Coming Home

Sie war lange gelaufen. Stunden, Tage, Wochen, Jahre. Bei glühender Sonne und leuchtend blauem, wolkenlosen Himmel war sie barfuß, wie leichtfüßig, über Wiesen und Felder beinahe geflogen.
Doch ihre Tage und Wochen durchzog die Sonne nur selten. Viel häufiger streiften Nebel durch das Land, Nebel, die ihr die Sicht nahmen, so dass sie sich in Dornsträuchern und Ästen verfing. Es kam Regen, der ihr Haar nass, und graue Wolken, die ihr Herz schwer machten.

Ihre Augen hatten in all der Zeit viel gesehen. Tiere, tote und lebende. Bäume, sterbende und wachsende. Städte, pulsierende und schlafende. Und Menschen. Tote und lebende. Sterbende und wachsende. Pulsierende und schlafende. Wache und Träumende. Offene und verschlossene. Vom kalten Wind der Novembertage war ihr Lächeln glatt geschliffen, der Blick in die Gesichter der anderen eisiger geworden.
Ihr Kopf war freier geworden durch die Begegnungen, und der Blick über den Horizont hatte sie leiser werden lassen. Sie wusste, sie würde die Welt nicht erobern können, ohne Blasen und Schwielen an ihren Füßen und Narben in ihrer Seele davonzutragen. Man konnte die Welt nicht in Wanderschuhen erobern, man musste ihren Atem gespürt haben, der einem um die Füße strich, musste ihren Puls gefühlt, ihre Luft mit den eigenen Lungen geatmet haben.

 

Nun stand sie da.

Der Weg hinter ihr verlor sich zwischen weiten Hügeln. Die Abendsonne leuchtete, als gelte es, mit letzter Kraft den einbrechenden Winter zu vertreiben, und ließ ihr ausgebleichtes Haar leuchten. Vorsichtig öffnete sie die Türe zu dem kleinen Haus am Ende des Weges und ging hinein. Wärme umfing sie, eine Welle von Dunkelheit schlug ihr entgegen.
Leise fiel die Tür hinter ihr ins Schloss.

 

 

By Lena

Fast walker, avid reader, poetry fan, public speaker, violinist, pianist in the making, intersectional feminist. Works in tech, writes about anything here (and less frequently than in the past).

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