Helden wie wir

Es ist eiskalt draußen, es regnet, die Luft im Raum ist schwer. Die letzte Milchflasche steht leer auf dem Boden neben dem Bett. Als wir erwachen, blinzeln wir ins Licht. Der Morgen danach ist zu hell für unsere Augen. Wenn wir die Augen beim Küssen schließen, wie sollten wir dann Morgenlicht ertragen können? Wir sind träge, unsere Körper schwer von der Nacht, wir bewegen uns wie Katzen, und schleichen langsam durch die Räume.

Wir sind nicht für drinnen gemacht. Wir müssen durch die Straßen ziehen, durch Gassen streunen, uns verstecken, dort, wo niemand uns finden kann. Irgendwann werden wir ankommen, an dem Ort, den außer uns keiner kennt.

Von dort aus werden wir die Stadt von oben sehen, Kaffee trinken, und zwischen Zucker und Milch werden wir über die Welt reden. Noch einmal werden wir uns fragen, was wir mitnehmen werden, wenn sie untergeht. Und wir werden uns wundern, warum immer das, was wir am meisten lieben, vergeht.

Und schweigen werden wir. Wir werden kein Wort verlieren über das, was uns zusammenhält. Uns, die wir uns verkleidet haben, damit keiner unsere Mission bemerkt. Die wir bei Tag ein Leben führen wie alle anderen, und verheimlichen, was es in Wahrheit ist, das uns antreibt.

Denn du wirst dein Cape unter deinem roten Pullover tragen, und ich werde meine Ohren unter einem großen schwarzen Hut verstecken. Wir werden uns über unsere Tassenränder hinweg zunicken. Weil nur wir beide wissen, was nie jemand erfahren darf: Wir sind nicht hier, um zu lieben. Nicht, um zu leiden, und nicht, um zu sehnen.

Irgendwann wird es Nacht sein, und die Dunkelheit wird uns umfangen. Wir werden auf die Stradt blicken, die unter uns im Nebel versinkt. Dann wirst du mich ansehen, und ich werde das Leuchten in deinen Augen sehen, als du sagst:

Du bist Teil der Nacht, genau wie ich es bin. Wir haben keine Angst vor der Dunkelheit. Denn die Nacht hält uns am Leben.

Du wirst an der Brüstung stehen, ich werde an der Wand lehnen, dein Profil betrachten und nachdenken. Ob du zu dieser seltenen Spezies gehörst. Ob du dieser eine Mann bist, den jede Frau in ihrem Leben nur einmal trifft.

Doch dann werde ich noch einmal hinunterblicken, wo nur noch wenige Autos Lichtstreifen über die Straßen ziehen. Wo sich kaum ein Mensch mehr nach draußen verirrt. Ich werde an den Wolkenkratzern vorbei zum Horizont sehen, und ich werde wieder daran denken, dass ich immer einen Meter weiter sehen wollte als alle anderen. Dann werde ich dich an der Schulter antippen und sagen:

Batman? Lass uns gehen. Wir sind nicht hier, um zu spielen. Wir sind Superhelden.

Wir sind hier, um die Welt zu retten.

By Lena

Fast walker, avid reader, poetry fan, public speaker, violinist, pianist in the making, intersectional feminist. Works in tech, writes about anything here (and less frequently than in the past).

3 comments

  1. wunderschön <3 ich liebe die Kurzgeschichten auf dieser Seite… jedes Einzelne ist ein kleines Wunder für sich

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