In Ruhe hyperventilieren

Lange bevor ich meine analoge Kamera hatte, lange bevor ich mir meine erste Digitalkamera kaufte, lange bevor es dafür Brillen gab: vor sehr langer Zeit also, da war ich ein Kind, das sich wünschte, mit den Augen Fotos machen zu können.

Daran denke ich, als wieder alles zu schnell ging und ich die paar Meter krieche, bis ich mich fallen lasse und auf dem Bürgersteig liege. Jemand hat das kaputte Fahrrad von der Straße heruntergezogen, um mich herum stehen Menschen, sie fragen, ob es mir gut ginge, sagen mir, dass sie alles gesehen hätten und ich nicht schuld sei, ich bin völlig überfordert, ständig sackt mir der Kreislauf weg. Ich sage, ich wolle keinen Krankenwagen, mir tue nichts weh. Ich möchte auch keine Menschen anschreien und wegschicken müssen, die nichts gesehen haben und nur blöde Kommentare abgeben, und tue es trotzdem.

Ich möchte einfach nur unter diesem Parkverbotsschild liegen und in Ruhe vor mich hin hyperventilieren.

Der Krankenwagen kommt, mein Kopf fährt Karussell, beim fünften Versuch schaffe ich es, mich mit Hilfe der Sanitäter hinzusetzen, sie bugsieren mich in den Krankenwagen, endlich wieder liegen, den Kopf nach unten, von draußen Stimmengewirr und Gezeter, ich denke wenigstens weiß ich noch alles, sogar, wie ich heiße. Die Polizei kommt, sagt, sie nähmen mein Fahrrad jetzt mit, und dabei wollten wir uns doch niemals trennen (und schon gar nicht so).

Acht Stunden, Dutzende Röntgenbilder und Untersuchungen später die Gewissheit, dass man unter Schock keine Schmerzen spürt, dafür bei dessen Abklingen umso stärker. Dass es hätte schlimmer kommen können als die paar Schrammen, Prellungen und Kopfschmerzdn und dass dieser Körper noch mehr aushält, als ich dachte (und dabei dachte ich schon ziemlich viel). Und dass es dem Fahrrad besser geht als mir und der anderen beteiligten Person sogar sehr gut. Gelebter Altruismus.

Eine wache Nacht später entlasse ich mich selbst, ich halte keine Krankenhäuser aus. Was bleibt, sind Schmerzen und eine fahrradsattelförmige Prellung auf meinem Bauch. Ein Teil des Fahrrads immer bei mir. Wäre es nicht anders, könnte es fast poetisch sein.

Flattr this!

One Response to “In Ruhe hyperventilieren”

  1. [...] Der beschissene Fahrradunfall ist jetzt 5 Wochen her. Ein paar Tage nachdem ich wieder aus dem Krankenhaus draußen war, raffte ich mich auf, mich um mein geliebtes Rennrad zu kümmern. Eine Stunde, nachdem ich es in den Radladen gebracht hatte, klingelte das Telefon: das Rad ist irreparabel beschädigt, so sehr, dass es ebenso unmöglich wie lebensgefährlich wäre, damit weiter zu fahren. Daraufhin habe ich einen Nachmittag lang geheult. [...]