Herbsthaut. Vom Schreien wütender Briefe mit erbrochenem Herzen

.

Draußen fallen die ersten Blätter, und auch bei Sonnenschein ist der Wind wie Eis. Man kocht Suppe und löffelt sich langsam Wärme in den Bauch, denn die Kälte hat ihr Zelt in einem aufgeschlagen und probt den Anarchismus. Die Heizung dreht man weiter auf, doch zu kalt, zu schwer, zu arm fühlt man sich. Also kocht man heute keinen Kaffee, man braut heiße Schokolade, mit Milchschaum und Streuseln. Das bauchige Porzellan trägt man mit beiden Händen vorsichtig ins Zimmer, nippt vorsichtig, verbrennt sich die Lippen. Stellt es auf die Fensterbank und schaut lange nach draußen. Als sähe man dort etwas, ein Eichhörnchen vielleicht, oder das Leben, wie es bei Rot über die Ampel läuft.

In Wahrheit bekommt man nur Ohrenschmerzen von vorbeifahrenden Lastkraftwagen. Man wendet den Blick zum Himmel, der hat heute auch nichts zu sagen, also nimmt man noch einen Schluck Schokolade, schmeckt ihrer Süße nach, zwischen Zungenspitze und Gaumen, und plötzlich schnürt einem das Wort zartbitter den Hals zu. Man seufzt, ein wenig zärtlich, ein wenig hingebungsvoll, und dreht sich um. Der Blick fällt geradewegs auf die Blätter, die seit Wochen an der Wand warten.

Briefe. Die da hängen und hoffen, dass sie endlich jemand abschickt.

Der Plan war, den Herbst zu verschicken. Mit seiner ersten Kastanie, dem ersten bunten Ahornblatt. Mit dem Blick aus dem Fenster, wenn die Sonne untergeht. Mit einem Stück Kuchen, ein paar Buchstabennudeln. Und hundertachtzig Blatt Papier. Beschrieben in Schönschrift, in Busschrift, in Schlaglochschrift. In Zugschrift, in Fensterbankschrift. In Regenschrift, in Eilschrift, mit Füller und Bleistift, mit Kuli und Lieblingsstift.

Das war der Plan.

Und nun — sind sie immer noch da. Man lässt die Tasse stehen, soll sich die Nacht mit ihr unterhalten, und hängt die Blätter ab. Sortiert sie chronologisch, wiegt noch einmal jedes Blatt in den Händen, ein leiser Abschied von etwas, das ohnehin nie eine Chance hatte. Ein Stapel Papier, was mehr sollte das auch sein, wen kümmern die Worte, so lange der Glaube fehlt. Wie bittersüß kann ein Verlangen sein, dass man es Sehnsucht nennt und an Rauhfaser aufhängt.

Die Blätter legt man ins Eck.

Der Raum noch kälter als zuvor, man fröstelt, holt einen dicken Pullover aus der Kiste und legt sich ins Bett. Dann liegt man da und beschließt, da zu bleiben. Wohin sonst sollte man auch gehen? Man hat genug vom Verlassen, vom Verlassen-Werden. Wenigstens ein Bett möchte man haben, dem man treu sein kann, also verlässt man es nur noch, wenn es unbedingt sein muss.

Genauer: Wenn der Kaffee leer ist.

Den Postboten lässt man mit seinen Briefen, seinen Paketen von dannen ziehen, was weiß der schon vom Postkriegen. Die Jobsuche verschiebt man auf den nächsten Monat, die neue Wohnung kann einen mal. Man kocht noch einen Kaffee, und in einem drinnen wird es immer kälter, sieht man nur die Tasse an, gefriert ihr Inhalt binnen Sekunden in seiner Tasse zu einem Eisblock. Und der Kopf ist leer, da sind keine Geschichten, keine Bilder mehr. Alles, was da ist, ist dieser endlose Klotz von Müdigkeit, der sich neben einem im Bett ausgebreitet hat, das Abgekämpftsein, das Abgestumpftsein. Auf der Suche nach Wahrheit starrt man noch einmal in die Kaffeetasse. Und sieht – nichts. Noch nicht einmal der Kaffee hat auch nur einen Satz mehr übrig.

Also schreibt man einen Leserbrief an die Zeitung:

Jeder sollte mehrere unglückliche Lieben unterhalten. Denn dann erwartet einen überall etwas, egal wohin man geht- und sei es nur ein Scherbenhaufen. Denn wer nur eine einzige große unglückliche Liebe hat und sie zurücklassen muss, kann gehen, wohin er will – und wird nie richtig ankommen.

Jeder von Ihnen, liebe Leser, ist doch eigentlich immer auf der Suche. Nach einem Platz, wo er bleiben kann, nach einer Stadt mit einer Wohnung mit einem Zimmer mit einem Bett mit einem Kopfkissen. Und einem Menschen. Und am Ende merken Sie, Sie haben nie berücksichtigt: Was tun Sie, wenn Sie etwas finden? Und was machen Sie, wenn Sie einen Tag später erwachen und merken: Das hier ist ein Lottospiel: Sie wollen die Million. Doch die Million will Sie nicht.

Und was haben Sie ganz am Ende davon? Sommersprossen. Überall.

Man braucht noch einen guten Schluss. Das Ende ist immer der Anfang, aber doch wieder nur der Anfang vom Ende.

Und sagen Sie nun bitte nicht, Sie wüssten, wie das ist. Lassen Sie mich Ihnen sagen: Sie wissen es nicht. Sie können es nicht wissen. Denn dies ist meine persönliche Soap Opera.

Dieses Drama ist ganz allein meins.

