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Dies ist ein ganz gewöhnlicher Freitagabend nach einer ganz gewöhnlichen Woche, und zwischen Tagewerken und Nachtschwärmen müssen Zeit und Magen mit etwas Sinnvollem angefüllt werden. Was könnte da schöner sein als die Besichtigung eines Mikrokosmos, eines Paralleluniversums voller Metaphern, reich Verbindungen zum wahren Leben. Also gehe ich in den Supermarkt.

Hinein geht es durch eine Schleuse, die nur nach innen offen ist, dann vorbei an einem bedrohlich hohen Stapel roter Getränkekisten. Die Schleuse öffnet sich, der Stapel fällt, eine Transportmöglichkeit für die Einkäufe muss her, wenigstens bekommt man hier keinen Korb, sondern holt ihn sich selbst. Kaum gehe ich ein paar Schritte weiter, steht da ein Zeitschriftenregal im Weg, geschickt positioniert, unübersehbar und gleichzeitig sehr subtil. Doch die Schlagzeilen sprechen für sich, und wer im Vorbeilaufen an den schlechten Zustand der Welt erinnert wird, dem bleibt in seiner Not gar nichts anderes übrig, als einzukaufen.

Denn: die Zeit des Schönredens ist vorbei. Jetzt ist die Zeit des Schönfressens, des Schönsaufens, und am Ende wird uns schlecht, weil wir alles haben und den Hals nie voll kriegen können und doch die Nase so voll haben, dass uns bald der Kopf platzt, also kotzen wir, bevor unser Hypothalamus noch mit unserem Geldbeutel verschmilzt und wir unser letztes Gehirn für eine Packung Tütensuppe hergeben. Weil wir doch so hungrig sind. Wer Sorgen hat, hat auch Schokolade, und wer den Zustand der Welt betrachtet, hat bald auch eine Schokoladenfabrik, ach, es kann so einfach sein, und alles ist wieder wunderschön. Prompt springt mir eine Schlagzeile entgegen: “Grüne beleibter als je zuvor“. Der Erfolg bekommt ihnen wohl nicht, es joggt sich ja auch so schlecht in Birkenstock-Sandalen, und so sieht dann wohl das Ende aus. Das Ende der einst so erfolgshungrigen Partei ist ein Ohrensessel, den teilt sie sich mit ihrer neuen Sattheit und deren Schwester Behäbigkeit. Ich seufze leise, und ganz im Stillen wünsche ich mir Erfolglosigkeit. Ich wünsche mir, immer hungrig zu bleiben.

Zu spät bemerke ich die nahende Bedrohung, die Abteilung für Obst und Gemüse. Ich bin ein Kind der Generation Cheeseburger, nach dem Krieg gab es ja sonst nichts, und wer braucht schon Vitamine, die machen nur albern. Doch in diesem Augenblick geschieht, was ich nie für möglich hielt. Ich habe in dieser Abteilung einen Seelenverwandten gefunden. Es ist:

eine Avocado. Avocado Hass.
In dieser dunkelgrünen, 248 Gramm schweren Frucht (der Name bedeutet Hoden) konzentriert sich mein gesamtes Seelenleben. Avocados sind Panzerbeeren. Und ich liebe sie. Zwar kann ich keine Liebe zulassen, ich liebe sie also nicht direkt, doch im Gegensatz zu allem anderen auf dieser Welt kann ich diese Avocado wenigstens so weit wahrnehmen, dass ich in der Lage bin, sie standesgemäß zu hassen. Als kleinen Exkurs in die Biologie lassen Sie mich Ihnen sagen: Kürbisse, Bananen und Gurken sind ebenfalls Beeren, Erdbeeren hingegen lediglich Sammelnussfrüchte, und glauben Sie mir, nicht einmal Sprühsahne kann einer Sammelnussfrucht auch nur annähernd einen Hauch von Erotik verleihen. Im Übrigen konnte ich mich bereits im Kindergarten durch große Erfolge in der Nachzucht von Avocadopflanzen profilieren. Zehn Kartons Hass nehme ich mit.

Ich möchte gerne eine Panzerbeere sein.

