Isar entlang, über das Eis, durch einen Park und leere Straßen zurück zum Fluss, es war furchtbar kalt und dunkel, nur im Schein der Straßenlaternen sahen wir noch die Atemluft in den Nachthimmel steigen. Das nächste Mal sagten wir etwas, als wir auf diese Brücke zugingen, und alles anfing.

Deinetwegen habe ich. Ach. Ich bin Dichter, das weißt du, hast es immer gewusst, noch bevor wir auf dieser Brücke über der Isar standen und die Sonne aufging. Wir Dichter haben es mehr mit der Sehnsucht als mit der Erfüllung, das ist Schrott, aber wenigstens systemimmanent. Du bist Tänzerin, du hast es mehr mit der Bewegung als mit dem Stillstand, das ist auch Schrott, aber wenigstens sieht es schön aus. Ich mag es, wenn du tanzt.

Und dann, vor ein paar Wochen, hast du mir auf die Mailbox gesprochen, an meinem Geburtstag. Nur deinetwegen hatte ich die Mailbox wieder aktiviert. Ich hatte schon geahnt, was passieren würde, wenn du anrufst, dabei hatte ich nicht einmal gewusst, ob du es tun würdest. Dann blinkte dein Name auf dem Display und ich tat so, als sähe ich es nicht, als hörte ich das Klingeln nicht. Dabei habe ich doch nur darauf gewartet, dass es endlich aufhört, wie ich seit drei Jahren jede Stunde darauf warte, dass es endlich aufhört. Die ganze Zeit seit meinem Geburtstag habe ich deine Stimme in meiner Jackentasche herumgetragen, ja, in der Jackentasche, nicht in der Hosentasche, weit genug weg, kein direkter Körperkontakt; und doch ausreichend nah, nur wenige Sekunden und fünf Zentimeter weit entfernt; alles genau so, wie es immer war. Ich habe mir diesen Moment aufgespart, für einen Augenblick, in dem es passt, in dem alles soweit gut ist, dass ich dir wieder begegnen kann, ich habe gewartet, mich verzehrt und mich dafür gehasst, doch der Augenblick kam nicht, und dann habe ich es nicht mehr ausgehalten, ich habe die Mailbox abgerufen, Sie haben eine neue Nachricht, ein Knacken und dann der Moment, in dem die Luft im Raum in sich zusammenfällt. Danach ging ich einkaufen, das Spülmittel war leer.

Wir waren nie so viel, wie wir hätten sein können, und noch heute trete ich beim Gedanken daran trotzig gegen kleine Steine.

Dann sahen wir uns das letzte Mal, von dem wir wussten, dass es das letzte Mal sein würde. Und wir haben uns nicht geküsst. Wir haben nur dagestanden, voreinander, und uns an den Händen gehalten. Wir haben uns nicht mehr angesehen, und nun weiß ich nicht einmal mehr, wie hell deine Locken sind. Es gibt doch nur dieses eine Foto von uns. Ich weiß nur noch, dass beim Kiosk nebenan zehn verschiedene Schlagzeilen auslagen, Päckchen von roten Gummischlangen und das neueste Lustige Taschenbuch; dass da vierzehn Backsteinplatten an der Wand schwarz bemalt waren, fünf Punks in einer Ecke saßen und sieben Hunde an uns vorbeiliefen in all der Zeit. Und als ich danach aus Versehen wieder in dein Gesicht sah, da weintest du, ich weinte auch, und es war nicht wie in diesem scheiß Lied, weil nämlich jeder genau weiß, was Regen ist und was nicht.

Und ich glaube, der alte Mann hatte Recht.

Segelboot, trotz allem (Szenen)

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In der Küche liegen noch einige Zettel, kleine Grüße in fremder Handschrift aus den drei Minuten vor Verlassen des Hauses. Sorgsam schichte ich sie auf einen Stapel und stelle das nutella-Glas darauf.

