Vierundzwanzig Stunden

In zwei Minuten werde ich am Flughafen ankommen. Eine Minute später werde ich den Rucksack abgesetzt und an die Wand gelehnt haben. Im selben Moment wird durch die Wucht des Aufpralls im untersten Rucksackfach mit einer Packung Kekse mein letzter Essensvorrat zerbröselt sein.
Fünf Minuten später werde ich noch eine Zigarette geraucht und den Rucksack wieder aufgesetzt haben. Fünf Minuten danach werde ich kurz mit der Flughafenpolizei sprechen (es ist ein sehr kleiner Flughafen hier). Eine Viertelstunde später werde ich eine Bank oder eine Ecke gefunden haben, wo ich die Nacht verbringen kann. Eine Stunde später werde ich drei Landungen und drei Abflüge und fünfhundert Urlauber beobachtet haben, die Hälfte davon voller Vorfreude, die andere Hälfte wenigstens mit vollen Koffern. Eine Viertelstunde später wird der letzte Flughafenshop schließen und drei Polizisten und ich werden uns die Nachtwache teilen. Ich werde in den darauf folgenden zehn Minuten versuchen, mir mit Hilfe von Isomatte und Schlafsack ein Lager zu bauen, was nur so mäßig gelingen wird, ebenso wie meine Einschlafversuche in den folgenden acht Stunden. Also werde ich wie in den letzten vier Nächten die gespeicherten Artikel auf meinem iPhone weiterlesen, weshalb mein Akku nach der Hälfte der Nacht leer sein wird und ich eine Steckdose suchen muss. Wahrscheinlich werde ich keine finden. Wenn doch, wird sie sich recht sicher hinter einer Hydrokultur befinden.

In jener Nacht werde ich des Weiteren:
– 1x sicherheitshalber den Wecker auf 06:40 Uhr stellen
– 1x per SMS eine Diskussion übers aktive und passive Abschleppen fortsetzen (keine Kraftfahrzeuge)
– 2x mit den Polizisten sprechen
– 1x ihren Hund streicheln
– 20x Venus von Shocking Blue hören, das hier in Dauerschleife läuft
– 3x Kamillentee mit Rosmarinhonig trinken, dann wird die Flasche leer sein
– 8x feststellen, dass ich immer noch Sand in der Kleidung habe
– 4x aufs Klo gehen
– 6x eigentlich zu müde sein, um weiter englischsprachige Essays zu lesen

Gegen 5 Uhr werde ich voraussichtlich aufstehen, den überflüssigerweise gestellten Wecker ausschalten, mir am Waschbecken drei Hände voll Wasser (no drinking water! kein Trinkwasser! Don’t drink! Nicht trinken!) ins Gesicht schütten und befinden, dass es reicht, dass ich mich scheiße fühle und dass ich da eher nicht noch die Gewissheit brauche, dass ich auch scheiße aussehe. Dann werde ich mir die Zähne putzen, ohne mein Spiegelbild eines Blickes zu würdigen.

Eine Stunde und vierzig Minuten später werde ich Isomatte und Schlafsack zusammenrollen, meine Messer und Feuerzeuge in meinen großen Rucksack werfen, mein Handgepäck noch einmal auf verbotene Gegenstände überprüfen und mitsamt des Tickets, das ich seit zwei Wochen mit mir herumtrage, zum Check-in-Schalter marschieren.

Das Flugzeug wird schließlich in zehneinhalb Stunden zurückfliegen, bevor ich die wichtigen Dinge zu Ende gedacht habe. Und in vierundzwanzig Stunden werde ich bis 86.400 gezählt haben. Vielleicht. Bevor überhaupt etwas klar, geschweige denn entschieden ist. Was bleibt, ist ein Gefühl wie ein abgebrochener Download.

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