Heute ist meine Haut auch am Abend noch warm von der Sonne. Die Welt schaut Fußball und schreit, bis das Bier leer ist, ich schaue Sonnenuntergang, bis mir kalt und die Sonne im Meer ist. Es ist ungewöhnlich dunkel heute. Auf dem Weg zur Welt gehe ich am Waschhäuschen vorbei, wo das Internet ist, und verschicke eine E-Mail, ich trage eine Zahnbürste in der Hosentasche, Zitronenkekskrümel in den Mundwinkeln und die größten Hits von Queen im Herzen. Italienische Überlandbusfahrer hören dieser Tage gerne Radiosender, die gerne die größten Hits von Queen spielen. Ich fahre gerne Überlandbus, dieser Tage.

Ich hätte nicht gedacht, dass ich das so bald sagen würde, aber nun sage ich es eben doch: ich bin angekommen. Und zwar genau da, wo ich auch losgegangen bin. Aber es hat eine Woche und 8 Stationen gebraucht, um zu merken, wo ich sein muss und dass es da dann auch egal ist, ob es in Strömen regnet oder die Sonne scheint.

Die Besitzer des kleinen Supermarkts auf dem Zeltplatz haben wegen des sportlichen Großereignisses heute Abend einen Fernseher aufgestellt und ihren Laden länger geöffnet. Dort gibt es auch eine Tiefkühltruhe. Nur durch eine Glaswand von ihr getrennt, steht ein Junge vor seinem Vater und fragt: “Bekommen wir ein Eis?” Der Vater zieht eine Augenbrauen hoch: “Jetzt, nach dem Abendessen? Und wer ist überhaupt ‘wir’?” Der Junge stellt sich auf die Zehenspitzen, sieht nach links, rechts, zeigt auf einige umstehende Kinder, “eins, zwei, drei, … fünf! Wir sind fünf! Papa, bekommen wir fünf jetzt ein Eis? Bitte!” Der Vater seufzt, drei Minuten später essen fünf Kinder Eis. Das Gute am Großsein ist, dass man niemanden mehr fragen muss, wenn man nach dem Abendessen noch ein Eis essen mag.

Als ich mich am Rand der Fußball schauenden Welt auf eine Mauer setze, setzt sich ein kleiner, vielleicht zwei, drei Jahre alter Junge neben mich. Er will meine Hand halten und legt seine Hand in meine. Und so sitzen wir, die ganze Werbepause lang.

Als das Fußballspiel wieder beginnt, lässt er los, springt auf und rennt los, seine Mutter ruft ihm zu: “Willst du zu Papa? Der sitzt aber da drüben!”, und deutet in die Gegenrichtung. Der Junge rennt weiter, sehr zielstrebig, die Mutter schaut ihm besorgt hinterher, als sie merkt, wohin er will, ist es zu spät: längst hat er sich die Chipstüte gegriffen, die unbeobachtet auf einem Stuhl lag, und sich zwei Kinderhände voll Chips in den Kindermund gestopft. Wieder bemerke ich, wie sonderbar dunkel es heute ist.

Erst als ich im Zelt liege, wie jeden Abend alle Reißverschlüsse zugezogen, aus meinen wenigen Kleidungsstücken ein kleines Kopfkissen gebaut, immer noch verwundert über die Dunkelheit meine kleine Fahrradlampe ausgeschaltet und mich auf die Seite gedreht habe, merke ich, dass ich meine neue Sonnenbrille immer noch trage.

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