Fluchtplan

Hätten wir einen Plan, fänden wir einen Standpunkt und kennten unsere Koordinaten, vielleicht stünden wir bei A7, oder M8. Wir würden suchen, mit unseren Augen, mit unseren Fingern, leise auf eine Reise gehen, uns vorantasten und die Straßen sehen, die Sackgassen, die Gebirge und alle Meere. Hätten wir einen Plan, würden wir sehen, wo das Ziel ist, wir wüssten, wo die Reise hinführt. Und sähen das Ende, noch bevor alles angefangen hat. Wir wüssten, wohin wir gehen, was am Wegesrand ist, welche Häuser, welche Bäume, wo im Sommer süße Himbeeren wachsen, welche Aufkleber auf den Laternenmasten kleben, welche Hundehaufen darunter, wo es nach warmem Essen riecht, wo Musik aus geöffneten Fenstern dringt. Wir wüssten alles, noch bevor wir überhaupt daran gefühlt hätten, loszugehen.

Hätten wir einen Plan, würden wir eine Bank überfallen, ich würde den Ghettoblaster tragen und eine Hasenmaske und du trügst einen großen Namen und mein Herz in deinen Händen und auf unserem Fluchtplan stünden nur 4 Buchstaben: R-A-U-S.

Hätten wir einen Plan, würden wir ein Stück davon falten, einen Flieger mit schmalen oder breiten Flügeln, und dann würden wir dahin fliegen, wo wir mit nackten Füßen gehen können und wo die Thermik so gut ist, dass wir immer weiterfliegen, bis wir an einem Ort sind, wo wir landen wollen.

Hätten wir einen Plan, würden wir uns ein Boot bauen. Es wäre ein kleines Boot, mit einem weiten Deck und einem riesigen Segel, damit würden wir auf eine große Reise gehen. Wir würden die sieben Pfützen vor der Haustür erobern und bei den sieben Weltmeeren weitermachen und dein T-Shirt würden wir in bunte Dreiecke schneiden, sie an einer Schnur festknoten und über das Deck spannen und da, wo der Stoff vorher auf deiner Haut lag, wäre das Salz. Und in jedem Wind wäre ein Stück von dir.

Hätten wir einen Plan, würden wir ein Seil an unserem Boot festmachen und das andere Ende um einen Eisberg knoten, und wir hätten immer frisches Eis. Jeden Tag würden wir ein kleines Stück vom Eisberg mit in unsere Küche nehmen, wir würden es mit Schokoladenstücken und Sahne, mit Erdbeeren und Keksen mischen, dann würden wir es gut verpacken und in unseren Plan wickeln, damit es kühl bleibt, bis wir wollen, dass es langsam zerläuft.

Hätten wir einen Plan, nur ein Stück davon, nicht einmal besonders groß müsste es sein, und schon könnten wir es knicken. Und dann wären wir ein Kranich. Wir wären der Vogel des Glücks, der Wachsamkeit und Klugheit, die Menschen würden uns winken und Geschichten über uns schreiben, in Liedern würden sie von uns singen und eine Origamifigur für uns erfinden, wenn sie uns nur sehen könnten. Denn hoch fliegen würden wir, so hoch, dass wir aus ihrem Blick verschwänden. Und nicht zu fassen wären wir.

Hätten wir einen Plan, würden wir uns darauf setzen, wenn die Seen gefrieren und Reif auf jedem Grashalm liegt. Wir würden ihn über uns halten, wenn der Regen kommt, würden Schneeflocken darauf sammeln oder Sternenstaub und im Herbst unter Bäumen sitzen, bis wir ein Dach aus Blättern tragen. Wenn der Wind kommt, würden wir uns darin einwickeln, um einander zu wärmen.

Hätten wir einen Plan, würden wir nachts den Himmel bemalen. Mit großen Eimern voll Farbe und langen Pinseln würden wir bunte Bilder malen, eine neue Welt über dem Horizont, und auf unseren Köpfen wären große Hüte aus Plänen, und manchmal würde von der Hutkrempe etwas Farbe auf deine Nase tropfen, und wenn wir fertig wären, würden wir auf einer Mauer sitzen, die Beine baumeln lassen und darauf warten, dass alles trocknet. Und wenn am nächsten Morgen die Sonne über dem Horizont auftauchte, ginge mit ihr eine neue Welt auf. Eine Welt, in der es keinen Montag gibt und die Zeitrechnung ein Herzschlag ist.

Hätten wir einen Plan, würden wir eine Schachtel bauen. Eine Box für unsere Träume. Wir würden die Reste zerknüllen und ihren Boden damit bedecken und sie abwechselnd hineinlegen, nebeneinander und übereinander, wir würden die Box vergrößern, bis das Ende aller Pläne erreicht ist, und dann würden wir immer weitermachen, und nie würden wir einen Deckel brauchen.

Hätten wir einen Plan, würden wir auf kleine Schnipsel eine öffentlich zu haltende Wutrede gegen die Gesellschaft und den Kapitalismus schreiben, wir würden sie mit Kleister anrühren und eine Liebe daraus bauen, wir würden Konfetti machen und uns damit bewerfen, bis wir nicht mehr monochrom sind. Wir würden eine Wand mit den Schnipseln tapezieren und sie in die Luft sprengen. Mit unserem Plan.

Hätten wir einen Plan.

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