Ich will der Zeit beim Stillstehen zusehen

Ich will Sand sammeln in meinem Bauchnabel, in meinen Händen, zwischen meinen Zehen, ich will warten, bis der Wind kommt, die Augen schließen und den Sand aus meinen Händen werfen, mit aller Kraft, die ich aufbringen kann, ich will die Augen öffnen und sehen, wie er weit weit weg fliegt, bis ich ihn nicht mehr sehen kann. Ich will Weißkohlköpfe haben, einen ganzen Berg davon, und sie Blatt für Blatt für Blatt entblättern. Ich will die Blütenblätter zupfen von hundertzwei Ranunkelsträußen, ich will die Blätter zu Boden werfen, sie zu meinen Füßen türmen, bis sie ein Kokon sind um mich. Ich will Musik hören und die Musik soll ein Tropfen sein, der zu Boden fällt und eine Pfütze wird, See, ein Fluss, ein Meer, und darin will ich schwimmen. Ich will an einem Meer sein, das nicht mehr aufhört, in einem Boot sitzen und dort treiben. Ich will ein Wind sein.

Ich will da sein. Ich will auf einem Berg aus Kirschen liegen und Kirschen essen, bis mir der Bauch nicht weh tut, und Kerne spucken, weiter, als ich sehen kann, ich will sie zwischen meinen Fingern reiben, bis sie platzen, ich will ihren Saft langsam in meinen Mund tropfen lassen. Ich will in Zügen sitzen und die Welt vorbeiziehen sehen wie eine Bühne, auf der nur das Bild sich ändert, die Handlung stets die selbe bleibt. Ich will an einem Meer das Wasser durch meine Hände fließen lassen und ich will es nicht festhalten. Dann will ich schwimmen, bis meine Haut runzelig wird. Ich will tauchen und unter Wasser atmen, ich will, dass mir Kiemen wachsen und ich will das Wasser durch meine Lungen strömen lassen. Ich will das Meer leeratmen.

Ich will da sein, wo nichts passiert. Ich will meine Füße auf alle Berge setzen, alle Berge dieser Welt, auf allen Gipfeln will ich stehen und hören, wie die Welt klingt, wenn sie klein ist. Ich will mich auf der Straße auf den Bauch legen und das Ohr auf den Boden legen und unter dem Beton das Gras wachsen hören. Ganz schön langsam will ich sein. Ganz schön schön. Ich will warten, bis die Nacht kommt und mit den Wölfen einen Mond anheulen und will die Sterne sehen und ganz still sein. Und schweigen will ich. Ich will alles in mir, für mich, bei mir behalten und ich will kein Wort darüber, davon verlieren. Ich will die Augen schließen und darauf warten, dass nichts geschieht und die Augen wieder öffnen und sehen. Als hätte ich noch nie gesehen, so sehr will ich mich wundern. Ich will ein Staunen sein.

Ich will da sein, wo tausend Streichholzschachteln sind. Ich will sie öffnen, eine nach der anderen, und die Streichhölzer anzünden, eines nach dem anderen, will den kleinen Flammen zusehen, wie sie herunterbrennen, wie sie immer näher an meine Fingerkuppen kommen mit ihren kleinen Flammen, und zusehen, wie sie langsam ausgehen, und wo ich bin, soll immer eine kleine Flamme sein.

Ich will der Zeit beim Stillstehen zusehen.

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One Response to “Ich will der Zeit beim Stillstehen zusehen”

  1. mic says:

    Danke.