Der Boiler tropft. Vor zehn Tagen fing es an, einfach so, als ich in der Küche saß, Kaffee trank und rauchte, da machte es plötzlich plopp. Plopp. Plopp. Plopp.

Dann ist es der 20. Dezember, die Letzten verlassen die Stadt, sie fahren zu ihren Familien, ich bleibe hier und winke ihnen nicht hinterher. Das ist die Zeit, in der es überall ruhiger wird, in der selbst der Nachbar nur noch für zwei Stunden am Tag sein Lieblingslied von Adele hört. In den restlichen zweiundzwanzig Stunden ist es so still, dass ich nichts höre als das Geräusch meiner Augen beim Blinzeln, das Tropfen des Boilers und das Tapern meiner Gedanken in der Stille.

Ich überlege, was ich gelernt habe in den letzten zwölf Monaten, und das Wichtigste ist wohl, dass ich jetzt überall sein könnte. Ich habe verstanden, dass ich nur noch hier bin, weil ich noch immer keine Antwort auf die Frage gefunden habe, wo sonst ich sein will. In der Zwischenzeit habe ich Alkohol getrunken, um mich abzulenken, ich habe Menschen geküsst, um mich abzulenken, ich wohne noch hier, um mich abzulenken. Und doch war alles nie genug, nie genug Rausch, nie genug Sex, und nie genug Zuhause. Und dann war da der Krieg. In den letzten Monaten gab es einen Teilsieg in einem Krieg, von dem ich nicht glaubte, dass er je zu gewinnen wäre. Und ich habe Frieden geschlossen: ich weiß, dass der Krieg nie ganz vorbei sein wird, aber ich weiß, dass ich jede Schlacht, die kommen mag, gewinnen kann. Zum Schluss lese ich noch einmal die Dinge, die ich im letzten Jahr aufgeschrieben habe, die Gedankenfetzen und die zusammenhängenden Texte, und nichts davon erscheint mir als von Dauer und von Wert. Nur einzelne Sätze sind darunter, die keinen Widerspruch dulden.

Manchmal habe ich den Eindruck, dass die Welt mich stärker verbraucht als ich sie.

Dann klappe ich das alles zu und mich wie ein Taschenmesser zusammen. Tagelang schlafe ich nur noch, mein Körper ist ausgelaugt, von den vielen Nächten ohne Schlaf, von der vielen Arbeit, den vielen Eindrücken. Ich habe aufgegeben, alles sortieren zu wollen, inzwischen kippe ich alle neuen Bilder, Gedanken, Ideen nur noch auf den großen Haufen hinterm Haus. Irgendwann, irgendwann, wird daraus vielleicht noch etwas wachsen. Aber nicht jetzt. Jetzt stehe ich nur noch auf, um das Licht ein- oder auszuschalten, um die Wasserflasche aufzufüllen oder aufs Klo zu gehen. Ansonsten liege ich, ich liege, liege. Liege, als gälte es, das Bett in all seinen Ecken neu zu durchmessen. Ich träume wilde Träume, wenn ich aufwache, schlägt mein Herz schneller, und mache ich die Vorhänge zur Seite, ist es nur noch selten hell.

Eines Morgens stehe ich einfach wieder auf. Als ich zum ersten Mal nach neun Tagen in den Spiegel schaue, entdecke ich etwas Glitzer auf meiner Wange. Am selben Tag verlasse ich die Wohnung zum ersten Mal wieder. Draußen scheint die Sonne, der Himmel ist blau, ich höre Musik, gehe die Straße entlang. Die Stadt ist ganz leer, strahlt im Licht wie aufgeräumt, auf den Gehwegen liegen die ersten Tannenbäume, alles wirkt ruhig und klar, langsamer als sonst, wie schockgefroren und langsam antauend, ich singe vor mich hin und plötzlich merke ich es: die Leichtigkeit ist zurück. Ich schließe die Tür zu meiner Wohnung auf, öffne alle Fenster und setze mich in die Küche.

Mein Herz schlägt siebenundfünfzig Mal pro Minute. Der Boiler in meiner Küche tropft nach jeweils drei Sekunden. Das Herz der Stadt schlägt nur noch alle vier Stunden.