Und Frida sagt, es wachsen keine Träume mehr

Ich stelle mich auf die Zehenspitzen und sehe in den Spiegel. Ich sehe mir in die Augen wie einem Fremden, der mir gegenübersteht. Lege meine Hand auf meine Wange, sehe  die Finger und spüre doch — nichts. Ich beuge mich nach vorne und zähle die Haare meiner Augenbrauen, die dunklen Wimpern, die Falten unter meinen Augen, die Grübchen in meinen Wangen. Es sind zwei. Ich muss an Frida denken. Frida sagt die Guten kennen die Anzahl deiner Grübchen. Sie hat genau 3. In ihrer rechten Wange. Ein großes, und zwei winzig kleine. Ich weiß das. Ich mag sie so, wenn sie lacht.

Draußen geht eine Tür auf, leise knarrend, doch sie lässt einen kurzen Windstoß herein, kleine Füße nähern sich, ich sehe immer noch in den Spiegel und sehe sie im Türrahmen stehen. Ihren kleinen Körper, die verwuschelten blonden Haare. Kommst du nach draußen?, fragt sie. Ich nicke gleich, geh ruhig schon vor. Sie dreht sich um, ich höre sie in den Garten hüpfen und sehe noch einmal in den Spiegel. Es ist ein heißer Frühsommertag, auf meiner Stirn sammelt sich Schweiß, ich habe eine neue Sommersprosse zwei Fingerbreit neben meiner Nase. Ich versuche, sie zu ertasten, sie ist zu fein, meine Hände zu groß, ich streiche mir über den Bart, rasieren, ja, höre von draußen Fridas wo bleibst du denn?, wende mich ab und gehe nach draußen.

Auf der Wiese im Garten liegt eine große rote Decke, darauf hat sie zwei Teller gestellt und den Kuchen, den wir gestern gebacken haben. Es ist ein Johannisbeerkuchen aus ihrem kleinen Backbuch. Wir haben reife rote Johannisbeeren von den Sträuchern hinten im Garten gepflückt, sie in dem großen alten Blechsieb gesammelt. Und eigentlich hat sie ganz alleine gebacken. Ich durfte die Beeren von den Stängeln zupfen, während sie den Teig für den Boden zerkrümelte und die Beeren auf dem Boden verteilte. Sie aß die Teigschüssel leer, während der Kuchen buk, ich durfte ein bisschen vom Teig probieren, und ich durfte den Kuchen zum Abkühlen aus dem heißen Backofen holen, als er fertig war. Ich hatte Angst, dass sie sich die Finger verbrennt.

Ich setze mich zu ihr auf die Decke, sie springt noch einmal auf, sagt, ich solle warten, sie läuft ins Haus, um ein Messer zu holen, ich bleibe sitzen und habe einen Kloß im Hals. Ich bin so stolz auf sie. Und ich staune, wie schön das alles ist. Der Kuchen, der neben mir steht, sieht großartig aus, die roten Beeren und der helle Teig, aus dem Zuckerkristalle glitzern, ein Grashüpfer hüpft über die Decke, keine einzige Wolke steht am ganzen Himmel, der Walnussbaum wirft einen Schatten über die Wiese und wenn ich nach oben sehe, hängen im Baum über uns schon winzige Quitten. Und über allem liegt eine große Stille. Und meine große Sprachlosigkeit.

Frida kommt zurück, sie hat eine Kuchenschaufel mitgebracht, seit sie Kuchenschaufel sagt, kann ich mir Tortenheber nicht mehr merken. Ich bewundere ihren Kuchen und wie schön sie das alles hier draußen gemacht hat, sie lacht und sagt das ist doch alles von alleine da, und gut, dass du so selten den Rasen mähst, siehst du die Schmetterlinge da drüben? Und ich hab vorhin erst einen leeren Kokon für meine Sammlung gefunden, und weißt du schon, wir haben ein neues Vogelnest im Apfelbaum.

Frida sagt, sie kann mit Tieren sprechen. Sie erzählt mir von den Amseln im Garten, von den Eidechsen, die sich auf den Steinen vor dem Haus sonnen. Und sie kennt die Geschichten der Regenwürmer, die sie fand, als sie im Herbst neue Erdbeeren pflanzte. Frida weiß all das, was ich nicht weiß, ihre Welt ist so viel größer als meine. Und alles, was mir bleibt, ist ein Staunen. Ein Bewundern. Alles, was ich noch kann, ist, Autofahren (das darf sie noch nicht), und ich kann ihr Lieder singen. Sie sagt immer, dass ich nicht singe, sondern brumme, dabei lacht sie immer und ruft noch eins, noch eins!. Wenn sie schlecht träumt und nachts ihre kleinen Füße über den Boden zu meinem Bett tapsen, erzähle ich ihr Geschichten. Und halte sie im Arm, bis sie wieder eingeschlafen ist. Manchmal auch, bis es längst wieder Morgen ist.

