hier.

Prolog.

Mir ist übel und eiskalt, hastig drehe ich das Gebläse hoch. Stufe 4. Der Motor ist noch zu kalt, es bläst nur kalte Luft in mein Gesicht. Ich fasse an meinen Hals, die Bluse ist falsch zugeknöpft. Ich will sie auf- und wieder richtig zumachen, meine Hände zittern, ich kann die Knöpfe nicht fassen.
___– Verdammt!
Was ein Schrei werden soll, endet unausgesprochen in einer hilflosen Lippenbewegung. Meine Gedanken kreisen, ich verstehe es nicht. Hätte ich es nicht bemerken sollen? Mein Puls rast, kalter Schweiß auf meiner Stirn, die Haare regenfeucht und zerwühlt, ich öffne das Fenster auf der Beifahrerseite einen Spalt breit. Ich rauche nie im Auto. Hätte ich es nicht bemerken dürfen? Sekunden später ein tiefer Atemzug. Der Raudch steigt mir in die Augen, der Geschmack von Erbrochenem in meinem Mund. Mitten im Wald, stockfinster, es schüttet, ich fahre rechts ran, reiße die Türe auf, vergesse, mich abzuschnallen, hänge fest, hat er geglaubt, es würde mir nicht auffallen?, finde das Gurtende nicht, ziehe den Gurt von mir weg, laufe gerade noch rechtzeitig ums Auto herum bis zum Grünstreifen.
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Ich finde eine Flasche altes Wasser im Kofferraum und spüle hastig dreimal meinen Mund, spucke es auf die Straße. Zünde noch eine Zigarette an, ziehe schnell die Türe zu und fahre mit quietschenden Reifen los. Ich habe mich nicht angeschnalt. Die dunkle Landstraße verschwimmt vor mir unter der Last des Wolkenbruchs, ich trete das Gaspedal durch. 114, 132, 150, 158. Ich fahre zu schnell und sehe zu wenig. Hätte ich bleiben sollen? Ich sehe nichts.
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Tiefschwarz und ohne Beleuchtung, endlich, die Straßeneinfahrt, Vollbremsumg im Hof. Ich stelle den Motor ab, die Handtasche hängt noch um meinen Hals. Ich ziehe den Mantel enger an meinen Körper, hole tief Luft, umschließe das Handy mit der linken Faust, öffne die Autotüre. Nässe knallt mir entgegen, ich knalle die Türe zu, renne. Kälte kriecht in meinen Nacken und Regen über mein Gesicht, ich renne durch Pfützen über den Hof, kämpfe an der Haustüre gegen meine Eisfinger und das gottverdammte winzige Schloss, stürme mit dem Regen im Genick die Wohnung, verriegle die Türe doppelt, kralle den Schlüsselbund.
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Das Metall bohrt sich in meine Handfläche.
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Ich stehe mitten im Flur.
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Nass bis unter die Haut. Alles Licht ein schwacher Schein auf dem Holzboden. Mehr lässt das Schlüsselloch nicht aus dem Treppenhaus herein.
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Ein Zittern nimmt meinen Körper in Besitz. Löst meine Kleidung von einem Moment auf den anderen zu Nacktheit auf. Meine Beine zittern, meine Finger, der Schlüsselbund fällt zu Boden, mein Atem ein flaches Keuchen, alles dreht sich. Meine Knie knicken ein, die Schultern sacken mit dem Oberkörper nach unten. Ich sinke in mir zusammen, falle zu Boden.
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Ein textilumhüllter Haufen inmitten von Schuhen, Regenschirmen und Jacken.
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Im Flur geht das Licht aus.