Die Kartons nehmen von Meter zu Meter an Gewicht zu, mit letzter Kraft umschiffe ich das Schild „Mit Thunfisch auf Qualitätskurs“, erreiche das Regal mit den Milchprodukten und überdenke die Anschaffung eines Joghurts. Doch wie könnte ich Joghurt kaufen, jetzt, wo die Abschaffung der Welt so kurz bevorsteht?  Vor dem Weltuntergang kauft man keinen Joghurt, vor dem Weltuntergang kauft man einen Bunker. Und ich gehe weiter.

An einer Wand hängt ein rotes Telefon, auf einem Zettel steht: “Haben Sie noch Wünsche? Wählen Sie die 31!”. Ich stelle die Kartons ab und wähle. 3-1. Eine Dame mit beeindruckend hoher Stimme meldet sich, “Sie wünschen?”. Ich muss husten. “Fräulein, bitte notieren Sie, ich wünsche mir ein Verbot von fettarmem Käse, außerdem Müsli ohne Rosinen, einen Bunker und Weltfrieden. Guten Tag.” Ich lege auf. Endlich jemand, der mir zuhört. Das ist ein schönes Gefühl.

Doch hinter dem nächsten Regal steht schon wieder ein Schild, es schreit mir entgegen „Markenqualität dauerbillig!”. Das schöne Gefühl ist verschwunden, ich werde wütend und rufe zurück „Billigmarke Dauerqual!“. Das Schild reagiert nicht, eine Frechheit, aber was rege ich mich auf, was will man auch von einem Pappkarton mit der Intelligenz eines Durchschnittsdeutschen erwarten. Durchschnittsdeutsche und schreiende Schilder hinterlassen ein Fiepen in meinen Ohren an diesem Ort der Töne. Dies ist ein Ort für das Piepsen der Scannerkassen, das Surren der Palettenwagen, das Geräusch aneinander stoßender Menschen. Sich aneinander stoßender Menschen. Und es gibt keinen Ort, an dem jeglicher Menschenhass sich so sehr potenziert wie hier. Keiner möchte hier sein, jeder möchte “nur schnell was erledigen“, sich nicht aufhalten, schon gar nicht aufhalten lassen, auch nicht vom Probierstand für Sojaschnitzel und Nutellafrischkäse, und auch nicht von Menschen, die im Weg herumstehen wie sonst nur die Touristen mitten auf der Kreuzung, wenn sie nicht wissen, in welche Richtung genau sie einen Stau verursachen sollen, also stauen sie sicherheitshalber gleich großräumig.

Haben Sie schon einmal von Freundinnen gehört, die an einem sonnigen Samstag Morgen gemeinsam einen Latte Macchiato schlürfen und dann bei Lidl shoppen gehen? Eben. Der Supermarkt an sich ist kein Ort für Menschen, der Supermarkt ist ein Hort der niederen Instinkte. Hier bin ich Tier, hier darf ich schrein. Hier wird geschubst, gekeift, hier entbrennen Kämpfe um den letzten Erdbeer-Sahne-Joghurt, hier zählt nichts als der zukünftig zu stillende Hunger, der in einer unbestimmten Zeit auftreten wird. Irgendwann in der Zukunft, idealerweise vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums. Überhaupt brauchen wir mehr Dinge mit Mindesthaltbarkeitsdatum. Aber vielleicht ist es auch so, dass alle Dinge um uns herum, alles, was wir anfangen, jeder, den wir treffen, schon ein Mindesthaltbarkeitsdatum haben. Und dann wundern wir uns, wenn sie zu Ende gehen oder plötzlich kaputt sind, und rufen nach Mama, dem Servicetechniker und der Herstellergarantie. Dabei ist das alles nur eine tickende Zeitbombe, die irgendwann in die Luft fliegen wird. Und da ist niemand, der den Countdown kennt.

Ich schlage eine generelle Zutrittsbeschränkung für Supermärkte vor. Einzeln betreten, einzeln verlassen, bitte bezahlen Sie hier, fiept ein Kassenroboter. Denn die Menschen, denen man vor den Supermarkttüren zwangsläufig begegnen muss, sind nun wirklich Belastung genug. Und bei der Gelegenheit könnte man auch gleich die Stadt räumen, “Zutritt nur einzeln, bitte stellen Sie sich in Dreierreihen auf”. Man könnte Eintrittsgelder verlangen, von den Einnahmen eine Abrissbirne mieten und damit die hässlichsten Gebäude der Stadt abreißen. Mit dem Alexa finge man an, mit dem Hauptbahnhof machte man weiter, “wollen Sie auch mal“, – “oh ja, schon als kleiner Junge wolle ich Abrissbirnenfahrer werden, können Sie mir sagen, wann der Wasserklops dran ist, und ist auch das Mitbringen kleiner privater Sprengsätze erlaubt?”