Manchmal sagt sie Dinge, die ich nicht verstehe. Früher habe ich manchmal nachgefragt, habe versucht, zu verstehen, was sie meint. Doch inzwischen habe ich begriffen, dass all die Fragen müßig sind. Dass das Fragen nur ein Versuch ist, die Dinge so kompliziert zu machen, dass sie in meine Welt passen. In ihrer Welt ist alles so einfach. In ihrer Welt ist alles so klar. Manchmal wünschte ich mir ein Stück ihrer Welt für meine eigene. Ein Stück von dieser Welt, in der manche Dinge keine Erklärung brauchen. Weil sie einfach — sind.

Frida sagt, wenn es regnet, dann singen die Pflanzen. Manchmal läuft sie dann mit nackten Füßen in den Garten und legt sich auf die Wiese, um zu lauschen. In warmen Sommern bleibt sie dort manchmal die ganze Nacht. Dann bleibe ich auf, setze mich auf die Bank an der Hauswand und bewache sie. Und wenn es am Morgen immer noch regnet, dann liegt sie da, in ihrem regennassen Kleid, immer ohne Schuhe. Und sie schläft. Dann setze ich mich neben sie und streiche ihr über den Kopf. Ihre Haare sind ganz nass. Und sie sieht so glücklich aus, wie sie da liegt. Wenn der Regen aufhört, hebe ich ihren Kopf an und lege einen Arm darunter, den zweiten unter ihre Beine, und trage sie ins Haus. Dort lege ich sie auf den großen Sessel, der ganz nah am Kamin steht, decke sie zu und zünde das Feuer im Ofen an, damit sie sich nicht erkältet. Und wenn sie aufwacht, koche ich ihr Kakao und sie erzählt mir, was sie nachts im Regen gehört hat.

Manchmal gehen wir in die Stadt, nur sie und ich. Sie geht nicht mehr an meiner Hand, sie sagt, sie ist groß, und große Mädchen laufen nicht an der Hand. Von niemandem. Sie steckt ihre linke Hand in meine rechte Hosentasche, dann schlängeln wir uns zwischen den Menschen hindurch. Wir kommen wir an einem Marktstand mit Werbung vorbei, ich will schnell weiter, in Gedanken bin ich schon in der Apotheke, beim Bäcker, im Käseladen, da fehlt plötzlich ihre Hand, ich drehe mich um. Und da steht sie. Zwischen den Mädchen vom Werbungs-Stand. Mit einem Glitzern in den Augen. Und einem Luftballon in ihrer Hand. Sie strahlt, sieht mich an, und nickt. Jetzt können wir gehen. Wir laufen weiter durch die Stadt, wir kaufen ein, was wir für die Woche brauchen, und immer sieht sie alles mit großen Augen an. Manchmal frage ich sie geht es dir denn gut, möchtest du etwas trinken, ist alles in Ordnung mit dir, immer schüttelt sie nur den Kopf, sieht weiter alles an und schweigt. Als wir zum Parkplatz kommen, legt sie ihren Luftballon in den Kofferraum. Dort hängt er an der Decke.

Im Auto auf der Fahrt zurück sieht sie stumm geradeaus. Auf der Hälfte der Strecke fragt sie Papa? Können wir anhalten? Ich muss dir etwas sagen. Ich fahre auf einen Feldweg. Der Kies knirscht unter dem Langsamerwerden der Reifen, erst jetzt merke ich, dass die ganze Zeit Musik an war. Die Felder sind schon ganz grün, der Regen hat ihnen gut getan, wer weiß, welche Lieder sie singen, hier draußen, wo sie keiner hört, denke ich, schalte den Motor ab und sehe Frida an. Sie hat sich abgeschnallt und öffnet die Türe, komm, ich zeig dir was. Am Rand des Feldes wächst Klatschmohn und auf dem einzigen Baum in all der Weite sitzt ein Falke. Weißt du, wo er wohnt?, fragt sie, ich weiß es nicht, aber ich glaube, er wohnt überall, wo es einen Himmel und einen Platz zum Landen gibt, sage ich. Dann möchte ich ein Falke sein. Sagt sie. Und läuft weiter. Wir gehen nebeneinander den Weg zwischen den Feldern entlang. Der Schatten, den sie wirft, ist so klein. So zerbrechlich. Manchmal habe ich Angst, diese Welt könnte ihr etwas anhaben, ihr wehtun, sie könnte an all dieser Gier, diesem Leid, diesem Schmerz um uns herum zerbrechen. An diesen Kriegen, von denen sie nichts weiß. Sie hat doch nur sich. Wer bin ich schon, sie beschützen zu wollen. Ich weiß nur, sie hat ihr Herz. Und dieses kleine  Herz ist groß. Und es ist verdammt gefährlich.

