Schlimmer geht immer: Die deutsche Sprache und der Super-GAU

(14.03.2011 / Berlin, Bundeskanzleramt / Mahnwache)

Ein kurzer Ausflug in die Etymologie oder die Widerlegung der Aussage, eine Steigerung des “größten anzunehmenden Unfalls” (GAU) könne es nicht geben.

Synonym für den GAU ist der Auslegungsstörfall. Kernkraftwerke sind offiziell für den Auslegungsstörfall ausgelegt, d.h. dieser Fall wurde bereits in den Planungen des AKWs berücksichtigt. Im Auslegungsstörfall (GAU) darf kein radioaktives Material an die Umwelt außerhalb der Anlage abgegeben werden.

Die International Nuclear and Radiological Event Scale (Internationale Bewertungsskala für nukleare Ereignisse, kurz INES) klassifiziert den Schweregrad solcher Störfälle, gemessen an 1. radiologischen Auswirkungen innerhalb und 2. außerhalb der Anlage, sowie 3. an der Beeinträchtigung der Sicherheitsvorkehrungen der Anlage. Diese Skala reicht von 0 (keine oder sehr geringe sicherheitstechnische Bedeutung) bis 7 (schwerste Freisetzung mit Auswirkungen auf Gesundheit und Umwelt in einem weiten Umfeld). Die Katastrophe von Tschernobyl wurde mit 7 klassifiziert, die Unfälle von Lucens und Three Miles Island mit 5 (“ernster Unfall”).

Ab INES-5 kann man im deutschen Sprachraum vom Super-GAU beziehungsweise dem Auslegungsüberschreitenden Störfall sprechen, in der Praxis jedoch meist erst ab INES-6. Im Englischen unterscheidet man je nach Schweregrad zwischen Incident (Zwischenfall) und Accident (Unfall).

Etymologisch betrachtet ist die Bezeichnung Super-GAU so zu erklären: Die lateinische Präposition super bedeutet “über (alle Maßen)”. “Im Deutschen [ist] seit dem 16. Jh. super- als erstes Kompositionsglied in nominalen Zusammensetzungen zur Bezeichnung einer inhaltlichen Steigerung im Sinne von ‘besonders, über alle Maßen, überdurchschnittlich’ geläufig.” (Quelle: dtv Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, 8. Auflage 2005).

Der Super-GAU geht über das hinaus, wofür das Kernkraftwerk ausgelegt ist, er wird daher auch als Auslegungsüberschreitender Störfall bezeichnet. Es handelt sich beim Super-GAU daher nicht wie gerne behauptet um eine sprachliche Übertreibung und der unglückliche Versuch einer Steigerung des Superlativs “am größten”, sondern um eine Verbildlichung des Vorgangs, der im Kernkraftwerk (bzw. dann auch außerhalb) abläuft.

5 thoughts on “Schlimmer geht immer: Die deutsche Sprache und der Super-GAU

  1. So kann man aber nur argumentieren, wenn man die Definition des Bundesamtes für Strahlenschutz bzw. des AKW Betreibers kommentarlos übernimmt. Der Aufhänger ist doch die Bedeutung von “anzunehmender” und die Frage warum wir diese aus der technischen Spezifikation des Kraftwerkes übernehmen sollten, obwohl sie lediglich dazu dient bewusst realitätsfremd die Haftung des AKW Betreibers einzuschränken – nach dem Motto: Man hat alles getan, um den größten anzunehmenden Unfall zu verhindern, aber das was jetzt passiert ist, hätte man nicht ahnen bzw. verhindern können. Genau das aber entspricht nicht der Wahrheit. Der größte anzunehmende Unfall ist eben die bedingte Unkontrollierbarkeit der Atomkraft. Das wusste man schon bevor man das erste AKW geplant und gebaut hat, weil es eine Eigenschaft der Atomkraft ist. Warum sollte man also eine Aussage hinnehmen, von der von vornherein klar ist, dass sie nicht der Wahrheit entspricht?

    Für mich ist es milde gesagt unüberlegt den Begriff Super-GAU zu verwenden. Da sagt jemand “Springt!” und alle fragen nur “Wie hoch?”.