Ein Pfeil weist zur “Frischfleisch Bedienung“, das wäre doch mal ein Name für eine Bar. Ein Kalb wiegt bei der Geburt 45 Kilogramm. Eine Kuh frisst pro Tag 70 Kilogramm frisches Gras und säuft am Tag bis zu 100 Liter Wasser, irgendwann heißt sie Mastrind und wiegt 800 Kilo, dann nennt man sie schlachtreif und erhält 400 Kilo Fleisch, verarbeitet sie zu Salami und verpackt sie in Packungen zu 200 Gramm. Dann kann man aus einem Rind einen 50 Meter hohen Stapel Salamipackungen bauen. Eine davon kostet 89 Cent. Und wir wundern uns noch, aus welchem Boden uns all die Lebensmittelskandale entgegenschießen.

“Billig? Will ich!” Traue keinem Satz, der mit einem Ausrufezeichen endet. Wer Argumente hat, kann auch nach Punkten siegen. Aber glaube Sätzen mit Fragezeichen, denn eigentlich sagen sie nichts, und sagen sie doch etwas, so handelt es sich um rhetorische Fragen, nach denen genauso gut ein Ausrufezeichen … Sie verstehen.

Wie um alles in der Welt konnte es so weit kommen, wie es nun kam? Ich könnte sagen, ich könne nichts dafür, ich sei seit nicht einmal dreißig Jahren auf diesem Planeten, doch Ausreden waren noch nie meine Stärke. Manchmal denke ich deshalb, wir sollten weniger wegwerfen und mehr recyceln. Flaschen, Tüten, Erbsendosen, Pappkartons, Farbeimer, Möbelstücke. Freundschaften. Beziehungen. Bei allem, was wir einmal gebraucht haben, wissen wir, was wir daran hatten. Wissen, was wir wieder daran haben werden. Und das einzige, was uns an der Wiederverwendung hindert, ist unser Stolz, unsere Weigerung, uns einzugestehen, dass wir es vielleicht nicht nur ein Mal gebraucht haben, sondern es wieder brauchen. Der selbe Stolz, der uns vergessen lässt, dass manche Verpackung und mancher Mensch strapazierfähiger ist als wir denken.

Manchmal frage ich mich, warum wir uns nicht mehr wundern, wenn uns Geschmackserdbeeren angeboten werden. Dass alles in Plastik eingepackt ist, der Salat, der Käse, das Brot, und wir zwischen den Regalen, eingepackt in unsere Allwetterjacken aus Plastik. Manchmal frage ich mich, wie viele Bäume jeder von uns pflanzen müsste, um den Transport der Lebensmittel zu rechtfertigen, die er in einem Jahr verzehrt, Flugmangos nicht eingerechnet. Manchmal frage ich mich, warum Lebensmitteln das Recht abgesprochen wurde, Mittel zum Leben zu sein. Und warum mit jedem Joghurt eine Landliebe-Familie verkauft wird, mit jedem Stück Fleisch ein ganzer Kerl, mit jeder Margarinepackung ein gesünderes Herz, mit jedem Baguette ein Stück Frankreich und mit jedem Käse ein Quadratmeter Alpenwiese.

Ich stelle die zehn Kisten Hass auf das Kassenband und ziehe meinen Geldbeutel aus der Tasche. Dieser Einkauf übersteigt um Längen mein Budget und erfüllt nicht im Geringsten meine Bedürfnisse. In der Schlange hinter mir weint ein Kind, vor mir zählt eine alte Dame ihr Kleingeld centweise, irgendwo zerbricht ein Gurkenglas, es riecht nach Wurst und meine Schuhe kleben in einer Cola-Lache. Plötzlich ist es mir unmöglich, einen zur Panzerbeere gewordenen Welthass zu kaufen. Als ob nichts wäre. Als ob das irgendetwas verändern könnte. Ich trage die Kisten zurück und gehe mit leeren Taschen zum Ausgang. Die Flügeltüren gehen von alleine auf, als ich auf die Türe zugehe.

Ich habe ein Herz wie eine Lichtschranke. Kaum nimmt es eine Bewegung in seiner Nähe wahr, öffnet es sich. Einmal drin, alles hin.