Vorsichtig läuft sie über die Steine, dann in der Mitte des Weges auf dem schmalen Streifen Grün. Die Gräser sind schon ganz lang, es war ein warmer Frühling. Sie streichen an meinen Beinen entlang. Der Wind streicht über die Felder, lässt die Kornblumen sich biegen, die Blätter des Baums zittern. Grillen zirpen, irgendwo zwitschern Vögel, Frida rennt los, ihre Haare und ihr rotes Kleid flattern im Wind. Wir sind auf einem kleinen Hügel angelangt, von dem aus man die Stadt sehen kann. Sie bleibt am Rand einer Wiese stehen und schaut hinunter, dann sieht sie mich mit ihren großen blauen Augen an. Sag … magst du die Stadt? Der Wind weht ihr eine blonde Strähne ins Gesicht, sie streicht sie zur Seite und wendet ihren Blick nicht von mir ab. Ich setze mich auf die Wiese und sehe ihr in die Augen. Ich weiß es nicht. Ich mag an der Stadt, dass wir dort einkaufen gehen können, dass es dort alles gibt, was wir brauchen. Aber ich bin immer froh, wenn wir wieder weg sind. Das ist so schwer zu sagen. Magst du denn die Stadt? Sie setzt sich neben mich und blickt auf das Einheitsgrau der Dächer unter uns. Ich weiß es nicht. Aber dort sind alle so schnell. Alle haben immer so viel zu tun. Es gibt so viele Menschen. Und immer laufen alle in die selbe Richtung. Ich glaube, ich mag die Stadt nicht. Dort wachsen keine Träume mehr.

Sie steht auf, nimmt meine Hand, wir gehen schweigend zurück zum Auto und fahren nach Hause. Zuhause isst sie noch ein Stück Brot mit Quittengelee vom letzten Jahr. Sie putzt sich die Zähne, ich bringe sie ins Bett, zeige ihr den Mond, der über ihrem Fenster scheint, und kurz darauf schläft sie ein. Ich gehe ins Wohnzimmer, trinke ein Glas Wein, blättere ziellos in einem Buch und gehe noch einmal in ihr Zimmer, um nach ihr zu sehen.

An der Decke ihres Zimmers hängt ein Luftballon. Er hängt an einen Faden. Den Faden hat sie mit einer Schleife um ihr Handgelenk gebunden.

Damals sagten die Ärzte sie wird höchstens fünf. Heute wird sie 11.
Ich flüstere leise: Herzlichen Glückwunsch, Frida.

(Jagsttal, Anhöhe, 1998)

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6 Responses to “Und Frida sagt, es wachsen keine Träume mehr”

  1. derPapa says:

    Hammer Geschichte und zu schade um nicht wahr zu sein.
    Danke für die Gänsehaut

    Gruß
    Chris

  2. Hannaherz. says:

    wunderschön. ich möchte ein buch von dir lesen. nicht ziellos, sondern ganz bewusst. sagst du bescheid, wenn es fertig ist? :)

  3. kuchensuchti says:

    Ich glaube, ich habe noch nie so schöne Worte gelesen. Ich saß da mit offenem Mund und hatte Gänsehaut, ich habe sogar das Telefon ignoriert. Danke!

  4. derPapa says:

    Hast du den Text nochmal geändert?! ich erinnere mich, dass dort ziemlich am Ende ein Satz stand sinngemäß “Frida wäre …. und hat heute ihren … Geburtstag” … der ist weg :-(

  5. @derPapa Ja, leider. Der Satz war mir wichtig.

  6. Miel says:

    @Timm Kandziora und @derPapa: Hallo ihr beiden. Zum Hintergrund: Ich war mir mit dem Schluss des Texts kurz nach Veröffentlichung sehr unzufrieden. Das ist der Grund dafür, dass ich ihn verändert hatte. Ich habe mich inzwischen aber für die ursprüngliche Version entschieden. Tut mir leid, dass das etwas unglücklich lief.

    Schöne Grüße!
    Miel

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