  2. Ich gebe dir Recht, glaube nur, dass wir in unterschiedliche Richtungen reden.
    Mir ging es allein darum, den Begriff Super-GAU an sich zu klären, und über die sprachliche Schiene gegen Aussagen wie “Ein GAU ist der größte annehmbare Unfall. Da gibt´s keine Steigerung mehr, das “Super” davor ist einfach nur albern.” (Link) zu argumentieren.

    Ob diese offizielle Sprechart dem Charakter und Gefahrenpotential eines Kernkraftwerks gerecht wird, und dass Kernkraftwerke m.E. nicht zur Energieerzeugung geeignet sind, wäre Stoff für eine gesonderte Diskussion …

  3. Da ist mir ein Fehler unterlaufen bei den HTML Tags. Entschuldigung. Ich hoffe, dass man das auch so nachvollziehen kann.

  4. Also ich verstehe das super weniger “bildlich”, sondern eher im Sinne von beyond (im Gegensatz zu above), nämlich das technisch durch Fehlertoleranz u.ä. noch handhabbare übersteigende.

    Wie Fräulein Honig richtig bemerkt, handelt es sich nicht um einen “Supersuperlativ”, da sich das “super” auf “anzunehmender” und nicht auf “größter” bezieht.

    Im übrigen (Epikur?) meint das “anzunehmend” nicht akzeptabel*, sondern [im Rahmen der Spezifikation] denkbar bzw. in Betracht zu ziehend (d.h. Annahme im Sinne von Vermutung oder Prämisse).
    ______
    (* Man könnte natürlich sagen, die Planer müssen solch ungünstige Umstände akzeptieren, d.h. gewährleisten, daß selbst unter diesen ein Betrieb möglich ist oder zumindest ein festgelegter Schadensrahmen nicht gesprengt wird.)

    Egal wie weit man das “größtmögliche” [anzunehmende] Unfallszenario faßt, wird es immer Szenarien geben, die dieses übersteigen, also Ereignisse, die zum Super-GAU führen.

    Für eine Bewertung darf man sich aber eben nicht darauf beschränken, wie unwahrscheinlich die bei der Planung [absichtlich] nicht berücksichtigten Szenarien, die also zu einem Super-GAU führen bzw. ihn darstellen, sind oder zu sein scheinen, sondern muß auch die Qualität der Folgen miteinbeziehen.

    P.S.: Viel lustiger irritierender finde ich, daß die Epizentren von Erdbeben seit geraumer Zeit selbst bei “Qualitätsmedien” (wie der Tagesschau) unter der Erdoberfläche liegen; an Pegelstände habe ich mich mittlerweile zähneknirschend gewöhnt.

  5. Danke, das meine ich. Warum sollten wir denn als “größten anzunehmenden Unfall”, nur den Fall annehmen bei dem wir alles noch unter Kontrolle haben? Man nimmt ja auch beim Autofahren nicht den Unfall als größten an, bei dem alles gerade noch so gut geht, sondern den Fall des Zusammenstoßes mit Todesfolge. Wenn wir als GAU den größten theoretisch möglichen Unfall annehmen, dann brauchen wir das Wort Super-GAU nicht mehr. Bei dieser Art von AKWs ist eine Kernschmelze der theoretisch größtmögliche Unfall, warum das aber nicht als GAU definiert wird, habe ich versucht weiter oben zu belegen.

    Ansonsten bin ich auch damit einverstanden, dass es kein Superlativ ist und ja, es bezieht sich auf “anzunehmenden”, aber gerade diese “Wunschannahme” ist pervers. Wenn man es etwas überspitz formuliert, dann ist GAU eher ein Diminutiv von Super-GAU.

    Emotional betrachtet gibt es für Atomkraft eigentlich keinen Superlativ, der ausreichen würde. Die Brennstäbe, von denen wir schon tausende von Tonnen haben, werden noch mindestens 100 000 Jahre radioaktiv strahlen und die Umwelt verseuchen. Wie nennen wir also das was wir jeden Tag machen?

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