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Es ist Montag, ich gehe in den Waschsalon. Als ich die Waschmaschine einschalten will, merke ich, dass ich meine Mütze noch trage, ziehe sie mir vom Kopf und werfe sie in die Trommel.

Viele Autos in Russland haben eine kleine Kamera eingebaut, die das Geschehen in der Umgebung filmt, 5 Minuten lang speichert und dann wieder überschreibt. Wird man in einen Unfall verwickelt, drückt man einen kleinen Knopf und alle Bilder der letzten 5 Minuten bleiben dauerhaft gespeichert. Letzteres ist der Stand der Dinge.

Ich habe eine Trocknerbenutzung gekauft, 15 Minuten, 60 Grad. Ich öffne die Tür mit dem schwarzen Griff, werfe nur die Mütze hinein, und dann setze ich mich davor und sehe zu, wie das kleine schwarze Bündel in der riesigen Trommel herumwirbelt.

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Da war, vor einer nicht näher bezeichneten Anzahl von Tagen, dieser eine, kurze, halb von der Seite streifende Blick. Und seitdem.

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Ich habe mich aus der Wohnung ausgesperrt. Alles, was ich dabei habe, sind mein Personalausweis, ein Päckchen Kaugummi, ein Sack nasse Wäsche, eine trockene Mütze und 27 Cent. Das Geld drücke ich an der nächsten Straßenecke jemandem in die Hand. Geht, so.

In der U-Bahn, ein Kind mit einem Cello steigt ein und die Frau mit den kurzen braunen Haaren und den riesigen Augen sieht mich an. Lächelt.

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Er sitzt mir gegenüber, breitbeinig wie immer, eine Hand in den Haaren vergraben, mit der anderen fährt er sich übers Gesicht. Es sind diese kleinen, vertrauten Gesten, die bleiben. Immer. Trotz allem.

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Dienstag, in der Bar hockt ein Mann, mehr ein Junge, an einem Zweiertisch, er sitzt alleine mit seinem Buch, manchmal streicht er sich die blonden Haare aus dem Gesicht. Auf seinen rechten Oberarm, halb verdeckt vom T-Shirt-Ärmel, ist ein Segelschiff tätowiert. Es ist ein Dreimaster.

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Ich sitze in einem Bus, es ist angenehm warm hier drin, die Menschen sind leise, ich höre gute Musik, wir fahren durch die Nacht und es wäre völlig in Ordnung, jetzt einfach so weiterzufahren, und gerne auch für immer.

Man sollte eh häufiger einfach mal behaupten, dass es für immer ist. Mal nur noch das machen, wovon man das wollen würde, dann zur Eingewöhnung so tun als ob und schließlich einfach daran glauben, dass es für immer sein kann. Für immer ist. Oder wenigstens fast.

Große Lust, einfach falsch umzusteigen und durch die Nacht zu fahren. Für immer.

Vielleicht auch im Taxi.

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Ich steige aus der Bahn aus und gehe die Treppen hoch, auf der letzten Stufe zünde ich mir eine Zigarette an, ich laufe geradeaus, über das Lüftungsgitter, vorbei am Theater, namenlosen Sträuchern, Bäumen, Gewächshäusern, unter der Kastanie durch.

Es ist finster, ich sehe, spüre, sage nichts, da bricht die Zigarette ab, zwischen meinen Fingern nur noch der Filter, und ich merke, dass es seit einem halben Kilometer in Strömen regnet.

Ich gehe in der selben Geschwindigkeit weiter, der Regen wird stärker, meine Jeans kleben an meinen Beinen. Als ich in die Wohnung komme, tropft das Wasser aus meinen Haaren, fällt zu Boden, dann liegt es da und ich hole einen Putzlappen.

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Meide keine Pfützen.