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Es ist unser viertes Treffen, ich stehe im Bad, viel zu spät dran, und föhne mir grade erst die Haare. In Gedanken hake ich meine Männerbewertungstabelle ab. Er ist höflich, hat Stil, Humor und ist ganz schön charmant, reden kann man auch noch mit ihm, und das schlimmste, er sieht auch noch wahnsinnig gut aus. Ok, seine letzte Beziehung ist nicht sonderlich lange her, aber wenigstens hatte er schonmal eine. Sagt er.
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Ich ziehe mein schwarzes Lieblingskleid an, unaufdringlich, aber sehr eindeutig, steht mir gut, ich nicke dem Spiegelbild zu. Aber irgendetwas stimmt nicht. Ich gehe näher an den Spiegel heran, betrachte das Bild. In meinem Kleid steckt eine Fremde. Mit dem Handrücken fahre ich über eine Wange.
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Hastig schalte ich das Licht aus. Laufe in den Flur und ziehe meine Schuhe an.
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Zur Begrüßung bleibe ich mit der Schuhspitze an der Fußmatte hängen und falle in seine Arme. Er nimmt mir den Mantel ab, legt einen Arm um mich, dirigiert mich ins Wohnzimmer. Dämmerlicht, auf dem Tisch eine tote Kerze zwischen Tellern mit Salbeignocchi. Ein Tropfen Butter auf dem weißen Tischtuch. Ich habe ein Streichholz in der Tasche.
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Er wollte andere Gläser holen. Ich versinke in seinem riesigen Sofa, schlage die Beine übereinander. Er kommt aus der Küche zurück, die Hände in den Hosentaschen, summt. Lässt sich neben mir ins Sofa fallen, seine Hand streift mein Bein, wie beiläufig, ganz schuldbewusst,
___– oh, ‘tschuldigung, das tut mir aber leid!
Wir lachen. Bis unsere Blicke sich treffen. Wir sehen uns an, er kommt näher, eine flüchtige Berührung, Hals über Kopf ein Suchen. Finden, auf dem Weg in seinen Nacken. Begehren. Hunger. Er umfasst meine Schultern, wirft mich in die Kissen zurück.
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Er besteht darauf, das Dämmerlicht auszuschalten, ich lache, halte das für einen schlechte Witz.
___– Das ist mein Ernst.
Er drückt sich wie nach Liegestützen hoch, zieht sein Hemd zurecht. Streicht sich mit einer Hand die Haare aus dem Gesicht. Seine Lippen, leicht gerötet, glänzend. Der Schalter rastet ein. Tausendstel später geht das Licht aus.
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Ich spüre, dass er wieder da ist. Als seine Fingerspitzen meine Beine entlangstreichen, meine Taille entlangwandern. Er nimmt meine Hand, zieht mich zu Boden.
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Sein Hemd. Die obersten beiden Knöpfe. Ich setze mich auf ihn, taste mich mit meinen Handflächen vor, seine Hände auf meinen Hüften. Der dritte Knopf, meine Fingerspitzen auf seinem Schlüsselbein, auf dem Weg nach unten. Er zuckt zusammen, hält meine Hand fest. Ich grinse, winde mich, entziehe sie ihm, er packt sie wieder. Wir balgen, bis er aufgibt. Seine Hände in meiner Taille, vier, fünf, sechs, glatte Haut, feine Härchen, leicht aufgestellt. Zentimeterweise, schwelgende Langsamkeit, seine Nippel unter meinen Fingern, er seufzt leise, ich streiche über die Haut weiter unten.
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Halte inne. Berühre die Stelle nochmals. Ein weiteres Mal. Eine Furche. Ich spreize die Finger, messe sie aus, 5 Zentimeter, quer auf Herzhöhe. Ich sehe ihn an. Er sieht zur Decke.
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Setzt sich plötzlich halb auf, packt mit einem Ruck meine Handgelenke, dreht mir die Arme auf den Rücken. Ich fahre zusammen.
___– Was…

___– … Phil?
Er sieht nach unten, dreht den Kopf zur Seite, sein Blick im Straßenlaternenlicht weit weg, wie resignierend. Lässt meine Hände los. Ich zögere, sehe ihn an, küsse ihn auf die Wange, neben seinem Mundwinkel, und er sieht weg, ein Schulterzucken. Ich öffne die letzten Knöpfe. Schiebe den Stoff mit beiden Händen zur Seite.
___– …
Mir fehlen die Worte, meine Bewegung erstarrt. Sein Brustkorb: Übersät von Stichen. Links. Alle in Herzgegend. Mein Blick kreist in einer Endlosschleife über seine Brust. Zehn, vielleicht fünfzehn. Manche fein säuberlich, glatt vernarbt, wie Jahre alt. Andere grob, mit feinen Rissen, überall ausgefranst. Voll Eiter, verkrustet, an einem hängt noch geronnenes Blut . Ich ziehe die Hände weg, mir ist eisig kalt. Der letzte Funken zwischen uns erlischt, der Moment zerbricht unter meinen Händen. Ich setze mich neben ihm auf den Teppich, er knöpft sein Hemd zu. Ignoriert meinen Blick.
___– …
___– Meine… nun ja. Letzten Freundinnen. Also, Ex-Freundinnen. Und ehemalige, ehm, Bekannte.
___– …
___– Für jede einer.
Die Kälte lässt meine Spucke gefrieren.
___– Hast Du
Er sieht auf. Ruckartig, stechend. Eiskalt.
Der Geschmack von Erbrochenem in meinem Mund. Angst kriecht überall da hin, wo eben er noch war. Mir ist schlecht. Seine Augen klein, zusammengekniffen, das ist nicht mehr der, der er gerade noch war, das Wesen auf dem Teppich neben mir deutet auf mich,
___– und wenn Du irgendwann gehst
legt seinen rechten Zeigefinger schräg über sein Herz,
___– und wenn Du gehst!
Seine Stimme überschlägt sich, er schleudert die Worte, jeder Buchstabe ein Messer, rammt den Finger mit Wucht auf seinen Brustkorb.
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___– Hier.

By Lena

Fast walker, avid reader, poetry fan, public speaker, violinist, pianist in the making, intersectional feminist. Works in tech, writes about anything here (and less frequently than in the past).