In diesem Moment beschließt man, von nun an zu schweigen. Was bleibt einem auch anderes übrig, denn man hat mehr gefühlt, als man Wörter weiß. Einem bedürfte der Buchstaben, aber das Leben ist kein verdammter Konjunktiv, das Leben ist Präsens, und was kann man? Noch nicht einmal sein eigenes Drama formulieren. Denn der letzte Satz, den man hatte, der ging für die letzte Stadt drauf. Dort ging man in der letzten Nacht durch eine Gasse, stopfte sich ein Stück Kuchen in den Mund, als einen plötzlich ein Straßenschild anfiel. Da fragte man sich, warum ist noch nie jemand auf die Idee gekommen, vor Einbahnstraße ein W zu malen. Und man dachte, stünde hier ein Weinbahnstraßenschild, man würde es nicht fotografieren.

Während man die dritte Woche hintereinander so daliegt, tobt in einem ein Kulturkampf. Der eine Teil sagt, man habe sein Dasein an die Wand gefahren, am Arsch sei es, dahin! Der andere Teil tanzt fröhlich pfeifend Polka, raucht noch eine Zigarette und sagt: Am Arsch? … Am Abgrund, und wir gehen noch einen Schritt weiter!

Doch auch dieser Tag ist gnädig und wird zur Nacht. Die Zeit zum Schlafen ist lange vorbei. Man entkleidet sich. Streift mit dem Gürtel, der Jeans, dem Hemd, den Socken, dem BH, der Wimperntusche, der Frisur – den Tag ab. Man bürstet die Haare, die Zähne. Hält inne, für einen Blick in den Spiegel. Sieht dunkle Schatten unter den Augen. Einen müden Blick. Einen Tag, der klebt. Er klammert sich an jedes Haar, verstopft jede Pore, zerrt am Bauchnabel, zieht an den Lidern. Man seufzt, wendet sich ab, steht unter die Dusche. Und spült den Dreck, den Schmutz der Stadt, den Schweiß, den Abfluss hinunter. Die Haare lässt man nass. Den Rest auch.

Den Weg zurück ins Zimmer ziert eine Spur von Tropfen. Man legt sich ins Bett, atmet einmal tief, und es hängt immer noch. Tief in der Lunge kleben Gestern und Heute: Der Regen von heute. Der Schmutz. Der Staub. Die Abgase. Der Supermarktmief. Die Arbeit. Das Bus-Kondenswasser. Die Mitbewohnerpizza. Das Mondlicht. “One” von Johnny Cash. Das letzte Buch. Der ungeschriebene Text. Das letzte Lieben. Der letzte Kuss. Der letzte Blick. Die Tür, die ins Schloss fällt. Die Sorgen von morgen. Das zu-Erledigen von gestern.

Also dreht man die Musik lauter, holt den Aschenbecher von der Fensterbank, einen Stapel Blätter aus der Schublade, die Zigaretten aus der hundert-jahre-Tasche. Legt sich wieder ins Bett und zündet sich eine Zigarette an. Den Dreck der Welt wegrauchen.

Man nimmt den Stift, der bettelnd in der Ecke lauert, und beginnt zu schreiben. Erst zögernd, lauernd, und plötzlich platzt es aus einem heraus, ein Krachen, ein Fauchen, ein Fluchen. Man schimpft, wirft vor, du Arsch, du Idiot, wieso, wie konntest du, warum nur. Den Stift schmeißt man ins Eck, die Blätter hinterher, und endet in wüsten Beschimpfungen der eigenen Blödheit.

Man hatte es noch nie zuvor geübt, das Servieren der eigenen emotionalen Lage auf einem Silbertablett. Und dabei hätte man es wissen müssen. Das ist wie mit den Sektgläsern: Am Ende ist es immer zu viel. Und am Ende geht immer alles zu Bruch dabei. Hätte man aus fünf Jahren Gastronomie nicht lernen können? Hätte man nicht. Fühlen ist kein zweitklassiger Sektempfang auf einer drittklassigen Hochzeit. Und dann kippte man den gesammelten Gefühlscocktail einem Jemand vor die Füße, auf den Anzug, stammelte ‘tschuldigung, das tut mir so leid, und rannte weg. Und die eigene Coolness stand verschämt im Eck und weinte.

Ich hab lang auf dich gewartet, doch der Bus, der Bus mit dir kam nicht.

Man kann das so nicht stehenlassen. Also quält man sich unter der wärmenden Decke hervor. Sucht Stift und Blätter auf neun Quadratmetern zusammen. Und schreibt neu.

Es ist nicht so, dass du fehlst.

Es ist nur so, dass das Leben nicht mal eben weitergeht, egal wie sehr man es anschiebt. Jedes Mal, wenn man jetzt die Stufen zur neuen Wohnung hinaufgeht, läuft man an einer toten Fliege vorbei. Gestern sagte sie:

Es gibt kein Richtig und Falsch zwischen uns. Alles, was wir haben, ist das Hier und Jetzt. Alles, was es gibt, ist dieser Moment.

Da sagte man, was weißt du schon, Fliege, du bist tot. Sie lächelte: Wen interessiert das schon, und auf deinem Bett klebt immer noch ein Kaffeefleck.

Der Sommer ist vorbei, es regnet seit Tagen ohne Unterlass. Man sitzt im Regen auf der Fensterbank, und die Fliege hat Recht. Jedenfalls mit dem Lächeln. Von unten winkt ein Passsant hinauf, er ist auch egal. Denn überall bist du. Man zündet sich noch eine Zigarette an und raucht in die Nacht.

Das Feuerzeug von dir ist leer.

.

By Lena

Fast walker, avid reader, poetry fan, public speaker, violinist, pianist in the making, intersectional feminist. Works in tech, writes about anything here (and less frequently than in the past).