Ok

Es ist Freitag, ein lauer Sommerabend. Es ist der Abend der Fête de la Musique, das ist das, wo alle hingehen. Die Stadt tanzt. Ich hatte einen anstrengenden Tag und bin auf dem Weg nach Hause, laufe durch eine Wolke aus Musik, fahre in der U-Bahn mit Menschen, die über Auftrittsplänen die Köpfe zusammenstecken, ich schließe die Wohnungstür auf, trinke ein Glas Wasser, höre das neue Daft Punk-Album und gehe früh ins Bett und es ist ok. Am Samstag ist eine Party bei Vollmond auf einem ehemaligen Brauereigelände. Ich trinke zwei Bier, freue mich über die beiden Liebsten, gehe noch einmal zwischen den Menschen durch, winke und grüße bisweilen, rede zwei Worte, dann sage ich tschüss, fahre nach Hause, betrachte den Mond, sehe noch einen Film und einer Mücke zu, die es durchs Moskitonetz ins Schlafzimmer schaffen will, und schlafe darüber ein und es ist ok.

Es war ein seltsam undenkbarer Augenblick an jenem Abend in einer Hängematte, mit Sonnenbrand auf der Haut, überhitztem Kopf und den ersten drei Schluck Rotwein intus, als ich eigentlich an gar nichts dachte und da plötzlich der Moment war, in dem ich begriff. Dass es zwar nicht weit ist von der Selbstgenügsam- zur Seltsamkeit. Aber was das heißt, zu wissen, dass es ein Genug gibt. Dass da ein Genug des Redens, der Umarmungen, der in ihrer scheinbaren Unauffälligkeit so aufdringlichen Zuneigungsbekundungen ist. Dass wirklich nichts muss, wenn es nicht muss. Der Moment, in dem ich meine Endlichkeit begriff: die Endlichkeit meiner Kraft, meiner Energie, meiner Kontaktfreude, meiner Lust auf Menschen, meiner Fähigkeit, Dinge auszuhalten und ihnen mit einem Lächeln zu begegnen. Mir ist klar geworden, dass ich nicht ständig mehr von mir verlangen sollte, als ich zu geben fähig bin. Dass ich nicht so sozialkompatibel bin, wie ich immer gern gewesen wäre. Dass mich das Zusammensein mit Menschen grundsätzlich anstrengt, selbst wenn ich diese Menschen sehr gern habe. Dass meine Fähigkeiten, Eindrücke zu filtern, aufgrund meiner Veranlagung meist gegen null gehen und ich deshalb viel Zeit brauche, um Geschehenes und Erlebtes verarbeiten. Und dass ich in Wahrheit eigentlich einen ganz guten Eremiten hergebe. Und es ist ok. Im Großteil der Fälle sind mir zwei Flaschen Wasser, ein wenig Essen für den Tag, ein Laptop mit Internetzugang und ich selbst mehr als genug. Der kleinere Teil der Fälle sind die Lieben. Mehr als diese Dinge brauche ich nicht, und alles, was mehr ist als das, schrammt immer am Zuviel, mit der Lautstärke eines Fingernagels auf einer Tafel.

Ich habe wieder klein angefangen: bei einer ersten Tasse Kaffee morgens, beim Beantworten ewig ungelesener E-Mails, beim Lesen ungeöffneter Briefe. Angefangen damit, nach drei Jahren die Wohnung wirklich neu einzurichten, ohne dafür Geld auszugeben. Ich habe sortiert, abgeheftet, ausgemistet, 3 Möbelstücke, die nicht mir gehören, acht rieige Säcke Altpapier, drei Kleider- und unzählige Müllsäcke weggetragen. Nach den neuen Räumen in der Wohnung folgen neue Räume in meinem Denken. Nicht zu verkaufen, nicht zu vermieten, neue Räume nur für mich.

Auf einem Paket, das ich nach langer Zeit wieder hervorhole, steht VORSICHT! Nicht zerbrechlich. Ich stelle es mitten in den Raum, greife hinein, nehme, so viel ich kann, und dann schmeiße ich das Konfetti in die Luft. Einfach so.

