Die Nacht, als ich beschlossen hatte, nicht schlafen zu wollen

Befand, dass es ein guter Zeitpunkt sei, die Mikrowelle zu säubern.
Schrieb dir einen Liebesbrief und ließ beim Namen ein ________ .
Dachte über den Unterschied zwischen tollen Kerlen und tollen Männern nach.
Bezog mein Bett mit weißen Laken.
Dachte nach, ob ich tolle Kerle und tolle Männer kannte
und tolle Frauen, die zu ihnen passen könnten.
Löffelte Kuchen, er war in der Mitte ganz feucht, weich und warm.
Schnitt mir tief in den Finger beim Teilen einer Zitrone.
Überlegte, das Blut aufzufangen und als Tinte zu verwenden.
Kochte heiße Schokolade und verbrannte mir die Unterlippe.
Wollte ihm schreiben, er solle verschwinden, dorthin, wo man noch nicht einmal ein Wort für Pfeffer kannte.
Schürfte mir das Herz auf und es blutete nicht.
Las den Brief, der seit Tagen ungeöffnet meinen Flur blockierte wie ein Stein einen Regenwurm.
Setzte eine Maske auf und testete mein Fingerspitzengefühl.
Sammelte Wörter, um sie aufzuschreiben. Doch es gab kein Papier und der Füller hatte keine Tinte mehr.
Stellte fest, dass es nichts Schönes gab, das sich auf Liebe reimte.
Betrachtete die tanzenden Sterne vor meinen Augen, als mir schwindlig wurde.
Hörte das Klingeln des Telefons, sah aufs Display und ging trotzdem dran.
Trank Wasser so schnell, als wollte ich es einatmen.
Verschluckte mich und schnappte nach Luft. Goldfisch.
Ging zum Fenster und sah Pfützenwasser unter den Reifen des einzigen Autos dieser Stunde hochspritzen.
Schaltete das Licht im Atelier ein. Versammelte die Fliegen dort und knallte die Türe hinter ihnen zu.
Zündete eine Kerze an. Von ihrem Rauch stiegen mir Tränen in die Augen, als ich sie auspustete.
Erspürte die Rauheit des Bodens unter meinen nackten Füßen.
Trank Wein und spielte mit dem Glas zwischen meinen Fingern.
Bemerkte, dass ich diese Bewegung sonst nur machte, wenn ich Wein nicht alleine trank.
Sprach mit mir, und dabei wusste ich doch eh schon, was ich zu sagen hatte.
Hörte mir nicht zu.
Überlegte, ob “Triebe” ein schönes Reimwort wäre.
Duschte.
Legte mich mit nassem Haar auf das kaputte Bett und sah den Wassertropfen beim Fallen zu.
Vergrub meine Nase in den Kissen und atmete weiche Haut.
Träumte von Weichspüler mit diesem Duft.

05:38
Gute Nacht.

By Lena

Fast walker, avid reader, poetry fan, public speaker, violinist, pianist in the making, intersectional feminist. Works in tech, writes about anything here (and less frequently than in the past).

2 comments

  1. So ist Schlaflosigkeit – der Text gefällt mir. Ich frage mich auch, warum ich bei “Eines Morgens lag ein Mann vor meinem Bett” nicht kommentieren darf. Weil ich dir sagen will, dass mich der Text seltsam berührt. Vielleicht juckt es mich auch ein wenig zu sagen, dass die Formulierung “liege ich zu ihm” falsch ist und dabei zu hoffen, dass du sie absichtlich genau so geschrieben hast.

  2. Dankeschön!

    Zu “Eines Morgens …” – ich habe damals, als der Text entstand, die Kommentare deaktiviert (manchmal tat ich das, wenn Texte sehr nah an mir waren)). Und Du hast natürlich Recht, die Formulierung ist eigentlich falsch. Aber ich mag Sprache auch so sehr, weil sie besonders auffällt, wenn sie anders verwendet wird, als man sie verwenden sollte.

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