Wien. Es könnt vielleicht ein Liebesbrief sein.

I love Vienna.

Ich bin jetzt genau 47 Tage hier und habe mir das T-Shirt immer noch nicht gekauft. Trotz Sommerschlussverkauf.

Aber ich verlieb mich ja eh nie. Und ich kann ja nicht jede Liebe (wenn ein zwischenmenschliches Ding diesen Aggregatzustand überhaupt erreicht) gleich auf dem Shirt tragen. Oder gar auf dem Oberarm! Wo kämen wir denn da hin. Und schon Hornby wusste, dass jeder einen Tätowierer haben sollte, der ihm sagt, ob ein Mensch eine Tätowierung wert ist. Vielleicht … ist das bei Städten genauso.

Wenn es also schon kein Tattoo gibt, und noch nicht einmal ein Shirt, dann wenigstens dies hier.

Schluss mit Endlossätzen. Luft holen. Anschnallen, festhalten, los geht’s.

Denn jetzt kommt’s. Entgegen aller Gewohnheiten:

Dies ist ein Liebesbrief.

Liebes Wien!

Es tut mir leid, ich bin verliebt. Noch mehr tut mir leid, dass ich mit dem Satz so ins Haus falle, doch ich kann nicht anders. Du hast mir den Kopf verdreht.

… Jetzt bild dir darauf bloß nichts ein. Eigentlich kann ich nämlich so einiges an dir nicht leiden. Die unverschämten Wohnungspreise zum Beispiel, das Gehabe so mancher Behörden, die Lebensmittelpreise, die Supermarktöffnungszeiten. So. Das musste mal raus.

Ich liebe noch nicht einmal deine Architektur. Nein, ich liebe sie wirklich nicht. Die ganze Wucht, die ganze Pracht, ist viel mehr als ein Mensch ertragen kann. Und sobald man länger als 3 Tage hier ist, nimmt man sie eh kaum mehr wahr. Ach, das schaut ganz nett aus ist dann das Einzige, was einem (wenn überhaupt) dann noch einfällt. Und deine Gassen sind engstirnig, genau wie mancher Ur-Wiener, so eng, dass man an manchem schwülheißen Sommertag den Erstickungstod fürchten muss.

Und nicht dass mich die Sprache hier stören würde … Immerhin habe ich, um unsere Beziehung zu ermöglichen, sogar schon einen Österreichisch-Kurs belegt! Und Technken entwickelt, um auch dem gemeinsten Schmäh charmant zu begegnen. Wie das geht? Wirst schon sehen!

Ich liebe auch nicht deine Touristen. Hast du schon einmal versucht, an einem Samstag Vormittag vom 1. in den 6. Bezirk zu siedeln? Mit dem Rad und 30 Kilo Gepäck? Hastduhastduhastdu? …. Eben. Auch wenn ich dich ja bis heute für die bayrische Blaskapelle in der Hofburg knutschen könnte. Und irgendwie hat ja sogar der Gestank nach Pferdemist was, der nachts über der Stadt hängt.

Am allersupersten find ich ja, dass du so irre international bist. Man denke nur an die ganzen Touristen! Und natürlich die Ausländer: Burgenländer, Steirer, Waldviertler, Kärntner! Und dann auch noch die Piefkes! Ja, du bist ja schon verdammt weltoffen, manchmal.

Ach weißt du, mit der Liebe hab ichs nicht so. Aber wer um alles in der Welt könnte jemals dem Charme eines Wiener Taxifahrers widerstehen? … Eben.

Ich hoffe, du hast bis hier durchgehalten. Denn es gibt manches, das ich wirklich mag, an dir: Deine Eisverkäufer zum Beispiel, die mir immer eine Kugel extra schenken. Und deine Museen , deine kleinen schmucken Cafés, oder Orte wie das Museumsquartier, die einfach gut sind, weil ich da sein kann. Aber vor allem lieb ich dich für deine Menschen. Für die Leute, die dich zu dem machen, was du bist.

Und für die – ertrag ich sogar deine Barockengel.

L.

P.S.: Wer einen Tätowierer empfehlen kann, möge sich melden. post@schoenaberselten.com. Ich danke.

By Lena

Fast walker, avid reader, poetry fan, public speaker, violinist, pianist in the making, intersectional feminist. Works in tech, writes about anything here (and less frequently than in the past).

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