Ganz ok.

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Vierundzwanzig Stunden

In zwei Minuten werde ich am Flughafen ankommen. Eine Minute später werde ich den Rucksack abgesetzt und an die Wand gelehnt haben. Im selben Moment wird durch die Wucht des Aufpralls im untersten Rucksackfach mit einer Packung Kekse mein letzter Essensvorrat zerbröselt sein.
Fünf Minuten später werde ich noch eine Zigarette geraucht und den Rucksack wieder aufgesetzt haben. Fünf Minuten danach werde ich kurz mit der Flughafenpolizei sprechen (es ist ein sehr kleiner Flughafen hier). Eine Viertelstunde später werde ich eine Bank oder eine Ecke gefunden haben, wo ich die Nacht verbringen kann. Eine Stunde später werde ich drei Landungen und drei Abflüge und fünfhundert Urlauber beobachtet haben, die Hälfte davon voller Vorfreude, die andere Hälfte wenigstens mit vollen Koffern. Eine Viertelstunde später wird der letzte Flughafenshop schließen und drei Polizisten und ich werden uns die Nachtwache teilen. Ich werde in den darauf folgenden zehn Minuten versuchen, mir mit Hilfe von Isomatte und Schlafsack ein Lager zu bauen, was nur so mäßig gelingen wird, ebenso wie meine Einschlafversuche in den folgenden acht Stunden. Also werde ich wie in den letzten vier Nächten die gespeicherten Artikel auf meinem iPhone weiterlesen, weshalb mein Akku nach der Hälfte der Nacht leer sein wird und ich eine Steckdose suchen muss. Wahrscheinlich werde ich keine finden. Wenn doch, wird sie sich recht sicher hinter einer Hydrokultur befinden.

In jener Nacht werde ich des Weiteren:
– 1x sicherheitshalber den Wecker auf 06:40 Uhr stellen
– 1x per SMS eine Diskussion übers aktive und passive Abschleppen fortsetzen (keine Kraftfahrzeuge)
– 2x mit den Polizisten sprechen
– 1x ihren Hund streicheln
– 20x Venus von Shocking Blue hören, das hier in Dauerschleife läuft
– 3x Kamillentee mit Rosmarinhonig trinken, dann wird die Flasche leer sein
– 8x feststellen, dass ich immer noch Sand in der Kleidung habe
– 4x aufs Klo gehen
– 6x eigentlich zu müde sein, um weiter englischsprachige Essays zu lesen

Gegen 5 Uhr werde ich voraussichtlich aufstehen, den überflüssigerweise gestellten Wecker ausschalten, mir am Waschbecken drei Hände voll Wasser (no drinking water! kein Trinkwasser! Don’t drink! Nicht trinken!) ins Gesicht schütten und befinden, dass es reicht, dass ich mich scheiße fühle und dass ich da eher nicht noch die Gewissheit brauche, dass ich auch scheiße aussehe. Dann werde ich mir die Zähne putzen, ohne mein Spiegelbild eines Blickes zu würdigen.

Eine Stunde und vierzig Minuten später werde ich Isomatte und Schlafsack zusammenrollen, meine Messer und Feuerzeuge in meinen großen Rucksack werfen, mein Handgepäck noch einmal auf verbotene Gegenstände überprüfen und mitsamt des Tickets, das ich seit zwei Wochen mit mir herumtrage, zum Check-in-Schalter marschieren.

Das Flugzeug wird schließlich in zehneinhalb Stunden zurückfliegen, bevor ich die wichtigen Dinge zu Ende gedacht habe. Und in vierundzwanzig Stunden werde ich bis 86.400 gezählt haben. Vielleicht. Bevor überhaupt etwas klar, geschweige denn entschieden ist. Was bleibt, ist ein Gefühl wie ein abgebrochener Download.

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