a.

In der Küche ist die Milch übergekocht. Auf dem Herd springen weiße Perlen hin und her, zerplatzen nach dem vierten, fünften, sechsten Sprung, es riecht süßlich und verbrannt. Sie ist des Fluchens müde, zieht die Pulloverärmel über ihre Hände und nimmt den Topf von der Platte, stellt ihn ins Spülbecken und lässt Wasser hineinlaufen. Das Wasser ist kalt, seit Wochen ist der Boiler ausgeschaltet, es gibt kein anderes Wasser mehr. Auf der Fensterbank sitzt ein Rabe, an ihren Händen klebt Milch. Kurz der Drang, sie abzulecken, dann wäscht sie sich. Als sie den Wasserhahn ausschaltet, tropft noch Wasser nach, verhallt in der Stille der Wohnung. Außen auf der Fensterbank sitzt ein Rabe. Sie lehnt sich ans Fensterbrett und zündet sich eine Zigarette an. Auf dem Tisch ein vor sich hin sterbender Basilikum, daneben eine Schale mit Äpfeln aus dem letzten Herbst, eine Walnuss zwischen den Apfelhäuten, und wie hin- und weggeworfen das Buch, in dem sie vor zu langer Zeit zuletzt las. Rechts oben in der Zimmerecke hängt ein Spinnennetz, und an der Wand klebt ein großer roter Fleck wie Tomate. Der Besuch von gestern hatte Zucker zum Kaffee, das Licht fällt schräg durchs Fenster auf den Tisch und lässt die kleinen Körner winzige Schatten werfen.

Ein Zug an der Zigarette, dann ausatmen, ausatmen, ausatmen, nur noch atmen, weil alles egal ist, bis aufs Atmen, aber auch das ist egal. Es ist immer das Egalste, das am wichtigsten fürs Überleben ist. Sie legt den Kopf in den Nacken und denkt an Wörter mit a. Ausatmen, ausradieren, aussitzen, abkassieren, aufreißen, abküssen, Alternativen wagen, ablecken, abhauen, anmachen, ausmachen, ausschalten. Abhängen. Abschalten. Was anderes sehen. Den Kopf freikriegen. Das Wissen vergrößern, den Horizont erweitern, ihn so lange ausdehnen, bis er platzt. Runterkommen, sich entkrampfen, endlich entspannen. Einmal nur den Stecker ziehen, nur einmal mehr als ein Stand-by-Modus sein, nur einmal ganz aus sein für mehr als für eine Nacht mit drei mühsam erkämpften Stunden Schlaf. Einmal nur mehr sein als ein Fernseher, der auch noch in einem ganz hohen Ton weitersummt, wenn er aus ist. Einmal kein Wasserhahn sein, der nachtropft, wenn man die Küche verlassen hat. Einmal nur kein Kernkraftwerk sein, das auch dann noch Strom frisst, wenn man es abschaltet. Einmal nur richtig aus sein. Das könnte gut sein.

Sie drückt die Zigarette aus und geht den Koffer suchen.

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4 Responses to “a.”

  1. Dr. Norden says:

    zuiehe, Boilder? Konzentration, Frau Honig!

    Sehr schönes Bild!

    Ich hätte auch Zucker genommen.

  2. Miel says:

    Verehrter Herr Norden,

    besten Dank! Und die Fehler habe ich (hoffentlich) alle gefunden und korrigiert.

    Amicalement,
    Miel

  3. Rodrigo says:

    Das ist aber traurig. Nachvollziehbar-verständlich, aber von einer melancholischen Grundstimmung getragen, die fast schon Sorgen macht. Aber wir alle können sehr schlecht (oder sehr falsch) nur fröhlich sein. Ich hoffe die Stimmung ist ein wenig besser.
    Cordialmente
    Rodrigo